Der Pfad der toten Seelen - wissenschaft.de
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Der Pfad der toten Seelen

Milch einer Göttin, Himmelsfluß und Rückgrat der Nacht: Vor der Erfindung des Teleskops war die Milchstraße ein beliebtes Thema der Mythologie.

„Vom Floh bis zur Galaxis betrachten wir alles durch den Filter unserer Vorstellungen und Emotionen“, schrieb der russische Autor Dimitri Bilenkin. Und diese Vorstellungen haben sich im Lauf der Kulturgeschichte immer wieder gewandelt – auch die Vorstellungen über die Milchstraße. Lange Zeit konnten Menschen über deren Natur nur rätseln und spekulieren. Und dies taten sie ausgiebig und seit langer Zeit, wie zahlreiche Mythen und Legenden weltweit belegen. Häufig wurde das Band der Milchstraße dabei als Fluß oder Weg gedeutet. Doch es gibt auch viele andere Interpretationen. Aus der griechischen Mythologie stammt die bekannteste Geschichte, denn dieser verdankt die Milchstraße ihren Namen: Göttervater Zeus wollte Herkules, den er mit der sterblichen Königstochter Alkmene gezeugt hatte, die Unsterblichkeit geben und legte ihn deshalb seiner schlafenden Gattin Hera an die Brust. Diese erwachte von seinem heftigen Saugen und stieß ihn erbost von sich. Dabei spritzte die Milch aus ihren Brüsten und verteilte sich über den Himmel, wo sie den „ Milchkreis“ bildete („Kiklos Galaxias“). Bei den Römern wurde dieselbe Geschichte mit anderen Namen erzählt, hier war Heras Pendant Juno für den „Circulus Lacteus“ verantwortlich, dann auch „Via Lactea“ genannt: Milchstraße. Eine andere Etymologie führt „ Galaxis“ auf das griechische Wort „Galaxure“ zurück. Es bedeutet „ Geliebte“ und bezieht sich auf die Meeresnymphe Galatea, die Tochter des Okeanos, deren Name wörtlich „milchweiß“ heißt.

Es gibt noch andere griechische Mythen zum Thema: In einem verspritzte die Göttin Rhea die Milch, als sie ihren Sohn Zeus vor seinem Vater Kronos beschützte, der ihn verschlingen wollte. Sie wickelte einen Stein in Zeus‘ Kleider und gab ihn Kronos. Der befahl ihr, den vermeintlichen Knaben noch einmal zu stillen, und dabei floß die Milch an den Himmel. Nach einer weiteren Überlieferung entstand die Milchstraße, als Zeus‘ Gattin Hera den verrückt gewordenen Dionysos salben und füttern wollte, um ihn zu heilen. Wieder eine andere hält die Galaxis für die feurige Spur, die Phaëton hinterließ, als er ungelenk mit dem Sonnenwagen seines Vaters Helios über den Himmel raste. Die alten Ägypter interpretierten die Milchstraße als einen Fluß aus Licht oder als den Nil, in den die Göttin Isis floh, um dem Monster Typhon zu entkommen. „Al Nahr“ („der Fluß“) heißt sie auch in Arabien, „ Mayu“ („Fluß des Himmels“) bei den Inka, „Fluß von Nana“ oder „ Bett des Ganges“ in Indien, und in China „Tien Ho“ („Himmelsfluß“ ), worin die Mütter von Sonne und Mond ihre Kinder baden, bevor sie den Himmel betreten. In Nordindien wird die Milchstraße als Schlangenpfad angesehen, in Lappland als Pfad von Zugvögeln, bei den Eskimos als Schneepfad des Großen Raben, an der Wolga als Pfad von Wildgänsen, bei den Tataren im Kaukasus als Spur eines Strohdiebes und in irischen Legenden als „Bothar Bo Finne“ – „die Spur der Weißen Kuh“. Muslime interpretieren sie als die Richtung der Pilger nach Mekka, und Katholiken als Wegweiser zur Kathedrale von Santiago de Compostela in Spanien. Die vielleicht originellste Deutung stammt von den !Kung-Buschmännern der Kalahari in Botswana. Sie bezeichnen die Milchstraße als „ Rückgrat der Nacht“, ohne das die Trümmer der Dunkelheit auf die Erde herabstürzen würden.

