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Allgemein

Eine Fieberkurve der Umwelt

Was in der Volkswirtschaft längst üblich ist, will Bundesumweltministerin Dr. Angela Merkel jetzt auch für die Umwelt etablieren: Einen Index, der gute oder schlechte Entwicklungen auf einen Blick erkennen läßt.

bild der wissenschaft:Zentrales Thema in Ihrem vor kurzem erschienenen Buch “Der Preis des Überlebens” ist die Meß- und Vergleichbarkeit der Umweltqualität. Haben Sie sich jetzt auf die Suche nach dem Stein der Weisen gemacht, Frau Umweltministerin Merkel?

Merkel: Mir ist es ein großes Anliegen, Fortschritte oder Defizite im Umweltsektor konkret belegen zu können. So könnten wir uns endlich davon lösen, in der Umweltpolitik immer nur diesen oder jenen Einzelfall zu diskutieren – ohne Blick für das Ganze. Um Umweltpolitik anschaulicher zu machen, schlage ich einen Nachhaltigkeitsindex vor. Dadurch ließe sich im Idealfall die Entwicklung der Umwelt in unserem Land ähnlich plastisch darstellen, wie wir das in der Volkswirtschaft durch Größen wie die Arbeitslosenquote oder das Bruttoinlandsprodukt praktizieren.

bild der wissenschaft: Um die Arbeitslosenquote zu ermitteln, bedient sich das Nürnberger Bundesamt für Arbeit einer umfangreichen und ausgeklügelten Meldestatistik. Ein solches Meldewesen müß-te für die Umwelt erst noch entwickelt werden. Doch damit nicht genug. Wie wollen Sie die Entwicklung der Artenvielfalt mit der Bodennutzung verrechnen, wie die Luftreinhaltung mit der Gewässergüte?

Merkel: Sicher ist ein Nachhaltigkeitsindex komplizierter zu ermitteln als die Arbeitslosenzahl. Andererseits dürfen wir die Werte, die wir heute benutzen, um die wirtschaftliche Entwicklung zu kennzeichnen, nicht überinterpretieren. Auch hier sind wir einen weiten Weg gegangen, ehe diese Werte griffig wurden. Und auch hier wird stark vereinfacht. Unser erstes Ziel hin zu einem Nachhaltigkeitsindex muß es sein, aus der Summe aller Umweltdaten die wichtigsten herauszuziehen. Wir sind weit davon entfernt, die Umweltqualität an einer einzigen Zahl festmachen zu können. Wahrscheinlich wird es diese eine Zahl auch gar nicht geben. Es wäre dennoch viel gewonnen, wenn wir eine Handvoll Werte schaffen könnten, die uns über die wichtigsten Entwicklungen Auskunft geben.

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bild der wissenschaft: Welche Entwicklungen sind für Sie wichtig?

Merkel: Ich gehe davon aus, daß wir mit Daten zum Naturhaushalt, zur Gesundheit, zur Energienutzung und zur Kreislaufwirtschaft einen Großteil der Entwicklungen erfassen können. Ihre Gesamtschau sollte uns eine ähnliche Orientierung über den Zustand unserer Umwelt ermöglichen, wie es die Kombination von Wirtschaftswachstum, Arbeitslosenquote und Inflationsrate für die Volkswirtschaft darstellt. Damit ist aber auch eines klar: Die absolute Größe einer Zahl sagt uns wenig. Erst wenn wir einen Wert über Jahre hinweg vergleichen, können wir mit einer solchen Darstellung etwas anfangen.

bild der wissenschaft: Was läßt Sie glauben, daß die Umweltdiskussion durch einen Nachhaltigkeitsindex in neue Bahnen gelenkt werden kann?

