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Allgemein

Die überschätzte Seuche

Der Ebola-Virus ist gefährlich – doch das von den Medien prophezeite Massensterben blieb aus.

9. April 1995: Ein 39 Jahre alter medizinisch-technischer Assistent wird im Hopital Numéro 2 de Kikwit aufgenommen. Verdacht: Bauchfellentzündung. Am 10. April verlegt man ihn für eine Operation in das Zentralkrankenhaus der zairischen Stadt, wenig später stirbt der Patient. Einige Tage nach dem Eingriff erkranken zwei OP-Schwestern an den gleichen Symptomen: hohes Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen, später schwere Schleimhautblutungen. Auch zwei Anästhesieschwestern, die während der Operation anwesend waren, erkranken. Innerhalb weniger Tage trifft es zwei Drittel der Mitarbeiter des Hospitals, in einer dritten Welle die Familienangehörigen. In einer Blutprobe, die vier Wochen nach Auftreten des ersten Falles, in die US-Seuchenkontrollbehörde geschickt wird, entdecken die Wissenschaftler den Verursacher: einen ultrakleinen, fadenförmigen Virus. Bis Juni 1995 erkranken insgesamt 315 Menschen, 244 sterben qualvoll an inneren und äußeren Blutungen. Der Name der tödlichen Mikrobe – „Ebola-Virus“, benannt nach einem kleinen Fluß in Zaire – geht um die Welt und versetzt die Menschen in Hysterie.

Schon wenige Monate vor dem Ebola-Desaster hatte eine altbekannte Menschheitsgeißel, die Pest, die in der westindischen Stadt Surat aufflammte, weltweit Angst und Schrecken ausgelöst. Die Vorliebe der Medien für sensationelle Nachrichten stilisieren selbst tragische Einzelfälle zur drohenden Apokalypse – etwa bei dem deutschen Kameramann, der im Sommer 1999 von einer Reise an die Elfenbeinküste mit Fieber, Erbrechen und Durchfall zurückkam. Den Verdacht auf eine Infektion mit dem Ebola- oder seinem nahen Verwandten, dem Marburg-Virus, verbreiteten deutsche Massenblätter ebenso begierig wie das Schicksal von über 70 Arbeitern in einer Goldmine im Kongo, die am Marburg- Virus – gegen den es keine Impfung gibt – im Septemer 1999 starben. Der deutsche Kameramann starb in der Isolierabteilung des Virchow-Krankenhauses der Charité Berlin – allerdings nicht an Ebola, sondern an Gelbfieber, weil der Mann fahrlässigerweise auf eine Gelbfieberimpfung verzichtet hatte. Die entsetzten Reaktionen, sei es auf die Pest oder auf geheimnisvolle Viren aus dem Regenwald, zeigen, daß die Furcht des Menschen vor der unsichtbaren Bedrohung durch Mikroben tief verwurzelt ist. Trotzdem sind die meisten schweren Infektionskrankheiten in den reichen Ländern nur traumatische Erinnerungen. Für viele andere Nationen sind Seuchen jedoch eine unverändert große Gefahr. Von Mikroben verursachte Erkrankungen belegen nach wie vor konkurrenzlos den ersten Platz der Weltrangliste der Todesursachen.

Ihre Opfer finden sie jedoch zumeist nicht da, wo sich die Leute am meisten darüber aufregen, sondern dort, wo die Armut am größten ist. Alljährlich gehen allein etwa acht Millionen Kinder unter fünf Jahren an infektiösem Durchfall und Atemwegserkrankungen zugrunde – was kaum zur Kenntnis genommen wird. Auch daß Aids in Afrika südlich der Sahara mittlerweile Kriege und Malaria als Todesursache Nummer eins abgelöst hat, daß dort nunmehr 34 Millionen Menschen infiziert und über zwölf Millionen – davon ein Viertel Kinder – bereits an Aids gestorben sind, interessiert Medien und Menschen hierzulande nur noch am Rande. Mehr Aufmerksamkeit wird sicher einem der nächsten Ausbrüche von Ebola & Co zuteil werden – ein schauriges Ereignis, das im sterilen Sicherheitsabstand zum Fernsehbildschirm scheinbar hautnah mitverfolgt werden kann.

Claudia Eberhard-Metzger

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