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Der obszöne Tic

Eine bizarre Verhaltensstörung wirft erneut die Frage nach dem freien Willen des Menschen auf.

Mit zehn Jahren litt der Junge unter häufigem Schluckauf, wenig später vollführten seine Arme immer wieder plötzliche Bewegungen. Mit 14 entwickelte er den Tic – so bezeichnen Mediziner ein krampfartiges Muskelzucken –, nach dem Busen seiner Mutter zu grabschen und dabei „Titten“ zu rufen. Etwas älter stieß er dann ständig Flüche wie „Scheiße“ und „Gottverdammt“ aus. Die schlechten Manieren des Kindes wurden schließlich als Tourette-Syndrom diagnostiziert. Die jugendlichen Patienten der 1885 von dem französischen Arzt Gilles de la Tourette entdeckten Störung zeichnen sich durch eine Vielzahl bizarrer Verhaltensweisen aus: Sie grimassieren, zwinkern mit den Augen oder fuchteln mit den Armen. Sie produzieren bellende, klickende oder grunzende Laute. Und sie neigen zur Koprolalie, wie die Psychiater den Hang zum obszönen Fluchen nennen. Vor 25 Jahren waren weltweit nur 485 Patienten bekannt. Heute gehen Fachleute von 40000 Fällen allein in Deutschland aus, die nicht immer erkannt werden. Wissenschaftler haben nun mögliche Ursachen der Störung im Gehirn der Patienten gefunden. US-Forscher schoben 155 erkrankte Kinder und Erwachsene und 131 Vergleichspersonen in die Röhre eines Magnetresonanz-Tomografen und errechneten aus den Schnittbildern die Größe verschiedener Gehirnteile. Ergebnis: Patienten mit schweren Tics haben in zwei Regionen weniger Gehirnmasse – in einem Gebiet am Hinterkopf und in einem nahe der Augenhöhlen. Das ergibt einen Sinn: Beide Regionen bremsen die Aktivitäten anderer Hirngebiete. Defizite dort lassen daher möglicherweise „zu wenig Reserven übrig, um unerwünschte Verhaltensweisen zu unterdrücken“, vermuten die Forscher um den Mediziner Bradley Peterson. Die Ergebnisse einer Untersuchung mit anderer Methodik gehen in die gleiche Richtung. Der New Yorker Forscherin Emily Stern gelang das bisher Unmögliche: Sie hielt mit Hilfe der Positronen-Emissions-Tomografie (PET) in Bildern fest, welche Hirnregionen aktiv wurden, während die Patienten zuckten und fluchten. In einem Begleitartikel deutet der Mediziner Orrin Devinsky die Befunde. Dabei fasziniert ihn vor allem eines: Während auf den Gehirnbildern zur Zeit der Tics zahlreiche Regionen vor Aktivität heftig leuchten, bleibt eine bestimmte Gegend dunkel – die für Verhaltenshemmung und soziale Kontrolle zuständige „orbitofrontale Region“ nahe den Augenhöhlen. „Könnte die Ursache der Tics weniger die Aktivierung großer Teile des Gehirns sein, sondern eher die fehlende Aktivierung der orbitofrontalen Hirnrinde?“, fragt Devinsky. Das Tourette-Syndrom ist offenbar vor allem eine organische Erkrankung des Gehirns. Es lässt sich mit Psychopharmaka behandeln, aber nicht dauerhaft heilen. Psychologische Therapien haben damit zu kämpfen, dass die Patienten ihre Tics nur kurz unterdrücken, aber nicht bewusst und auf Dauer steuern können. Die Arme und das Gehirn produzieren bei den Tics nicht nur chaotische Zuckungen. Auch wenn die Patienten herumfuchteln, greifen sie mit der richtigen Kraft nach einem Gegenstand, wie ein Experiment des kanadischen Psychologen Randy Flanagan zeigte. Er deutet die Tics daher als „zielgerichtete, willkürliche Bewegungen, die gut organisiert und koordiniert“ sind. Die Hirnforscherin Stern dagegen meint: Mit dem freien Willen sei es nicht weit her, was die Patienten auch so empfänden. „Tics könnten einen paradoxen Zustand darstellen, in dem Gehirnregionen, die ein Gefühl gewollter Steuerung hinterlassen, nicht mehr unter der willentlichen Kontrolle des Patienten stehen“ , vermutet Emily Stern. Das Tourette-Syndrom wirft somit die alte Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens auf – und gerade darum findet Devinsky seine Rätsel so spannend: „Diese Geheimnisse könnten Hinweise bergen auf die Natur jenes Klebstoffs, der den Willen, das Gefühl und die Selbstkontrolle in uns zusammenhält.“

Jochen Paulus

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