Auch die Indianer haben phantasievolle Vorstellungen entwickelt. So soll die Milchstraße der Schnee sein, den sich ein Bär aus dem Pelz geschüttelt hat, als er über den Himmel lief. Beim Stamm der Seminolen ist sie „so-lo-pi he-ni“, „der Geisterweg, auf dem die Seelen der verstorbenen, guten Menschen zur Stadt des Westens gelangten“ (ähnliche Vorstellungen hatten die Wikinger). Die Cumash sahen in ihr die Reise der Sammler von Pinien-Nüssen, weil diese innen auch weiß sind. Die Cherokee nennen sie „gi li‘ ut sun stan un’yi“, „der Ort, wo der Hund rannte“, denn sie deuteten sie als die Spur von Kornmehl, das ein diebischer Hund auf der Flucht verstreut hatte (eine ähnliche Version wurde auch im alten Skandinavien erzählt).

In Australien kursieren ebenfalls viele verschiedene Mythen über das helle Himmelsband. Manche Aborigines interpretieren sie als Rauch von den Opferbräuchen ihrer Ahnen (eine Vorstellung, die auch im alten Mesopotamien verbreitet war), andere als Himmelsfluß mit Fischen (helle Sterne) und Wasserlilien (lichtschwache Sterne). In Queensland wird von einem orphischen Sänger namens Priepriggie erzählt, dessen Gesang die Sterne zum Tanzen brachte, bis sie ein breites Band am Himmel formten. In Zentralaustralien gilt die Milchstraße als Grenzlinie der Himmelsstätten der benachbarten Aranda- und Luritja-Stämme. Die Aborigines von Yirrkala im Norden deuten zwei dunkle Stellen in der Milchstraße – die, wie wir heute wissen, interstellare Staubwolken sind, von denen das Licht der Sterne dahinter verschluckt wird – als zwei Brüder, die beim Kanufahren ertranken; auch ihr Kanu ist noch am Himmel, in Gestalt einer Linie von vier Sternen bei Antares.

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Mit der Entstehung der griechischen Philosophie im Mittelmeerraum vor 2700 Jahren begann eine neue Epoche des menschlichen Nachdenkens über die Welt. Exakte Beschreibungen und Erklärungen rückten nun ins Blickfeld. Zwar gab es immer noch kaum Fakten, aber die Erscheinungen wurden jetzt nicht mehr mythisch, sondern naturphilosophisch interpretiert – freilich auf sehr spekulative Weise. Anaxagoras deutete die Milchstraße als Sonnenlicht, das von einem Staubband reflektiert wird, oder als eine Ansammlung von Sternen, deren Licht teilweise vom Schatten der Erde verdeckt wird. Philolaos vermutete, sie sei ein Riß im Himmelsgewölbe, durch den Feuer scheint. Aristoteles berichtete von verschiedenen Hypothesen: die Milchstraße als leuchtender Dunst zwischen Äther und den Planeten, als eine Feuererscheinung, die entsteht, wenn sich Luft durch Reibung an der Himmelssphäre entzündet, oder als Ansammlung von Gasen, die von irdischen Feuern stammen. Metrodorus sah sie als eine frühere Bahn der Sonne an. Und Theophrastus vermutete, es sei die Nahtstelle, an der die beiden Himmelssphären nicht genau zusammenpaßten. Avicenna hielt die Milchstraße für Dampf, den Sterne abgegeben hatten. Und die Atomisten Leukippos und Demokrit sowie Pythagoras deuteten sie schon im 5. Jahrhundert richtig als das gemeinsame Licht vieler Sterne. Der Beweis dafür ließ aber noch fast zwei Jahrtausende auf sich warten. Dann erst, im August 1609, richtete Galileo Galilei sein „optisches Rohr“ – eines der ersten Teleskope – auf den Himmel über Padua. „Ich habe die Natur und den Stoff der Milchstraße untersucht“, schrieb er später. „Mit Hilfe des Teleskops habe ich dies so unmittelbar und mit so augenfälliger Gewißheit überprüfen können, daß aller Streit darüber, der die Philosophen seit so vielen Jahrhunderten verwirrt hat, gelöst ist, und wir nun endlich von den langatmigen Debatten darüber befreit sind. Die Galaxis ist in der Tat nichts anderes als eine Ansammlung zahlloser Sterne, die zu Haufen zusammengeballt sind. Auf welchen Teil auch immer man das Teleskop richtet, sofort wird eine riesige Menge an Sternen sichtbar, von denen viele ziemlich groß und recht hell sind, während sich die Anzahl der kleineren unmöglich schätzen läßt.“

Rüdiger Vaas

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