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Allgemein

Der langsame Puls

Kinder und Jugendliche mit einem niedrigen Pulsschlag kommen, behauptet ein US-Psychologe, im Laufe ihres Lebens häufiger auf die schiefe Bahn.

Es ist das verräterische Herz, das in Edgar Allan Poes gleichnamiger Kurzgeschichte einen Mörder zum Geständnis seiner Tat bewegt. Nun besagen auch Forschungsergebnisse, dass der Pulsschlag frühe Hinweise auf kriminelles und aggressives Verhalten liefern kann: Menschen, die durch antisoziale Tendenzen auffallen, hatten demnach oft schon im Kindesalter einen ungewöhnlich niedrigen Puls.

Schon lange suchen Wissenschaftler nach Warnzeichen, ob ein Mensch die Anlage zum Gewalttäter oder Gesetzesbrecher besitzt. Meist wird dabei auf sichtbare Merkmale wie kindliche Verhaltensstörungen geschaut. Nun glaubt der kalifornische Psychologie-Professor Adrian Raine, einen neuen Weg zur Früherkennung gefunden zu haben. Nach seinen Untersuchungen soll ein niedriger Puls im Ruhezustand die Gefahr einer antisozialen Entwicklung vorhersagen.

Bei einer vergleichenden Gesamtschau von 29 einschlägigen Studien konnte Raine keine Ausnahme von dieser Tendenz ausmachen. Der Zusammenhang blieb erhalten, wenn man alle erdenklichen „ Störfaktoren“ wie Körpergröße, Drogenmissbrauch oder das Aufwachsen in einem ungünstigen Milieu in Rechnung stellte. Der langsame Puls hatte als Indiz sogar mehr Gewicht als das Aufwachsen bei einem kriminellen Elternteil. Viele Kinder, deren Herz mit drei Jahren geruhsam schlug, fielen mit elf durch antisoziale Neigungen auf – der niedrige Herzschlag wäre demnach Ursache und nicht Folge des antisozialen Lebensstils.

Jungen und Männer sind häufiger betroffen als Mädchen und Frauen. Die gewalttätige Anlage ist offenbar teilweise erblich, wie die hohe Übereinstimmung der Indizien bei eineiigen Zwillingen besagt. Der Zusammenhang zwischen langsamem Herzschlag und Aggressivität sei aussagekräftig, meint Raine, weil es Parallelen im Tierreich gibt: Aggressive Säugetiere haben einen niedrigeren Puls als ihre sanften Artgenossen.

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Es gibt zwei sich überschneidende Theorien, die den Einfluss des Herzschlags auf das soziale Verhalten des Menschen erklären könnten:

Der langsame Puls kann ein Indiz dafür sein, dass bei den Betreffenden die Großhirnrinde nur vermindert erregt wird. Weil die Unterstimulierung als unangenehm empfunden wird, löst sie das Bedürfnis nach aufputschenden Reizen aus. Gewalt und Kriminalität wären demnach für die Täter ein Anregungsmittel, das die Hirnrinde auf Touren bringt.

Möglicherweise spiegelt sich in der Verlangsamung des kindlichen Herzschlags aber auch eine abnorme Furchtlosigkeit wider. Im Normalfall sorgt die Angst vor Strafe dafür, dass der Mensch sich den Sanktionen der Gesellschaft beugt und die innere Stimme seines Gewissens entwickelt. An den im doppelten Sinne „ kaltblütigen“ Menschen verstummt der Lehrmeister Angst – die Appelle der Gesellschaft rauschen vorbei. Extreme Furchtlosigkeit ist allerdings ein ambivalentes Merkmal, denn tollkühne Menschen können auch segensreich wirken: Ein niedriger Puls war auch bei den Minen- und Bombenentschärfern im Falklandkrieg nachzuweisen.

Die Hoffnung auf ein universelles biologisches Kainsmal, das zuverlässig Verbrecher von gesetzestreuen Bürgern trennt, wird allerdings auch diese Diagnosemethode nicht erbringen, konzediert Raine.

Noch ein anderes Indiz versagt: Teile des vorderen Stirnlappens, so hatte der Psychologe mit bildgebenden Verfahren aufgezeigt, sind bei verurteilten Mördern im Durchschnitt kleiner angelegt. Als er sein eigenes Gehirn untersuchen ließ, wies es ausgerechnet in diesem Bereich die Dimensionen eines Killerhirns auf. „Ich bin nie wegen Mordes verurteilt worden“, insistiert Raine und rudert zurück: Biologische Indikatoren könnten wichtige Anhaltspunkte liefern, aber „einzelne Maße – egal ob biologische oder soziale – werden für sich alleine nie kriminelles Verhalten vorhersagen“.

Rolf Degen

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