Merkel: Einerseits ist die Wissenschaft an einem solchen Index interessiert, was der Sache schon ohne mein Zutun Leben gibt. So bin ich mit dem Umweltökonomischen Beirat und dem Statistischen Bundesamt im Gespräch. Desweiteren will unsere Gesellschaft Umweltpolitik an Hand konkreter Ergebnisse bewerten. Aufgabe der Politik ist es jetzt, die Brücke zwischen dem zu schlagen, was die Wissenschaftler erarbeiten und an Differenzierung für erforderlich halten und der Umsetzung. Die Ergebnisse müssen zudem für die Bevölkerung nach-vollziehbar sein. Mein Part ist dabei, Ziele vorzugeben, um so Wissenschaftler in die Lage zu versetzen, daß sie aus der Vielzahl möglicher Varianten jene Indikatoren herausfiltern, die die Defizite und die Fortschritte bei der Umwelt am ehesten abbilden.

bild der wissenschaft: Bis wann sollen die Leit-Indikatoren ausgewählt sein?

Merkel: Bis zum Sommer wollen wir alle Daten zusammengetragen haben, die verfügbar sind. Wir können damit an konkreten Beispielen zeigen, wie sich die Trends in den letzten Jahren entwickelt haben. Wichtig ist für eine solche Modellbildung allerdings, daß wir ausreichend statistische Daten haben, die in die Vergangenheit reichen. Und das ist in vielen Fällen schwierig.

bild der wissenschaft: Ihr Vorschlag mag für manche Bürger interessant sein. Andere werden ihn als “nicht praktikabel, zu kurz gegriffen oder wissenschaftlich nicht haltbar” abtun. Diese Kritik werden dann viele zum Anlaß nehmen, Ihren Nachhaltigkeitsindex – auch aus parteipolitischen Erwägungen – abzulehnen.

Merkel: Es gibt die Macht des Faktischen, wenn es plausibel ist. Auch die Auswahl der Unternehmen, die in den Deutschen Aktienindex DAX eingehen, hat nicht die Sympathie aller Ökonomen. Dennoch ist der DAX ein weltweit anerkannter Index. Wenn wir jetzt ein plausibles Konzept für einen Nachhaltigkeitsindex vorlegen, müssen die Kritiker erst einmal einen Gegenentwurf präsentieren. Möglicherweise werden wir unsere Vorstellungen dann modifizieren, doch daran nimmt die Idee des Nachhaltigkeitsindexes keinen Schaden. Im übrigen gibt es schon Vorläufer der Idee, wenn ich etwa an die Studie “Zukunftsfähiges Deutschland” des Wuppertal-Instituts denke.

bild der wissenschaft: Nationale Lösungen taugen nicht bei der Umweltpolitik, heißt es stets. Welche Chancen geben Sie Ihrem Index auf internationaler Ebene?

Merkel: Mit Sicherheit würde sich ein deutscher Nachhaltigkeitsindex von einem in USA, Brasilien, Indien oder Rußland unterscheiden, weil die regionalen Probleme ganz anders aussehen. So bewerten Brasilianer und Deutsche Straßenlärm völlig anders. Und der Ertrag der Getreideernte wird als Beleg für die Umweltqualität von US-Amerikanern oder Südostasiaten weit brisanter eingestuft als von Deutschen. Ich kann mir dennoch vorstellen, daß etwa das World Watch Institute in Washington unsere Gedanken aufnimmt und für unterschiedliche Länder eine vergleichbare Zustandsbeschreibung entwickelt, also so etwas wie einen internationalen Nachhaltigkeitsindex schafft. Ehe wir uns darüber Gedanken machen, müssen wir aber erst einmal die Vorstellungen für Deutschland konkretisieren. Wir müssen von unten, das heißt national anfangen.

bild der wissenschaft: Ein konkretes Ziel der Nachhaltigkeit ist für Sie, bis 2010 den Flottenverbrauch aller in Deutschland neu hergestellten Personenwagen auf fünf Liter Sprit pro 100 Kilometer zu senken. Ist das realistisch? Die Autos werden immer schneller, weil das ein Kaufanreiz ist, und sie werden schwerer, weil das Sicherheitsbedürfnis steigt. Hinzu kommt – jetzt auch bei uns immer häufiger – eine Treibstoff-fressende Klimaanlage.

