Doswidanja Aralskoje More - wissenschaft.de
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Doswidanja Aralskoje More

Der riesige Binnensee ist dem Tode geweiht. Noch 1960 war der Aralsee der viertgrößte See der Welt. Inzwischen ist er um mehr als die Hälfte geschrumpft – eine Umweltkatastrophe ohnegleichen: Pflanzen veröden, Tiere verenden, Menschen werden krank und sterben. Aussicht auf Besserung besteht kaum.

Es gibt hier unzählige Füchse, Ziegen und Wölfe, vor allem aber Saiga-Antilopen, die sich nicht vor den Menschen fürchten. Das Meer ist reich an Katzenwels und Stör. Außerdem gibt es eine gewaltige Menge an Pelikanen, Kormoranen, Möwen und Seeschwalben. Im Schilf findet man zahlreiche Igel und an den Stränden die Spuren von Tigern.“

Diese Zeilen schrieb 1852 der Naturforscher Alexej Butakow an die britische Royal Geographic Society. Das „Meer“, das er zu beschreiben glaubte, heißt heute Aralsee und war noch in den sechziger Jahren der viertgrößte See der Welt – nach dem Kaspischen Meer, dem Lake Superior und dem Viktoriasee. Damals reichte der Aralsee mit gut 69000 Quadratkilometern an die Fläche Bayerns heran. Heute nimmt er nicht einmal mehr die Fläche Nordrhein-Westfalens ein. Die Tiger sind ausgerottet, die Fische ungenießbar, und das Wasser ist versalzen. Soeben konstatierte das Worldwatch Institute in seinem State-of-the-world-Bericht 1997: „Die Geschichte des Aralsees ist eines der ungeheuerlichen Beispiele, wie die Ausbeutung und Zerstörung von natürlichen Systemen Gesellschaften verändern kann.“

Bereits von Natur aus balanciert der See an der Grenze zwischen Wüste und sonnigem Garten Eden: Die Pflanzen- und Tierwelt des Aralbeckens vermittelte Reisenden wie Butakow zwar einen überaus reichen Eindruck. Tatsächlich aber herrschte zu seiner Zeit eine halbtrockene Steppe vor. Schon immer prägten unfruchtbare Kiesel- und Sandböden die Region. Pro Jahr fallen etwa 100 Millimeter Niederschlag. Doch die Sonne brennt so stark, daß zehnmal mehr verdunsten können. Früher freilich überdeckte diese Landschaft ein kilometerdickes Polster aus feuchter Luft: Kühle Brisen schufen in einem großen Gebiet ein angenehmes mediterranes Klima, das Menschen anzog. Seit dem zweiten Jahrtausend v. Chr. leiteten die Siedler das Wasser des Sees auf ihre Felder.

Denn Wasser gab es trotz der Regenarmut stets reichlich: Zwei große Flüsse – Amu-Darja und Syr- Darja – speisten den abflußlosen See mit dem Schmelzwasser des Pamir- und des Tien-Shan-Gebirges im Südosten. Die Flüsse waren für die Fruchtbarkeit des Landes verantwortlich. Sie brachten Wasser in ein Land, dem sonst eine Wüste gedroht hätte. Was über Jahrtausende hinweg Bestand hatte, geht vor den Augen der gegenwärtigen Generation zugrunde: Wahrscheinlich wird der Aralsee bereits in 25 Jahren ausgetrocknet sein.

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Vor etwa 40 Jahren wurde das Schicksal des Sees besiegelt. Damals beschlossen die Planer der Sowjetunion, die Flüsse Amu-Darja und Syr-Darja nicht mehr ungenutzt zum Aralsee fließen zu lassen. Sie setzten auf Baumwoll-Monokulturen – und wählten damit just jene Pflanze, die extrem viel Wasser schluckt. In den folgenden Jahrzehnten wurden nicht mehr nur einzelne Getreidefelder, sondern riesige Areale bewässert, ein Großteil davon Baumwoll-Plantagen. Die Baumwolle sollte die Devisen zum Aufbau des Sowjetstaates bringen. Inzwischen gehört das Becken um den Aralsee zu den größten Bewässerungsgebieten der Welt.

