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Der Großkönig zieht aus

Die Archäologen haben erst einen verschwindenden Teil des hethitischen Erbes gefunden. Wichtige Städte sind noch gar nicht lokalisiert.

Lawrence of Arabia was here: Das Kaff Karkemis lag an der strategisch wichtigen Bagdad-Bahn – im unruhigen Vorderen Orient der Vorkriegszeit wollte der britische Geheimdienst Secret Service die Kontrolle über die Region behalten und ließ graben – eine perfekte Tarnung. Im Vorwort des Grabungsberichts wird ausdrücklich den „ungenannten Spendern“ gedankt. So kam 1912/14 die erste archäologische Erkundung von Karkemis zu Stande. Es blieb die einzige. Heute versperren ein Minengürtel und die anhaltenden Animositäten zwischen der Türkei und Syrien die weitere wissenschaftliche Bestandsaufnahme von Karkemis, das zu den spannendsten antiken Stätten des Vorderen Orients zählt. Hier siedelten schon vor knapp 4000 Jahren die Händler aus Assyrien, um ihre Ware (Zinn und Textilien) an den anatolischen Mann zu bringen. Der tauschte dagegen das im Süden begehrte, weil rare Silber und Kupfer. In dem heute direkt auf der Grenze liegenden Siedlungshügel und seiner Akropolis schlummern die Zeugnisse von 1000 Jahren hethitischer Geschichte. In den Archiven von Karkemis – Vize-Königreich und Nachfolgestaat des Großreiches von Hattusa – erwarten die Archäologen noch unbekannte Staatskorrespondenz und Nachrichten besonders aus der Endzeit der Supermacht. Sie werden sich gedulden müssen. Hoffentlich nicht so lange wie die Gelehrten, die sich mit der Entzifferung der hethitischen Inschriften plagten. 100 Jahre nach der Entdeckung der ersten Inschriften kamen Wissenschaftler auf die Idee, sie den nur aus der Bibel bekannten Hethitern zuzuordnen. Aber man konnte die Hieroglyphen nicht lesen, weil man die Sprache nicht kannte, die dahinter stand. Erst 1946/47 fanden Archäologen in Karatepe (bild der wissenschaft 4/1997, „Zuflucht am Schwarzen Berg“) eine „ Bilingue“ – eine hethitische Inschrift, unter der die phönizische Übersetzung stand. Endlich konnte man die hethitischen Notizen lesen, 20000 Keilschriften allein aus der Hauptstadt Hattusa. Das war die wahre Entdeckung der Hethiter, die in den letzten 30 Jahren stetig neue Erkenntnisse zeitigt. Schneller ans Ziel kam Prof. Andreas Müller-Karpe. Der Archäologe der Universität Marburg gräbt in Zentralanatolien bei Kusakli (siehe Karte S. 79) einen Siedlungshügel aus, den er als die wichtige hethitische Wallfahrtsstätte Sarissa identifiziert hat (bild der wissenschaft, 6/2000 „Sarissa – die Heimat des Wettergottes“). In der diesjährigen Grabungskampagne hat er ein weiteres – kleines – Archiv gefunden. Zwei der zerbrochenen, aber restaurierbaren zehn Tafeln beglücken den Finder mit bis zu 70 Zeilen Keilschrifttext, die aus dem 14. Jahrhundert v.Chr. stammen. Sarissa war ein zentraler Kultort des mächtigen Wettergottes, sein Tempel hier war größer als der in der Hauptstadt. Mit seinem zweiten Vorhaben kam Müller-Karpe nicht voran. In der Nähe von Sarissa hat er den Siedlungshügel (Tepe) einer großen hethitischen Stadt ausfindig gemacht. Die Archäologen könnten dort vermutlich einen der zahllosen weißen Flecken in der hethitischen Landkarte mit Farbe füllen. Graben aber darf der Marburger nicht, die amtlichen Genehmigungen stehen aus. Auch hier müssen die Hethitologen auf die seltene Chance warten, eine völlig neue Nachrichtenquelle zu Administration und Herrschaft des Hethiterreiches anzuzapfen. Besser dran ist Dr. Jürgen Seeher, der