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Dilettanten am Werk

Prof. Reinhard Kurth über Pannen bei der Erforschung des Rinderwahnsinns BSE und das Desinteresse der Pharmaunternehmen an einem Aids-Impfstoff.

Reinhard Kurth (Jahrgang 1942) ist Arzt und Virologe. Er leitet seit Oktober 1996 kommissarisch das Berliner Robert-Koch-Institut für Infektionskrankheiten und nicht übertragbare Krankheiten. Gleichzeitig ist er Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts in Langen bei Frankfurt, wo er sich besonders für die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das aidserregende HI-Virus engagiert. Er arbeitete während seines Studiums (Medizin und Philosophie) als Entwicklungshelfer in Kamerun, später in Frankreich und London. 1980 übernahm er die virologische Abteilung des Paul-Ehrlich-Instituts, 1986 wurde er dessen Präsident. In Berlin will Kurth angesichts der Zunahme alter und neuer Infektionskrankheiten nun eine „Seuchen-Feuerwehr“ etablieren.

bild der wissenschaft: Herr Prof. Kurth, gibt es noch ernstzunehmende Zweifel daran, daß der Rinderwahnsinn BSE über die Nahrung auf den Menschen übertragbar ist?

Kurth: Wir müssen die Möglichkeit als sehr wahrscheinlich annehmen. Nicht nur wegen der jüngsten Creutzfeldt- Jakob-Toten in England, in deren Gehirn sich Eiweiß-Ablagerungen fanden, die dem Krankheitsbild des Rinderwahnsinns sehr ähnlich sind. Nach Untersuchungen britischer Forscher haben die Betroffenen, wie natürlich viele andere Engländer auch, ausgiebig Hackfleischprodukte gegessen, in dem früher auch erregerhaltige Schlachtabfälle und Rinderhirn enthalten waren. Das wurde Juli 1988 verboten. Ein weiteres Indiz ist die Infektion anderer Tierarten mit BSE-Fleisch. Wenn das Virus schon die Artbarriere zu Raubkatzen überspringen kann, die ein völlig anderes Verdauungssystem haben, dann ist nicht einzusehen, warum sich der Allesfresser Mensch nicht infizieren sollte. Auf das letzte i-Tüpfelchen der Beweisführung dürfen wir nicht warten. Die Experimente laufen – die Rückinfektion von Rindern mit Zellen aus den Gehirnen der gestorbenen Menschen.

bild der wissenschaft: Wie? Mischt man den Rindern infiziertes Menschenhirn ins Futter?

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Kurth: Nein, man injiziert Gewebsproben aus dem Gehirn verstorbener Creutzfeldt-Jakob-Patienten direkt in das Gehirn von Rindern. Man kann jedoch auch verfüttern: Ein halbes Gramm Gehirngewebe aus einem BSE-Rind reichte aus, um die Erkrankung auf Schafe zu übertragen.

bild der wissenschaft: Wenn man den Veröffentlichungen britischer Wissenschaftler aus diesem Winter glaubt, dann kann der Verbraucher das BSE-Problem prinzipiell als erledigt betrachten: Bis 1998 soll das letzte infizierte Rind getötet sein. Wegen der Inkubationszeit von rund 15 Jahren würden bis 2003 zwar noch jedes Jahr einige hundert Menschen sterben, die sich bis 1988 angesteckt haben. Das Fleisch, das seitdem in den Handel gekommen ist, soll aber wieder sicher sein. Was halten Sie von der Theorie?

Kurth: Diese Zahlen sind spekulativ. Bisher sind 15 Fälle der neuen Creutzfeldt-Jakob-Variante diagnostiziert worden. Mutmaßungen über das Ausmaß des zukünftigen Anstiegs dieser Krankheitsform sind wenig seriös, da dafür die wissenschaftliche Grundlage fehlt. Bei einem Teil der Menschen scheint es eine ererbte Resistenz dagegen zu geben, von der wir aber noch nicht sagen können, ob sie absolut ist.

bild der wissenschaft: Der Erreger des Rinderwahnsinns und der verwandten Form von Creutzfeldt-Jakob ist immer noch nicht gefunden, aber die Prionentheorie, daß ein mutiertes Eiweiß die Ursache ist, scheint sich durchzusetzen. Am Robert-Koch-Institut gibt es aber auch Forscher wie Prof. Heino Diringer, die weiterhin ein Virus im Verdacht haben. Wird diese Spur noch verfolgt?