Der Kara-Kum-Kanal, der den Aralsee-Zufluß Amu-Darja mit dem Kaspischen Meer verbindet, ist mit 1600 Kilometer Länge und einer jährlichen Wasserzufuhr von 17,3 Kubikkilometer der größte Kanal der Welt. Er transportiert viermal mehr Wasser als der Rhein in den Niederlanden und entführt dem Aralsee ein Drittel des natürlich zufließenden Wassers. Weitere Kanäle kamen später dazu und gruben dem Aralsee weiter Wasser ab. Statt 56 Kubikkilometer Wasser, wie um 1960, fließen jetzt nur um die 10 pro Jahr in den See. Vom damaligen Volumen des Aralsees ist heute nur noch ein Fünftel übrig. Der Wasserspiegel ist um 15 Meter gesunken, weite Teile des Sees kann man durchwaten.

Noch fließt dem See Grundwasser zu. Doch auch das wird jetzt angezapft: Um die Trinkwasserversorgung der wachsenden Bevölkerung zu sichern, muß fossiles Grundwasser teuer erbohrt werden. Mit einem Alter von mindestens 20000 Jahren stammt es zum Teil aus der letzten Eiszeit – kann sich also nicht mehr regenerieren.

Schon immer war der Aralsee leicht salzig. Jetzt macht der Wasserschwund das Salz zum Problem. Salz, Pestizide und Herbizide reichern sich in der Lake an. Wo das Wasser verdunstet, setzt es Giftstoffe frei. Vom trockengefallenen Seeboden reißt der Wind unzählige Staub- und Salzpartikel mit und deponiert jährlich rund 100 Millionen Tonnen der salzigen Giftfracht auf dem umgebenden Ackerland. Noch 200 Kilometer vom Ufer entfernt sind heute bis zu 3 Tonnen Salz pro Hektar zu finden. Von hier wird es weiter verweht, so daß Aralsee-Salz selbst im Schnee des Pamir und Tien-Shan-Gebirges nachgewiesen wird.

Durch die Bewässerung gelangen bis zu 20 Tonnen Salz pro Hektar und Jahr auf die Felder. Zugleich zieht aufsteigendes Grundwasser Salz an die Oberfläche. Schon sind 87 Prozent der bewässerten Böden in Turkmenistan, 70 Prozent in Kasachstan und 60 Prozent in Usbekistan versalzt. Entsalzen ließen sich diese Flächen nur unter hohen Kosten, da das flache Gelände eine Drainage erschwert. Ist der Boden einmal verödet, trägt der heftig wehende Wind noch die letzte Krume davon. Das Resultat ist eine neue Wüste, die Aral-Kum.

Auch das Klima hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Die Frostperiode dauert heute einen Monat länger als Mitte des Jahrhunderts. Es fällt weniger Niederschlag, und im Sommer ist es heißer. Im Amu-Darja-Delta, das Butakow einst so überschwenglich pries, haben die zahlreichen Vögel und Säugetiere fast zwei Drittel ihres Lebensraumes verloren.

Ähnlich erging es den Wassertieren: In der Salzbrühe konnten sie nicht überleben. In den fünfziger Jahren wurden jährlich noch 44000 Tonnen Fisch aus den Fluten gezogen. An die 60000 Menschen lebten von der Fischerei. Unterdessen sind von den ehemals 24 Fischarten 20 ausgestorben, und was übrigblieb, will niemand mehr essen. So liegt der Fischfang darnieder, und die Menschen haben die Gegend verlassen. Entvölkerte Geisterdörfer reihen sich entlang der alten Küstenlinie auf. Trotz reicher Erdöl-, Erdgas- und Erzlagerstätten gibt es am Aralsee keine nennenswerte Industrie: Es hapert an Infrastruktur. Auf den Strecken der 1890 gebauten Transkaspischen Eisenbahn fahren uralte französische Lokomotiven, für die es keine Ersatzteile mehr gibt. Flugsand gibt dem Material den Rest. Die Stra- ßen sind unbefestigt, ein zuverlässiger Transport ist selten möglich.

Seit der See schrumpft, leiden die Menschen. Verdorrte Felder, vergiftete Flüsse, verseuchte Luft: Salzreichtum und Wasserarmut, ausgeschwemmte Pestizide und verwehte Insektizide führen zu schweren Erkrankungen, besonders bei Kindern: Babys kommen mißgebildet zur Welt. Von 1000 Kindern sterben bei der Geburt in einigen Regionen 110. In Deutschland sind es dagegen weniger als 8. Auch die Zahl der Frauen, die bei der Geburt eines Kindes sterben, ist weit höher als anderswo. Diese Zahl hat sich in den letzten Jahrzehnten vervierfacht. Die Angaben stammen von Prof. Monique Mainquet von der Université de Reims, einer der renommiertesten Expertinnen für den Aralsee.

