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Allgemein

Die Welt im Kopf

In der Dunkelkammer des Geistes. Über den Zusammenhang zwischen Gehirn und Bewußtsein rätseln Menschen seit Jahrhunderten. Erst allmählich beginnen Neurowissenschaftler, Psychologen und Philosophen den Schleier zu lüften. Am Buchmarkt hat ihr Forschungszweig bereits Hochkonjunktur.

Zu verstehen, wie die bunte Welt unseres Bewußtseins aus 1,5 Kilogramm grauer Hirnmasse entsteht, ist eine der schwierigsten Fragen der Wissenschaft und Philosophie überhaupt. Seit Jahrhunderten hat sie Philosophen beschäftigt, doch in der Neurobiologie und Psychologie wurde sie noch vor kurzem eher stirnrunzelnd und skeptisch betrachtet.

Inzwischen ist die Biopsychologie lehrbuchreif geworden, wie John P. Pinel von der State University of British Columbia im kanadischen Vancouver mit seinem großformatigen und didaktisch vorzüglich aufbereiteten 550-Seiten-Band beweist, der nicht nur Studenten einen großen Gewinn verspricht.

Der Weg zu einer wissenschaftlichen Fundierung der Grundlagen unserer geistigen Fähigkeiten war weit und steinig. Der Berliner Wissenschaftshistoriker Michael Hagner hat den „Wandel vom Seelenorgan zum Gehirn“ des Homo cerebralis ausführlich beschrieben: eine fachkundige Geschichte von der Entwicklung der Hirnforschung vom 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts und von den Veränderungen unseres Selbstverständnisses, das damit einherging. Im Rückblick auf manche abstruse Theorie wird auch deutlich, wie vorläufig unsere heutigen Erkenntnisse sind und wie sehr bestimmte Vorstellungen den Gang der Wissenschaft prägen können.Das öffentliche Interesse war den Hirnforschern jedenfalls schon früh sicher.

So berichtet Hagner von Joseph Gall, der als erster konsequent, wenn auch aus heutiger Sicht völlig überzogen, geistige Fähigkeiten mit bestimmten Hirnregionen (und sogar Schädelmerkmalen) zu korrelieren versuchte: „Die Vorlesungen, für die Eintritt verlangt wurde, waren ein Spektakel, bei dem Gall Gehirne sezierte, Schädelknochen und Wachsmodelle von Gehirnen vorführte und die Köpfe anwesender Zuschauer abtastete.“

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Ausgehend von der Frage Wie kommt die Welt in den Kopf? geben die Wissenschaftsjournalisten Ulrich Schnabel und Andreas Sentker einen fesselnden Überblick über die aktuellen Forschungsvorhaben und Kontroversen der Neurowissenschaftler, Psychologen und Philosophen, die an einer „Theorie des Geistes“ arbeiten. Das Buch liest sich spannender als mancher Abenteuerroman.

Dasselbe gilt für die von Reinhard Werth beschriebenen Hirnwelten. Stark von seinen persönlichen Erfahrungen geprägt, schildert der Neuropsychologe an der Universität München die oft beklemmende Welt der Hirnforscher und der Subjekte ihrer Studien und ärztlichen Obhut. Er berichtet von dem grausamen Alltag der Tierexperimente und den Folgen von Schlaganfällen und Hirntumoren, von Kindern ohne Großhirn und von hirngeschädigten Alkoholikern im Endstadium, von „Blindsight“ (unbewußtem Sehen) und der Psychobiologie von Verbrechern, aber auch von Philosophie, Obdachlosigkeit und fremden Ländern. Ein Buch, das mit vielen Aspekten der Realität konfrontiert, die durch wissenschaftliche Veröffentlichungen in der Regel nicht durchscheint.

Einen anderen, leicht lesbaren thematischen Rundumschlag von der Positronen-Emissionstomographie bis zur Parapsychologie hat der britische Psychologe und Journalist David Cohen verfaßt. Ob er Die geheime Sprache von Geist, Verstand und Bewußtsein kennt, und ob es so etwas überhaupt gibt, verrät er allerdings nicht. Sein schön illustriertes Buch ist ein Potpourri, das Leser ohne Vorkenntnisse mitunter auf Abwege bringt und die Fakten teilweise verzerrt.

Wie das Gehirn denkt will auch William Calvin, Neurophysiologe an der University of Washington in Seattle, erklären, und gleich dazu noch die Evolution der menschlichen Intelligenz. Der Leser kommt zwar manchmal ins Staunen, doch oft sind Calvins Überlegungen noch ziemlich spekulativ und vage. Entwicklungsfähig ist seine These von der Wirkungsweise darwinistischer Prinzipien sowohl bei der selbstorganisierten Entstehung von Entscheidungen und Ideen als auch bei denen ihnen zugrundeliegenden neuronalen Vorgängen.

Aus einem anderen Blickwinkel, aber ebenfalls mit Hilfe von Selbstorganisationstheorien, insbesondere der Synergetik, versucht Dietmar Hansch, Mediziner an der Berliner Humboldt-Universität, Ansätze zu einer Psychosynergetik zu entwickeln.

Noch einen Schritt weiter geht Daniel Dennett, Professor an der Tufts University in Massachusetts und einer der bekanntesten Philosophen unserer Zeit. Er zeigt, wie Darwins gefährliches Erbe nicht nur die Entstehung der Arten erklären kann, sondern auch den menschlichen Geist in die Natur integriert und sogar die Entwicklung von Vielfalt in Gesellschaft, Wissenschaft und Technik verständlich macht – ein geistreiches Buch, gewürzt mit scharfsinnigen Pointen.

