Der frühe Tod der Erfolgreichen - wissenschaft.de
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Der frühe Tod der Erfolgreichen

Nur australische Premierminister entgehen dem tragischen Schicksal der Frühberufenen.

Verglüht schnell, wessen Stern früh aufgeht? Diese alte romantische Idee hallt sogar in der Rockmusik wieder: „Only the good die young“, singt Billy Joel. Bei zu Drogenexzessen neigenden Musik-legenden wundert das nicht – doch offenbar steckt mehr Wahrheit im Wort vom frühen Tod der Tapferen. Schon Anfang des letzten Jahrhunderts trug der schillernde Russland-Exilant und Harvard-Soziologe Pitirim Sorokin eine skurrile Statistik zusammen. Er hielt fest, wie lange die gekrönten Häupter von sieben Erbmonarchien gelebt hatten. Dabei machte er eine interessante Entdeckung: Je früher ein König den Thron bestiegen hatte, desto kürzer lebte er – so immerhin die Schicksalsbilanz der Herrscher vom Römischen Reich über die englischen Monarchen bis zu den türkischen Sultanen und den russischen Zaren. Jetzt kommt wissenschaftlicher Ernst in die Debatte: Der Psychologieprofessor Stewart McCann vom University College of Cape Breton im kanadischen Sydney hat die Lebensspannen untersucht, die 1026 eminenten Persönlichkeiten vergönnt waren. Er begann mit weltlichen und geistlichen Mächtigen. Berücksichtigt wurden: 43 britische Monarchen seit Alfred dem Großen Anno domini 871 – die Cromwells blieben als Militärdiktatoren außen vor, ebenso Gestalten wie Richard III., die eines gewaltsamen Todes starben. 45 britische Premierminister von Walpole (1721) bis Wilson (1964). 32 US-Präsidenten, wobei etliche Attentatsopfer ausgeschlossen werden mussten. 27 US-Vizepräsidenten, die es nie nach ganz oben schafften. 71 Päpste seit 1294, Gegenpäpste blieben unberücksichtigt. 76 oberste amerikanische Richter. Außerdem: 19 französische Präsidenten, 14 kanadische, 28 neuseeländische und 19 australische Premierminister, sowie 17 Premiers der Provinz Nova Scotia, in der McCann lehrt. In fast allen Stichproben lebten die früh an die Macht Gekommenen statistisch eindeutig kürzer als die Spätberufenen. Der Unterschied betrug zwischen 7 und 18 Jahren. Die einzige Ausnahme bilden die australischen Premierminister, wofür McCann keine Erklärung hat. Doch nicht nur Herrscher bezahlen teuer für frühen Ruhm. Auch wer vergleichsweise früh den Nobelpreis erhielt, „erfreute“ sich meist eines kürzeren Lebens als in hohem Alter Geehrte, so das Ergebnis der nächsten Studie. Ähnlich büßten jugendliche Unterzeichner der US-Unabhängigkeitserklärung und prominente amerikanische Psychologen, die besonders flott den Doktorhut erworben hatten. Selbst in Hollywood ist jugendliches Heldentum gefährlich. Wer in der Blüte seiner Jahre einen Oscar für seine Schauspielkünste entgegennehmen durfte, stand später nicht so lange für Charakterrollen zur Verfügung. Solche Statistiken haben ihre Tücken. Um deren Klippen zu umschiffen, griff McCann zu einem Trick: Er berücksichtigte in einer zweiten Auswertung nur die Personen, die in einem Alter Ruhmreiches geschaffen hatten, in dem noch kein anderer aus ihrer Gruppe gestorben war. Am Ergebnis änderte sich nichts: In nahezu allen 22 Stichproben lebten die früh Vollendeten kürzer – bis auf die australischen Premierminister. Warum jung Erfolgreiche früher sterben, lässt sich aus McCanns Untersuchung nicht herauslesen. Der Psychologe hat jedoch einen Verdacht: Stress. Denn das Leben als Berühmtheit ist anstrengend. „Außerdem besitzen womöglich die, die sich hartnäckig um schnelle Erfolge bemühen, eine Persönlichkeit und einen Lebensstil“, vermutet McCann, „die gesundheitsschädliche Verhaltensweise begünstigen und so letztlich zu einem verfrühten Tod führen können.“

Jochen Paulus

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