„Der Leopard, der seine Flecken verliert" von Brian Goodwin - wissenschaft.de
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„Der Leopard, der seine Flecken verliert“ von Brian Goodwin

Brian Goodwin entwirft in seinem Buch ein alternatives Konzept zur modernen Synthese von Darwinismus und Genetik. Ins Zentrum stellt der Verfechter der „ Komplexitätswissenschaft“ den individuellen Organismus.

Jedes Lebewesen, und damit auch der Mensch, ist weit mehr als die Summe seiner Gene. Der Biologe Brian Goodwin ist davon überzeugt, daß man noch lange nicht den ganzen Organismus versteht, wenn man die in den Genen gespeicherten Informationen kennt.

Diese Sicht ist allerdings nicht neu. Schon weil die Reduktion des Lebens auf biochemische Prozesse menschlicher Eitelkeit widerspricht, wurde sie häufig angezweifelt.

Laut Goodwin ist die Evolution zudem mehr als nur ständiger Überlebenskampf und Auslese der bestangepaßten Organismen. Denn die Vielfalt der Lebensformen, die es im Laufe der Evolution gegeben hat, sei auch eine Folge des Ordnungsprozesses, der komplexen Systemen innewohnt.

Die Evolutionstheorie stieß zwar seit ihrer Formulierung durch Charles Darwin immer wieder auf den erbitterten Widerstand insbesondere von Theologen und Philosophen. Doch im Zeitalter der Molekularbiologie und der Gentechnik erscheinen deren Argumente irrational und hoffnungslos rückständig. Schließlich nehmen momentan Tausende von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt am Human Genome Project teil, um in wenigen Jahren den „Bauplan“ des Menschen zu entschlüsseln.

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Ist Brian Goodwin nur ein weiterer Verfechter eines längst tot geglaubten Weltbildes? Nein – denn er begründet seine Thesen zutiefst naturwissenschaftlich: In Zellen und Organismen gibt es viele Tausende von chemischen Molekülen, die verschieden miteinander wechselwirken. Während die meisten Forscher die sinnvolle Ordnung des „komplexen Systems Lebewesen“ auf eine zentrale Steuerung zurückführen – eben durch die Gene -, beweist Brian Goodwin, daß sich komplexe Systeme auch aus sich selbst heraus organisieren können. „Ordnung entsteht aus Chaos“, schreibt er.

Er nennt Beispiele solcher Selbstorganisation: eine chemische Reaktion, die veränderliche Muster hervorruft, die soziale Struktur eines Ameisenstaates oder die Gestaltbildung einer einzelligen Alge. Diese Prozesse hin zur Ordnung können am Computer nachgeahmt werden, wenn nur einige wenige Prinzipien der Wechselwirkung eingegeben werden – eine zentrale Steuerung ist nicht notwendig.

Es ist allemal spannend, sich mit diesen Phänomenen und Goodwins weitreichenden Folgerungen zu beschäftigen – wie realistisch sie auch sein mögen. Schade ist, daß Kettensätze, Fremdwörter und allzu wörtliche Übersetzungen manche Passagen des Buches zu schwerer Kost machen.

Brian Goodwin DER LEOPARD, DER SEINE FLECKEN VERLIERT Piper München 1997 376 S., DM 46,-

Frank Frick

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