Der Schritt über die Schwelle - wissenschaft.de
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Der Schritt über die Schwelle

Wann ist der Mensch tot? Die moderne Medizin gibt dem Menschen die Chance, immer älter zu werden, doch am Ende jeden Lebens steht nach wie vor der Tod. Die Entscheidung allerdings, wann ein Mensch tot ist, wird durch die Medizintechnik immer schwerer gemacht.

Diana Spencer, Prinzessin von Wales, wurde nach einem Autounfall am 31. August um vier Uhr morgens „für tot erklärt“. Die letzten drei Worte enthalten die ganze Problematik, über die wegen der Fortschritte in der Intensivmedizin immer wieder neu diskutiert werden muß.

Die Ärzte hatten zwei Stunden lang versucht, Dianas Körper wieder in Gang zu setzen. Ihr Herz stand still, die Lungenschlagader war gerissen, der Schädel gebrochen. Niemand hätte den Medizinern widersprechen können, wenn sie den Tod zwei Stunden früher festgestellt hätten. Und niemand hätte widersprechen wollen, wenn sie ihre Anstrengung, den zerschlagenen Organismus wieder zum Funktionieren zu bringen, noch weitere Stunden, vielleicht Tage fortgesetzt hätten. So viele Körper liegen in den Intensivstationen, deren Funktion nur durch Maschinen aufrechterhalten wird. Bei Lady Di haben die Ärzte die Sinnlosigkeit ihres Tuns schnell akzeptiert, andere quälen sich und die Angehörigen eines Unfallopfers im Koma manchmal Jahre mit der Frage: „Wann dürfen wir sagen: Dieser Mensch ist tot?“

Jahrhunderte galt die Gewißheit, daß ein Mensch tot ist, wenn sein Atem stillsteht und sein Herz nicht mehr schlägt. Heute können Maschinen Atmung und Kreislauf eines menschlichen Körpers jahrelang in Gang halten. Die Konsequenz hat der Mediziner Prof. Gundolf Gubernatis, Chirurg an der Medizinischen Hochschule Hannover und Sprecher der Deutschen Stiftung Organtransplantation, so zusammengefaßt: „Der Tod ist eine Verabredung auf der bestmöglichen Wissensbasis.“

Im Moment gibt es eine solche Verabredung nicht. Es ist ein verbreiteter Irrtum, daß der Bundestag am 25. Juni dieses Jahres in seinem Gesetz zur Organtransplantation beschlossen habe, wann ein Mensch tot sei. Die Abgeordneten haben lediglich den Hirntod eines Menschen als Mindestvoraussetzung dafür festgeschrieben, daß man ihm Organe entnehmen darf. Das bedeutet nicht, es existiere Einigung darüber, der Hirntod sei der Tod des Menschen.

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Ein großer Teil der Gesellschaft vertritt die Ansicht, daß ein Mensch erst mit dem biologischen Tod aller Teile seines Organismus wirklich tot ist. Für den Chefarzt des St. Barbara-Hospitals in Gladbeck, Prof. Linus Geisler, sind „Hirntote Sterbende, also Lebende“. Prof. Josef Seifert von der Akademie für Philosophie in Liechtenstein bekräftigt: „Aus dem Ende der Hirntätigkeit folgt nicht zwangsläufig der Tod des Subjekts.“ Für den Bremer Hirnforscher Prof. Gerhard Roth ist ganz klar: „Der künstlich beatmete Hirntote ist keine Leiche.“

Bei einem hirntoten Menschen können einzelne Organe noch arbeiten, die Nerven Muskelbewegungen stimulieren. Kaum etwas schockiert Krankenschwestern oder pflegende Angehörige mehr als der „Lazarus-Effekt“ – wenn sich etwa die Hand eines Hirntoten beim Bettenmachen um ihren Arm schließt. Manche Zellen sind noch lange nach dem letzten Atemzug aktiv. Haare und Fingernägel wachsen auch bei organisch Toten noch einige Tage weiter.

Für extreme Vitalisten endet das Leben erst, wenn der Organismus an keiner Stelle mehr Energie aufwendet, um seinem Zerfall entgegenzuwirken. Die Basis ihrer Argumentation ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik – ein Naturgesetz, wonach jede Ansammlung von Materie bestrebt ist, sich möglichst gleichmäßig zu verteilen. Ohne Zufuhr von Energie gleichen sich mit der Zeit in jedem System alle Unterschiede von Temperatur und Dichte aus. Es ist Energie notwendig, um aus ungeordneten Bausteinen der Materie Strukturen wie Häuser oder Autos zusammenzufügen. Ohne dauernden Einsatz von Energie fallen sie wieder auseinander.

