Die wilden Jahre unserer Galaxis - wissenschaft.de
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Die wilden Jahre unserer Galaxis

Hinter dem sanft schimmernden Band am Nachthimmel verbirgt sich ein gefräßiger Riese, der andere Sterneninseln zerreißt und verschluckt. Diesem Kannibalismus verdankt die Galaxis ihre Existenz.

Die sterne vom Himmel herunterholen würde Andreas Burkert sehr gerne. Gerade schreibt er an einer Fachpublikation, die neue Maßstäbe setzen wird bei der Beantwortung einer der wichtigsten Fragen nicht nur in der Astronomie, sondern für unser naturwissenschaftliches Weltbild insgesamt: Wie sind die Galaxien einst entstanden? Insbesondere: Wie bildete sich unsere eigene Galaxis, die Milchstraße?

Doch die alltägliche Wirklichkeit zwingt den 41jährigen Astrophysiker in seinem Büro, hoch über Heidelberg auf dem „ Königstuhl“ gelegen, auf den harten Boden der irdischen Tatsachen. Kaum aus den USA von einem erfolgreichen Treffen mit Kollegen aus aller Welt zurückgekehrt, muß Burkert sich schon wieder mit profanen Dingen auseinandersetzen: Verwaltung und Finanzen. Dabei ist sein Team am Max-Planck-Institut für Astronomie in Heidelberg noch relativ gut ausgestattet. „Doch die Zeiten sind vorbei, in denen Theoretiker nur Papier und Bleistift benötigten. Hochleistungsrechner sind heute unverzichtbar“, seufzt Burkert und schaut aus dem Fenster. Draußen regnet es in Strömen, und dichte Nebelschwaden tauchen den Wald direkt vor dem Institut in einen milchigen Dunst. Doch auf das Wetter ist Burkert glücklicherweise nicht angewiesen: Er läßt im Computer die Sterne tanzen. Und das tun sie ausschweifend, streben auseinander, kehren in engen Kurven zurück und wirbeln auf rosettenförmigen Bahnen umher. Wie ein Bienenschwarm zieht sich die bunte Punktwolke auf Burkerts Bildschirm in die Länge und stürzt anderswo wieder zusammen. Was für einen Laien wie ein burleskes Spiel aussieht, ist für den Astrophysiker ein Schlüssel zum Verständnis unserer Existenz: So ungefähr entstand vor Jahrmilliarden die Milchstraße, unsere kosmische Heimat.

„Unsere Vorstellung von der Galaxienbildung ändert sich momentan gewaltig“, meint Burkert. „Lange wurde sie viel zu isoliert betrachtet. Wir können diese Vorgänge aber nur verstehen, wenn wir sie vor dem Hintergrund der Kosmologie erforschen.“ Ausgangspunkt ist die fast gleichförmige Verteilung von Wasserstoff und Helium kurz nach dem Urknall vor etwa 13 bis 14 Milliarden Jahren. Aus diesem homogenen Gemisch hatten sich – das beweisen Fotos weit entfernter Himmelsregionen – bereits binnen ein bis zwei Milliarden Jahren klumpige Strukturen gebildet: die Protogalaxien.

Doch die Dichteschwankungen im Urgas waren viel zu winzig, als daß die Schwerkraft in dieser kosmisch kurzen Zeitspanne ihr gestaltendes Werk hätte vollbringen können. Allerdings ist die leuchtende Materie im Universum (Gas, Staub und Sterne) gleichsam nur die Spitze eines viel massiveren Eisbergs. Über 90 Prozent der Gesamtmasse besteht aus einem noch völlig rätselhaften unsichtbaren Stoff – vermutlich aus bislang unbekannten Elementarteilchen, die der elektromagnetischen Wechselwirkung nicht unterliegen. Und diese ominöse Dunkle Materie, die sich noch heute durch ihre Schwerkraft bemerkbar macht, zum Beispiel bei den Rotationsgeschwindigkeiten der Milchstraße, war der „ Kondensationskeim“ für die Galaxienbildung. In Burkerts Computersimulationen spielt diese dunkle Seite der Welt eine entscheidende Rolle. Doch sie ist nicht die Lösung, sondern der Ausgangspunkt des Rätsels um die galaktische Genesis. Inzwischen haben sich die Beobachtungsdaten und theoretischen Erklärungsversuche zu einem verwirrenden, nur noch schwer zu durchschauenden Dschungel verdichtet. Burkerts Forschungen ist es zu verdanken, daß sich in diesem Gewirr aus widersprüchlichen Ansätzen und Befunden eine Schneise öffnet. Freilich: So einfach wie in der guten alten Zeit der Galaxienforschung wird es nie mehr sein.

