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Allgemein

Dr. med. Frühgeschichte

Paläopathologie: Nichts ist so lebendig wie ein toter Knochen. Krankheiten hinterlassen knöcherne Spuren, die vom harten Leben unserer Vorfahren erzählen.

Phantasie ist gut, Knochen sind besser. Schmerzhaft mußte dies der ukrainische Leiter einer Ausgrabung südlich von Kiew erfahren: Dort war ein Grab mit einem Frauenskelett geborgen worden. Der Göttinger Anatom Michael Schultz hatte die Knochen untersucht und der ukrainische Archäologe ein sehr inspiriertes Gedicht über die Skythen-Lady verfaßt. Er trug es im Grabungslager der abendlichen Runde von Wissenschaftlern vor, die ob des leidenschaftlichen Beitrags begeistert in die Hände klatschten.

Da stand Michael Schultz auf, um seinerseits einen kleinen Vortrag zu halten. Nein, die Amazone, die der Kollege eben noch mit schwellender Brust auf einem rassigen Pferd durch die karge Steppe hatte stürmen lassen, war alles andere als jung und schön. Die Skythenfrau war Ende 50, vielleicht Mitte 60, sie litt an Karies und Paradontose und hatte wohl üblen Mundgeruch, Zähne gab es auch nicht mehr viele. Ein schlecht verheilter Bruch ließ die Dame hinken, dazu hatte sie Arthrose und jener Ode an ihre Schönheit hätte sie nur mit Mühe folgen können: Schwerhörig war sie nämlich auch noch.

Nach dieser Eröffnung soll der dichtende Kollege zutiefst gekränkt in die nächtliche Steppe entschwunden sein. Knochen sagen eben mehr als Worte. Das war Mitte der achtziger Jahre. „Und ich war so stolz, daß ich an den zusammengewachsenen Gehörknöchelchen sogar eine Schwerhörigkeit nachweisen konnte“, schmunzelt Schultz heute.

Die Archäologen, die ihn heute um einen kritischen Blick auf ihre Knochenfunde bitten, reagieren dankbarer. In den letzten 15 Jahren hat es sich herumgesprochen, daß der Göttinger Anatomieprofessor aus menschlichen Überresten eine Menge Informationen ablesen kann. Früher wurden manche Skelette, von Grabbeigaben befreit, liegengelassen oder landeten auf der Abraumhalde. Heute wissen Ausgräber, daß Knochen weit mehr verraten als Geschlecht und Alter.

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Archäologische Skelettfunde sind „biohistorische Urkunden“, sagt Schultz, die individuelle Lebensdaten konservieren – von Menschen, die vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden gelebt haben. Mit den wissenschaftlichen Methoden der Paläopathologie lassen sich die knöchernen Nachrichten häufig wie eine schriftlich fixierte Biographie erschließen.

„Auf diese Weise erfahren wir viel über die Lebensbedingungen in der Vergangenheit, insbesondere über die Ursachen, die Häufigkeit und die Verbreitung von Krankheiten“, bilanziert Schultz – und fragt weiter: Welche Krankheiten oder Verletzungen plagten diesen einen Menschen? Worunter litt das ganze Dorf? Warum starben so viele Kinder? War die Oberschicht tatsächlich gesünder als die Unterschicht oder plagten sie nur andere Beschwerden?

Der Paläopathologe Schultz findet Antworten auf diese Fragen, sucht aber außer den Krankheiten noch anderes: die Lebensumwelt der frühen Menschen. Wohnten sie penibel sauber, aßen alle das gleiche, wie wurde die Arbeit zwischen Mann und Frau, zwischen Alt und Jung aufgeteilt? „Solche Rückschlüsse zu ziehen und die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Archäologen, Anthropologen und Medizinern – das ist das wirklich Spannende an meiner Arbeit“, sagt der Wissenschaftler.

