Die Angst geht um - wissenschaft.de
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Die Angst geht um

Seuchen kehren zurück: Die Angst vor Aids, BSE und Ebola-Fieber hat dafür gesorgt, daß ein wahres Heer neuer Seuchen-Bücher die Buchhandlungen belagert.

Der Kampf schien gewonnen. Vor 20 Jahren sah es so aus, als hätten Impfstoffe, Antibiotika und Hygiene den ältesten Feinden der Menschheit endgültig den Garaus gemacht – daran zweifelte kaum ein Arzt oder Wissenschaftler. Sorglos wurden viele Forschungen eingestellt. Ein verhängnisvoller Irrtum, denn die Krankheitserreger waren erfindungsreicher als gedacht: Sie entwickelten Strategien, um den menschlichen Waffen zu entkommen. Außerdem tauchten neue Infektionskrankheiten auf: Aids, Ebola-Fieber und BSE. Selbst bei altbekannten Krankheiten – wie Magenentzündungen oder Rheuma – entdekken die Forscher immer wieder Viren oder Bakterien als Ursache.

Die Amerikanerin Laurie Garrett beschrieb bereits 1994 Die kommenden Plagen in ihrem 1000 Seiten-Werk. Inzwischen sind mehrere Bücher zum Thema erschienen, die entweder geraffter informieren oder ihr Buch ergänzen.

Einen guten Einstieg ins Thema bieten die beiden deutschen Wissenschaftsjournalistinnen Claudia Eberhard-Metzger und Renate Ries in Die ungebrochene Macht der Seuchen. Spannend und sachkundig führen sie durch das Pandämonium des Schreckens. Bei den wichtigsten alten und neuen Erregern, von Pest-Bakterien bis zu Magenkrebs-Bakterien, erklären sie die biologischen Erfolgstricks. Sie berichten vom jahrhundertelangen Kampf gegen die Mikroben und geben einen Ausblick in die Zukunft.

Fachspezifischer ist das Dossier: Seuchen, ein Sammelband von Artikeln aus der Zeitschrift Spektrum der Wissenschaft. Der Schwerpunkt liegt bei den neuen Seuchen: Aids, BSE, Zeckenborreliose und Ebola. Artikel über die Kulturgeschichte und Evolution der Krankheiten, sowie über Gesundheitspolitik runden die Sammlung ab.

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In Die fliegenden Leichen von Kaffa des New Yorker Journalisten Arno Karlen geht es darum, wie Mikroben und Seuchen Geschichte geschrieben haben – von der Steinzeit, über die Germanenwanderung und die Kolonialzeit bis heute. Der vom Verlag überzogen-reißerisch gewählte Titel basiert auf einer Episode aus dem Jahre 1346. Im Krimhafen Kaffa wurden damals Genueser Truppen von Tataren belagert – bis die Angreifer selbst attackiert wurden: von der Pest. Die überlebenden Tataren zogen sich zurück, katapultierten aber den Belagerten noch einige Pestleichen in die Stadt. Die Genueser flüchteten nach Hause – und nahmen die Seuche mit. Ein Viertel bis die Hälfte der europäischen Bevölkerung starb.

Während Karlen die biologischen und medizinischen Hintergründe ausgiebig beleuchtet, schreibt der Freiburger Medizin-Dozent Karl-Heinz Leven ausschließlich über Die Geschichte der Infektiologie – von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Für die Menschen der Antike galten Krankheiten als Strafe der Götter: Sie gingen nicht zum Arzt, sondern in den Tempel. Buß- und Opferrituale waren die gängige Therapie. Erst die Miasmentheorie, die Schüler des Hippokrates im antiken Griechenland postulierten, suchte eine natürliche Erklärung. Giftige Ausdünstungen des feuchten Bodens sollten die Seuchen auslösen, davon waren die Verfechter überzeugt. Diese Idee hielt sich bis ins 20. Jahrhundert. Sogar der berühmte Hygieniker Max von Pettenkofer (1818 bis 1901) glaubte, daß die gerade entdeckten Bakterien erst durch feuchte Böden infektiös würden. Obwohl die Mediziner Anfang dieses Jahrhunderts schon besser Bescheid wußten, nahmen nationalsozialistische Ärzte diese Ansicht auf. Nach ihrer „ganzheitlichen Hygiene“ sollten Slawen und Juden die natürlichen „Keimträger“ des Fleckfiebers sein. Levens Buch ist nicht für Einsteiger ins Thema gedacht, sondern eher eine tiefgründige Ergänzung für alle, die Genaueres wissen wollen.

Nur bedingt zu empfehlen ist Luc Montangniers Von Viren und Menschen. Der berühmte französische Forscher schildert darin sein Leben und seine Entdeckung des Aids-Virus. Montagnier schreibt plaudernd über seine Jugend, seine Forschungen und seinen Streit mit dem Amerikaner Robert Gallo, wer denn nun der Entdecker des HI-Viruses sei. Doch sobald es um Molekularbiologie geht, bleibt Montagnier im Wissenschaftlerjargon stecken.

Ein weiterer Minuspunkt des Buchs ist die schlechte Übersetzung. Hölzern rappelt der Text oft dahin, mit verschraubten Satzkonstruktionen und teils fehlerhafter Grammatik. Die wissenschaftlichen Erklärungen sind durch die verworrene Übersetzung oft noch schwieriger zu verstehen – und manchmal auch einfach falsch. So unterscheidet der Übersetzer nicht zwischen krebsartig und krebserregend. Fazit: Das Buch ist nur etwas für Fachleute, die Montagniers Meinung wissen wollen und die Übersetzungsfehler erkennen können.

Seuchen

Laurie Garrett Die kommenden Plagen Fischer 1996, DM 68,-

Claudia Eberhard-Metzger, Renate Ries Die ungebrochene Macht der Seuchen Birkhäuser 1996, DM 49,80

Dossier: Seuchen Spektrum der Wissenschaft Heidelberg 1997, DM 16,80

Arno Karlen Die fliegenden Leichen von Kaffa Volk und Welt 1996, DM 39,80

Karl-Heinz Leven Die Geschichte der Infektiologie ECOMED 1997, DM 58,-

Luc Montagnier Von Viren und Menschen Rowohlt 1997, DM 45,-

Thomas Willke

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