Entwicklungshilfe in Sachen Ehe - wissenschaft.de
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Entwicklungshilfe in Sachen Ehe

„Warum immer mehr Ehen zerbrechen, analysiert der Sozialpsychologe Prof. Manfred Hassebrauck. Er ist Autor eines neuartigen Beziehungstests, der am 21. März im bdw-special „Leben, Liebe, Partnerschaft“ erscheint.“

bild der wissenschaft: Sind Psychologen in einer Beziehung die besseren Partner?

Hassebrauck: Die Psychologie ist eine heterogene Wissenschaft, weshalb ich die Frage nicht für alle Psychologen beantworten kann. Mir selbst hat die Beschäftigung mit Paarbeziehungen und deren Problemen eine andere Sicht auf meine eigene Beziehung gegeben. Das Resultat läßt sich sehen: Ich bin mittlerweile 25 Jahre glücklich und zufrieden verheiratet.

bdw: Sie haben einen umfangreichen Beziehungstest entwickelt, den wir unseren Lesern im neuen bdw-special „Leben, Liebe, Partnerschaft“ vorstellen. Ein wesentliches Element darin ist der bewußtere Umgang mit dem Partner.

Hassebrauck: Eine partnerschaftliche Beziehung funktioniert nur dann, wenn beide bereit sind, Kompromisse einzugehen. Doch darüber machen sich frisch Verliebte selten Gedanken. Menschen, die unglücklich sind, denken dagegen gründlicher über ihre Beziehung nach. Dabei muß die Ursache des Unglücklichseins gar nicht einmal auf die Beziehung zurückgehen, sondern kann etwa durch die Situation am Arbeitsplatz ausgelöst werden.

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bdw: Hals über Kopf in eine neue Liebschaft – trifft das für alle Altersgruppen zu?

Hassebrauck: Ja. Generell lösen positive Gemütszustände beim Menschen eine Informationsverarbeitung aus, die weniger systematisch und analytisch ist. Negative emotionale Zustände aktivieren dagegen die systematische, akribische Informationsverarbeitung geradezu.

bdw: Beschäftigen Sie sich mit den Partnerschaftsproblemen aus Neugier oder um Menschen zu helfen?

Hassebrauck: Ich bin Grundlagenwissenschaftler und von Neugier getrieben. Das Helfen ist ein nützlicher Aspekt, aber nicht mein Ausgangspunkt. Als Sozialpsychologe interessiere ich mich für die Frage: Wie funktionieren Beziehungen?

bdw: Und wie funktionieren sie?

Hassebrauck: In den modernen Industriegesellschaften des Westens ist die Tendenz ausgeprägter, eine Partnerschaft zu beenden, als etwa in Ländern des Fernen Ostens oder in den alten Industriegesellschaften. So hat sich im Westen Deutschlands die Zahl der Scheidungen zwischen 1970 und 1998 – bei sinkender Zahl von geschlossenen Ehen – von ungefähr 80000 auf 192500 erhöht.

bdw: Bedeutet zivilisatorischer Fortschritt also partnerschaftlichen Rückschritt?

Hassebrauck: In Ländern des Fernen Ostens hat eine Eheschließung – ähnlich wie früher bei uns – oft sehr pragmatische Gründe: Sie dient etwa schlicht zur Versorgung. Solche Zweckgemeinschaften erweisen sich für eine Ehe als weitaus stabilitätsfördernder als das Gefühl, verliebt zu sein. Denn dieses Gefühl schwindet im allgemeinen nach zwei bis drei Jahren. Wenn dann nichts anderes nachgewachsen ist, wird es kritisch – um so mehr, als eine Ehe bei uns heute leichter zu beenden ist als früher.

bdw: Was ereignet sich in einer Beziehung nach zwei bis drei Jahren?

Hassebrauck: Leidenschaft oder Verliebtsein ist nüchtern betrachtet eine Funktion des Zuwachses an Intimität oder Vertrautheit. Da man ab einem gewissen Punkt das Ausmaß der Vertrautheit kaum noch steigern kann, nimmt die Leidenschaft ab. Menschen, die angeben, über eine lange Zeit Leidenschaft in ihrer Beziehung zu erleben, können dies nur durch ein stetiges Auf und Ab der Beziehung erreichen: Nach einem heftigen Streit oder einer anderen bedrohlichen Situation für eine Partnerschaft kann es wieder zu einem erheblichen Zuwachs an Vertrautheit und dadurch zu einem Aufflammen der Leidenschaft kommen.

bdw: Wie wirkt sich die Fernsehwelt auf Partnerschaften aus? Dort sind die Menschen ja stets frisch, frech und dennoch anschmiegsam.