Seine Forschungsergebnisse wirken manchmal einer Mythenbildung entgegen – wie im Fall der Skythenfrau -, aber auch bei einer Krankheitsgruppe, zu der die Syphilis zählt – den „Treponematosen“. Deren Erreger trieben in der Alten Welt schon lange ihr Unwesen, bevor die aus der Neuen Welt heimkehrenden Spanier eine neue, hochvirulente Form einschleppten – die Erreger der Syphilis. Vereinzelt trat die Krankheit schon im Mittelalter und in der Antike auf, wie Spuren an Skeletten zeigen, und sogar bereits vor rund 9000 Jahren in Jordanien.

Auch krummachende Rükkenschmerzen oder Krebs sind bei weitem keine Zivilisationskrankheiten wie oft behauptet wird. Unter deformierten Wirbelsäulen litten schon die Menschen des Neolithikums und vom Krebs waren sie auch nicht verschont. Und übrigens! „Den bisher ältesten bekannten Tumor kann ich Ihnen in die Hand geben.“ Schultz springt auf, geht in den kleinen Hinterraum seines Büros im Zentrum Anatomie der Göttinger Universität, entschuldigt sich für eine unsichtbare Unordnung. Dann holt er aus einem Schrank, in dem sich Pappkarton auf Pappkarton stapelt, eine handtellergroße Steinscheibe hervor. „Dies ist ein Stück eines versteinerten 150 Millionen Jahre alten Dinosaurierknochens – und hier sehen Sie die Spuren eines Tumors.“

Wo bitte? Der Laie kann natürlich nichts erkennen, und selbst im Mikroskop unter polarisiertem Licht sehen die Strukturen von Knochen und Tumor hauptsächlich faszinierend bunt aus. „Ich war selbst skeptisch, als der Kollege aus den USA letztes Jahr auf mich zukam mit der These, es handle sich um einen Tumor.“

Daß der Amerikaner den deutschen Experten zu Rate zog, liegt an dessen ausgefeilten Untersuchungsmethoden. Schultz entwickelte zusammen mit dem „äußerst geschickten und ideenreichen“ Präparator Michael Brandt eine neue Art von Knochendünnschliffen. Das war nötig, denn „die Spuren von Skorbut, Anämie und Rachitis am Schädeldach sehen zunächst alle ähnlich aus, nämlich wie schwammartige Auflagerungen“, erläutert der Anatom. Erst unter dem Rasterelektronenmikroskop werden die Unterschiede sichtbar:

Eine Schädeldachverdickung aus Knochenbälkchen, die rechtwinklig zur inneren Knochenoberfläche aufgebaut sind, weist auf eine Anämie hin. Eine geflechtartige poröse Auflagerung deutet auf einen verknöcherten Bluterguß, was typisch ist für Skorbut. Eine feinporöse Schädeldachoberfläche, die zusammen mit dünnen, sich vernetzenden Knochenbälkchen des Schädeldachmarkraumes auftritt, zeugt von einer Rachitis.

„Wie krank unsere Vorfahren waren, wußte man lange Zeit nur aus zeitgenössischen schriftlichen Quellen, und die waren nicht selten ungenau oder falsch“, berichtet Schultz. Gar keinen Zugang hatte man zu den schriftlosen Kulturen am Anfang der Menschwerdung oder zu den Kulturen der ersten Ackerbauern. Knochen aber speichern Informationen über Jahrhunderte, ja Jahrtausende. „Archäologische Skelettfunde sind deshalb oft die primäre Quelle, die über das Leben in der Vergangenheit informiert“, findet Schultz.

Der Forscher war schon als Kind fasziniert von den Kulturen der Frühzeit. Als Jugendlicher besorgte er sich Bücher, um im Alleingang die archämenidische Keilschrift zu erlernen. Er entschied sich dann aber für ein Biologiestudium, mit dem Schwerpunkt Anthropologie, studierte parallel Medizin und begann während des medizinischen Staatsexamens in Frankfurt mit dem Studium der Vor- und Frühgeschichte.

