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Design – Leidenschaft mit Vernunft

Klares Design in den Medien ist wesentlich, um Wissen zu vermitteln, meint Prof. Harald Stetzer, der an der Hochschule für Gestaltung in Schwäbisch Gmünd lehrt. Von 1991 bis März 1999 war er Rektor der Hochschule. Ko-Autor Ulrich Schendzielorz ist Gestaltungs-Praktiker in Stuttgart.

Lassen Sie sich nicht einlullen von der schillernden Medienwelt. Zugegeben, schön ist sie selten, dafür aber überall und immer verfügbar. Auf hundert TV-Kanälen wabert Zerstreuung und verspricht den drögen Alltag wegzupegeln. Am Zeitungskiosk drängeln sich Tausende Titel und wetteifern aufdringlich um Ihre Gunst. Im Internet dürfen Sie schließlich Ihren globalen Phantasien die virtuellen Zügel schießen lassen.

Im Kopf bleibt oft nichts als weißes Rauschen. Ratlos blikken wir auf ein Zuviel vom Immergleichen, die schier unbegrenzte Zahl der Möglichkeiten wird zur Belastung. Dabei befinden wir uns erst am Beginn einer sich überstürzenden Entwicklung von Wissen und (Medien-) Technologie.

Kommunikation erzeugt Gemeinschaft Kommunikation ist der Schlüsselbegriff in einer Gesellschaft, die sich wegentwickelt von der Produktion materieller Dinge, hin zur Erzeugung von Wissen und Dienstleistungen. Kommunikation ist nicht der bloße Austausch von Informationen. Kommunikation ist die gegenseitige Interpretation von Absichten, Verhalten und Handlungen. Mediale Verständigung ist vom (auf-)richtigen visuellen Auftritt abhängig. Wer etwas zu sagen hat, will schließlich verstanden werden. Hier ist die Disziplin der Gestaltung, das Design, gefordert.

Was uns heute vor die abgestumpften Sinne gerät, ist oft genug beleidigend: Die austauschbare Bilderflut der Werbung, visuelle Gags, die niemand braucht und die die Einbildungskraft betäuben, Design, das den Blick auf die Wirklichkeit dekorativ vernebelt, ganz im Sinne einer vordergründigen Kaufreiz-Ästhetik. Oberflächliches Design umschmeichelt willfährig den Lifestyle, das dekorative Image, in das sich das kommerzorientierte Individuum der neunziger Jahre einhüllt wie in ein schlecht sitzendes Kleidungsstück. Attribute ersetzen die Substanz.

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Gestaltung heißt Reduktion aufs Wesentliche Gestaltung, begriffen als kritische Disziplin gesellschaftlicher Verständigung, schließt die soziale Verpflichtung mit ein: Sie hat sich der unbeteiligten und gleichmacherischen Ästhetisierung des Alltags zu widersetzen. Ein verantwortungsvoller Gestalter hat für Prägnanz und Präzision mit visuellen Mitteln im Kommunikationsprozeß zu sorgen. Nicht die Erzeugung und Umsetzung von Information stellt die eigentliche Leistung des Designers dar, sondern die Reduktion, die sinnvolle Auswahl, die Organisation und Gewichtung der Information. Der Begriff Design sollte also nicht mit Styling oder Kosmetik verwechselt werden.

Das Wissen der Menschheit, so besagen vorsichtige Schätzungen, verdoppelt sich alle drei Jahre. Daß dieser ungeheure Wissenszuwachs zugänglich gemacht, bewertet und genutzt werden kann, dafür haben die Wissenschaft selbst, die Wirtschaft und die Medien zu sorgen. Design muß Verantwortung übernehmen für den Prozeß der Kommunikation. Denn neues Wissen braucht für jeden durchschaubare Ausdrucksformen. Das beinhaltet nicht nur klare, transparente Strukturierung und optimale Lesbarkeit. Design muß zur Aufnahme von relevanter Information reizen.

Gestaltung beseitigt Informationsmüll Ist Wissen nicht zugänglich, so wird es, stärker als bisher, zum Instrument der Macht. Es teilt die Gesellschaft in Wissende und Unwissende und schwächt die Gemeinschaft. Die Mittel des Mediengestalters sind Schrift, Symbole, Töne und Bilder, also Zeichen, die kulturell bedingt und allgemein verständlich sind. Um seiner Verantwortung gerecht zu werden, darf der Designer mit diesen Ressourcen nicht wuchern, im Gegenteil: Enthaltsamkeit an Mitteln und Materialien ist unerläßlich. Nur dann kann es dem Gestalter gelingen, den Blick auf Wesentliches zu lenken und Informationsmüll wegzukippen, bevor er den Adressaten behindert.

Wenn Sie heute in irgendeiner Stadt der Welt mit der Untergrundbahn fahren, werden Sie sich an einem einfachen Netzplan orientieren. Jede farbige Linie repräsentiert eine bestimmte Bahnstrecke, Markierungen zeigen Haltepunkte und Umsteigebahnhöfe. Alle Linien sind entweder waagerecht, senkrecht oder um 45 Grad geneigt: simpel, transparent, narrensicher. Harry Beck hat dieses Meisterwerk der Reduktion 1931 für das Londoner U-Bahn-Netz entwikkelt. Becks Kunstgriff bestand darin, topografische Genauigkeit und korrekte Distanzangaben zugunsten größtmöglicher Einprägsamkeit und Erfaßbarkeit zu opfern. Auf diese Weise erzeugt Design neue Bedeutung.

Die fünf Sinne und ein heller Verstand ermöglichen uns Orientierung in Umwelt, Gesellschaft und Kultur. Orientierung schafft für den einzelnen Sicherheit und für die Gesellschaft eine wünschenswerte Zukunft. Verantwortungsbewußtes Design befördert die Wahrnehmung von Wichtigem und widersetzt sich der obszönen Kreativität aufgespreizter Lifestyle-Produktionen.

Harald Stetzer / Ulrich Schendzielorz

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