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Der unwiderstehliche Reiz der Leiche

Dr. Mark Benecke gehört zu den weltweit etwa drei Dutzend Spezialisten für Forensische Entomologie (Insektenkunde in der Gerichtsmedizin und Kriminaltechnik). Der studierte Biologe hat am Institut für Rechtsmedizin in New York gearbeitet und erstellt Gutachten für Kriminalpolizei und Gerichte. Er gibt regelmäßig Kurse in Forensischer Entomologie für Biologen und Kriminalbeamte.

bdw: Findet man wirklich auf jedem Toten Insekten?

Benecke: Fliegenweibchen quetschen sich sogar unter schmalen Türritzen hindurch – selbst auf die Gefahr hin, dass sie sich die Flügel zerreißen. Biologisch gesehen ist das kein Wunder. Der Reiz der Leiche ist für sie unwiderstehlich, denn es geht um Fortpflanzung – also darum, eine geeignete Lebensgrundlage für den eigenen Nachwuchs zu schaffen.

bdw: Wie können die Tiere darüber Auskunft geben, ob eine Leiche transportiert wurde?

Benecke: Jeder Lebensraum hat seine typischen Insekten. In der freien Natur sind Fleischfliegen – das sind die mit dem Karomuster auf dem Rücken – nur selten auf Leichen zu finden. Dort dominieren vor allem die glänzenden Schmeißfliegen. In Städten bilden Fleischfliegen aber oft Populationen, die dauerhaft an einem Ort leben: In New York habe ich in einer Kellerwohnung gelebt – und dort gab es für die Tiere durch die Essensabfälle vom Restaurant gegenüber eine gute Lebensgrundlage. Wäre ich in meinem Keller gestorben, dann wären Fleischfliegen die Ersten an meiner Leiche gewesen. Hätte man die Leiche dann aber im Wald gefunden, mit Eiern und Maden von Fleischfliegen darauf, wäre das ein Indiz dafür gewesen, dass Tatort und Fundort nicht übereinstimmten – und ein Hinweis, an was für an einem Ort die Tat begangen wurde.

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bdw: Wie läuft Ihre Arbeit praktisch ab?

Benecke: Die Ermittler der Kripo rufen mich an, wenn sie an einem Tatort etwas entdecken, für dessen Beurteilung sie einen Biologen brauchen. Ich brause dann sofort los. Aber auch wenn ich von Anfang der Ermittlungen an am Tatort bin, warte ich, bis alle anderen Spuren gesichert sind und gehe stets als Letzter zur Leiche. Dabei trage ich immer einen Schutzanzug – nicht um mich zu schützen, sondern um den Tatort nicht mit falschen Spuren zu kontaminieren.

bdw: Was ist Ihr wichtigstes Handwerkszeug?

Benecke: Essenziell sind meine Fotos, auf denen immer ein Zentimetermaßstab zu sehen ist. Diese Maßstäbe sind Markenzeichen unserer Arbeit geworden. Denn nur, wenn wir exakt wissen, wie groß die Tiere zu diesem Zeitpunkt waren, können wir berechnen, wann die Eier gelegt wurden, um damit Rückschlüsse auf die Tatzeit ziehen zu können. Erst nach dem Fotografieren suche ich nach den Tieren und nehme Proben. Die Bestimmung der Tiere und die Berechnung mache ich abschließend in meinem Büro.

bdw: Muss man dazu am Tatort sein? Reicht es nicht aus, die Fotos und die Maden in der Gerichtsmedizin zu analysieren?

Benecke: Im Sektionssaal ist man zu spät an der Leiche. Oft aus ganz trivialen Gründen: Manchmal werden Leichen abends in die Leichenhalle geschoben und stehen dann dort bis zum Morgen, an dem sie untersucht werden. Wenn die Leichen nicht im Kühlraum waren, haben sich die Tiere weiterentwickelt, und das unter ganz anderen Bedingungen als am Fundort.

bdw: Die Fernanalyse ist also unmöglich?

Benecke: Manches lässt sich auch per Telefon regeln. Die Ermittler beschreiben mir dann am Tatort, was sie sehen und ich sage ihnen, worauf sie achten und wie sie die Tiere sammeln müssen. Anschließend bekomme ich Tiere und Fotos für die Analyse zugeschickt. Aber vor Ort ist es einfacher, zumal Tiere falsche Spuren am Tatort hinterlassen und die Ermittlungen von Anfang an in die falsche Richtung leiten können.

bdw: Wie kommt das?

Benecke: Große Maden und Käfer erzeugen zum Beispiel Verletzungen, die aussehen, als ob der Tote misshandelt wurde. Das sofort zu erkennen, ist gerade am Anfang wichtig, wenn die Ermittler entscheiden müssen, ob überhaupt ein Gewaltverbrechen vorliegt. Denn falls ein Verdacht besteht, wird ermittelt. Auch Hunde und Füchse spielen oft mit Kleidungsstücken und ziehen dabei an Hosen. Wir haben das beim FBI mit Nachtkameras beobachtet. Die Tatortspuren sehen dann nach einem Sexualverbrechen aus, obwohl es keines war. Selbst Insekten erzeugen solch große Veränderungen: An manchen Leichen sitzen so viele Maden, dass sie wahre Madenteppiche bilden, auf denen dann sogar Kleidungsstücke verrutschen.

bdw: Das klingt alles sehr ekelhaft. Ist das nicht ein Problem bei der Arbeit?

Benecke: Für manche Polizisten schon. Ich habe den Eindruck, dass diese Abscheu beim heutigen Nachwuchs größer ist als früher. Bei einem Seminar für Polizisten hat sich kürzlich ein Viertel der Teilnehmer sogar geweigert, eine normale Köder-Made anzufassen, die ich aus dem Angelladen als Anschauungsobjekt mitgebracht hatte. Und das, obwohl das Tier sauber war und nicht stank. Da kann man sich vorstellen, wie es den Leuten am Tatort ergehen wird.

Das Gespräch führte Thomas Willke

Thomas Willke

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Pam|pas|gras  〈n. 12u; unz.; Bot.〉 in Europa als Zierstaude angepflanztes, bis 4 m hohes Gras der südamerikan. Pampas: Gynerium argenteum

fi|e|ro  〈Mus.〉 wild, heftig, stolz (zu spielen) [ital.]

Ka|li|um|jo|did  〈n. 11; Chem.〉 Kaliumsalz des Jodwasserstoffs; oV 〈fachsprachl.〉 Kaliumiodid; ... mehr

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