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Im Jahr 1962 entwickelten Olin J. Eggen, Donald Lynden-Bell und Allan R. Sandage eine Hypothese, die – nach den Anfangsbuchstaben ihrer Namen – als ELS-Modell berühmt wurde. Danach bildete sich die Milchstraße aus dem raschen Kollaps einer nahezu homogenen, langsam rotierenden Gaswolke. Diese anfangs kugelförmige, vielleicht 300000 Lichtjahre große Protogalaxie sollte sich innerhalb weniger 100 Millionen Jahre unter dem Einfluß ihrer Gravitation zusammengezogen und abgeflacht haben. Dabei nahm ihre Rotationsgeschwindigkeit aufgrund der Drehimpulserhaltung zu. Die Protogalaxis bestand fast nur aus Wasserstoff und Helium – die schwereren Elemente wurden erst in späteren Sterngenerationen erzeugt.

Das ELS-Modell hatte zwei Jahrzehnte lang nahezu unangefochten Bestand. Allmählich zeigten die Beobachtungen jedoch, daß die Milchstraße so einfach nicht entstanden sein konnte: Die Dunkle Materie blieb im ELS-Modell völlig unberücksichtigt. Viele alte Sterne und Sternhaufen im Halo, der die galaktische Scheibe sphärisch einhüllt, bewegen sich gegensinnig zur Rotation der Milchstraße. Die Protogalaxis muß also klumpiger und turbulenter gewesen sein als angenommen, oder sie hat zusätzliche Materie eingefangen. Im ELS-Modell bildet sich die galaktische Scheibe erst nach dem Halo, der als ein Relikt der Protogalaxis betrachtet wird. Doch es gibt auch sehr alte Scheibensterne wie den Roten Riesen Arktur, der vor rund zehn Milliarden Jahren entstanden sein dürfte, und zahlreiche Weiße Zwerge ähnlichen Alters. Sowohl in der Scheibe als auch im Halo wurden Kugelsternhaufen entdeckt, die jünger sind als von ELS angenommen – sie können also nicht alle Relikte aus der galaktischen Urzeit sein. Computersimulationen zufolge ist der homogene Kollaps des ELS-Modells unrealistisch: Dichtere Zentralbereiche stürzen rascher zusammen als die äußeren Regionen der Gaswolke. Die Bildung der Milchstraße hat wahrscheinlich länger gedauert. Denn Sternwinde, Supernovae und die vom Galaktischen Zentrum freigesetzte Energie machen die Entstehung wesentlich komplizierter. Beobachtungen des Hubble-Weltraumteleskops weit entfernter und somit alter Bereiche des Universums zeigten, daß es bei der damaligen Galaxienentstehung häufig zur Kollision von Protogalaxien gekommen ist. Auch später noch prallten Galaxien immer wieder zusammen (bild der wissenschaft 4/1998, „Der galaktische Crash“). Diese Schwierigkeiten des ELS-Modells führten zu einer neuen Hypothese der galaktischen Genesis. Die Grundzüge dafür entwickelten Leonard Searle und Robert J. Zinn 1978. Ihrem SZ-Modell zufolge entstand die Milchstraße nicht aus einer homogenen, sternlosen Urwolke, sondern aus der Verschmelzung mehrerer irregulär verstreuter masseärmerer Wolken, in denen es schon Sterne gab. Dabei trennten sich Gas und Sterne voneinander. Die Sterne kreisen heute hauptsächlich im Halo, die Gasmassen kollidierten und verdichteten sich im Verlauf