Merkel: Ich denke, daß technisch noch eine Menge machbar ist und daß die Hersteller tatsächlich bemüht sind, sich durch Neukonstruktionen dem politischen Ziel eines Fünf-Liter-Autos zu nähern. Dennoch ist es notwendig, auch über Preise Signale zu setzen. So drosseln Wirtschaft und Haushalte ihren Verbrauch an Wasser erst, seit Wasser- und Abwasserpreise nennenswerte Kosten verursachen. Nicht zuletzt deshalb bin ich für eine aufkommensneutrale und EU-weite CO2-Energiesteuer, wenn gleichzeitig eine Entlastung bei den Arbeitskosten erfolgt. Eine Schocktherapie – wie es die Grünen mit der Anhebung des Benzinpreises auf bis zu fünf Mark fordern – halte ich allerdings für nicht angebracht. Denn auch langsam steigende Preise zeigen Wirkung – und lassen Zeit, sich auf die neue Entwicklung einzustellen. Überdies bin ich der Meinung, daß die meisten mitdenkenden Menschen in unserer Gesellschaft längst akzeptiert haben, daß wir mit der Umwelt schonender umgehen müssen, als wir das früher getan haben.

bild der wissenschaft: Sie hoffen auf einen dauerhaften Wertewandel, der auch Bestand hat in der inzwischen alle anderen Themen überragenden Diskussion um sichere Arbeitsplätze?

Merkel: Wir müssen dazu kommen, den Menschen wieder Ehrfurcht vor der Natur und Ehrfurcht vor der Endlichkeit von Ressourcen zu vermitteln. Das ist möglich. Wir haben schon viele zivilisatorische Dinge gelernt. Daß das Primat der Gewalt beim Staat liegt, ist gar nicht so selbstverständlich, wie wir heute unbesehen annehmen. Warum sollte es nicht ebenfalls gelingen, das Bewußtsein über die Endlichkeit von natürlichen Ressourcen ganz tief in jedem von uns zu verankern. Das ist eine zentrale Aufgabe für unsere Bildung und Ausbildung.

Dr. Angela Merkel gehört seit 1991 dem Kabinett Kohl an und ist seit 18. November 1994 Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit. Die promovierte Physikerin (Jahrgang 1954) ist in Hamburg geboren und in der Uckermark aufgewachsen. 1989 trat Angela Merkel in der DDR dem Demokratischen Aufbruch bei und war 1990 stellvertretende Regierungssprecherin der Regierung um Lothar de Maizière. Anders als etliche ihrer männlichen Kollegen hat Merkel durch ihr Ministeramt nicht an Bodenhaftung verloren. Im Herbst letzten Jahres erschien ihr erstes Buch “Der Preis des Überlebens” (DVA, Stuttgart), in dem sie zusammen mit namhaften Umweltexperten und Wirtschaftsvertretern Elemente einer zukunftsfähigen Umweltpolitik entwickelt.

Wolfgang Hess / Angela Merkel

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Ver|kehrs|wert  〈m. 1〉 zu einem bestimmten Zeitpunkt erzielbarer Verkaufspreis

♦ An|thrax  〈m.; –; unz.; Med.〉 = Milzbrand [grch., ”Kohle“]

♦ Die Buchstabenfolge an|thr… kann in Fremdwörtern auch anth|r… getrennt werden.

Sys|tem  〈n. 11〉 1 in sich geschlossenes, geordnetes u. gegliedertes Ganzes (Noten~, Schul~) 2 Gesamtheit, Gefüge von Teilen, die voneinander abhängig sind, ineinandergreifen od. zusammenwirken, z. B. von Straßen, Lauten (einer Sprache) … mehr

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