Das ist eine Kombination wie geschaffen für das Fach, das er heute repräsentiert, ohne daß es dafür in Deutschland einen Lehrstuhl gibt: die Paläopathologie, die Wissenschaft von den Krankheiten unserer Vorfahren. Mittlerweile lassen sich die Anfänge einer „umfassenden Geschichte der Krankheiten“ erkennen, meint Schultz. Diese Geschichte einmal zu schreiben, hat der 53jährige ins Visier genommen. Denn daß sich ein Vergleich des Gesundheitszustandes zwischen den Kulturen und Epochen lohnt und daß von diesen Erkenntnissen auch der heutige Mensch profitieren kann – davon ist Schultz fest überzeugt. Und so sammelt er eifrig Stück für Stück dieses Puzzles. Bisher umfaßt es 18000 Teile: So viele Dias liegen in seinem Archiv.

Kann er sich nicht jetzt schon zu einigen allgemeinen Aussagen hinreißen lassen? War früher alles besser? Stieg vielleicht die Lebenserwartung? Schultz schaut amüsiert über den Rand seiner Brille und formuliert vorsichtig, „mit Vorbehalt: Grob gesagt, waren die Menschen früherer Kulturperioden gesünder und wurden mit zunehmender Zivilisation immer kränker.“

Das zeigt der Vergleich zwischen den neolithischen Bandkeramikern und den frühmittelalterlichen Germanen, die wiederum relativ gesünder waren als die spätmittelalterlichen Mittel- und Osteuropäer. Ein Beispiel ist die hämorrhagisch-entzündliche Hirnhautreizung im Kindesalter, die heute erkennbar ist an porösen plattenartigen Knochenneubildungen auf der Schädeldachinnenfläche. Davon waren in der Frühbronzezeit Mitteleuropas und des Vorderen Orients 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung betroffen, im Frühmittelalter Mitteleuropas um die 20, einige hundert Jahre später beispielsweise im spätbyzantinischen Pergamon 60 und im frühneuzeitlichen Alytus im heutigen Litauen um die 80 Prozent.

Nun muß dieses Ergebnis nicht zwingend heißen, daß die Menschen früher tatsächlich gesünder waren. Vielleicht waren die Bedingungen im Neolithikum derart hart, daß die Menschen schnell starben, ohne zuvor lange krank zu sein. Dann hätten sich die Zeichen einer Krankheit gar nicht erst ausbilden können. Möglich ist auch, daß sich die Virulenz von Erregern oder das Immunsystem des Menschen im Lauf der Zeit gewandelt hat oder einfach die Einstellung zur Pflege von Kranken.

Manche Krankheiten sind sehr früh belegt, etwa die Zahnfleischentzündung des mit 1,6 Millionen Jahren ältesten Eurasiers (Homo erectus von Dmanisi). Seine Beschwerden sind heute noch sichtbar durch Knochenneubildungen entlang der Entzündungszonen um die Zahnfächer und erheblichen Schwund des primären Knochens. Andere Krankheiten tauchen erst im Frühmittelalter auf wie die tuberkulöse Hirnhautentzündung, die Schultz heute am Aufbau bestimmter poröser Strukturen auf der Schädeldachinnenfläche erkennt, vor allem aber am Knochenabbau. Die war unter den Kindern einiger spätmittelalterlichen Bevölkerungsgruppen schon so häufig, daß man von einer Volksseuche sprechen kann – und nicht erst ab der industriellen Revolution, wie bislang angenommen.

Art und Häufigkeit der Erkrankungen von Kindern haben sich bei den Fahndungen von Michael Schultz als besonders sensibler Gradmesser für die Lebensqualität einer Bevölkerung erwiesen. Kinder haben zum Beispiel einen höheren Bedarf an Eiweißen, so daß sie durch einen Mangel härter getroffen werden als Erwachsene.

27 Krankheiten hinterlassen ihre eindeutigen Spuren am kindlichen Skelett. Dazu reicht es schon aus, daß die Krankheit etwa eine Woche gewütet hat. So zügig geht die Knochenveränderung vonstatten, da der kindliche Körper im Wachsen begriffen ist und sofort auf Störungen reagiert. Unter den 27 Erkrankungen sind aber nicht nur solche der Knochen, sondern auch der Weichteile wie chronische Herz-Kreislauf- und Lungen-Krankheiten oder Hirnhaut- und Rippenfell-Entzündungen. Auch ein Wasserkopf oder ein angeborener Herzfehler läßt sich nachweisen. Aber auch dies: An zahlreichen frühgeschichtlichen Kinderskeletten, etwa in der mexikanischen Metropole Teotihuacan, fand Schultz an den Langknochen Sehnenausrisse, verknöcherte Blutergüsse und Frakturen, die er sich nur mit Kindesmißhandlung oder Kinderarbeit erklären kann.