Wer trotz der widrigen Umstände zur Welt gekommen ist, muß mit einem achtmal höheren Risiko leben, an Magenkrebs zu erkranken als Menschen in den benachbarten Regionen. Hepatitis und Typhus fängt man sich hier ein wie in Deutschland eine Grippe. Auch Pocken, Cholera und Pest drohen den Menschen südlich des Aralsees. Eine Ursache ist die große Rattenplage. Eintrocknende Sümpfe am Aralsee, die den Ratten einst Lebensraum boten – sie sind Überträger von Cholera und Pest -, haben die Nager in Richtung Süden vertrieben, wo sie in bewohnten Landschaftsstrichen eine neue Heimat fanden.

Die Regierung der Sowjetunion hat erst 1988 eingestanden, daß der Aralsee Probleme bereitet. An der Bewässerungspolitik änderte das wenig: Für unfruchtbar gewordene Felder wurden neue Landstriche im Süden urbar gemacht.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion beschäftigen sich einige große Weltorganisationen intensiv damit, die Umweltkatastrophe zu stoppen. Peter Whitford, bei der Weltbank in Washington für die Region am Aralsee zuständig, hält es allerdings für unmöglich, die ursprünglichen Verhältnisse wiederherzustellen: „Die einzige Chance besteht darin, die Umwelt zu stabilisieren, damit der Schaden nicht noch größer wird.“ Er hofft, daß mit neu angelegten Brunnen zumindest die Zahl der Erkrankungen und Mißbildungen gesenkt werden kann. Immerhin: Seit Mitte der achtziger Jahre nimmt die Konzentration der Pestizide im Trinkwasser wieder ab. „Die Arbeiter in den Baumwoll-Plantagen spritzen inzwischen vorsichtiger“, hat Whitford beobachtet.

Neue Anbau-Methoden sind gefragt. Bei einem durch die Weltbank finanzierten Musterprojekt in Usbekistan sind die Bauern auf salzresistente Getreidepflanzen umgestiegen. Darauf setzt auch der Geographie-Professor Siegmar Breckle von der Universität Bielefeld: „Ich kann mir vorstellen, daß salzliebende Pflanzen die Baumwolle langfristig ersetzen. Sie wären auch an das Klima am Aralsee besser angepaßt.“ Eine andere Alternative wäre Soja, das weniger Wasser als Baumwolle braucht.

Doch Rainer Ressl, der sich in einem Projekt der Deutschen Forschungsanstalt für Luft- und Raumfahrt (DLR) mit dem Aralsee beschäftigt, ist skeptisch, ob sich das realisieren läßt: „Die Forderung, den Baumwoll-Anbau aufzugeben, stößt auf großen Widerstand, weil Baumwolle für den Weltmarkt interessant ist und Devisen bringt.“ Ressl hat mit Nato-Mitteln ein sogenanntes Geographisches Informationssystem für den Aralsee entwickelt. Zusammen mit Daten des russischen Satelliten Resurs sollen die Behörden dadurch Wasser- und Landwirtschaftsprojekte unter ökologischen Gesichtspunkten angehen. Die ungewöhnliche Projektförderung durch die Nato kommt deshalb zustande, weil sich die transatlantische Allianz bei den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion um „gutes Wetter“ im Hinblick auf die geplante Osterweiterung bemüht.

Für den Wasserhaushalt am Aralsee ist es entscheidend, daß die Bauern einen realistischen Preis für das Wasser bezahlen müssen. Dann, so hofft Prof. Breckle, würden sie automatisch Weizen anbauen, der nur etwa halb soviel Wasser benötigt wie Baumwolle.

Auch politische Probleme plagen die Region. Peter Whitford ärgert sich über die Konkurrenz der Provinzen: „Projekte lassen sich zumeist nur nach zähem Hin und Her mit Provinzstatthaltern umsetzen“, klagt er. „Häufig fehlt die Bereitschaft, mit Nachbarn nach Kompromissen zu suchen.“ Noch heute behindern alte Strukturen und Seilschaften dringend notwendige Reformen.