Kurth: Herr Diringer gehört der Minorität von Wissenschaftlern an, die nach wie vor überzeugt sind, ohne die Nukleinsäure als Erbinformation könne es keinen sich selbst vermehrenden Erreger geben. Bisher können durchaus noch nicht alle Phänomene allein mit einem infektiösen Eiweiß, dem Prionprotein, erklärt werden. Es gibt zum Beispiel bei Schafen mindesten fünf verschiedene Stämme von Prionen, die sich in ihrer Inkubationszeit und den Symptomen von Scrapie – so heißt die Krankheit bei den Schafen – deutlich unterscheiden. Das läßt sich mit der Existenz eines einheitlichen Proteins nur schwer erklären. Wäre ein Virus im Spiel, dann könnten Mutationen in seiner Erbinformation sehr schnell zu verschiedenen Stämmen führen. Die zwei Lager diskutieren noch miteinander. So läuft es in der Wissenschaft bis zum endgültigen Beweis.

bild der wissenschaft: Sie sprachen die Schafe an. Anfangs ging man davon aus, die Seuche sei durch Futtermehl aus kranken Schafen auf die Rinder übertragen worden. Dann erkrankten Menschen durch infiziertes Rindfleisch. Inzwischen ist bekannt geworden, daß britische und auch französische Viehzüchter umgekehrt wieder gesunde Schafe mit Tiermehl aus BSE-Rindern gefüttert haben. Muß man bei Schafen jetzt ähnliche Maßnahmen durchsetzen wie bei Rindern – abschießen und verbrennen?

Kurth: Wegen dieser Rückverfütterung von BSE-Fleisch an Schafe hat man ja kürzlich mit der Verordnung reagiert, daß auch bei Schafen Hirn, Rückenmark, Augen und Milz – wo der Erreger sich konzentriert – aus der Fleischverwertung herausgenommen werden müssen. Wegen der klassischen Form von Scrapie – dem Schafswahnsinn, wenn Sie so wollen – muß sich der Mensch übrigens keine Sorgen machen. Scrapie kennt man schon sehr lange, und die Untersuchung von Schäfern, Tierärzten und Viehzüchtern hat hinreichend belegt, daß der Mensch daran nicht erkrankt. Wenn also der Erreger durch Futtermehl aus Schafskadavern auf Rinder übertragen worden ist, dann muß er sich dort in diese infektiöse Form verändert haben.

Das wiederum ist nur schwer mit der Prionentheorie in Einklang zu bringen. Ein Virus dagegen mit Nukleinsäure, die mutieren kann, würde den Vorgang leichter erklärbar machen.

bild der wissenschaft: Die Schafstheorie ist aber nicht die einzige?

Kurth: Richtig. Man hat die Schafe als Ausgangspunkt des Rinderwahnsinns möglicherweise zu Unrecht verdächtigt. Ursache könnte auch eine spontane Veränderung eines Prions sein, das bei Rindern in Einzelfällen immer schon zum Wahnsinn geführt hat. Davon war aber immer nur das jeweilige Tier betroffen. Solche Einzelfälle werden aber in keiner Statistik sichtbar. Verbreitet worden ist das BSE-Fleisch dann erst – so die Hypothese – nachdem man das Produktionsverfahren für Tiermehl geändert, vor allem die Verarbeitungstemperatur gesenkt hatte. So könnten die Schlachtabfälle eines einzelnen kranken Rindes auf viele Säcke mit Futtermehl verteilt worden sein und damit die Epidemie gestartet haben.

bild der wissenschaft: Das sind nach zehn Jahren Forschung immer noch sehr viele offene Fragen.

Kurth: Die Forschung ist ja erst richtig in Gang gekommen. Jetzt erst legt die EU-Kommission ein Programm mit 50 Millionen ECU auf. Eigentlich hätte man Mitte der achtziger Jahre reagieren müssen, als die Zahl der kranken Rinder beinahe exponentiell zunahm. Abgesehen von unabhängigen Einzelkämpfern und den Wissenschaftlern, die für das britische Landwirtschaftsministerium gearbeitet haben, ist das Thema BSE wissenschaftlich vernachlässigt worden. Und wo man versucht hat, etwas über die Übertragbarkeit der Krankheit herauszufinden, hat man teilweise gravierende Fehler gemacht.

bild der wissenschaft: Können Sie Beispiele nennen?

