Der Mythos von der Frauenmacht - wissenschaft.de
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Der Mythos von der Frauenmacht

Die bisherigen Kronzeuginnen der Emanzipation für ein Matriarchat in der Frühezeit des Menschen machen einen unsicheren Eindruck. Was bleibt, sind vielseitig interpretierbare Indizien.

Es war einmal eine Traumzeit, da hatten die Frauen universal das Sagen. Göttinnen vertraten die Fruchtbarkeit, und auch auf Erden waren die Mütter ganz groß. Das heute „schwache Geschlecht“ ist sich der einstigen Stärke sicher und zieht zum Beweis der besseren Vergangenheit Intuition und Mythologie, Ethnologie und Archäologie heran.

Nun aber hat die innere Stimme wissenschaftlich keine Aussagekraft, und uralte Geschichten sind nicht gleich Vorgeschichte. Eher können die Völkerkundler zitiert werden, die von real existierenden Amazonen berichten. In Winkeln Asiens und Mittelamerikas sitzen sie noch fest im Sattel, die Herrinnen der Schöpfung. Doch vom Häuflein heute auf eine weibliche Weltmacht einstens zu schließen – da vergaloppieren sich die Vorreiterinnen der Frauenforschung.

Bleibt also die Archäologie als letzte Instanz für die Frage der Wunschdenkerinnen: Matriarchat oder …? Genügend Beweisstücke haben die Ausgräber ans Licht gebracht – so sehen es jedenfalls die Verfechterinnen der Urfrauenpower. Als erste Zeugin rufen sie die „Venus von Willendorf“ an, die kein Gesicht, aber viel Körper zeigt. Keine elf Zentimeter groß, steht sie auf stumpigen Beinchen für die These, daß die graue Vorzeit das goldene Zeitalter der Frauen war.

Nun aber macht eine Matrone noch kein Matriarchat, und so werfen dessen Verteidigerinnen noch 200 weitere Figürchen in die Waagschale. Alle entstanden zwischen 30000 und 20000 v. Chr., gefunden wurden sie in Südfrankreich, Mitteleuropa, Rußland und Sibirien. Die Hälfte dieser Statuetten hat aber weder Brüste noch hinweisende Hüften – und zwei sind sogar erkennbar Männer. Verteilt auf 10000 Jahre und das riesige Gebiet sind 98 Dickbäuchige ein mageres Ergebnis, das allenfalls das herrschende Schönheitsideal, aber nicht das herrschende Geschlecht offenbart.

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Flucht nach vorn in die Jungsteinzeit, als Frauen den um sich schlagenden und schreienden Mann aus dem Zustand der Wildheit zogen und mit ihm in die Stadt – so eine weibliche Vergangenheitsvision. In die Stadt kam der Mensch durch die neue Seßhaftigkeit vor gut 9000 Jahren, ein Hauptort der Jägerzähmung soll Catal Hüyük gewesen sein.

Dort in Zentralanatolien entdeckte der britische Ausgräber James Mellaart 1958 die ausgemalten Behausungen und arbeitete mit seinen Deutungen der Matriarchatslobby zu. Aus seiner Sicht war die Große Mutter in dieser neolithischen Gemeinde allgegenwärtig: So sieht er in einer abstrakten Reliefgestalt, nur weil sie einen Anflug von Bäuchlein hat, eine Schwangere – für ihn ganz klar ein Sinnbild der Fruchtbarkeit. Strichweibchen und -männchen sind auf den Wandzeichnungen gleich stark vertreten, doch Mellaart zählt sie allein zu den Zeichen der Fruchtbarkeit. Hirsche und Widder überwiegen in den Tierdarstellungen, aber auch am Geweih hängt der Ausgräber – frau staune – seine Darlegung von Fruchtbarkeit auf. Selbst simple Ornamente mit Dreieck, Kreuz und Linien (die er auch mal als Vorläufer des Kelims interpretiert) symbolisieren für Mellaart nur das eine: Fruchtbarkeit. Mamma mia, der Mann muß ein Problem gehabt haben – was später in der Tat offensichtlich wurde: Er erfand Funde. Catal Hüyük mit seiner Kunst war Hochburg einer kulturellen und nicht einer weiblichen Revolution.

Ein Silberstreif aber zeigt sich in der Bronzezeit. Kreta soll die Insel seliger Frauen gewesen sein, und so wählten die weniger glücklichen von heute die minoische Doppelaxt als schmucke Streitaxt der Emanzipation. Doch wieder fielen die Matriarchatsgläubigen auf einen Forscher herein. Sir Arthur Evans, Bewunderer seiner Königin Viktoria und Kind ihrer Zeit, entdeckte alles, was ihm lieb und teuer war, in den fast 4000 Jahre alten Ruinen: Natürlich einen Palast, den heutige Archäologen als Verwaltungszentrum beurteilen. Kein Schloß ohne Königin – und so eruierte der Brite selbstredend ihr Boudoir, wo dann ein Sarkophag zur Badewanne mutieren mußte. Auch jubelte er ihr einen schlichten Abfluß als WC unter – die damals neueste Errungenschaft auf seiner Heimatinsel.

Weiblichkeit war für ihn hold, galant legte er die kretischen Wandmalereien aus: „Damen in vollendeter Toilette. Sie sind frisch vom Coiffeur mit frisiertem Haar, welches über Kopf und Schultern lockt und mit Perlen- und Juwelenketten umflochten ist. Puffärmel, die Taille eng zusammenschnürende Gürtel und Röcke mit Volants erinnern an die heutige Mode.“ Und weil auf den Fresken die Frauen die Übermacht haben, übertrug er das auf die Gesellschaftsverhältnisse Minoas.

Werden Archäologen in 3000 Jahren ähnlich schlußfolgern, wenn sie beispielsweise in Italien auf jede Menge Madonnen stoßen? Die Archäologie kann ein prähistorisches Matriarchat nicht beweisen – aber auch nicht widerlegen. Andere Quellen müssen her, um das einstige Machtgefüge zu ergründen. Fachwelt und Frauenforschung hoffen auf die Entzifferung der Linear-A-Schrift, deren Keile die Sprache wiedergeben, in der Evans‘ gebieterische Kreterin plauderte. Noch stehen den Decodierern nicht ausreichend Texttafeln zur Verfügung, doch auf Santorin – Kretas Nachbarinsel und Minoas Kompagnon – hat man gerade ein großes Archiv angegraben. Bleiben die klärenden Worte aus der Bronzezeit abzuwarten, ob Frauen da mehr zu sagen hatten. Vielleicht das letzte Wort in Sachen Matriarchat? Waltraud Sperlich

Lesestoff zum Thema: Matriarchat

J. Bachofen: DAS MUTTERRECHT. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1997

Uwe Wesel: DER MYTHOS VOM MATRIARCHAT. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, 1994

H.Göttner-Abendroth: DAS MATRIARCHAT. Kohlhammer, Band 1 bis 4, 1989 -1998

B. Röder: GÖTTINNENDÄMMERUNG. Droemer/Knaur, 1996

Waltraud Sperlich

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