von einigen Milliarden Jahren zur galaktischen Scheibe, wo dann neue Sterne entstanden. Doch auch das SZ-Modell geriet alsbald in Schwierigkeiten: Es kann nicht erklären, wie Halo und Scheibe miteinander in Beziehung stehen. Denn was Searle und Zinn noch nicht wußten: Der sichtbare Halo rotiert viel zu langsam, um ein Vorläufer für die galaktische Scheibe zu sein. Die beobachtete Verteilung der chemischen Elemente in Halo und Scheibe legt aber nahe, daß die Scheibe aus dem protogalaktischen Gas entstanden ist. „Die Entdeckung, daß die galaktische Scheibe zehnmal mehr Drehimpuls besitzt als der galaktische Halo und daher auch zehnmal größer ist als erwartet, war eine ziemliche Überraschung“ , meint Burkert. Computersimulationen zeigten außerdem, daß das SZ- Modell falsche Voraussagen macht: Ihm zufolge müßten bei der Bildung einer großen Galaxie viele hundert Zwerggalaxien entstehen beziehungsweise übrigbleiben – doch tatsächlich sind nur 10 bis 20 zu beobachten. Bei Galaxienhaufen und Galaxien formen sich also entgegen den Berechnungen nicht ähnlich viele Unterstrukturen (Bild S. 53 oben), sondern bei Galaxien viel weniger – im Widerspruch zum SZ-Modell. Andreas Burkert hat nun ein Modell entwickelt, das den Verlauf der Milchstraßenbildung so beschreibt, daß es mit den Beobachtungen in Einklang steht und die Probleme der ELS- und SZ-Modelle vermeidet, aber ihre Erklärungsstärken beibehält. Der Clou dabei ist, daß beide Modelle etwas Richtiges erkannt hatten – sie waren nur zu einfach und zu einseitig. Burkert zufolge vollzog sich die turbulente Geburt der Milchstraße in mehreren – ineinander übergehenden – Phasen: Es begann schon bald nach dem Urknall. „Heute wird allgemein angenommen, daß die Dichteschwankungen der Dunklen Materie die ersten gravitativ gebundenen Strukturen im Universum bildeten – die sogenannten Dunklen Halos“, erläutert Burkert. Diese Dunklen Halos sind die Vorläufer der Materie, die heute als galaktischer Halo die Milchstraßenscheibe umhüllt. „Die Dunklen Halos waren die Bausteine der Galaxienbildung. Sie hatten Massen von 100 Millionen bis 10 Milliarden Sonnenmassen, was in der Größenordnung der heutigen Zwerggalaxien liegt. In diese Halos, angezogen von ihrer Masse, fiel das Urgas hinein. Das war ein homogener Kollaps wie vom ELS-Modell angenommen.“ Im Zeitraum von etwa 500 bis 1000 Millionen Jahren nach dem Urknall überschlugen sich dann die Ereignisse. Die Dunklen Halos mit ihrem Gas entwickelten sich zu Brutstätten der Sternentstehung und wurden so zu kleinen Protogalaxien. Auch die ersten Kugelsternhaufen bildeten sich in diesen Vorgängern der Milchstraße im Inneren von dichten Gaswolken mit einer 100fach höheren Sternentstehungsrate als anderswo. Diese kleinen Bausteine verschmolzen anschließend zu einer großen Galaxie – unserer Milchstraße. Sie wird noch heute umkreist von der Dunklen Materie, den alten Halosternen und Kugelsternhaufen – bis zu 13 Milliarden Jahre alten galaktischen Fossilien.

