„ES GILT, DIE SPITZEN- POSITIONEN ZU HALTEN" - wissenschaft.de
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„ES GILT, DIE SPITZEN- POSITIONEN ZU HALTEN“

Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung deckten im Auftrag der Baden-Württemberg Stiftung Stärken und Schwächen der Forschung in Baden-Württemberg auf.

Wer Forschung vorantreibt, wie das die Baden-Württemberg Stiftung tut, muss sich von Zeit zu Zeit vergewissern, ob er auf dem richtigen Weg ist. Und so hat die Geschäftsführung nun zum dritten Mal innerhalb von zehn Jahren ein Wissenschaftler-Team beauftragt, „Struktur und Dynamik“ der Wissenschaftsregion Baden-Württemberg unter die Lupe zu nehmen. Wie bereits 2005 kam dabei das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe zum Einsatz, dieses Mal in Zusammenarbeit mit dem Medienunternehmen Elsevier B.V. in Amsterdam.

Die Ergebnisse, veröffentlicht im Report „Strategische Forschung 2010″, fielen größtenteils sehr positiv aus. „ Baden-Württemberg nimmt in vielen Belangen sowohl bei privater als auch öffentlicher Forschung internationale Spitzenplätze ein“ , lautete das Fazit bei der Vorstellung der Studie im Oktober 2010. „Es geht in den wenigsten Fällen darum, mit anderen Ländern gleichzuziehen oder einen großen Abstand aufzuholen. Es gilt, die Spitzenpositionen zu halten oder in einzelnen Bereichen weiter auszubauen.“

Für die Lebenswissenschaften, denen dieses bdw-plus gewidmet ist, ergab sich ein differenziertes Bild: Im Land, so scheint es, sind Spitzen-Mediziner und Spitzen-Biologen am Werk, die emsig forschen, international publizieren und deren Werke breit zitiert werden. Wenn es allerdings um die Umsetzung der Erkenntnisse in Patente geht, ernten strukturbedingt oft Unternehmen außerhalb des Landes die Früchte hiesigen Forscherfleißes. Da diese Firmen aber wiederum in Baden-Württemberg Laboratorien und Produktionsstätten unterhalten, sind Fachkräfte aus den Lebenswissenschaften im Land auch weiterhin gefragt.

Und das waren – leicht vereinfacht – die zentralen Fragen, denen sich die Fraunhofer-Forscher Rainer Frietsch und Prof. Knut Koschatzky zusammen mit ihrem niederländischen Kooperationspartner Niels Weertman von Elsevier stellten:

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· Durch welche Rahmenbedingungen für Forschung und Entwicklung zeichnet sich das Bundesland Baden-Württemberg aus? Wie sind Erwerbs- und Qualifikationsstruktur? Wie viele und welche Akademiker werden künftig gebraucht?

· Wie ist Baden-Württemberg bei seinen Forschungsthemen im nationalen und internationalen Vergleich aufgestellt? Welche Stärken und Schwächen lassen sich anhand wissenschaftlicher Publikationen aufzeigen?

· Welche Forschungsaktivitäten lassen sich in der baden-württembergischen Wirtschaft identifizieren? Was sagt die Patent-Statistik dazu?

· Welche Trends zeichnen sich in zukunftsorientierten Wissenschafts- und Technikfeldern ab?

· Wie arbeiten universitäre und außeruniversitäre Forschung zusammen? Wie nutzt die Wirtschaft die Ergebnisse der Wissenschaft?

Alles Fragen, die sich am besten beantworten lassen, wenn man Datenbanken anzapft und Statistik-Programme benutzt. Die Fraunhofer-Forscher hatten den Vorteil, dass ihnen für das weite Feld der wissenschaftlichen Publikationen die Scopus-Datenbank des Medienunternehmens Elsevier B.V. zur Verfügung stand, samt der kollegialen Unterstützung der Wissenschaftler aus Amsterdam.

