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Die Feuerstein-Straße

Funde in Bayern und Tschechien beweisen: Es gab in der Steinzeit eine europäische Wirtschaftsgemeinschaft.

Alexander Binsteiner atmete über Wochen Staub und holte sich eine Migräne nach der anderen. An seinem temporären Arbeitsplatz lagerte der Muff von 100 Jahren, die Heizung verteilte warme Trockenluft. Binsteiner, als Geologe eher ein Freiluftforscher, wühlte sich durch die Pappkartons und Registerbücher im Arsenal des Regensburger Museums für Archäologie. Hier sind die Scherben und Feuersteinstücke numeriert, lokalisiert, katalogisiert und archiviert, die bayerische Hobbyarchäologen in diesem Jahrhundert an Donau und Regen gesammelt und abgeliefert haben. Und hier rekonstruierte Binsteiner jetzt den ältesten Handelsweg Europas: die Feuersteinstraße – 220 Kilometer von Regensburg nach Prag. Damit fügte er ein entscheidendes Steinchen ins neolithische Puzzle einer europäischen Wirtschaftsgemeinschaft vor 7000 Jahren. Dreh- und Schwerpunkt war der Ruhrpott der Steinzeit im Donauknick südwestlich von Regensburg: In Arnhofen wurde seit dem 6. Jahrtausend v. Chr. Feuerstein der Extraklasse abgebaut, weiterverarbeitet und exportiert. In rund 20000 bis zu acht Meter tiefen Schächten wurde der begehrte Stein gebrochen. Arnhofen ist damit der größte Feuersteinbergbau Europas. Um ihn herum entwickelte sich eine ganze Steinzeit-Industrie. Deren Produkte vertrieb ein ausgefeilter Fernhandel entlang der Donau nach Osten in Richtung Ungarn und nach Westen bis zum Bodensee. Und nun der Beleg für die Handelsroute auch nach Norden: Binsteiner und sein archäologischer Mitstreiter Dr. Bernd Engelhardt vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege hatten die verstaubten Zeugen aus dem Museumsarchiv gesichtet und die unverkennbaren Feuersteinstücke aus Arnhofen samt Fundortbeschreibung aussortiert. Keramikscherben vom gleichen Fundort mit den typischen Mustern der sogenannten Linienband- und Stichbandkeramiker steckten den Zeitrahmen ab.

Bei Fahrten durch das Regental konnte Binsteiner 50 Raststätten der vorgeschichtlichen Kaufleute dingfest machen, die stets an einem Ort mit Wasser lagen. Die Handlungsreisenden der Steinzeit hatten hier während der Rast an ihren Feuersteinrohlingen gearbeitet und in einem Fall den Steinmüll zusammen mit zufällig zerbrochenen Keramikgefäßen liegen lassen. 7000 Jahre später sammelten bayerische Archäologie-Fans die verstreuten Zeugen der Vergangenheit auf und lieferten sie für einen langen Museumsschlaf ab, bis sie Feuerstein-Experte Binsteiner jetzt zum Reden brachte und ins Handelsnetz der Steinzeit einpaßte. In den fruchtbaren Lößlandschaften des Prager und Pilsener Beckens endeten zwei weitere steinzeitliche Fernhandelsstrekken. Auch hier weist der Feuerstein – der Stahl der Steinzeit – zwar nicht den Weg, aber die Herkunft: Die Linienbandkeramiker und ihre Nachfahren, die Stichbandkeramiker, bezogen zum einen Material und Fertigprodukte aus Polens schokoladenbraunen Flintvorkommen. Zum anderen lieferte das Geröll der Eiszeit-Endmoränen in Sachsen den baltischen Feuerstein für Böhmen und Mähren. 1000 Jahre später mischte auch Italien im mitteleuropäischen Handel mit: Seit Ötzi ist klar, daß die Alpen kein Hindernis für den internationalen Handel des Neolithikums waren. Das Feuersteinmesser des Eismannes und andere – durch den Ötzi-Fund nun datierbare – Museumsstücke wiesen auf die Südseite der Alpen. Binsteiner fand 1994 die Bergwerke dazu in den Lessinischen Alpen bei Verona. Schlagartig waren nun neben Norditalien auch Süddeutschland, die Schweiz und Ostfrankreich in die steinzeitliche Wirtschaftsgemeinschaft einbezogen. Vom 6. bis zum 3. Jahrtausend überzog ein dichtmaschiges Handelsnetz Mitteleuropa. Wie die Verbindungen in die umliegenden Gebiete – nach Norden und Osten – in der Steinzeit aussahen, „wissen wir noch nicht“, bedauert Binsteiner. Er hofft, daß die Handelskarte durch weitere wissenschaftliche Wanderungen auf seiner Feuersteinroute komplett wird. Die Karte könnte sehr groß werden: Die Zeugnisse der ältesten Bauernkulturen Europas – etwa ihre 55 Meter langen Häuser und ihre kultischen Kreisgrabenanlagen à la Stonehenge – reichen bis in die Ukraine.

Michael Zick

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♦ Hy|dro|chi|non  〈[–çi–] n. 11; unz.; Chem.〉 zweiwertiges Phenolderivat, durch Reduktion von p–Chinon aus Anilin hergestellt, stark reduzierende Verbindung, wichtige fotograf. Entwicklersubstanz [<grch. hydor ... mehr

Ba|ja|do  〈[–xa–] m. 6; Geogr.〉 Trockenfluss im Mittelmeergebiet, der aufgrund seiner tendenziell flachen Schottersohle im Sommer meist vollständig ausdörrt; →a. Torrente ... mehr

Or|gan|trans|plan|ta|ti|on  〈f. 20; Med.〉 = Organverpflanzung

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