Vor der Verschmelzung, also noch in den kleinen Protogalaxien, waren viele der jungen Sterne sehr massereich und daher aufgrund ihres verschwenderischen Energieverbrauchs auch ziemlich kurzlebig. Binnen weniger Dutzend Millionen Jahre explodierten sie als Supernovae und reicherten das protogalaktische Gas mit den schwereren Elementen an, die sie durch Kernfusion erschaffen hatten. Die Sternexplosionen erzeugten heftige galaktische Winde, die das Gas aufheizten und größtenteils aus den Protogalaxien hinaustrieben. Burkert: „Das Gas entkoppelte sich gewissermaßen von der strukturbildenden Dunklen Materie.“ Dies war ein entscheidender Vorgang in der Vorgeschichte der Milchstraße, den die bisherigen Modelle übersehen hatten. „Wird das Gas aus den Dunklen Halos geblasen, bevor diese zur Milchstraße verschmelzen konnten, dann verliert es nicht seinen Drehimpuls wie die Sterne, die in den Halos gefangenblieben und deshalb heute im galaktischen Halo einen viel geringeren Drehimpuls haben als die Scheibe der Milchstraße“, erklärt Burkert die Konsequenz seiner Entdekkung. „Mit dem Gas verloren die Halos den Rohstoff für die Bildung weiterer Sterne, und deshalb sehen wir heute nicht Hunderte von Zwerggalaxien in der Milchstraßenumgebung, wie im SZ-Modell behauptet, sondern nicht einmal ein Dutzend.“

Während die vielen Dunklen Halos durch die galaktischen Winde ihr Gas abstreiften, kam es immer häufiger zu gravitativen Wechselwirkungen zwischen den Protogalaxien. Die Folge: Viele Dunkle Halos kollidierten miteinander, ähnlich wie im SZ-Modell beschrieben. Dabei wurden die Protogalaxien zerrissen oder in die Länge gezerrt. Die Astrophysiker sprechen von Spaghetti-Strömen. Während sich die Kugelsternhaufen selbständig machten, weil sie keine Dunkle Materie enthalten und durch ihre eigene Schwerkraft zusammenblieben, folgten die Halosterne diesen Zerreißproben. Sie bilden teilweise noch heute im Halo der Milchstraße langgestreckte Strukturen Relikte aus der gefräßigen galaktischen Urzeit, die es ermöglichen, Rückschlüsse auf die kannibalischen Prozesse zu ziehen. Burkert hat diese brachiale Dynamik mit Computersimulationen im Detail nachvollzogen (Bilder S. 48 oben rechts). Dabei zeigte sich, daß nicht die ganzen Halos spaghettiförmig in die Länge gezogen wurden, sondern nur ihre äußeren Regionen. Die Dunklen Kerne der kleinen Protogalaxien widersetzten sich dagegen der Zerstörung durch die Gezeiten. Aufgrund ihrer hohen Geschwindigkeiten, seltenen nahen Begegnungen und der Tatsache, daß sich Ansammlungen Dunkler Materie fast stoßfrei durchdringen können, geistern die Dunklen Kerne noch heute weitgehend unversehrt um die Milchstraße herum. Diese Ansammlungen mit Massen von mehreren 100 Millionen Sonnen werden wohl erst in 10 bis 100 Milliarden Jahren ins Galaktische Zentrum stürzen. Bis dahin, spekuliert Burkert, durchstoßen sie immer wieder die Scheibe der Milchstraße, wirbeln Gas- und Staubwolken durcheinander und lösen dabei die Entstehung neuer Sterne aus. So ermöglichen die finsteren Ahnen aus ferner Vergangenheit auch in Zukunft noch galaktische Verjüngungskuren.

