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Allgemein

Die Stunde Null mit Reißverschluß

Alles was gedacht werden kann, wird auch einmal gedacht. Aber muß alles, was geschrieben wird, auch veröffentlicht werden?

Der 11. September 1998 wird in die Geschichte eingehen als die Stunde Null des Internets. An diesem Tag beschloß der amerikanische Kongreß, den Bericht des Sonderermittlers Kenneth Starr in vollem Wortlaut ins World Wide Web (WWW) zu stellen. Millionen lasen erregt pikante Details aus dem Intimleben des amerikanischen Präsidenten. Einer der wichtigsten Männer der Welt stand am Pranger – bloßgestellt, lächerlich gemacht, beschädigt in seiner Würde als Mensch und als Präsident der Vereinigten Staaten.

Wer noch an der Macht des neuen Mediums Internet gezweifelt hat – seit diesem Tag bedarf es keines Beweises mehr. Es ist keine Ironie der Geschichte, sondern eher weise Vorahnung, daß zu dem Zeitpunkt die deutsche Eduard-Rhein-Stiftung bereits Tim Berners-Lee, den Erfinder des World-Wide-Web, eingeladen hatte, den höchstdotierten Technik-Preis entgegenzunehmen. Innerhalb von acht Jahren hat seine Idee die Welt verändert. Daß diese Welt nun Probleme hat, damit zurechtzukommen, zeigt, wie wichtig seine Erfindung ist.

Die Lektüre von intimen Abenteuern des Bill Clinton im Internet wirft ein Schlaglicht auf den Zustand unserer Rechtskultur. In Deutschland ist es aus gutem Grund verboten, aus Anklageschriften öffentlich zu zitieren. In den USA wird äußerste Sorgfalt auf unvoreingenommene Geschworene gelegt. Hier aber wird eine Anklage zur schlüpfrigen Lektüre von Millionen, ohne daß der Betroffene Gelegenheit hat, angemessen Stellung zu nehmen.

Wahrscheinlich hatte der US-Kongreß sogar recht, den Starr-Bericht so schnell ins Internet zu stellen – sonst hätte es ein anonymer Intrigant oder ein profilsüchtiger Abgeordneter getan.

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Begleiten Sie mich, lieber Leser, bei einem Rollenspiel: Wie würden Sie sich fühlen, wenn Ihre Freunde im Internet lesen, wo Sie den Reißverschluß Ihrer Hose öffnen oder zu wem Sie ohne Unterwäsche gehen? Wären Sie nicht empört, wenn Ihnen im Internet skrupelloses Geschäftsgebaren unterstellt würde? Was würde geschehen, wenn auf allen Bildschirmen die scheinbar seriöse Nachricht flimmerte, Sie selbst oder Ihr Arbeitgeber sei pleite? Damit müssen Sie im Internet rechnen. Hier kann sich jedermann ein weltweites Publikum verschaffen: Mit DM 9,90 im Monat sind auch Sie dabei.

Wofür ich plädiere? Nicht für die Abschaffung des Internet oder für eine strenge Regulierung. Was wir brauchen, ist eine Stärkung der Rechte des einzelnen. Wenn der einzelne größere Möglichkeiten hat, öffentlich wirksam zu werden, braucht er auch besseren Schutz vor bösartigen Publikationen. Dabei geht es um Urheberrecht ebenso wie um den Schutz der Persönlichkeit, um die Pflicht zur Verifizierung und um die Chance, Verleumder dingfest zu machen.

Wenn heute Politikern zum Internet lediglich Schweinkram einfällt, dann beweisen sie, daß sie nichts von der Revolution des Tim Berners-Lee verstanden haben. Das ist, als wollten sie Telefon und Automobil verbieten, wird doch kaum ein Verbrechen ohne ihre Hilfe begangen. Oder aber, sie handeln nach dem Prinzip der Schlagzeile: Sich auf-regen, um die Zuhörer zu er-regen. Dann müssen wir wohl wirklich damit rechnen, daß sich böswillige Nachbarn bald öffentlich mit dem Reißverschluß unserer Kleidung beschäftigen.

Reiner Korbmann

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