DER PFADFINDER Karlheinz Brandenburg - wissenschaft.de
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DER PFADFINDER Karlheinz Brandenburg

Er hat eine Technik erfunden, die mehrere Hundert Millionen Menschen nutzen: das Audioformat MP3. Doch in Wirklichkeit, sagt Karlheinz Brandenburg, war das die Leistung seines Teams. Er habe nur Ideen eingebracht und war später Teamleiter. Nur?

Wer wissen will, wie der Ingenieur und Hochschullehrer Karlheinz Brandenburg tickt, muss einen Blick auf seinen Terminkalender werfen: Da reiht sich vom Morgen bis zum Abend ein Besprechungstermin an den anderen. Doch damit nicht genug: Die elektronische Tabelle, die er in seinem Computer führt, verfügt noch über eine weitere Schicht – Termine zweiter Ordnung, die er besuchen kann, wenn einer aus der ersten Schicht ausfällt. Kreative Menschen, die Karriere gemacht haben, präsentieren solche Agenden gern mitleidheischend. „Vor lauter Reden komme ich nicht mehr zum Denken“, stöhnen sie. Anders Brandenburg: Bei ihm kommen die Ideen aus der Kommunikation.

„Austausch lohnt sich immer“, beteuert er. „Offenheit gegenüber dem, was andere machen“ sei eines seiner Erfolgsrezepte. Zum Siegeszug von MP3 hätten „viele Leute“ beigetragen, „auch Leute außerhalb unseres Teams“. Da fällt ihm gleich ein Beispiel ein: Bernd Edler, ein Kollege von der Universität Hannover, machte ihn vor Jahren auf Grundlagenarbeiten einer australischen Forschergruppe aufmerksam. Es ging um eine neuartige elektronische Filtermethode aufgrund der Kosinus-Funktion. Den Vortrag des Australiers hat er sich dann auf einer Konferenz angehört und dem Mann ein paar gezielte Fragen gestellt: „Dieser Impuls brachte meine Arbeit richtig voran.“

DER INGENIEUR HÄLT MEHR ALS 100 Patente

Und voran ging es für Brandenburg stetig: Aus einer Doktorarbeit an der Universität Erlangen-Nürnberg, Fachbereich Elektrotechnik, wurde eine globale Innovation: Hunderte Millionen Menschen hören heute Musik mit kleinen Abspielgeräten, Handys oder am heimischen PC – und benutzen dabei Brandenburgs Erfindung, das Audiokompressionsverfahren MP3. Der Ingenieur hält inzwischen über 100 Patente. Sein Arbeitgeber, die Fraunhofer-Gesellschaft, kassiert jährlich mehrere Millionen Euro an Lizenzgebühren, und weil die Erfinder aufgrund eines Gesetzes an den Einnahmen beteiligt sind, hat er finanziell ausgesorgt. Brandenburg leitet ein neues und gut ausgestattetes Forschungsinstitut mit mehr als 100 Mitarbeitern, das Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie (IDMT) im thüringischen Ilmenau, und unterrichtet als Professor an der benachbarten Technischen Universität. Neben vielen anderen Auszeichnungen hat er im Jahr 2000 den Deutschen Zukunftspreis aus den Händen des Bundespräsidenten erhalten. Im Jahr 2009 tourt Brandenburg für die EU-Kommission als „Botschafter für Kreativität und Innovation“ durch Europa. Überhaupt hat er gute Karten, wenn es darum geht, junge Leute von den Chancen naturwissenschaftlicher und technischer Berufe zu überzeugen: „ Man kann es auch als Ingenieur so weit bringen, dass man Autogramme geben muss“, sagt er mit einem gewissen Triumph in der Stimme.

Ein Tüftler war er schon als Kind. „Die mathematisch-technische Begabung zeigte sich früh“, meint der Ingenieur. Doch seine Eltern – die Mutter war Lehrerin, der Vater Professor für Psychologie – hielten nichts von vorzeitiger Spezialisierung. „Fachidioten gibt es schon genug“, sagten sie und schickten den Sohn auf ein humanistisches Gymnasium. Die alten Sprachen meisterte er, wenn auch mit Mühe („Vokabeln pauken liegt mir gar nicht, ich kann mir Fakten nur im Zusammenhang merken“), in der Oberstufe wählte er dann Mathe und Physik als Leistungskurs. Zu Hause betätigte er sich als Elektronikbastler, baute seine erste Stereoanlage selbst. Aber er spielte auch Musikinstrumente: Blockflöte, Klavier und Gitarre. Mit dem Blockflötenquartett gewann er einen Landeswettbewerb. „Das Gitarrespielen habe ich mir selbst beigebracht“, erinnert er sich, „damit ich meine Pfadfindergruppe beim Singen am Lagerfeuer begleiten konnte.“

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Ja, Karlheinz Brandenburg war Pfadfinder. Und das mit solcher Begeisterung und solchem Engagement, dass er im heimischen Erlangen zunächst zum Sippen-, dann zum Stammesführer gewählt wurde, schließlich in den Regions- und in den Landesvorsitz der Evangelischen Jugend in Bayern aufstieg. Von 1980 bis 1984, schon als Student der Elektrotechnik, war er Vorsitzender des Landesjugendkonvents und in verschiedenen anderen Ehrenämtern für Jugend- und Friedenspolitik aktiv. Erst als er 1989 seinen Doktortitel in der Tasche hatte und zum Forschen in die USA ging, legte er diese Ämter nieder.