Erste Ansätze zur Zusammenarbeit sind zwar auf dem Papier gemacht: 1994 schlossen die neugegründeten Vereinigten Staaten Zentralasiens Verträge ab, die ein ökologisches Programm zur Stabilisierung des Aralsees vorsehen. „Doch das ist nur Augenwischerei“, winkt Monique Mainquet ab. „Die wollen nur der Weltbank neue Millionenbeträge abluchsen, die später in dunklen Kanälen versickern.“

Auf die Weltbank und die Umweltorganisation der Vereinten Nationen (UNEP) ist die Professorin nicht gut zu sprechen: „Die haben in der Vergangenheit oft unkontrolliert Geld in Projekte gesteckt, die schließlich versandet sind.“ Mainquet ist auch über die mangelnde Kooperation der zahlreichen internationalen Organisationen frustriert. Ihrer Meinung nach sollten Projekte langfristiger angelegt werden: „Sonst bleibt das Geld wirkungslos.“

Ein aktuelles und illustratives Beispiel für die mangelnde Koordination der Sanierungs-Projekte: Peter Whitford von der Weltbank erfuhr erst durch den bdw-Autor, daß es auch ein Nato-Projekt „Aralsee“ gibt.

Wie dringend notwendig eine internationale Kooperation ist, wird am Beispiel Turkmenistan deutlich. Der zentralasiatische Staat entschied sich vor gerade zwei Jahren dafür, den umstrittenen Kara-Kum-Kanal um weitere 300 Kilometer auszudehnen. Auf diese Weise sollte der Südwesten des Staates bewässert und endlich auch dort Baumwolle angebaut werden. „Die Bevölkerung hungert. Sie braucht Gemüse, Getreide und sauberes Trinkwasser, aber keine Baumwolle“, beklagt Monique Mainquet. Sie fordert, daß keine Kredite mehr vergeben werden, ohne daß die Bevölkerung an der Entscheidung beteiligt ist: „Nur dann haben die Menschen am Aralsee noch eine Zukunft.“

Meyers Konversationslexikon 1904 Aralsee… Seine Länge beträgt 374, seine Breite 309 km, sein Flächeninhalt einschließlich der in ihm liegenden, 2517 qkm messenden Inseln 77,769 qkm … Das Wasser ist schwach salzhaltig (1,08 Proz.) und wird von Antilopen und Haustieren der kirgisischen Nomaden getrunken … Befahren wird der sehr fischreiche See nur von kleinen Regierungsdampfern…

Der große Brockhaus 1953 Aralsee, russ. Aralskoje More, abflußloser schwach salziger See im Tiefland von Turan, … 66458 km2 groß (1942 … von Dampfern regelmäßig befahren. Er ist sehr fischreich (jährl. Fänge rd. 35000 t).

Meyers Enzyklopädisches Lexikon 1981 Aralsee [‚a:ralze:, ‚a’ralze:] (russ. Aralskoje more), … etwa 66500 km2 … Der A. wird von Syr-Darja und Amu-Darja gespeist; da diesen Flüssen große Wassermengen zur Kulturlandbewässerung entnommen werden, sinkt der Spiegel des A.s ab (Wasserdefizit 1968 gegenüber dem früheren, mittleren Normalstand100000m3); hierdurch verursacht, nahm die Zahl der Laichplätze stark ab, so daß die Fischerei ihre Bedeutung verloren hat.

Brockhaus Enzyklopädie 1987 Aralsee … Als viertgrößter See der Erde (nach Kasp. Meer, Oberem See Nordamerikas und Victoriasee Afrikas) hatte der A. früher eine Fläche von 64100 km3 (ohne 2350 km2 Inseln). Von 1960 bis 1983 soll die Wasserfläche auf die Hälfte geschrumpft sein … Folgen der Seespiegelabsenkung sind: Einstellung der Fischerei … Verlust von Weideland … Bedrohung selbst weit entfernten Ackerlandes durch Salzauswehungen aus einem 50 – 60 km breiten, ehemals wasserbedeckten Uferstreifen.

Brockhaus Enzyklopädie Ergänzungen 1996 Aralsee: Bis 1991 war die Wasserfläche des A.s auf 37100 km2 geschrumpft, der Seespiegel auf 38,12 m ü. M. gesunken. Der Salzgehalt liegt heute bei 30%.

Helmut Vieser

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