Kurth: Mit gerade zehn Schweinen, die man mit BSE-Fleisch gefüttert hat, versuchte man 1990, die Übertragung der Krankheit auf eine andere Nutztierart zu klären. Ein Schwein ist dann aus irgendwelchen Gründen schnell gestorben, da blieben nur noch neun. Um aber überhaupt eine fundierte Aussage machen zu können, hätte man mit mindestens 500 Schweinen arbeiten müssen. Ein anderes Beispiel: Um herauszufinden, ob sich auch ungeborene Kälber bei ihren infizierten Müttern anstecken können, hat man mit zwei Herden von je 300 Tieren gearbeitet – mit Kälbern von infizierten Kühen und von gesunden. Und dann hat man alle Tiere mit dem gleichen verseuchten Tiermehl gefüttert. Den ganzen Versuch können Sie natürlich vergessen. Man hätte ihn abbrechen und mit neuen Tieren wiederholen müssen.

bild der wissenschaft: Das kostet Geld, das Wissenschaftler an den Universitäten aber nicht haben. Ohne Geld fehlt doch auch die Motivation, ein eingearbeitetes Forschungsgebiet zu verlassen und sich einem neuen Problem zu stellen.

Kurth: Die Wissenschaft an den Universitäten ist frei, sich ihre Themen selbst zu suchen, soweit haben Sie recht. Aber die Politik hätte die Mittel gehabt, die BSE-Forschung rechtzeitig zu forcieren. Für die Aids-Forschung war ja auch sehr schnell sehr viel Geld da. Geld zieht den Sachverstand an. Außerdem haben die meisten Länder der westlichen Welt ein öffentliches Gesundheitswesen und Bundesinstitute mit kompetenten Wissenschaftlern. Die Politik hätte verlangen können, daß deren Forscher sich schneller der BSE-Frage zuwenden. Das ist unterblieben. Die Angst vor den wirtschaftlichen Folgen für ein Land, Großbritannien, führte zu einer mangelnden Sensibilität für die medizinischen Gefahren.

bild der wissenschaft: Wie schnell kann denn das Robert-Koch-Institut auf eine neue Seuchengefahr reagieren?

Kurth: Sehr schnell, wie der Einsatz bei dem pathogenen Darmbakterium EHEC in Bayern im letzten Jahr gezeigt hat. Dort waren in einem seuchenartigen Ausbruch bis Ende März 43 Menschen krank geworden, 7 Kinder sind gestorben. Mittlerweile sind viel mehr Menschen erkrankt. Ohne den Einsatz unserer Experten wäre die Seuche beinahe unerkannt geblieben. Als Infektionsquelle haben sie kontaminierte Lebensmittel ausgemacht. Die Kapazität zu solchen Aktionen wollen wir künftig gezielt ausbauen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist aber, daß die Ärzte ihre Meldepflicht ernster nehmen. Viele sind nicht gerade vorbildlich.

bild der wissenschaft: Aus welcher Ecke sehen Sie denn größere Gefahren kommen – bei der oft zitierten „Rückkehr der Seuchen“, also Tuberkulose, Cholera oder Malaria, oder eher bei neuen Erregern wie Ebola-, Dengue- oder Hantaviren, die in den vergangenen Jahren Schlagzeilen gemacht haben?

Kurth: Das kann man so nicht beantworten. Insgesamt nehmen die Infektionskrankheiten zu. Dafür gibt es viele Gründe. In den Industrieländern haben sich die Menschen eine Zeitlang zu sicher gefühlt und die Impfungen vernachlässigt. Gleichzeitig entwickelten viele Erreger, die man im Griff zu haben glaubte, Resistenzen gegen die alten Medikamente. Die zunehmende Armut hat außerdem zur Folge, daß auch bei uns mancherorts der medizinische und hygienische Standard sinkt. Das alles trägt dazu bei, daß die klassischen Erreger – Tuberkulose und Cholera – wieder häufiger werden. Das gilt natürlich noch viel stärker für die Millionen-Slums der Entwicklungs- und Schwellenländer in Afrika, Asien und Südamerika. Für Deutschland halte ich die Bedrohung durch die alten Seuchen dennoch für beherrschbar, solange wir uns nicht in falscher Sicherheit wiegen. Mit den normalen kleinen biologischen Änderungen der Erreger – dem genetischen Drift – kann die Pharmaforschung Schritt halten. Etwas anderes ist es mit dem genetischen „Shift“, wie wir ihn immer wieder beim Grippevirus beobachten.

bild der wissenschaft: Das müssen Sie erklären.