Die auseinandergezerrten Spaghetti-Strukturen aus den Sternen der sich auflösenden, gasfreien Protogalaxien hatten für die Entstehung der Milchstraße ebenfalls eine große Bedeutung: „Die Überlagerung vieler Spaghettis bildet eine diffuse Sternkomponente. Daraus wurde der noch heute vorhandene galaktische Halo um die Milchstraßenscheibe“, sagt Burkert. „Das Gas, das die galaktischen Winde davongetrieben hatten, bildete eine heiße Blase um die Protogalaxien aus Dunkler Materie und Halosternen. Erst nachdem das Gas genügend abgekühlt war, konnte es in den inzwischen größtenteils verschmolzenen galaktischen Halo einfallen, der aus der Verschmelzung der vielen Dunklen Halos entstand.“ Bei diesem Einfall des Gases blieb sein Drehimpuls erhalten – im Gegensatz zu den Dunklen Halos, die ihn aufgrund ihrer Gezeitenwechselwirkungen weitgehend verloren hatten. Deshalb konnte das Gas nicht auf einen Punkt im Zentrum des neu gebildeten Halos zusammenstürzen, sondern formte eine rotierende Scheibe: den Vorläufer der heutigen Milchstraße. Das war vor etwa zwölf Milliarden Jahren. Das Gas kollabierte also ähnlich wie im ELS-Modell. Doch es war im Gegensatz zu diesem schon über den „Umweg“ durch die protogalaktischen Dunklen Halos mit schwereren Elementen angereichert, die die ersten Sterne in den Protogalaxien erschaffen hatten. Dieses Gas stand nun erneut als Rohstoff für die Sternentstehung zur Verfügung: Aus ihm bildeten sich die Sterne der dicken galaktischen Scheibe sowie metallreiche Kugelsternhaufen, die nicht mit den metallärmeren und somit älteren Kugelsternhaufen im galaktischen Halo zu verwechseln sind.