DIE DOKTORANDIN HAT FREIE HAND

Fragt man ihn heute nach den Menschen, die seine Berufslaufbahn am stärksten gefördert haben, nennt er „die Beziehungen aus der evangelischen Jugendarbeit“ als Erstes – noch vor Eltern, Lehrern, Professoren und Forscherkollegen. „Es sind stabile Beziehungen, die zum Teil noch heute bestehen“, sagt er. Und: Er habe in der Jugendarbeit gelernt, Institutionen zu leiten. „Es geht dort genau wie in der Forschung darum, Menschen für Dinge zu begeistern, die sie aus freiwilligem Interesse tun. Man kann auch in der Forschung zu niemandem sagen: Du musst.“ Doktorandin Stefanie Nowak bestätigt das. „Ich mag es, wie Fraunhofer funktioniert“, sagt die 28-jährige Informatikerin, die in Ilmenau an Systemen für die automatisierte Verschlagwortung von Fotos in Datenbanken forscht. „Man trägt früh Verantwortung, kann weitestgehend alleine Projekte abwickeln. Die Arbeitszeit ist frei einteilbar. Ich kann zu Hause arbeiten, wenn ich will. Und es wird mir ermöglicht, auf Konferenzen zu fahren, um meine Arbeiten vorzustellen und mich auszutauschen.“ Ihr Doktorvater Brandenburg lässt ihr freie Hand, ist aber für sie da, wenn sie ihn braucht. Einmal hat sie ein langes, orientierendes Gespräch mit ihm gesucht und auch bekommen. „Danach fühlte ich mich bestätigt, dass ich auf dem richtigen Weg bin.“

MATHEMATIk, MUSIK UND MENSCHENFÜHRUNG

Acht Formen der Intelligenz unterscheidet der bekannte amerikanische Kreativitätsforscher Howard Gardner: je eine sprachliche, logisch-mathematische, bildlich-räumliche, musikalische, körperlich-kinästhetische, eine intra- und eine extrapersonale sowie eine naturkundliche Intelligenz. Und er betont, dass erfolgreiche Kreative meist über mehrere davon verfügen, die sie geschickt kombinieren. Bei Karlheinz Brandenburg haben sich – wohl auch dank der breit angelegten elterlichen Förderung – Mathematik, Musik und Menschenführung zu einem Erfolgstrio zusammengefunden. Das beeindruckt auch andere. Etwa seinen langjährigen Mitforscher aus Erlangen, Thomas Sporer, der am Institut in Ilmenau die Abteilung Akustik leitet: „Er denkt unheimlich schnell“, sagt er über seinen Chef, „und das nicht nur im technischen Bereich.“

Über Jahrzehnte hat er beobachten können, wie aus dem Ingenieur ein erfolgreicher Vertriebsmann wurde, der auf Messen Kundenbedürfnisse erspürte und daraus neue Geschäftsmodelle entwickelte. Er staunte, wie derselbe Mann sich zum Experten für Standardisierungs- und Lizenzierungsfragen mauserte und selbst Juristen mit spitzfindigen Vertragsentwürfen verblüffte. Nur indem sie auf allen Feldern des sich neu entwickelnden Geschäftszweigs der digitalen Musik glänzte und auch die Potenziale des Internet-Markts früh erkannte, konnte die Erlanger Truppe gegen die Konkurrenz bestehen. „Die Gemeinschaft der Audio-Codierer bestand zeitweilig aus acht Forscherteams“, erinnert sich Sporer, nennt Namen und Orte von Duisburg bis New Jersey. Die härteste Konkurrenz saß in München, wo der Audiostandard für den Digitalen Rundfunk entwickelt wurde. Wenn es auf entscheidende Präsentationen auf internationalem Parkett zuging, „arbeiteten beide Teams rund um die Uhr bis zum Umfallen“ , sagt Sporer. Kein Wunder, dass Max Rauner, Redakteur des Magazins „Zeit Wissen“, das Erfolgsrezept von Brandenburg vor einigen Jahren treffend als Summe aus „Visionen, Überstunden und Sturheit“ zusammenfasste.

