Der Info-Highway der alten Chinesen - wissenschaft.de
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Der Info-Highway der alten Chinesen

Die Seidenstraße ist älter als angenommen. Der Austausch von Waren und Ideen zwischen dem Mittelmeerraum und Fernost funktionierte schon vor über 3500 Jahren. Das Ende der Sowjetunion eröffnet den Archäologen neue Forschungsareale.

Ramses erbleicht, wenn Buddha lächelt: Mit 71 Metern übertrumpft der altchinesische Sandsteinkoloß in Leshan die Pharaostatue von Abu Simbel um mehr als das Dreifache. Auch der bescheidenere Buddha von Dafosi reicht dem vergöttlichten Ägyptenherrscher mit 17 Metern noch das Wasser. Zu Zigtausenden und in allen Größen haben die alten Chinesen den indischen Religionsstifter aus dem Fels gehauen, in Stein skulptiert, als Votivfigürchen modelliert oder farbenprächtig gemalt.

Buddha-Jünger prägten Kultur und Denken, meißelten Grottenklöster ungeahnten Ausmaßes in die Bergwände, legten umfangreiche Sanskrit-Bibliotheken an und dienten ihren kaiserlichen Gönnern als Diplomaten, Übersetzer und Spione. Nicht zuletzt war der Buddhismus in seiner Blütezeit unter der Tang-Dynastie (618 bis 907 n. Chr.) ein Wirtschaftsfaktor ersten Ranges.

Die Geschichte des Buddhismus ist zu einem Gutteil auch die Geschichte Chinas. Er bestimmt noch heute chinesisches Leben. Erobert hat er das Riesenland nicht mit Schwert und Feuer in Kreuzzügen oder Heiligen Kriegen, sondern auf Missionars- und Pilgersohlen und mit den Händlerkarawanen über die älteste Fernverbindung zwischen den Welten – die Seidenstraßen.

Zunächst kannte man nur eine Route, die ihren irreführenden, aber nicht mehr auszurottenden Namen im letzten Jahrhundert bekam. Inzwischen ist klar, daß es mehrere dieser Ideen- und Handelswege zwischen dem Reich der Mitte und Fernwest gab. Und: Sie sind um etliches älter. Schon der griechische Geschichts- und Geschichtenerzähler Herodot beschrieb um 430 v. Chr. eine Handelsroute vom östlichen Mittelmeer über den Ural durch Sibirien ans Chinesische Meer.

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Die gab es, so belegen archäologische Funde, zu Herodots Zeiten schon ein Jahrtausend lang: In Gräbern am Ural fanden Kulturforscher Jaderinge, Bronzeäxte und Messer, die eindeutig aus dem China der Shang-Dynastie (1600 bis 1027 v. Chr.) stammen. Im Gegenzug, so der Nestor der Seidenstraßenforscher, Prof. Hans-Wilhelm Haussig, wurde der pferdbespannte Wagen, die umwälzende westliche Innovation, nach Osten transferriert: Bis ins Detail des Pferdegeschirrs gleichen die chinesischen Streitwagen-Abbildungen den griechisch-orientalischen Vorbildern.

Die Griechen selbst allerdings kamen nie bis China, der internationale Handel war segmentiert. Die Skythen waren auf dieser „Nordroute“ wichtige Zwischenhändler, in ihren Gräbern im Permafrost des Altai finden sich Gaben aus China und Griechenland – so spannend können Gräber erzählen. Die noch immer rätselvollen Skythen, frühgeschichtliche Globetrotter zwischen Ost und West, waren nicht nur innerasiatische Nomaden und Handelsherren, sondern dienten den Ägyptern, Assyrern und Alexander als Söldner und Übersetzer, den Griechen in Athen gar als Polizisten. In skythischen Kurganen (Grabhügeln) finden sich sowohl Überbleibsel chinesischer Seide als auch ein Wandteppich mit Motiven aus dem kleinasiatischen Ephesos; in Ephesos förderten die Archäologen skytische Kleinplastiken aus Mammutstoßzähnen zutage. Bei ihren Wanderungen durch die damaligen Welten verbreiteten die Skythen Bestattungsriten und religiöse Kulte, Ideen, Gebräuche und, natürlich, Waffentechnologie.

Die frühen Kontakte zwischen Ost und West kumulierten in der Tang-Zeit, „Chinas Goldenem Zeitalter“. Die offenbar toleranten und neugierigen Tang-Kaiser (bild der wissenschaft 3/1998, „Chinas Glanz und Gloria“) öffneten ihr Reich in einem bis dahin unbekannten Maß für Neues aus dem Westen. „Ich denke aber“, sagt Dr. Alexander Koch dazu, „daß der wirtschaftliche Aspekt bei diesen Kontakten für die Chinesen zweitrangig war.“ Der China-Experte des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz (RGZM) – und wissenschaftlicher Leiter unserer Leserreise nach China (siehe Seite 54) – untersucht in China die 18 Grabanlagen der Tang-Kaiser bei Xi´an und spürt dem kulturellen Austausch über die Seidenstraßen nach. Koch: „China war damals reich im Inneren, es bedurfte keiner Importe. Antrieb war mehr das Interesse am Exotischen und am Luxus. Und das entsprach auch der chinesischen Selbstsicht als ,Reich der Mitte`: Alle kommen zu uns, alle bringen uns etwas.“

Die Fremden brachten reichlich, die Beziehungen spielten sich allerdings vornehmlich auf der gehobenen und höchsten gesellschaftlichen Ebene ab: für den Kaiser ein Vogel-Strauß, Bernstein und Pferde, für den Adel Moschus-Duft, Weihrauch und Arznei.