Leben ist ein Sonderfall der Natur, weil es sich selbst mit der Energie versorgen kann, die notwendig ist, eine organisierte Struktur gegen den Trend zum größtmöglichen Ausgleich entstehen zu lassen und für eine gewisse Zeit stabil zu halten. Der Tod tritt nach dieser Auffassung erst in dem Moment ein, in dem die letzte Zelle die Fähigkeit verliert, die Moleküle des Organismus zu einer funktionierenden Ordnung zusammenzuhalten.

Den Vitalisten gegenüber stehen die Mentalisten. „Sollen wir die Lebensvorgänge zwischen den Organen unseres Körpers mit menschlicher Lebendigkeit verwechseln“, fragt Dr. Johann F. Spittler, Neurologe an der Universität Bochum und Mitarbeiter im Zentrum für medizinische Ethik. Und Prof. Heinz Angstwurm von der Münchener Universitätsklinik Großhadern widerspricht der Ansicht, Hirntote seien Sterbende: „Der Sterbeprozeß des Menschen ist mit dem Tod des Gehirns beendet.“

Mediziner stehen mit dieser Auffassung nicht allein. Prof. Eberhard Schockenhoff, Moraltheologe an der Universität Freiburg ist überzeugt: „Ein Hirntoter mit schlagendem Herzen ist kein Sterbender mehr, sondern eine Leiche mit künstlich aufrechterhaltener partieller Organfunktion.“ Und Bischof Karl Lehmann, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz schrieb: „Es kann kein Zweifel bestehen, daß der Hirntod zwar nicht gleichzusetzen ist mit dem Tod des Menschen schlechthin, aber er ist reales Zeichen des Todes der Person.“

Die Kriterien für diesen Tod hat die Bundesärztekammer festgeschrieben, und sie müssen immer von zwei Ärzten bestätigt werden, die beide nicht einem gegebenenfalls wartenden Transplantationsteam angehören dürfen.

Voraussetzung für die Diagnose ist, daß die Pupillen sich bei Lichteinfall nicht zusammenziehen, daß der Patient nicht würgt oder hustet, wenn er im hinteren Rachenraum gereizt wird, und daß er auch an empfindsamen Körperstellen keine Zeichen von Schmerz zeigt.

Außerdem darf er bei vorübergehender Abnahme des Beatmungsgerätes nicht mehr selbsttätig atmen. Diese Todeszeichen werden als unwiederruflich akzeptiert, wenn sie nach 12 Stunden immer noch bestehen, oder wenn eine Untersuchung der Hirnströme (EEG) oder der Hirndurchblutung (Angiographie) keine Aktivität mehr zeigt.

Obwohl diese Bestimmungen so eindeutig scheinen, reichen sie nicht allen aus, jeden Zweifel zu beseitigen, daß der Mensch, um den es geht, tot ist. Seine Hände sind blutwarm, seine Haut ist rosig, seine Rippen heben und senken sich, wenn auch im Takt des Beatmungsgerätes. Diesem Körper soll man das schlagende Herz aus der Brust, die Nieren aus dem Leib schneiden dürfen?

Ein anderes Problem entsteht dadurch, daß das Gehirn keine funktionelle Einheit ist. In Deutschland gilt jetzt nach dem Gesetz ein Mensch als hirntot, wenn die Funktionen von Großhirn, Kleinhirn und Stammhirn unwiderruflich erloschen sind. Hirntod heißt in Deutschland immer „Ganzhirntod“.

Vor allem in den angelsächsischen Ländern werden aber auch „weichere“ Todeskonzepte diskutiert und gefordert. Hier fragt man sich, ob man das Stammhirn unbedingt in die Definition einbeziehen muß.

Das Stammhirn am Übergang vom Rückenmark zum Großhirn ist der entwicklungsgeschichtlich älteste Teil des Zentralnervensystems. Im Stammhirn werden die vegetativen Vitalfunktionen gesteuert: Atmung, Herzschlag, Darmtätigkeit. Beim Ganzhirntod – einschließlich Ausfall des Stammhirns – ist der Organismus nicht mehr in der Lage, seine Organfunktionen ohne maschinelle Hilfe aufrechtzuerhalten. Ohne Großhirn dagegen funktioniert der Körper biologisch oft jahrelang ohne Unterstützung.