Hirnforschung, Evolution und Menschenbild aus naturphilosophischer Perspektive behandelt auch Alfred Gierer vom Tübinger Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie. Er betont die Grenzen unserer Erkenntnis und meint: Im Spiegel der Natur erkennen wir uns selbst.

Ins neuronale Netz der Gefühle hat sich Joseph LeDoux begeben. Der Neurowissenschaftler an der New York University unterscheidet zwischen Gefühlen und Emotionen. Gefühle sind im Gehirn gleichsam fest verdrahtet und werden so schnell aktiviert, daß das Bewußtsein für sie keine Rolle spielt.

Maßgeblich dafür sind Strukturen unterhalb der Großhirnrinde, insbesondere ein Schaltkreis, der von den Sinnesorganen über den Thalamus zur Amygdala (Mandelkern) führt, die zum Beispiel maßgeblich bei der Entstehung von Furcht beteiligt ist. Bei Emotionen hingegen wird auch die Großhirnrinde einbezogen. LeDoux behandelt sein Thema von einzelnen Molekülen bis hin zum emotionalen Gedächtnis und psychischen Krankheiten. Die emotionalen Grundlagen des Denkens betont seit Jahren auch Luc Ciompi. In seinem neuen Buch bringt er allerdings nicht viel Neues. Im Gegenteil: Mit einigem Wortgeklingel und dem fragwürdigen Versprechen des Entwurfs einer „fraktalen Affektlogik“ rückt er die wichtige Einsicht, daß das hehre Ideal einer „reinen Vernunft“ weder realistisch noch wünschenswert oder überlebenstauglich ist, in zwielichtige Gefilde.

Das Miteinander von Verstand und Gefühl kann entgleisen. Physiologische Störungen des Gehirns haben mitunter drastische Stimmungs- und Verhaltensänderungen zur Folge, die sich mit psychologischen Methoden allein nicht verstehen lassen. Das zeigt Jeffrey M. Schwartz von der University of California in Los Angeles am Beispiel aberwitziger Zwangshandlungen. Die Patienten werden von einer außer Kontrolle geratenen inneren Alarmglocke gegen ihren Willen gezwungen, sich andauernd die Hände zu waschen oder sich beklemmend zu fragen, ob sie die Haustüre auch wirklich fest hinter sich zugeschlossen haben.

Von solchen Beispielen ist es kein großer Schritt mehr zu der Überlegung, inwieweit alle unsere Handlungen und Absichten determiniert sind. Tatsächlich kann eine Neurophilosophie der Willensfreiheit, die Henrik Walter von der psychiatrischen Universitätsklinik Ulm skizziert, verständlich machen, worin unsere Autonomie besteht und welche Grenzen uns die Natur auferlegt. Dabei müssen antiquierte Vorstellungen revidiert werden: „Willensfreiheit in dem Sinne, daß wir unter identischen Umständen auch anders handeln oder entscheiden könnten, zugleich verständlich aus Gründen handeln und dabei Erstauslöser unserer Handlungen sind, ist eine Illusion.“

Wer jedoch glaubt, die Hirnforschung würde philosophische Fragen erledigen, ist im Irrtum. Neurowissenschaft und Philosophie sind vielmehr aufeinander angewiesen und können sich mitunter sogar kritisch befruchten. Viel Stoff zum Nachdenken bietet hierzu die anspruchsvolle Aufsatzsammlung Bewußtsein und Repräsentation, die geradewegs an die Front der zeitgenössischen Erkundung des altehrwürdigen Leib-Seele-Problems führt. Fragt sich nur, ob unser Gehirn komplex genug ist, um seine eigene Komplexität zu begreifen.

Gehirn

John P. J. Pinel Biopsychologie Spektrum Akademischer Verlag 1997, DM 138,-

Michael Hagner Homo cerebralisv Berlin Verlag 1997, DM 48,-

U. Schnabel, A. Sentker Wie kommt die Weltin den Kopf? Rowohlt 1998, DM 16,90

David Cohen Die geheime Sprache von Geist, Verstand und Bewußtsein Hugendubel 1997, DM 39,80

William H. Calvin Wie das Gehirn denkt Spektrum Akademischer Verlag 1998, DM 39,80

Dietmar Hansch Psychosynergetik Westdeutscher Verlag 1997, DM 72,-

Daniel C. Dennett Darwins gefährliches Erbe Hoffmann und Campe 1997, DM 78,-

Reinhard Werth Hirnwelten C.H. Beck 1998, DM 38,-

Alfred Gierer Im Spiegel der Natur erkennen wir uns selbst Rowohlt 1998, DM 39,80

Joseph LeDoux Das Netz der Gefühle Carl Hanser 1998, DM 49,80

Luc Ciompi Die emotionalen Grundlagen des Denkens Vandenhoeck 1997, DM 58,-

Schwartz, Beyette Zwangshandlungen Krüger 1997, DM 32,-

Henrik Walter Neurophilosophie der Willensfreiheit Schöningh 1998, DM 78,-

Frank Esken, Heinz-Dieter Heckmann (Hrsg.) Bewußtsein und Repräsentation Schöningh 1998, DM 88,-

Rüdiger Vaas

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