INTERNATIONAL PROFILIERT

Einen ersten Eindruck, wie viele wissenschaftliche Veröffentlichungen im Laufe eines Jahres an Hochschulen und anderen Forschungsinstitutionen zwischen Main und Donau entstehen, gibt die Grafik „Von Medizin bis Multidisziplinär“: Allein in der Medizin sind es mehr als 6000. Die Mediziner sind führend im Publizieren ihrer Forschungsergebnisse – was aber keine süddeutsche Besonderheit ist, sondern ein weltweiter Trend. Nach Physik und Astronomie folgt – in einer Großdisziplin zusammengefasst – das Fächertrio Biochemie, Genetik und Molekularbiologie auf dem dritten Platz.

Interessanter noch wird es, wenn man die Publikationen der baden-württembergischen Forscher in den gesamtdeutschen Zusammenhang einordnet (Grafik „Nase vorn mit Energie“): Dann zeigt sich etwa, dass die kleine Zahl von Forschungsarbeiten zur Energie (rund 500 waren es durchschnittlich pro Jahr zwischen 2006 und 2008) immerhin ein starkes Viertel der gesamtdeutschen Produktion in diesem Feld ausmacht. Aber auch die Neurowissenschaftler, Biochemiker und Mediziner im Land publizieren eifriger als ihre Kollegen in anderen Bundesländern. International gesehen, auch das enthüllte die Fraunhofer-Studie, sind die Physiker aus dem Land nach der Zahl ihrer Publikationen besonders profiliert, gefolgt von den Geowissenschaftlern. Aber auch hier können die Neurowissenschaftler, Biochemiker, Immunologen und Mediziner sehr gut mithalten: Sie belegen die Plätze 3 bis 6.

Das Bild wird noch besser, wenn man nachforscht, welchen „ Impact“ diese Arbeiten haben. Wissenschaftler messen das am liebsten daran, wie stark sie von Kollegen in deren Arbeiten zitiert werden. Die Physiker, Astronomen und Geowissenschaftler aus Baden-Württemberg erzielen auch hier Spitzenwerte, gefolgt von den oben bereits genannten Lebenswissenschaftlern (in der Reihenfolge Neurowissenschaften, Biochemie, Immunologie, Medizin). Bisher unterdurchschnittlich wahrgenommen und zitiert werden die Pharmakologen, Biologen und Agrarwissenschaftler aus dem Land. Die Biologen konnten sich aber gegenüber dem Vergleichszeitraum 2004 bis 2008 verbessern.

Zieht man die Grenzen nicht zwischen den Disziplinen, sondern blickt auf die Forschungsinhalte, zeichnen sich dann Themen ab, die in Baden-Württembergs Forschungslandschaft besonders zur Blüte kommen? Auch das haben die Wissenschaftler von Fraunhofer und Elsevier mit einer raffinierten Cluster-Analyse herausgearbeitet. Dabei stießen sie in den Lebenswissenschaften auf die Themenfelder „Allergie und klinische Immunologie“, „ Stammzellen“ und „Proteinbiochemie“ – Themen, die auch im Forschungsportfolio der Baden-Württemberg Stiftung eine prominente Rolle spielen. Kann das Zufall sein? „Keineswegs“, sagt Geschäftsführer Christoph Dahl. „Schließlich ist es unser Prinzip, die Stärken zu stärken. Wir konzentrieren uns bewusst auf Themen, bei denen die Forscher im Land bereits Spitzenniveau erreicht haben.“

PATENTE ERFINDER

Baden-Württemberg gilt als das Land der Tüftler und ist stolz auf die vielen Patente, die seine Erfinder anmelden. Das kann es auch weiterhin sein: Denn wie die Auswertung der Karlsruher ISI-Forscher für die Jahre 2000 bis 2007 ergab, ist die Zahl der Patentanmeldungen pro Jahr im Land auch dann noch gewachsen, als in Gesamtdeutschland wegen der Wirtschaftskrise nach dem Platzen der Internet-Blase bereits Flaute herrschte. Das veranschaulicht die Grafik „Stetig erfinderisch“, die sich auf Daten des Deutschen Patent- und Markenamts in München, Berlin und Jena stützt.