Das Großhirn ist, darüber sind sich die Hirnforscher einig, verantwortlich für die Entwicklung einer Persönlichkeit, für die Individualität des Menschen. Konsequent denken einige Mediziner und Ethiker weiter und sehen einen Menschen ohne funktionierendes Großhirn nicht mehr als lebenden Menschen: „Kann ein aller geistig-seelischer Funktionen entleerter Körper noch als lebender Mensch verstanden werden“, möchte der Bochumer Neurologe Dr. Johann F. Spittler wissen. Die Antwort gibt Prof. Robert Levine, Ethiker an der Elite-Universität Yale in New Haven, USA: „Eine Existenz ohne Bewußtsein und Hirntätigkeit ist kein menschliches Leben.“

Also, folgern andere, ist ein Mensch tot, wenn sein Großhirn nicht funktioniert, seine Persönlichkeit erloschen ist oder nie existiert hat – etwa bei Kindern, die ohne Großhirn geboren werden. In Deutschland sind das durchschnittlich 600 Kinder jedes Jahr. Sie schreien und atmen und trinken und verdauen, aber auch der medizintechnische Maschinenpark kann ihren biologischen Exitus nur Tage oder wenige Wochen verzögern. Sind diese Kinder von Geburt an lebende Tote?

In den USA hat eine Mutter 1992 im Wissen, daß ihr Ungeborenes kein Großhirn hatte, entschieden, den Fötus auszutragen, um seine Organe anderen Kindern zu spenden, die auf ein Herz oder eine Niere warteten. Nach der Geburt wollten die Eltern das Neugeborene umgehend gerichtlich für tot erklären lassen, aber der Richter lehnte den Antrag ab. Es mußte an die Beatmungsgeräte angeschlossen werden, bis seine Organe nach zehn Tagen unwiderruflich versagten. Für eine Transplantation waren sie nicht mehr geeignet.

Zu den Menschen, deren biologische Funktionen noch intakt sind, deren Stammhirn noch arbeitet, deren Persönlichkeit aber zerstört ist, gehören die Apalliker. Bei ihnen ist das Großhirn durch einen längeren Sauerstoffmangel – Folge eines Unfalls oder einer Vergiftung – ausgefallen. Allenfalls junge Menschen, bei denen die apallische Phase, auch Enthirnungsstarre genannt, nicht zu lange dauert, haben die Chance auf teilweise, selten vollständige geistige Erholung.

Nach der Definition, daß ein Mensch tot ist, dessen Großhirn tot ist, könnte man die Körper älterer Apalliker zur Entnahme von Organen freigeben. Sie werden nie wieder bewußte Menschen sein – im Gegensatz zu manchem, der mit wachem Geist bange auf ein lebensrettendes Transplantat wartet. Aber wie weit kann man dieser Argumentation folgen? Auch Alzheimer-Patienten im fortgeschrittenen Stadium haben ihre Persönlichkeit unwiederbringlich verloren. Wird man sie zu Hirntoten erklären, wenn eine künftige Diskussion das Konzept vom Ganzhirntod durch das vom Großhirntod ersetzt?

Denn soviel ist sicher: Die Frage, wann ein Mensch tot ist, wurde in der Menschheitsgeschichte immer wieder neu gestellt und anders beantwortet. Die Mediziner der ägyptischen Hochkultur glaubten zwar an ein Wiedererwachen ihrer Pharaonen im Jenseits, sie kratzten ihnen aber bei der Präparation für den Weg dorthin das Gehirn aus den Schädeln, weil sie es für unwichtig ansahen. Heute lassen Menschen ihren Kopf in flüssigem Stickstoff konservieren, weil sie hoffen, daß man in ein paar Jahrzehnten gesunde junge Körper klonen und ihr Gehirn darin wieder aufwecken kann (siehe „Hoffnung in der Thermoskanne“, Seite 56).

Das klingt abstrus. Aber den Zeitpunkt des Todes, den letzten Schritt über die Schwelle des Lebens hinaus, endgültig zu definieren, ist nicht möglich, das hat die moderne Medizin bewiesen. Was jede Generation erreichen kann, ist ein gesellschaftlicher Konsens, eine akzeptierte Mehrheitsmeinung. Aber eine Mehrheitsmeinung ist keine für alle Zeiten gültige Wahrheit. Der Tod ist eine Verabredung. Verabredungen kann man ändern.

Jürgen Nakott

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