Hassebrauck: In der Tat werden wir durch das Fernsehen permanent mit attraktiven Menschen konfrontiert, die sexuell verführerisch sind, die Zuwendung zeigen. Der eigene Partner fällt dagegen scheinbar ab. Die fiktive Fernsehwelt setzt so Maßstäbe in Partnerschaften, denen die Realität meist nicht entspricht.

bdw: Dazu kommt, daß viele nach individueller Freiheit drängen.

Hassebrauck: Die ist uns ungeheuer wichtig geworden. Und noch ein Problem haben wir heute. Aus beruflichen Gründen ändert man häufiger als früher den Wohnort. Damit gibt man das bestehende soziale Netz auf – auf jeden Fall die Nachbarschaft, nicht selten auch den Partner. Möglicherweise entwickeln wir uns ja zu einer Gesellschaft, in der die sequenzielle Polygamie vorherrscht – also jeder mehrere feste Partner hat, nicht zugleich, aber in Folge.

bdw: Inwieweit sind die für das bdw-special zusammengetragenen Trainingseinheiten Ergebnisse Ihrer Forschung?

Hassebrauck: Die Tips im Anschluß unseres Testes sind Ergebnisse der modernen und internationalen Beziehungsforschung. Meine eigene Grundlagenforschung hilft zu verstehen, wie Beziehungen funktionieren. Dadurch kann man Gründe für Beziehungsprobleme identifizieren. Das ist eine wesentliche Grundlage für die Anwendung.

bdw: Goldene Zeiten für Partnerschaftstrainer?

Hassebrauck: Der Bedarf an professioneller Hilfe wird zunehmen. Dabei geht es nicht so sehr um Psychotherapie im engeren Sinne. Ich sehe eher einen Markt für Aus- und Weiterbildungsangebote für Leute, die ihre Beziehung optimieren wollen. Die zunehmende Zahl von Flirtschulen zeigt im übrigen deutlich, daß die Menschen ein Bedürfnis haben, Aspekte ihrer sozialen Kompetenz zu verbessern. Früher war die Versorgung das häufigste Ziel einer Bindung. Anstatt versorgt zu sein, erwarten die Partner jetzt Kommunika- tion und Verständnis. Und hier helfen unsere Erkenntnisse der psychologischen Praxis.

bdw: Und wie bringen Sie Machos zum Diplompsychologen?

Hassebrauck: Hierzulande blühen die alten Vorurteile. Die einen unterstellen Psychologen, daß sie auf einen Blick wissen, was los ist, und suchen sofort das Weite. Die anderen unterstellen uns allen eine Macke. Was Psychologen in Sachen Partnerschaft leisten können, zeigt ein Blick auf die USA. Die meisten Menschen, die dort professionelle psychologische Hilfe in Anspruch nehmen, tun dies, weil sie Probleme in ihrer Beziehung haben. Bei uns sieht das anders aus. Hier kommen sie meist nicht deswegen zum Psychologen, sondern weil sie Phänomene wie Ängste, psychosomatische Beschwerden oder Depressionen behandeln lassen wollen. Oft stellt sich heraus, daß diese Phänomene auf Beziehungsprobleme zurückgehen. Weiterhin gibt es in den USA psychologische Vorbereitungkurse auf die Partnerschaft. Darin lernen die Menschen, ihr Gegenüber realistisch einzustufen – mit dem Ergebnis, daß die Trennungsquote solcher Personen drastisch niedriger ist als bei anderen.

Wolfgang Hess / Jürgen Nakott

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See|fo|rel|le  〈f. 19; Zool.〉 Forelle, die in tieferen Seen der Alpen lebt: Salmo trutta lacustris

Kunst|lieb|ha|ber  〈m. 3〉 jmd., der großes Interesse an Kunst besitzt u. Gemälde, Kunstgegenstände o. Ä. sammelt

öso|pha|gisch  〈Adj.; Med.〉 zum Ösophagus gehörend

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