Die Schönen von Thera - wissenschaft.de
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Die Schönen von Thera

Die phantastischen Gemälde auf Santorin als Wegweiser in die Bronzezeit. Vor über 3500 Jahren ging die Mittelmeerinsel unter. Die Restaurierung ihrer Wandbilder beleuchtet den Austausch von Waren und Wissen zwischen Morgen- und Abendland.

Untergang in Etappen

Der letzte, der große Knall zerriß die Insel in drei Teile, das Herzstück versank im Mittelmeer. Die Katastrophe von Thera – heute Santorin – beendete vor über 3500 Jahren eine Kultur, die den vehementen Verfechtern einer kretisch- minoischen Ära noch Schwierigkeiten bereiten wird. Waren die Leute von Thera die Wegbereiter im östlichen Mittelmeer der Bronzezeit?

Dem Atlantis-ähnlichen Untergang waren mehrere Eruptionen des inseleigenen Vulkans vorausgegangen, dessen Zerstörungen von den Bewohnern jedoch wieder behoben wurden. Der letzte Angriff der ungebärdigen Natur hatte sich offenbar rechtzeitig angekündigt: Die Bewohner verließen den Hauptort Akrotiri ohne Panik, sie nahmen ihre Wertsachen und Metallwerkzeuge mit und stellten die Vorratsgefäße unter die steinernen Türstürze, damit sie beim Einbruch der Holzdecken nicht zerstört würden. Die Archäologen haben bis heute kein Skelett eines Verunglückten in den Trümmern gefunden.

Insofern stimmt der gern gebrauchte Vergleich zu Pompeji und Herculaneum nicht. Aber sonst werden die Parallelen noch übertroffen – bis zu 30 Meter türmen sich Bimsstein, Asche und Basalt aus den Vulkan-Explosionen über den Zeugnissen einer überragenden Gemeinschaft. Und: Die Bewohner von Thera haben mit ihren einmaligen Wandgemälden einen Schatz hinterlassen, der die römischen Mosaiken in den Schatten stellt – von den spärlichen kretisch-minoischen Gemälden ganz zu schweigen. Die Restauratoren öffnen uns die Tür.

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Von wo kommt die Kunst?

„Die künstlerische Tradition auf der Insel Thera entstand nicht aus dem Nichts“, schreibt Christos Doumas, der Ausgräber von Akrotiri, in dem opulenten Bildband „Die Wandmalereien von Thera“ (siehe Buchbesprechungen 6/1997). Er mißt Thera damit eine wichtige Rolle in der immer noch rätselhaften Kykladen-Kultur zu, deren Inselwelt – lange vor Kreta – die ältesten Kunstwerke in der Ägäis hervorbrachte.

Wie die Künstler auf Kreta verwendeten die Thera-Meister mineralische Farbstoffe. Trotz der schmalen Farbskala von schwarz, weiß, rot, blau und ocker konnten sie ihre ganze Welt, inklusive Alltag, einfangen. Gemalt wurde auf einer dünnen Gipsschicht, die mit Leimgips, Schlamm und Stroh auf dem Mauerwerk der bis zu drei Stockwerken hohen Häuser fixiert war.

Schönheit und Macht

Liebe zum Detail und der Hang zu Großkompositionen finden sich in den Thera-Wandgemälden dicht beieinander, wie der Ausschnitt aus den „Safranpflückerinnen“ oben und das umseitige Panoramabild der Schiffsparade zeigen. Bei dem anmutigen Mädchen mit dem „ägyptischen“ Auge, ziselierten die Bronzezeit-Künstler akribisch Stirnlocke, Glöckchenschmuck und Ohrring.

Sichtlich mit Stolz wird auf dem 4,9 Meter langen, aber nur 43 Zentimeter hohen Fries wahrscheinlich die heimische Flotte dargestellt – eine unschätzbare Informationsquelle für Altertumsforscher und ein Beweis für den vertrauten Umgang mit der Seefahrt. Neben der Freude am Schönen ist dieses Gemälde natürlich auch ein Stück Machtdarstellung einer selbstbewußten Gesellschaft.

Aus Tausenden von Bruchstücken, mit Geduld, Kunstfertigkeit und großer Erfahrung haben die Restauratoren hier die Welt vor 3500 Jahren in packender Lebendigkeit wiedererstehen lassen. Auf Thera hatten sie das Glück, daß eine große Zahl von Fresken-Fragmenten in den verschütteten Häusern geborgen wurde. In chirurgischer Feinarbeit konnten sie aussagekräftige Bilder zusammenfügen – ohne viele, stets fragwürdige, eigene zeichnerische Zusätze.

Mittler zwischen den Kulturen?

Es war ein Glücksfall, daß die griechischen Ausgräber 1967 in Akrotiri gleich auf ein wohlhabendes Stadtviertel mit gepflasterten Straßen und mehrstockigen Häusern stießen. Die Ausgrabungen werden noch Generationen beschäftigen. Doch schon jetzt gibt es genug Material für Erkenntnis und Interpretationen.

Die Häuser besaßen Bad und Toilette, ein Kanalsystem sorgte für Hygiene. Das Kellergeschoß diente als Lager für Lebensmittel, Stockfisch, Oliven, Wein und Öl, Ställe gab es nicht.

In jedem Haus wurde gearbeitet: Textilherstellung und fabrikmäßige Keramikproduktion standen obenan. Seefahrt und Handel waren wohl die Grundlage für den immensen Reichtum der Inselbewohner. Ihre geistige Beweglichkeit bewiesen die „Theraner“ mit der Übernahme fremder Ideen und Sitten. So gelten die figürlichen Wanddekorationen oft als Erfindung des Orients (Ägypten, Syrien) – von den Kretern in die Ägäis gebracht. Thera-Ausgräber Christos Doumas zweifelt das an. Dagegen sei der Seehandel der Kykladen mit dem Vorderen Orient sicher belegt. Doumas hält für „nicht unwahrscheinlich, daß die Kykladen, wenn nicht gar Thera selbst, die Vermittlung zwischen Morgenland und Abendland einleiteten“.

Michael Zick

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