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Der Klimawandel trägt keinen Schnauzbart

Wen wundert es, dass wir mit aller Macht reagieren, wenn Terroristen angreifen, aber seelenruhig schlafen, wenn es auf der Erde wärmer wird. Ein Kommentar von Ilona Jerger

Die Chancen, dass Teile von Manhattan sich in ein Aquarium verwandeln, weil schmelzende Eisschollen die Ozeane anschwellen lassen, seien weit größer, als dass ein böser Saudi sich mit einer Bombe im Schuh an ein Flugzeug heranpirscht. Und dennoch würden Milliarden Dollar zur Bekämpfung des Terrorismus ausgegeben und kaum etwas, um der Erderwärmung entgegenzuwirken. So Daniel Gilbert, Professor für Psychologie an der Havarduniversität.

Nun wollte er wissen, warum das so ist, und gab vier wundervoll heitere, todernste Antworten in der „Los Angeles Times“. Erstens: Wir fürchten uns nicht, weil der Klimawandel keinen Schnauzbart trägt. Ja, richtig gelesen. Denn als soziale Säugetiere haben wir unser Hirn auf das Verhalten anderer Säuger eingeschossen. Wir beobachten alles, was die anderen tun oder planen, weil das für unser Überleben entscheidend ist. Daher fürchten wir uns vor einem Anthrax-Anschlag (null Tote pro Jahr) mehr als vor der Grippe (bis zu einer halben Million Tote pro Jahr). Wäre die Erderwärmung also durch einen brutalen Diktator (Schnauzer!) verursacht, dann stünde sie ganz oben auf unserer Agenda.

„Klimawandel durch schwulen Sex“

Zweitens: Der Klimawandel verletzt nicht unser moralisches Empfinden. Um unser Blut in Wallung und uns zum Handeln zu bringen, müssen wir beleidigt werden oder angewidert sein. Jede menschliche Gesellschaft hat moralische Regeln, zum Beispiel was Essen oder Sex betrifft. „Deshalb sind wir empört über jeglichen Bruch von Protokollen und Verträgen, nur nicht über den von Kyoto.“ Würde der Klimawandel durch schwulen Sex ausgelöst, versammelten sich Millionen protestierender Menschen auf den Straßen.

Drittens: Die Erderwärmung bedroht zwar unsere Zukunft, nicht aber unsere nächsten Nachmittage. Wir haben gelernt, uns in Millisekunden vor einem Baseballschläger zu ducken, weil unser Hirn sich in einigen hundert Millionen Jahren zu einer Art „Ausweichmaschine“ entwickelt hat – aber erst seit einigen Millionen Jahren dazu, die Gefahr vorherzusehen. Um Gefahren der Zukunft wirklich so zu behandeln wie die der Gegenwart, müssen wir noch ein paar Millionen Jahre weiterüben.

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Für langsam ist unser Hirn zu langsam

Würde, so Gilbert, der Klimawandel uns ab und zu ein Auge ausschlagen, hätten wir längst reagiert. Viertens: Die Erderwärmung geht viel zu langsam vonstatten. Unser Hirn reagiert auf abrupte Veränderungen schnell und präzise, auf allmähliche, graduelle kaum bis gar nicht. Beleg: Die Verkehrsdichte in Los Angeles hat sich über Jahrzehnte dramatisch erhöht. Wäre das von einem Tag auf den anderen passiert, wären Politiker ermordet, der Notstand ausgerufen und die Stadt gesperrt worden.

Fazit: Wir sind die Nachfahren von Jägern und Sammlern, deren Leben kurz und deren größte Bedrohung ein Mensch mit Keule war. Wen wundert es also, dass wir mit aller Macht reagieren, wenn Terroristen angreifen? Und seelenruhig schlafen, wenn es auf der Erde wärmer wird?

Hätte doch Daniel Gilbert in Nairobi die Eröffnungsrede gehalten! Hätte er doch die Vertreter der 189 Staaten, die auf der dortigen Klimakonferenz wenig zustande gebracht haben, zunächst über die evolutionären Fallstricke in ihren Hirnen aufgeklärt! Vielleicht hätte sie dann der Ehrgeiz gepackt, den jahrmillionenalten Instinkten menschlichen Willen und moderne Intelligenz entgegenzusetzen.

 

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Ilona Jerger
Chefredakteurin

© natur.de – Ilona Jerger
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