Zur gleichen Zeit formte sich der „Bulge“ der Milchstraße – ein langgestreckter Ellipsoid aus alten Sternen, der das Galaktische Zentrum bauchartig umgibt. „Er entstand wohl aus der massereichsten Protogalaxie, die viel Materie aus ihrer Umgebung ansammelte und ihr Gas am längsten halten konnte“, vermutet Burkert. „In seiner Mitte bildete sich ein großes Schwarzes Loch, das bis heute im Zentrum der Milchstraße sitzt“ (bild der wissenschaft 11/1997, „Das Schwarze Loch der Milchstraße“). Sein Vorläufer war vielleicht ein sehr dichter Sternhaufen, in dem Neutronensterne und kleine Schwarze Löcher – Relikte früherer Supernovae – miteinander verschmolzen und ein Teil des protogalaktischen Gases aufsaugten. Die dünne Scheibe mit ihren prächtigen Spiralarmen ist neun bis zehn Milliarden Jahre alt. Bis sie aus der dicken Scheibe entstand, vergingen also zwei bis drei Milliarden Jahre. Denn noch immer schwirrten Protogalaxien durch den Halo und wurden von der dicken Scheibe gierig verschlungen, die dadurch laufend gestört und verformt wurde. Das erhöhte die Bewegungsenergie vieler Sterne. Erst als sich die jugendlichen Turbulenzen der Milchstraße beruhigten, konnte sich die dünne Scheibe der Galaxis ausbilden, die ihr gegenwärtiges Erscheinungsbild prägt. Aber die ältesten Scheibensterne, aus denen die dicke Scheibe heute noch besteht, enthalten nach wie vor Informationen über die Frühzeit der galaktischen Entwicklungsgeschichte, da sie ihre Bewegungsenergie im Gegensatz zum Gas nicht abgeben konnten. Kannibalische Prozesse – die Verschmelzung und Einverleibung von Protogalaxien – waren also eine zentrale Voraussetzung für die Entstehung der Milchstraße. Fossile Spuren davon sind noch heute im Halo auszumachen: Die Milchstraße wird von mindestens neun Zwerggalaxien in wenigen 100000 Lichtjahren Entfernung auf polaren Bahnen umkreist, deren Orbits in zwei Ebenen liegen. Es könnte sich um die Gezeitenfragmente zweier früh zerrissener Elterngalaxien handeln. Da mindestens ein Teil der galaktischen „Vorgartenzwerge“ bis heute dichte Halos aus Dunkler Materie besitzen, können sie sich noch eine Weile der Auflösung durch die Gezeitenkräfte widersetzen. Zehn Prozent der Sterne im galaktischen Halo sind jünger als zehn Milliarden Jahre, stammen also nicht aus der frühen Jugend der Milchstraße. Sie müssen durch geschluckte Zwerggalaxien in den Halo gekommen sein – oder haben sich dort aus dem Gas ihrer verspeisten Opfer gebildet. Ein Team um Gerard Gilmore vom Institute of Astronomy in Cambridge hat ausgerechnet, daß die jüngeren Halosterne vereinbar sind mit der Einverleibung von 40 bis 60 Zwergen vom Typ Carina oder mit bis zu fünf vom Typ Fornax. Um die kannibalischen Spuren genauer zu identifizieren, sind große Sterndurchmusterungen nötig wie der Sloan Digital Sky Survey, der bereits erste Indizien gesammelt hat (bild der wissenschaft 1/1999, „Inventur in Herschels Garten“). Ein Team um Amina Helmi vom niederländischen Leiden-Observatorium fand in den Daten des Astrometrie-Satelliten Hipparcos (bild der wissenschaft 1/1999, „Der Sternvermesser“), daß zehn Prozent der jungen Halosterne einen Strom mit gemeinsamen Geschwindigkeiten bilden. Er bewegt sich auf einer stark zur Scheibe geneigten, sehr exzentrischen Bahn mit Entfernungen zwischen 23000 und 50000 Lichtjahren vom Galaktischen Zentrum. Er muß von einer einzigen Galaxie stammen, die bald nach der Entstehung der Milchstraße zerrissen wurde. Anna Katherina Vivas und Robert J. Zinn von der Yale University spürten ein weiteres Relikt auf. Es erstreckt sich über ein mindestens 10000 mal 100000 Lichtjahre großes Gebiet in den Sternbildern Jungfrau und Waage, rund 150000 Lichtjahre vom Galaktischen Zentrum und 160000 Lichtjahre von der Sonne entfernt. Die seit vielleicht ein bis drei Jahrmilliarden bereits gut verdauten Brocken einer Zwerggalaxie machen sich noch anhand einer höheren Dichte ihrer RR Lyrae-Sterne bemerkbar – auffällig hellen, pulsierenden, zehn Milliarden Jahre alten Sternen mit Massen von der Hälfte unserer Sonne. Die Milchstraße wird auch in Zukunft gefräßig sein. Die Zwerggalaxien Fornax, Carina und vielleicht Sextans mußten dem galaktischen Halo schon Sterne überlassen und werden irgendwann förmlich dahinschmelzen. An der Großen und Kleinen Magellanschen Wolke zerrt die Gravitation der Galaxis auch schon kräftig – der Magellansche Strom aus Wasserstoff ist eine Folge dieser Gezeiteneffekte (bild der wissenschaft 3/2000, „Neues vom Nachbarn“). Die beiden Satelliten am Südhimmel dürften in einigen Jahrmilliarden einen kalorienreichen Nachtisch abgeben. Und das große Fressen wird bereits in drei bis fünf Milliarden Jahren stattfinden, wenn sich die Galaxis und der Andromeda-Nebel vereinigen. Dieser rast zur Zeit mit 300 Kilometer pro Sekunde auf die Milchstraße zu und wird mit ihr zu einer riesigen Elliptischen Galaxie verschmelzen.

