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Allgemein

Eine Alternative zum therapeutischen Klonen

Rudolf Jaenisch setzt auf die Erforschung von Krankheiten in der Petrischale. Organe aus dem Labor könnten schon bald Realität sein.

bild der wissenschaft: Die Gesellschaft für Biochemie und Molekularbiologie hat Sie dieses Jahr mit der renommierten Otto-Warburg-Medaille ausgezeichnet. Wofür haben Sie die Medaille bekommen?

Jaenisch: Das habe ich mich auch gefragt, ich bin ja kein Biochemiker (lacht). Die Auszeichnung kam überraschend, aber ich fühle mich natürlich sehr geehrt.

Ihre Leistungen auf dem Gebiet der Stammzellforschung sind beeindruckend. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Aus einem Zusammenspiel zwischen der Umgebung, exzellenten Mitarbeitern und meinem Interesse an der Stammzellforschung. Glück gehört natürlich auch dazu.

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Mittlerweile ist es Routine, Leukämie-kranken Stammzellen aus dem Knochenmark eines Spenders einzupflanzen, die sich zu neuen Blutzellen entwickeln. Lässt sich auch anderes erkranktes Ge- webe ersetzen?

Das ist schwierig. Ein Problem ist, dass wir in einer Zellkultur oft keine reifen Zellen herstellen können. Bei Krankheiten wie Mukoviszidose, die den ganzen Körper betreffen, ist eine Zelltransplantation schwer vorstellbar – wohin soll man die Zellen transplantieren?

Ist die Zelltherapie zurzeit noch im Anfangsstadium?

Absolut. Sehr vielversprechend ist aktuell die Zelltherapie bei einer Netzhautdegeneration des Auges.

Welche Krankheiten, abgesehen von Augenkrankheiten, werden zu den ersten gehören, die sich mit einer Zelltherapie behandeln lassen?

Diabetes, Leberkrankheiten und Blutkrankheiten. Bei Parkinson ist es kompliziert, weil wir die Zellen in das Gehirn injizieren müssten.

Sind ganze Organe aus dem Labor Utopie?

Da gibt es viele Fortschritte. Organe, die nicht so komplex sind, Niere oder Leber etwa, können wir in Zukunft vielleicht züchten. Ein komplettes Herz herzustellen, halte ich aber für ausgeschlossen – das ist zu kompliziert.

Ihr Labor war eines der ersten, das Körperzellen in embryonale Alleskönner zurückverwandelt hat. Wie kam es dazu?

Durch das Klonschaf Dolly war 1996 eine patientenspezifische Therapie vorstellbar geworden. Die Technik, die man bei Dolly verwendet hatte, lässt sich prinzipiell auf den Menschen übertragen: Man entnimmt einem Patienten eine Hautzelle und transplantiert deren Kern in eine Eizelle. So gewinnt man maßgeschneiderte embryonale Stammzellen, die vom Körper des Patienten nicht abgestoßen werden.

Viele Menschen äußerten damals moralische Bedenken.

Gerade in Deutschland wurde das therapeutische Klonen wegen des Eizellbedarfs sehr kontrovers diskutiert und letztlich abgelehnt. Auch andere Länder wie die USA kritisierten das Verfahren. Uns war daher klar, dass wir eine Alternative brauchten. Wir mussten verstehen, wie die Eizelle den Hautzellkern umprogrammiert und in seinen Ursprungszustand zurückversetzt. 2006 schließlich wandelte Shinya Yamanaka eine Hautzelle der Maus in eine Alleskönner-Stammzelle um – ohne den Transfer in eine Eizelle. Das gelang ihm, indem er vier Gene in die Hautzelle einschleuste. So schaffte er es, erstmals induzierte pluripotente Stammzellen herzustellen, die iPS-Zellen. Mein Team arbeitete ebenfalls an dem Verfahren und 2007 veröffentlichten wir in der Zeitschrift nature eine der ersten Arbeiten zur Herstellung von iPS-Zellen nach Yamanakas Vorbild.

Welchen Vorteil bieten die iPS-Zellen?

Auch die iPS-Zellen sind maßgeschneidert für einen Patienten, aber die ethischen Probleme entfallen. Daher wurden sie sogar in Deutschland akzeptiert. Doch die embryonalen Stammzellen bleiben der Goldstandard. Mit ihnen vergleichen wir die iPS-Zellen.

Ist es schwierig, Körperzellen in iPS-Zellen umzuprogrammieren?

Nein, aus jeder Körperzelle können wir eine iPS-Zelle machen. Das ist Routine geworden. Was allerdings nicht immer gelingt, ist das Erzeugen von reifen Körperzellen aus iPS-Zellen.

Kann man Körperzellen eines Typs auch direkt in einen anderen Zelltyp umwandeln, ohne den Umweg über Stammzellen?

Marius Wernig, ein früherer Postdoc von mir, hat das gemacht. Er hat Hautzellen direkt in Nervenzellen umgewandelt. Das ging viel schneller als beim Umweg über die iPS-Zellen. Der Nachteil ist, dass man mit der direkten Methode nicht viele Zellen herstellen kann. Reife Nervenzellen teilen sich ja nicht mehr. Für eine Transplantation sind aber jede Menge Nervenzellen nötig.

Kann man mit iPS-Zellen oder daraus gezüchteten Gewebezellen gefahrlos Menschen therapieren?

Davon gehe ich aus. Ursprünglich schleuste man die Gene, die für die Reprogrammierung der Hautzellen nötig sind, mithilfe von Viren ein. Viren können allerdings krebsverursachende Mutationen auslösen. Heute können wir iPS-Zellen ohne Viren herstellen. Bevor wir die Zellen transplantieren, müssen wir jedoch sicherstellen, dass sie keine gefährlichen genetischen Veränderungen haben.

