Eine neue Zukunft für die Wissenschaft - wissenschaft.de
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Eine neue Zukunft für die Wissenschaft

Noch ist Forschung wie ein Überraschungs-Ei: Keiner kennt den Inhalt, bevor er es auspackt.

Im Moment, so scheint es, erlebt Wissenschaft in unserem Land einen neuen Boom. Da steigen die Budgets, da widmen die Medien der Forschung ungewohnte Schlagzeilen, da wird sie in Festreden zum Schlüssel der Wissensgesellschaft und zum Schrittmacher des Wohlstands, da sorgen Festivals und Dialoge für Spiel, Spaß und Information. Endlich, so scheint es, gewinnt Wissenschaft wieder die Stellung in unserer Gesellschaft zurück, die sie einmal hatte. Denn früher einmal, da galt der Forscher noch etwas: Da glaubte man seinem Expertenrat. Da stand der Professor mit Kaiser, Priester und Unternehmer in einer Reihe, wenn es um den Weg in die Zukunft ging. Doch unsere Gesellschaft hat sich grundlegend gewandelt, ist heute weniger hierarchisch, dafür demokratischer. Statt um den Kaiser, geht es um Wählerstimmen. Und kluge Chefs haben jetzt ihre Mitarbeiter als wichtigstes Kapital entdeckt. Lediglich Kirche und Wissenschaft tun sich noch schwer mit der neuen Welt. Wie die eines Tages aussehen könnte, zeigt prototypisch das Internet: Jeder hat im World Wide Web weltweit Zugriff auf Informationen und Leistungen. Das Medium ist Plattform für Information und Auseinandersetzung, Nahrungsquelle für Ratio und Emotionen. Und jeder redet mit. So wird sich auch die globale Wissensgesellschaft entwickeln. Kein Bereich wird bleiben, der sich nicht den Fragen vieler stellen muß, jeder findet irgendwo passende Antworten auf seine speziellen Fragen. Der einzelne bestimmt die Regeln. Das bedeutet Individualisierung, Transparenz und globalen Wettbewerb – auch bei den Leistungen der Wissenschaft. Und die Gelehrtengesellschaft? Sie wird Abschied nehmen müssen von geliebten Gedankenwelten. Etwa davon, daß Freiheit der Forschung bedeutet, unabhängig zu sein – unabhängig von den Entwicklungen und Wünschen überall sonst. Wissenschaft darf nicht länger wie ein Überraschungs-Ei sein: Irgend etwas ist drin, doch keiner weiß, was, bevor er es nicht gekauft und ausgepackt hat. Die Forschung muß sich öffnen, auch ihre eigenen Probleme auf offenem Markt diskutieren, etwa die Glaubwürdigkeit mancher Forscher oder den Einfluß kommerzieller Interessen. Vor allem aber muß sie lernen, auf die Gesellschaft zu achten und deren Probleme zu eigenen zu machen. Zwei Tagungen, die wenig verbindet, haben mir das Problem in den letzten Wochen vor Augen geführt. Die erste war ein Workshop der Unesco in London über Wissenschafts-Kommunikation. Bald ging die Diskussion kaum darum, wie Menschen mehr über Wissenschaft lernen, sondern darum, daß die Forschung bislang keine Methode entwickelt hat, um der Gesellschaft zuzuhören. Ganz zu schweigen von einem Gespür, daß Zuhören die Voraussetzung für jeden Dialog ist. Die praktische Konsequenz zeigte sich nur Tage später bei der Expo2000, wo die deutsche Wissenschaft versuchte, einen „Global Dialogue“ zu beginnen. Erwartungsfroh waren hervorragende Fachleute vor allem auch aus Entwicklungsländern, nach Hannover gereist, um mit ihren deutschen Kollegen über die großen Probleme dieser Erde zu reden. Sie sprachen oft vor leeren Stühlen. Die grauhaarigen Gelehrten versammelten sich dort, wo es um Theorien über den Ursprung des Universums ging. Ist es Illusion zu glauben, daß ein echtes Zwiegespräch zwischen Wissenschaft und den anderen Bereichen der Gesellschaft gelingen könnte? Dabei wäre dies so nötig in einer Gesellschaft, die dabei ist, sich ihrerseits von den Prinzipien der Wissenschaft abzuwenden: von Rationalität, von Ernsthaftigkeit, von Ausdauer, vom positiven Skeptizismus und auch von der Suche nach Wahrheit.

Reiner Korbmann

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Mis|sing Link  〈n.; – –; unz.; Biol.〉 fehlendes Glied (z. B. in der Entwicklung vom Affen zum Menschen) [engl.]

Pa|ra|bio|se  〈f. 19; Biol.〉 Zusammenleben zweier Lebewesen, die miteinander verwachsen sind, z. B. bei siamesischen Zwillingen [<grch. para ... mehr

Ado|nis|rös|chen  〈n. 14; Bot.〉 Angehöriges einer Gattung der Hahnenfußgewächse: Adonis

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