Für das Volk blieb die Erlösungslehre des Buddhismus. Der faßte im 2. Jahrhundert n. Chr. erstmals Fuß in China, im 5. und 6. Jahrhundert wurde er mächtig und neben dem Konfuzianismus nahezu zur zweiten Staatsreligion. Auf seinem Weg von Indien – über das durch Alexander griechisch angehauchte Nordpakistan (Ghandara) – nach China wandelte sich die Heilslehre und paßte sich chinesischen Bedürfnissen an. Die ersten Darstellungen von Buddha und den Bodhisattvas, seinen heiligen Begleitern, haben noch gräco-indisch geprägte Gesichtszüge, erst später werden sie chinesisch assimiliert.

Neben dem 71-Meter-Giganten von Leshan gehört der Buddha von Dafosi zu den prächtigsten Zeugnissen religiöser Tatkraft. Die 17-Meter-Statue in Binxian westlich der Provinz-Metropole Xi´an wurde kaiserlich gestiftet und 628 n. Chr. zusammen mit einer gewaltigen Tempelanlage eingeweiht. Die in den Berg gehauene Kultstätte umfaßt insgesamt 107 Höhlen mit rund 1500 Figuren.

Das Heiligtum war über Jahrhunderte in Betrieb, wurde ständig an- und umgebaut und immer wieder restauriert. Doch Witterung und Wasser aus dem Fels drohten in den letzten Jahren, das als erstklassig eingestufte Kulturerbe zu zerstören. Mit trickreichen, völlig neuen Maßnahmen und Methoden – etwa einem Sandstein-Anker zur Befestigung des kippgefährdeten Kopfes – konnten die rührigen Experten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege den farbenprächtigen Heilsbringer jetzt stabilisieren und retten. Mit wissenschaftlichen Hilfestellungen verdienten sich die Münchner auch das Vertrauen ihrer chinesischen Partner bei der Restaurierung der Terrakotta-Armee des Ersten Kaisers von China: Sie fanden ein Mittel, um die Figuren-Farben zu erhalten, die bei Berührung mit Sauerstoff verschwinden – ein Grund dafür, daß bislang nur ein Bruchteil der Untergrund-Armee freigelegt wurde.

Die bayerischen Experten haben ihre Zusammenarbeit mit den Chinesen ähnlich langfristig angelegt wie die Wissenschaftler des „Forschungsinstituts für Vor- und Frühgeschichte“ vom Mainzer Museum (RGZM). Alexander Koch und Kollegen sorgen bei ihren Projekten rund um die Tang-Nekropolen nicht nur für die Restaurierung von Funden und die Ausbildung chinesischer Fachkräfte, sondern erstellen auch ein Computer-gestütztes Bildarchiv.

Derlei Detail-Arbeiten liefern die Grundlagen für eine Zusammenschau einzelner Funde und Orte zu einem schillernden Historiengemälde: vom Ersten Kaiser, der die Große Mauer begann, über die Gräber der Tang-Herrscher, die das Reich öffneten, zur Bud-dha-Statue von Dafosi weiter zu den Tempeln und Grotten in Lanzhou und Dunhuang, wo China einst endete, weiter zur Turfan-Oase bis nach Urumqi, wo die Seidenstraße in den innerasiatischen Wüsteneien verschwand.

Die Oasen und Tempel dienten der geistigen wie körperlichen Erbauung, waren aber stets auch Handelsort und Militärposten. Dunhuang etwa war das Westtor des chinesischen Limes, die Garnison kontrollierte zugleich die Warenausfuhr, die Posten fungierten als Zensoren. Denn manches ging den „Sicherheitskräften“ einfach zu weit: Ein Reisender etwa hatte sich im 3. Jahrhundert n. Chr. allzu genau umgesehen im Reich der Mitte und seine Eindrücke auch noch zu Papier gebracht. Bestimmt waren die Aufzeichnungen für den Fürsten von Samarkand. Das Schreiben wurde in Dunhuang konfiziert und blieb so bis heute erhalten.

Porzellan, Seide, Papier und Pulver aber reisten auf diesem Weg in den weiten Westen. Streitwagen, Wolle, Glas und Wein kamen ins Reich der Mitte. Über Jahrhunderte kreuzten sich so auf verschiedenen Wegen Waren und Ideen. Die Blütezeit des Austauschs war die Tang-Herrschaft – mit skurrilen Aperìus: Die offiziösen „Annalen“ berichten von Nashörnern und Straußen am kaiserlichen Hof in Xi´an, von Tieren also, die nie in China heimisch waren. Kulturforscher Koch präsentiert gern einen wohlgestalteten Strauß auf einem tangzeitlichen Steinrelief – drei Steinmetz-Generationen später ist der schlanke und hochbeinige Vogel zu einer schmerbäuchigen Peking-Ente mutiert. „Dieser Bildhauer hat nie einen Strauß in natura gesehen“, lästert Koch.

Was war geschehen? 907 n. Chr. wurde der letzte Tang-Kaiser abgesetzt, das Reich zerbröselte, die Weltläufigkeit ging verloren, die Prosperität war dahin – China schottete sich wieder ab, Strauße kamen nicht mehr über die Grenze.

Michael Zick

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Tan|ne  〈f. 19; Bot.〉 Angehörige einer immergrünen Gattung der Kieferngewächse: Abies; Sy Tannenbaum ( ... mehr

Wa|ran  〈m. 1; Zool.〉 Angehöriger einer Familie von Echsen, großes Raubtier mit langer Schnauze, starken Krallen u. kräftigem Schwanz: Varanidae [<arab. uaran ... mehr

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