SUZANNE VEGA KLANG GUT IN MP3

Sturheit war erforderlich, weil „Audio Layer III“ des MPEG-1-Standards aus Erlangen zunächst nicht wie ein Sieger aussah. (MPEG steht für Moving Pictures Experts Group, der Name stammt aus dem Filmgeschäft.) „Viel zu kompliziert, daraus wird nie ein tragbares Gerät werden, mit dem man Musik abspielen kann“ , fanden noch Mitte der 1990er-Jahre Experten der Firma Philips Consumer Electronics aus Amsterdam. Philips war seinerzeit mit den selbst entwickelten Audiokassetten und CDs erfolgreich am Markt etabliert. Die Erlanger mussten erst beweisen, dass ihre elektronisch komprimierte Musik qualitativ mithalten konnte. Sie benutzten schwierig zu codierende Stücke – Kastagnetten-Klänge oder Suzanne Vegas A-cappella-Version des Songs „Tom’s Diner“ – als Herausforderung für die Technik und demonstrierten die Ergebnisse auf Fachmessen. „Die Kunden liefen daraufhin zu den Ständen der Konkurrenz und fragten: Können Sie Kastagnetten? Können sie Suzanne Vega?“ Unvergessliche Momente für Thomas Sporer, den Akustiker. „Ich werde immer als der Vater von MP3 bezeichnet“, sagt Karlheinz Brandenburg. „Aber MP3 hatte viele Väter.“

Allein geforscht hat er eigentlich nur zu Beginn seiner Doktorarbeit. Durch die Zusammenarbeit der Universität Erlangen-Nürnberg mit dem Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS in Erlangen bestand das Audiocodierer-Team schon 1987 aus acht Wissenschaftlern. Auf einem Foto aus dieser Zeit stehen Harald Popp, Stefan Krägeloh, Hartmut Schott, Bernhard Grill, Heinz Gerhäuser, Ernst Eberlein, Karlheinz Brandenburg und Thomas Sporer um eine elektronische Kiste herum, die wahrhaftig noch keinerlei Ähnlichkeit mit einem modernen MP3-Player aufweist. „Professor Gerhäuser war der Chef und der Älteste im Team“, erinnert sich Brandenburg. „Der Jüngste war zehn Jahre jünger als ich. Jüngere dabeizuhaben war wichtig, weil mit ihnen neues Denken hereinkam.“ Sporer war und blieb für Brandenburg ein wichtiger Kumpel – ein Ex-Pfadfinder wie er.

Er selbst übernahm wieder die Rolle des Stammesführers: Aus dem Forscher wurde der Forschungsmanager. Dass er längst nicht mehr „im Detail“ forscht, macht ihm nichts aus. Er verfolgt neue Visionen, will mit dem Verfahren der Wellenfeldsynthese unerhörte Klangerlebnisse schaffen. In einem Raum des Fraunhofer IDMT sind sie schon zu bewundern: Lange Reihen von Lautsprechern an der Wand, die – einzeln angesteuert – einen Raum so realitätsnah mit Naturgeräuschen, akustischen Straßenszenen oder Märchenfantasien füllen, dass man an einer Stelle unwillkürlich den Kopf einzieht, weil man den Eindruck hat, dass sich eine Fee auf den Schultern niederlässt. Julia Edling, die junge Public-Relations-Managerin, demonstriert gerne die kleinen Hörstücke, die Künstler für das „ Iosono“- Klangsystem des IDMT komponiert haben. Sie zählt auf, in wie vielen Kinos und Planetarien es schon eingesetzt wird. „Nur für die Privatwohnung ist es noch zu teuer und zu auffällig“, sagt sie. „Irgendwann sollen die Lautsprecher in der Wand verschwinden.“

InSPIRATIONEN AUS SCIENCE-FICTION-ROMANEN

Von der „Stereoanlage der Zukunft“ spricht Karlheinz Brandenburg, von einer „klingenden Tapete“ träumt Thomas Sporer. Beide Ingenieure beziehen ihre Inspirationen aus Science-Fiction-Romanen und stehen dazu. Aber auch Naheliegenderes wird am Fraunhofer IDMT in Ilmenau erforscht: sich selbst verschlagwortende Bild- und Videodateien, sprachgesteuerte Kameras, Computer, die Gesten erkennen. Anspruchsvolle Kindermedien entwickelt die Außenstelle Erfurt, neue Hörgeräte die Außenstelle Oldenburg.

Die Zukunft kann kommen. Die Pfadfinder der Kreativität bereiten ihr den Weg. ■

von Judith Rauch

KOMPAKT

· geboren 1954 in Erlangen

· Studium der Elektrotechnik und Mathematik

· 1986 Geburtshelfer von MP3

· 1989/1990 Forschung bei AT & T in den USA

· 1993 Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen, Erlangen

· 2000 Deutscher Zukunftspreis, zusammen mit Harald Popp und Bernhard Grill Wechsel nach Ilmenau: TU und Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Elektronische Medientechnologie (ab 2004 eigenständiges Fraunhofer-Institut für Digitale Medientechnologie)

· 2009 EU-Botschafter für Kreativität und Innovation

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