in der Hauptstadt Hattusa den Geheimnissen der Großmacht nachspürt. Gibt es da überhaupt noch etwas zu finden? In der Metropole des Hethiterreiches wird immerhin seit 1906 gegraben. Doch dem Archäologen des Deutschen Archäologischen Instituts mit Dienstsitz in Istanbul sind in den letzten Jahren zwei spektakuläre Funde geglückt. Zum einen hat er großvolumige Wasserreservoire gefunden, die den Bad- und Toiletten-Luxus der frühgeschichtlichen Stadt speisten. Zum anderen hat er das Schatzhaus der Großkönige freigelegt: riesige unterirdische Getreidespeicher. Den Beweis lieferten jetzt mehrere Tonnen verkohltes Getreide. Das hört sich banal an, doch ohne Nahrungsüberschuss und vor allem ohne die Kontrolle darüber lief in der Frühgeschichte gar nichts. Seeher hat errechnet, dass aus den luftlosen Erdmagazinen 30000 Menschen ein Jahr lang ernährt werden konnten. Auch zum Ende der Stadt hat der Archäologe neue Indizien zusammengetragen. Nach seiner Interpretation wurde die hethitische Metropole keineswegs in einem Zug von unbekannten Eindringlingen erobert und niedergebrannt. Die fanden mit großer Wahrscheinlichkeit gar nichts mehr vor, was man als Beute hätte wegschleppen können. Denn, so Seeher, „alle Befunde sprechen eher dafür, dass die Stadt von ihren Bewohnern nach und nach aufgegeben worden ist“. Die niedergebrannten Gebäude waren größtenteils schon ausgeräumt, von den 27 Tempeln der Hauptstadt sind nur 11 tatsächlich durch Feuer zerstört worden. An profane Bauten, etwa Wohnhäuser, wurde überhaupt keine Lunte gelegt. Seeher: „Hattusa hat seinen Status als Haupt- und Residenzstadt schon vor dem Ende des Reiches verloren.“ Der Großkönig und die staatstragenden Elemente – Beamte, Militär und Kle-rus – waren geordnet fortgegangen. Das führte zum Auszug der Städter – Händler, Handwerker, Zulieferer für Palast und Tempel. Die Infrastruktur brach zusammen, in den nun offenen Häusern und Residenzen hausten allenfalls noch Unbehauste. Über das Warum des Exodus können die Altertumskundler bislang nur spekulieren. Vermutlich trafen mehrere Faktoren zusammen: In der Spätphase des Großreiches kam es wieder einmal zu Thronstreitigkeiten in der königlichen Sippe, gegen anhaltende Hungersnöte musste mehrfach Getreide aus Ägypten importiert werden. Verluste von Handelswegen und wieder aufflammende Kaskäer-Angriffe aus dem Norden schwächten das gesamte Herrschaftssystem zusätzlich. Wohin aber zog der Staatstross? Es waren ja nicht Grüppchen, die sich da auf den Weg ins Wohin-auch-immer machten, sondern Heerscharen – nicht auf der Flucht, sondern in einem geordneten Umzug. Wohin also? Diese Frage würden die Archäologen brennend gern beantworten. Aber sie haben bislang keine Chance dazu. Es gibt bis heute nicht eine einzige Nachricht, wo der Großkönig sein Staatsrentnerdasein verbrachte: Die Archive von Karkemis könnten Auskunft geben. Doch sie sind noch nicht ausgegraben und derzeit nicht erreichbar. Die Akten der Staatskanzlei von Tarhuntassa, der Metropole des zweiten Vize-Königreichs, könnten Licht ins Endzeitdunkel bringen. Aber man hat diese Stadt bislang überhaupt noch nicht wiedergefunden. Auch in Abasa, der Hauptstadt des Nachfolgereiches Mira an der kleinasiatischen Westküste, könnten Meldungen liegen. Der Tübinger Prof. Frank Starke setzt Abasa mit Ephesus gleich, das wollen aber nicht alle Forscher unterschreiben. Vielleicht muss man ja an ganz anderer Stelle suchen. Mehr Fragen jedenfalls als Gewissheiten.

Michael Zick

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