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Fehler im System

Wer braucht das interaktive Fernsehen? Das gescheiterte Stuttgarter Multimedia-Projekt hat es gezeigt: Hohe technische Ansprüche können kein schlüssiges Vermarktungskonzept ersetzen. Finden Multimedia-Versuche künftig unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt?

Wenn es einen Anerkennungspreis für das ambitionierteste Zukunftsprojekt in Sachen neue Medien gäbe – Dieter Spöri wäre sicher einer der heißesten Anwärter. Vor rund zweieinhalb Jahren verordnete der SPD-Politiker und ehemalige Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg seinen Landsleuten eine dicke Packung Zukunft: Neue Fernsehdienste wie Video On Demand Teleshopping und Telelearning sollten im Stuttgarter Pilotversuch Multimedia Baden-Württemberg die Grenzen herkömmlichen Fernsehens sprengen. Ganz nebenbei sollten im „Infoland Baden-Württemberg“ rund 500000 Arbeitsplätze geschaffen werden. Bis zum Jahr 2000, so verkündete das Ministerium, könne das Bruttosozialprodukt im Bereich Neue Medien die Wertschöpfung der im Ländle ansässigen Automobil-Industrie übertreffen.

Doch mit Spöris Ausscheiden aus dem Amt des Wirtschaftsministers im Sommer letzten Jahres fiel die treibende Kraft beim Stuttgarter Pilotversuch weg. Die Kritik an nicht funktionierender Technik und einem überholten Konzept wurde immer lauter. Spöris Nachfolger, Walter Döring (FDP), hatte schließlich keine Wahl: Am 31. Oktober trat er vor die Presse und verkündete das Ende des Versuchs. Von den geplanten 100 Millionen Mark für das Projekt habe man bisher „nur“ 6 Millionen ausgegeben, beschwichtigte Döring.

Formaler Auslöser für Dörings Entscheidung war eine Mitteilung der Deutschen Telekom AG tags zuvor, daß die Set-Top-Box „nicht abnahmefähig“ sei. Telekom-Sprecher Wilfried Seibel: „Der Fertigstellungstermin wurde bereits mehrmals verlängert – ohne Erfolg.“

Die Stuttgarter Telekommunikationsschmiede Alcatel-SEL, Führer eines Konsortiums bestehend aus Hewlett-Packard, Bosch-ANT und Telekom – und gemeinsam mit Sony für die Entwicklung der Set-Top-Box verantwortlich – dementierte die Vorwürfe. Unternehmenssprecher Dr. Theo Wichers räumte zwar Verzögerungen ein, jedoch habe der technisch aufwendige und bisher einzigartige Decoder bereits wenige Tage nach dem verkündeten Stopp des Versuchs einwandfrei funktioniert.

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Wer hat nun recht? „Alcatel hat sich im Laufe des Projekts sehr bemüht, die Kinderkrankheiten des Systems zu beseitigen“, bestätigt Oliver Kelkar vom Stuttgarter Fraunhofer- Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation, das an der Konzeption von Interaktiven Diensten für das Projekt arbeitete. Der Telekom bescheinigt Kelkar dagegen fehlende Kompetenz. Es scheint fast, als habe die Telekom den Schwarzen Peter an eine Firma weitergegeben, die sich nicht wehren kann. Theo Wichers von Alcatel-SEL wollte sich gegenüber bild der wissenschaft an den Vorwürfen in Richtung Telekom nicht beteiligen: „Die Telekom ist unser wichtigster Kunde.“

Das Mißmanagement der Telekom, über deren Kabelnetz die Verbreitung des multimedialen Angebots laufen sollte, durfte auch bild der wissenschaft als einer der beteiligten Informationsanbieter hautnah erleben. Außer riesigen Papierbergen kam bei den endlosen Diskussionen nichts heraus, oft hörte man von der Projektleitung der Telekom mehrere Monate überhaupt nichts.

Nicht nur in Stuttgart, auch in anderen Regionen, die ein Multimedia-Projekt planen, hat sich die Telekom als Bremser entpuppt. Zum Beispiel in München und Nürnberg: Das geplante Projekt DVB/Multimedia-Bayern hinkt dem ursprünglichen Zeitplan um ein Jahr hinterher. Zunächst war der Start für Anfang 1996 geplant. „Die Telekom blockt die Einspeisung der Angebote ins Kabel ab“, beklagt Walter Möller, Stellvertretender Bereichsleiter Technik bei der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien (BLM) in München.

