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EPIKUREER – BESSER ALS IHR RUF

Im türkischen Lykien haben deutsche Archäologen brisante Teile einer antiken Inschrift geborgen.

Lüstlinge und Prasser waren sie für die einen, eine seltsame Clique zurückgezogener Philosophen für die anderen: die Epikureer. Kaum eine philosophische Gruppierung der Antike rief so viel Misstrauen bei ihren Zeitgenossen hervor wie die Schüler des griechischen Philosophen Epikur von Samos (341 bis 271 v.Chr.). Doch Schriftfunde aus der antiken Stadt Oinoanda im Südwesten der Türkei werfen neues Licht auf die verfemten Gelehrten: Die Epikureer waren demnach sozial denkende Menschen, die sich sehr wohl um die gesellschaftlichen Probleme ihrer Zeit kümmerten.

Im Sommer 2009 fanden Archäologen in den Ruinen der lykischen Siedlung Bruchstücke einer Inschrift, die sie in mühevoller akribischer Arbeit wieder zusammensetzten. Was das internationale Forscherteam unter der Leitung von Martin Bachmann vom Deutschen Archäologischen Institut in Istanbul da für die Nachwelt konserviert hat, ist eine Polemik des Epikureers Diogenes, eines reichen Bürgers der Stadt, in der er Vorwürfe an die Epikureer zurückweist. Der philosophischen Schule kreideten die Zeitgenossen an, dass sie kriminelles Verhalten begünstigen würde, indem sie das Wirken der Götter leugnete. Diogenes‘ Antwort darauf: Menschen befolgen Gesetze, weil sie Angst vor weltlicher Strafe haben oder weil sie die Sinnlosigkeit von Verbrechen erkennen – nicht aus Angst vor göttlicher Strafe.

LEBEN NACH DEM LUSTPRINZIP

Dem Vorwurf, die Epikureer seien Schmarotzer der Gesellschaft, begegnet Diogenes gelassen: Die Epikureer würden genügsam leben und ihr Geld sparen. Dadurch seien sie in der Lage, Bedürftigen zu helfen. Dank ihrer vorbildlichen Lebensführung könnten sie ihren Mitmenschen zudem nützliche Ratschläge geben. Diogenes verteidigte seiner Lehre aus gutem Grund öffentlich: Die epikureischen Philosophen hatten ein großes Image-Problem. Kein Wunder, denn für sie war die Lust das zentrale Denkprinzip. Als Materialisten leugneten sie ein Leben nach dem Tod und das irdische Wirken der Götter. Ihr zurückgezogenes Leben widersprach dem antiken Ideal des politisch aktiven Bürgers, und ihre dogmatische Art zu argumentieren brachte ihnen bei zeitgenössischen Intellektuellen den Ruf der geistigen Unselbstständigkeit ein.

Immer wieder spielten die Epikureer dabei ihren Gegnern in die Hände: So lässt sich Diogenes in deutlichen Worten über die fleischliche Lust aus und empfiehlt seinen Lesern, Sex und Liebe zu trennen. Sex, so der Philosoph, könne man mit jeder beliebigen Person haben – egal ob sie schön oder hässlich sei. Und um jemanden zu lieben, genüge es vollkommen, dessen schönen Körper zu betrachten, ohne dass es zu Geschlechtsverkehr kommen müsse. Solche Aussagen machten die philosophische Schule anrüchig, ein populäres Vorurteil, das sich bis in unsere Zeit hält.

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DIE GRÖSSTE Inschrift DER ANTIKe

Alles Missverständnisse, meint der Kölner Altphilologe Jürgen Hammerstaedt, der seit Beginn der Forschungskampagne 2007 zahlreiche Bruchstücke mit den altgriechischen Inschriften aus dem 2. Jahrhundert n.Chr. übersetzt hat. Die Epikureer seien keine Hedonisten gewesen. Die Schüler Epikurs hätten vielmehr als bescheidene Privatleute versucht, ein ethisches und gutes Leben zu führen. Lust definierten sie als die Abwesenheit von Schmerz, ihre Beurteilung von Sex sei typisch für die Antike.

Wie der neue Fund beweist, konnten sich die Epikureer zudem sehr wohl in der Öffentlichkeit darstellen. Die nach ihrem Stifter benannte Inschrift war etwa 80 Meter lang und über dreieinhalb Meter hoch – die größte der antiken Welt. Diogenes ließ die Lehre Epikurs in einer Wandelhalle in Stein meißeln. „ Das ist ein einzigartiges Medium in der Menschheitsgeschichte“, erklärt Jürgen Hammerstaedt. Die Inschrift, die über 25 000 Wörter lang ist, war ein kostenloses öffentliches Lehrbuch mit didaktischem Ansatz, das zugleich bildend wie kurzweilig sein sollte. Unterteilt in philosophische Lehrtexte, Fallbeispiele und Sinnsprüche kann es durchaus mit einem modernen Schulbuch mithalten.

EIN HIGHTECH-PUZZLE

Über 250 Bruchstücke, rund ein Fünftel der Wandinschrift, wurden bis jetzt von Hammerstaedts Kollegen und früheren Forschergruppen im Schutt der über 1400 Meter hoch gelegenen Stadt entdeckt. Stück für Stück rekonstruieren Bauforscher und Philologen das Aussehen und den Inhalt des Textes. Keine einfache Aufgabe, denn im Laufe von Umbauten der Stadt in der Spätantike und nach mehreren Erdbeben wurde die Halle samt Inschrift zerstört, und die Reste wurden über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Mauerstücke von wenigen Zentimetern bis zu acht Quadratmetern Größe liegen verstreut in den Trümmern der Stadt. Ein riesiges Puzzle, dem die Archäologen mit modernster Technik zu Leibe rücken: Die Lage der Fundstücke wird mit GPS bestimmt, das Gelände mit Laserscannern kartografiert und jedes Fragment mit einem 3D-Scanner digitalisiert. Den öffentlichen Auftritt in seiner Heimatstadt ließ sich Diogenes einiges kosten. „Der lehrreiche Wandschmuck war nicht gerade günstig herzustellen“, erklärt Hammerstaedt. Etwa 7000 Denare könnte die Inschrift gekostet haben, schätzt der Philologe – eine Summe, mit der damals ein einfacher Arbeiter seine Familie fast 20 Jahre lang ernähren konnte. Das war es Diogenes offenbar wert: Den Einwohnern Oinoandas und den Fremden sollte die monumentale Inschrift als Weisung für ein gutes Leben dienen. Auch spätere Generationen sollten davon profitieren. Eine Absicht, die sich jetzt erfüllt: Das Forscherteam nimmt dieses Jahr seine Arbeit an der Rekonstruktion der Diogenes-Inschrift aus den Ruinen Oinoandas wieder auf. ■

von Robert Hahn

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