Das eindrucksvollste Zeugnis des galaktischen Kannibalismus ist aber der engste Nachbar der Milchstraße, die Zwerggalaxie Sagittarius. Sie wurde 1994 von Gerard Gilmore und Rodrigo A. Ibata (damals an der University of British Columbia im kanadischen Vancouver) im Sternbild Schützen entdeckt und seither noch genauer erforscht. Sie ist 52000 Lichtjahre vom Galaktischen Zentrum und 78000 von der Sonne entfernt – eine ellipsoide, rund 6500 Lichtjahre lange Ansammlung aus alten und jüngeren Sternen, die sogar wie Fornax eigene Kugelsternhaufen besitzt. Sie bewegt sich mit rund 150 Kilometer pro Sekunde relativ zur Sonne und scheint im Lauf von etwa 700 Millionen Jahren einmal auf einer schrägen Bahn um die Milchstraße zu kreisen, senkrecht zu den Orbits der Magellanschen Wolken. Ihre Masse entspricht einigen Milliarden Sonnen. Das meiste davon steckt in einem Halo aus Dunkler Materie – ohne ihn würde Sagittarius längst nicht mehr existieren. „Warum die Zwerggalaxie, die schon mehrmals durch die galaktische Scheibe geflogen ist und sich gerade wieder von ihr entfernt, nicht schon längst zerstört wurde, ist ein großes Rätsel“, grübelt Gilmore. Gerade wertet er neue Daten aus, die er an einer australischen Sternwarte gemessen hat. Im Sloan Digital Sky Survey läßt sich bereits absehen, daß Sagittarius eine Trümmerspur hinter sich herzieht, die ihren Orbit markiert und sich womöglich mehrfach um die Milchstraße wickelt. Auch die von Vivas und Zinn entdeckte Häufung der RR Lyrae-Sterne könnte dazugehören. Andreas Burkert ist vom Schicksal von Sagittarius fasziniert, die ihm – dem Spezialisten für die galaktische Vergangenheit – einen Blick in die Zukunft der unersättlichen Milchstraße gewährt: „Die Sterne von Sagittarius verteilen sich innerhalb der nächsten Milliarden Jahre im galaktischen Halo, dessen Masse damit weiter zunehmen wird. Dann hat unsere Milchstraße wieder eine Satellitengalaxie verzehrt.“

Kompakt Erstmals existiert eine umfassende Theorie, die beschreibt, wie die Milchstraße vor rund 13 bis 9 Milliarden Jahren in mehreren Etappen entstanden ist. Kollisionen und die ominöse Dunkle Materie spielen dabei die Hauptrolle. Bis heute gibt es Anzeichen von Kannibalismus: junge Halosterne, Sternströme und der gegenwärtige Einverleibungsprozeß der Zwerggalaxie Sagittarius.

Bdw community INTERNET Milchstraße: Fakten, Geschichte und Links http://www.seds.org/messier/more/mw.htmlpeople.freenet.de/Daehlis-Web-Page/“

WasistdieMilchstrasse.htm http://www.bowdoin.edu/dept/physics/astro.1998/astro22/www.star.le.ac.uk/edu/mway/

Homepage von Andreas Burkert http://www.mpia-hd.mpg.de/homes/burkert/index.html

Poster Eckhard Slawik Die Milchstrasse (Panorama-Aufnahme) Spektrum Akademischer Verlag, DM 29,80

Goddard Spaceflight Center Multiwavelength Milky Way adc.gsfc.nasa.gov/mw

Lesen Andreas Burkert, Rudolf Kippenhahn Die Milchstrasse C.H. Beck 1996 DM 14,80

Ken Croswell Wir sind Kinder der Milchstrasse Scherz 1999, DM 24,90

Johannes Feitzinger unterwegs auf der Milchstrasse Franckh-Kosmos 1993 DM 44,–

Nigel Henbest, Heather Cooper Die Milchstrasse Franckh-Kosmos 1994 DM 68,–

Andreas Burkert Das Problem der fehlenden Masse und die Natur der kalten Dunklen Materie Sterne und WEltraum 2000, Bd. 39, Nr. 12, S. 1055–1059

Zahlreiche Übersichtsartikel sind erschienen in der Fachzeitschrift Science, 2000, Bd. 287, Nr. 5450, S. 61–91

Rüdiger Vaas

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