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Die Evolution der Canterbury Tales

Weil Fehler in Manuskripten ähnlich weitergegeben werden wie Mutationen im Erbgut, konnten Forscher jetzt die Verwandtschaft zwischen den Abschriften einer mittelalterlichen Geschichtensammlung ermitteln.

58 Versionen gibt es von den „Canterbury Tales“, einer berühmten englischen Geschichtensammlung. Geschrieben hat sie urprünglich Geoffrey Chaucer Ende des 14. Jahrhunderts. Da Chaucers Manuskript nicht mehr existiert und nur durch Abschriften überliefert ist, kann man sich dem Orginal nur durch Rekonstruktion nähern – ähnlich wie bei Tieren und Pflanzen aus grauer Vorzeit . Am Original interessiert die Literaturwissenschaftler zum Beispiel der Charakter der Frau von Bath, die von ihren fünf Männern erzählt.

Sie erscheint in manchen Abschriften als lebensfrohe Frau, die sinnlichen Genüssen nicht abhold ist. In anderen ist sie ein aggressives und sexbesessenes Weib. Hinter den Veränderungen muß keine Absicht stecken – die mittelalterlichen Schreiber saßen in schlecht beleuchteten Stuben und mußten mühsam die handschriftliche Vorlage studieren.

Mit allen 58 Versionen des „Prolog der Frau von Bath“ fütterten nun Biologen an der Universität Cambridge ihren Computer, mit dem sie normalerweise die evolutionären Beziehungen zwischen lebenden Organismen aufspüren. Dabei gelang es ihnen, einen Stammbaum der Texte herzuleiten.

„Es gibt recht enge Parallelen in der Art, wie sich Manuskripte und die DNA entwikkeln“, sagt Adrian Barbrook, einer der Cambridger Biologen. Der Mutationsprozeß beim Abschreiben eines Manuskripts sei dem beim Kopieren der DNA sehr ähnlich. Genau wie Mutationen in der Evolution nur dann zu dauerhaften Veränderungen führen, wenn sie zu einer besseren Anpassung des Organismus an seine Umwelt beitragen, werden Schreib- oder Lesefehler in Texten nur dann über mehrere Abschriften mitgeschleppt, wenn sie einen Sinn ergeben. Die jüngeren Abschriften enthalten die von älteren Abschriften übernommenen Fehler – und neue Fehler.

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Die Analyse der Evolutionsbiologen zeigte, welche Abschriften näher am Original sind als andere. Überraschendes Ergebnis: Gerade manche Manuskripte, die von den Gelehrten bisher vernachlässigt wurden, sind dem Original am nächsten.

Außerdem vermuten die Wissenschaftler nach der Analyse, daß Chaucer bei seinem Tod nur eine vorläufige und unvollendete Fassung der Canterbury Tales hinterlassen hat. Darin gab es im „Prolog der Frau von Bath“ wahrscheinlich 16 Zeilen, in denen die Frau als aggressiv und egoistisch geschildert wird.

Doris Marszk

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