Welche Vorteile bieten IPS-Zellen noch?

Man kann mit ihnen Erkrankungen im Labor untersuchen. Das ist vor allem deshalb wichtig, weil sich nicht alle Krankheiten mit Zelltransplantation heilen lassen. In einer Zellkultur im Labor hingegen kann man im Prinzip jede Krankheit erforschen.

Wie untersucht man eine Erkrankung in der Petrischale?

Nehmen wir mal Parkinson. Wir wollen herausfinden, warum Nervenzellen absterben, wenn der Patient eine bestimmte Mutation trägt. Also erzeugen wir aus seinen Hautzellen iPS-Zellen. Bei einigen davon korrigieren wir die Mutation zur Kontrolle und lassen alle Zellen zu Nervenzellen heranreifen. Daraufhin vergleichen wir, ob die mutierten Nervenzellen des Patienten nach einer Pestizideinwirkung eher absterben als seine nichtmutierten und ob es bestimmte Moleküle gibt, die dieses Absterben verhindern oder aufhalten.

Gibt es schon erste Ergebnisse?

Zusammen mit zwei anderen Gruppen konnten wir zeigen, dass die Mutation in den Parkinsonzellen diese empfindlicher gegenüber Umweltgiften macht. Und es gab kleine Moleküle, die den Degenerationsprozess der Zellen in der Zellkultur zum Teil verhinderten. Trifft das auch im Patienten zu, hätten wir die Grundlage für ein Medikament, das an den Ursachen ansetzt und nicht nur Symptome bekämpft wie bisherige Medikamente oder die komplizierte und teure Zelltherapie.

Anfang des Jahres sorgte eine japanische Veröffentlichung für Aufsehen: Die Wissenschaftler hatten angeblich Hautzellen durch Säure zu Stammzellen verjüngt. Hat Sie das überrascht?

Das widerspricht allem, was wir wissen. Keiner konnte das Ergebnis reproduzieren, und es stellte sich heraus, dass die Erstautorin gefälscht hatte. Das Ganze ist ziemlich peinlich, besonders, weil sich einige Autoren dagegen stemmen, die Veröffentlichung zurückzuziehen.

Es scheint, als würde auf dem Gebiet der Stammzellforschung besonders viel gefälscht. Warum?

Ich glaube gar nicht, dass hier mehr gefälscht wird als anderswo. Doch die Fälschungen fallen eher auf, weil die Stammzellforschung im öffentlichen Interesse steht.

Sind die Zeiten für Wissenschaftler rauer geworden?

In den 1970er-Jahren gab es einen offenen Austausch. Wenn wir ein Ergebnis hatten, haben wir es sofort herausposaunt. Jetzt haben die Leute Angst, dass ihnen jemand vor der Veröffentlichung zuvorkommt.

Welches Erfolgsrezept würden Sie jungen Wissenschaftlern mit auf den Weg geben?

Sie müssen lernen, dass die meisten Experimente nicht funktionieren – und damit klar kommen. Wichtig ist auch, enthusiastisch zu sein. Ich war nie davon getrieben, das zu tun, was für meine Karriere wichtig ist. Mich hat immer nur die Fragestellung interessiert.

In Deutschland dürfen Forscher nur mit importierten menschlichen embryonalen Stammzellen arbeiten, die vor dem 1. Mai 2007 isoliert wurden. Lässt sich damit sinnvoll forschen?

Dieses Gesetz ist meiner Ansicht nach unsinnig. Es hat das Forschungsklima in Deutschland sehr verschlechtert. In den USA gibt es auch sehr großen Widerstand, aber die Amerikaner machen wenigstens kein Gesetz.

Welche Regelung halten Sie für sinnvoll?

Die Diskussion, wie man Embryonen schützen kann, ist sehr wichtig. Die Engländer haben da einen beispielhaften Prozess durchgemacht. Sie sagen: Bevor ein Embryo implantiert ist, darf man Stammzellen isolieren, danach nicht mehr. In Deutschland heißt es, dass das Leben schon anfängt, wenn die beiden Kerne verschmolzen sind. Diese Ideologie und der Dogmatismus sind typisch deutsch.

Was läuft in Deutschland besser als in Amerika oder England?

Es ist fantastisch, wie viel Geld in Deutschland für die Wissenschaft ausgegeben wird. Davon kann man in den USA nur träumen. Deswegen ist es für Forscher mittlerweile sehr attraktiv geworden, nach Deutschland zu kommen. Die Wissenschaft in Deutschland hat in vielen Bereichen Weltstandard erreicht.

Sie haben Deutschland den Rücken gekehrt. Was könnte Sie zurücklocken?

In Deutschland müsste ich mit meinen 72 Jahren wahrscheinlich sofort in den Ruhestand gehen (lacht). Das ist nicht so attraktiv für mich. In den USA ist das gesetzlich nicht geregelt.

Was wollen Sie noch erreichen?

Es gibt so viele Fragen, die spannend sind. Ich würde zum Beispiel gern eine Krankheit wie Parkinson verstehen. Ich hatte noch nie so eine gute Zeit wie jetzt, mit so vielen Möglichkeiten. Ich fühle mich schon sehr privilegiert, an diesen Fragen arbeiten zu können. So lange es mir Spaß macht, möchte ich gern weiterforschen.

Ihnen fehlt jetzt nur noch der Nobelpreis. Wäre das die Krönung Ihrer Karriere?

Klar, das ist doch für jeden so – oder? •

Das Gespräch führten Helmine Braitmaier und Claudia Christine Wolf

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