Doch ist das Profil, das das südliche Bundesland dabei zeigt, auf den ersten Blick sehr einseitig: Neue Patente für Maschinenbauteile, Motoren, Pumpen, Turbinen, Transport- und Werkzeugmaschinen kommen überdurchschnittlich oft aus Baden-Württemberg – schließlich hat der Maschinen- und Fahrzeugbau hier eine lange Tradition. Mager sieht es dagegen aus mit Patentanmeldungen in der Biotechnologie oder der Pharmazie – und das trotz der hohen Zahl der wissenschaftlichen Publikationen. Das Bild bestätigt sich, wenn man die internationalen Patente anschaut, die beim Europäischen Patentamt eingereicht wurden.

„Die großen Pharma-Firmen sitzen außerhalb des Landes“, so erklärte Knut Koschatzky bei der Vorstellung der Studie den scheinbaren Widerspruch. „Patentanmeldungen kommen daher oft von jenseits der Landesgrenzen.“ Firmen wie BASF und Boehringer Ingelheim (beide Rheinland-Pfalz), Altana (Nordrhein-Westfalen), aber auch Schweizer Chemie- und Pharma-Konzerne melden die Patente an, die auf den Ideen in Baden-Württemberg forschender Wissenschaftler beruhen. Auch der „Pendler-Effekt“ spiele eine nicht zu unterschätzende Rolle, sagt Koschatzky: „Die Erfinder wohnen in Baden-Württemberg, pendeln aber zum Arbeiten in die Schweiz oder nach Rheinland-Pfalz.“ Für den Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg sind diese „abgewanderten“ Erfindungen dennoch nicht verloren. Denn viele der genannten Großunternehmen unterhalten Produktionsstätten und Laboratorien im Land. „ Baden-Württemberg fehlen in den Lebenswissenschaften die anmeldenden Unternehmen, aber nicht die Arbeitsplätze“, resümiert Koschatzky.

WERTVOLLE NACHWUCHsKRÄFTE

Und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Im Gegenteil: Die Fraunhofer-Studie hat für das Land einen „ überdurchschnittlichen Bedarf an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern“ für die kommenden zehn Jahre ausgemacht, wenn die Leistungsträger der 70er- und 80er-Jahre ins Rentenalter kommen und durch frische Absolventen ersetzt werden müssen. Baden-Württemberg ist auch hier gut aufgestellt: Bei einem Anteil von 13 Prozent an der deutschen Gesamtbevölkerung bildet das Land derzeit fast ein Drittel (32 Prozent) aller deutschen Absolventen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik) aus. Die Zahl der Studierenden in Chemie, Biologie, Biochemie und Biotechnologie ist dabei seit 1996 kräftig gestiegen, nur die medizinischen Fächer inklusive Pharmazie seien rückläufig, berichtet Koschatzky. „Der Beruf des Mediziners wird offensichtlich nicht mehr als so lukrativ empfunden.“ Noch sei der Trend nicht besorgniserregend. Doch in zehn Jahren könnten Ärzte, aber auch forschende Mediziner knapp werden. Indem die Baden-Württemberg Stiftung die Forschung an Universitäten und Universitätskliniken unterstützt, hilft sie mit, die wertvollen Nachwuchskräfte heranzuziehen, die auch international hoch geschätzt werden.

Verbesserungsbedarf gibt es nach wie vor bei der Umsetzung der lebenswissenschaftlichen Forschungsergebnisse in die kommerzielle Verwertung im eigenen Land. Darum empfiehlt die Studie „ Strategische Forschung 2010″ der Baden-Württemberg Stiftung, vor allem die anwendungsbezogene Forschung in den Lebenswissenschaften gezielt zu unterstützen. Das neue Forschungsprogramm zur Glykomik (siehe den Beitrag „Beschleunigte Erkenntnis“, Seite 22) ist bereits ein Schritt in diese Richtung. Und auch einer anderen Empfehlung der Strategie-Studie, nämlich neben der Grundlagenforschung auch die „Schnittstellen zur medizinischen Forschung oder zu neuen Technologien gezielt zu befördern“, ist man vonseiten der Stiftung bereits zuvorgekommen: mit Programmen zur Bionik, Bio-Nano-Technologie und zu Biomaterialien. ■

von Judith Rauch

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