Apropos Arbeit: Auch Hinweise auf Berufskrankheiten findet Schultz immer wieder. Krieger zum Beispiel hatten oft steife Schulter- oder Hüftgelenke. Wer statt des Schwertes die Handreibemühle bediente, bekam Probleme eher am Ellenbogen.

Gar nicht gearbeitet und dennoch überlebt hat ein Mann aus Neumexiko, dessen Wirbelsäule und Gelenke im Laufe seines Lebens fast ausnahmslos versteift waren. Er muß viele Jahre in sitzender Haltung verbracht haben, ohne sich selbst fortbewegen zu können. Für Schultz ist das ein Indiz dafür, daß seine Mitmenschen ihn in aufopfernder Weise ernährt und gepflegt haben müssen.

Ein Kultur- und Regionenvergleich im großen Stil ist schwierig. Wann werden schon vollständige Gräberfelder gefunden, noch dazu mit menschlichen Überresten aus verschiedenen Zeiten? Einen solchen Glücksfall hat Schultz parat: In Jelsovce in der heutigen Slowakischen Republik fanden Archäologen Hunderte guterhaltener Gräber aus der Frühbronzezeit, die eine Gegenüberstellung der Nitrakultur (2200 bis 1900 v. Chr.) und der nachfolgenden Aunjetitzkultur (1900 bis 1700 v. Chr.) möglich machten. Der Forscher untersuchte rund 50 Skelette aus jeder Periode. Das überraschende Ergebnis: Die Kinder von Jelsovce waren in einem Zeitraum von nur etwa 250 Jahren deutlich kränker geworden. Ob sie an den Mangelkrankheiten Anämie, Skorbut oder an Rachitis litten oder an Infektionskrankheiten wie Hirnhautentzündung, Mittelohr- und Nasennebenhöhlenentzündung – immer waren jeweils mehr Kinder der jüngeren Aunjetitzkultur betroffen.

Was war passiert? Vielleicht hatte sich das Klima verschlechtert und damit die Nahrungslage. Vielleicht aber war es auch umgekehrt, spekuliert Schultz: Durch eine günstige Umwelt wuchs die Bevölkerung der Aunjetitzkultur. Mehr Menschen aber müssen mehr essen. Also griff der Mensch immer stärker in die Natur ein, veränderte das Biotop und zerstörte seine eigene Lebensgrundlage. „Schon der Steinzeitmensch machte diesen ökologischen Fehler“, warnt Schultz. „Wir sollten daraus lernen.“

Seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt sich der Paläopathologe mit alten Knochen. Seine Forschungen führten ihn in die USA und nach Mexiko, in die ehemalige Sowjetunion, nach Ägypten, Jordanien und in die Türkei, vor kurzem erst in den Irak und natürlich in die Länder Mittel- und Südeuropas.

Seine Arbeitsbedingungen erinnern einerseits an das Ambiente des Abenteurers Indiana Jones, wenn es durch enge, stickige Schächte zu ungeplünderten Königinnengräbern der Assyrer geht, aber auch an die eines Archivars, wenn Hunderte Knochenfragmente säuberlich analysiert und registriert werden sollen. Durchhaltevermögen ist da gefragt, aber auch Respekt vor den menschlichen Überresten. Die frühen Menschen führten ein beschwerliches Leben. Sie mußten sich plagen, um essen zu können, die Hygiene ließ zu wünschen übrig. Heute banale Erkrankungen konnten ein ganzes Dorf vernichten, Schmerzen waren unabwendbar. Unwissenheit und Aberglaube sorgten für schlimme Ängste.

Michael Schultz jedenfalls hat sich von einem Wunsch verabschiedet, den viele hegen: Einmal die Zeit der „alten Ägypter“ kennenzulernen oder die der Griechen: „Ich bin froh, in einer privilegierten Umwelt der Gegenwart zu leben.“

Sonja Striegl

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