Kurth: „Shift“ nennen wir eine radikale Änderung im Erbgut eines Erregers. Es ist dann beinahe ein völlig anderes Virus – und das kann verheerende Wirkungen haben. Beim Grippevirus kommt so etwas erfahrungsgemäß etwa alle 20 Jahre vor. An der asiatischen Grippe 1958 starben in Deutschland 70000 Menschen. Die letzte neue Variante ging 1977 um die Welt, sie war aber nicht ganz so gefährlich. Jetzt sind wieder 20 Jahre vergangen. Ein neuer Ausbruch würde mich nicht überraschen.

bild der wissenschaft: Das klingt, als würden Sie die Gefahren durch die neuen Krankheitserreger für nicht so dramatisch halten.

Kurth: Natürlich steigt das Risiko durch den weltweiten Tourismus und den Handel. Dadurch kommen die Menschen mit immer neuen Viren in Kontakt. Allein in den letzten 30 Jahren wurden nachweislich 50 neue Erreger von verschiedenen Tieren auf den Menschen übertragen und in der ganzen Welt verbreitet. Im Einzelfall kann die Ansteckung auch tödlich verlaufen. Neue Infektionskrankheiten vom Kaliber BSE oder Aids waren aber bisher zum Glück selten.

bild der wissenschaft: Sie selbst arbeiten an einem Impfstoff gegen das HI-Virus. Die letzten Erfolgsmeldungen auf diesem Gebiet sind aber schon eine Weile her.

Kurth: Wir haben zur Zeit zwei experimentelle Impfstoffe mit abgeschwächten lebenden HI-Viren, mit denen wir Affen relativ erfolgreich immunisieren können. Beim Menschen dürfen wir sie aber nicht einsetzen. Das Risiko, damit die Krankheit zu verursachen, vor der wir mit der Impfung schützen wollen, wird noch als zu hoch angesehen. Die Einschätzung könnte sich ändern, wenn die Bedrohung der Menschen durch Aids sich vergrößert. Welches Risiko will man in Kauf nehmen? In den fünfziger und sechziger Jahren wurde die Bedrohung durch das Pockenvirus so hoch eingestuft, daß man die Schutzimpfung trotz der bekannt großen Risiken und Nebenwirkungen sogar zur Pflicht machte. So eine Situation haben wir aber mit Aids noch nirgendwo auf der Welt – auch in Afrika nicht – daß man das Risiko eingeht, Menschen mit lebenden, wenn auch abgeschwächten HI- Viren zu impfen.

bild der wissenschaft: Eine Reihe von Wissenschaftlern hält es grundsätzlich für aussichtslos, jemals einen Impfstoff gegen das HI-Virus zu entwickeln. Dafür sei es viel zu wandelbar, ähnlich wie der Grippeerreger. Deshalb könnte ein Impfstoff, der heute vielleicht wirkt, morgen schon wieder nutzlos sein.

Kurth: Alle Viren, auch die Aidserreger, haben Proteine in ihrer Hülle, die sich nicht verändern dürfen, weil die Viren sonst nicht überleben können. Hier muß ein Impfstoff angreifen. Bei der Suche nach solchen stabilen Virusteilen sind wir ein Stück weitergekommen. Ein Problem ist, daß die Pharmaindustrie an dieser Forschung kein großes Interesse hat. Sie ist schwierig und teuer, und es gibt keinen ausreichend profitversprechenden Markt für einen eventuellen Impfstoff. Die Menschen in den am meisten betroffenen Ländern, in Afrika, könnten den Impfstoff nämlich gar nicht bezahlen. Hier sind Staat und Gesellschaft aufgerufen, mehr Geld für die Forschung bereitzustellen. Wir können es doch nicht der Pharmaindustrie überlassen, nach Gesichtspunkten des Profits zu entscheiden, gegen welche Krankheiten man ein Mittel sucht.

Reinhard Kurth, Jürgen Nakott

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