Die Gründe, warum die Telekom auch im Freistaat auf Zeit spielt, sind subtil: Der einstige Monopolist fürchtet, daß er im Zuge des bevorstehenden Wettbewerbs in die Rolle eines reinen Netzbetreibers gedrängt wird. Nur Kabel verlegen und vermieten reicht der Telekom aber nicht, denn das dürfen nach dem Wegfall des Leitungs-Monopols 1998 auch andere Firmen. Die Telekom möchte die gesamte Infrastruktur stellen, also die Rechenzentren betreuen und Dienstleistungen für Programmanbieter verkaufen. Noch lieber würde man auf der Seite der Informationsanbieter mitmischen und durch das Vermarkten von Set-Top-Boxen und Programmpaketen am eigentlichen Multimedia-Geschäft teilhaben.

Gerade im Bayerischen Versuch wittert die Telekom Gefahr: Die dort favorisierte Set-Top-Box ist eine Weiterentwicklung der sogenannten Kirch-Box, die Medien-Tycoon Leo Kirch seit letztem Sommer mit seinen digitalen Fernsehprogrammen DF1 vertreibt. Würde sich die Kirch-Box durchsetzen, wäre der Telekom der Zugriff auf das lukrative Anbieter-Geschäft verwehrt. Gerüchten, wonach die Kirch-Box vor allem wegen der traditio- nell guten Beziehungen ihres Namensgebers zur Bayerischen Staatskanzlei bevorzugt wird, widerspricht Walter Möller. Man habe sehr wohl die Telekom und die mit der Vermarktung einer eigenen Set-Top-Box betraute Multimedia-Betriebsgesellschaft zu Gesprächen eingeladen, doch sei man auf keinerlei Resonanz gestoßen.

Bei den Medientagen in München im vergangenen Jahr schoß Prof. Wolf-Dieter Ring, Präsident der Bayerischen Landeszentrale für Neue Medien, eine Breitseite in Richtung Telekom ab: Mit ihrem Quasi-Monopol verzögere sie den Ausbau des Kabels durch weitere Übertragungskanäle und verhindere so die Verbreitung digitaler Programme.

Nicht alle Initiatoren der rund 50 geplanten deutschen Multimedia-Projekte leiden unter Dissonanzen mit der Telekom. Bei InfoCity, einem Versuch des Landes Nordrhein-Westfalen mit regionalen Inhalten, stellt die Vebacom das Kabelnetz. Doch wer die breite Bevölkerung erreichen wolle, komme am Kabelnetz der Telekom nicht vorbei, meint Möller.

Mit der technischen Verbreitung ist allerdings noch lange nicht die Akzeptanz gesichert. Auch wenn das Stuttgarter Projekt schon vor dem Start gescheitert ist, so hat es immerhin gezeigt, daß die Nutzer vor ihren Fernsehgeräten keineswegs gierig nach Videos auf Abruf, elektronischen Warenhäuser und interaktiven Schulen sind. Ging man in der baden-württembergischen Landeshauptstadt vor zwei Jahren noch von 4000 Haushalten aus, waren es Anfang 1996 dann tatsächlich nur 1600 Teilnahmewillige. Zum Schluß sollten in der ersten Phase lediglich 100 Haushalte ans Netz gehen.

Walter Möller vom BLM sieht sich in seiner Einschätzung bestätigt: „Das Stuttgarter Projekt war eine Spielwiese für Techniker. Man hat vergessen, daß man die Angebote auch am Markt orientieren und refinanzieren muß.“ Mit einer einfacheren Technik und dem Schwergewicht auf lokalen Programminhalten wollen Möllers Mitstreiter aufkommendes Desinteresse schon im Keim ersticken.

Was aber, wenn die Nutzer die neuen Möglichkeiten des interaktiven Fernsehens gar nicht wollen und lieber ein anderes Medium bevorzugen – zum Beispiel den PC mit Internet- Anschluß? Per Telefonleitung lassen sich zwar ganze Filme in Echtzeit noch nicht abspielen, aber Dienste wie Teleshopping und Nachrichten gab es schon in BTX, dem Vorläufer des heutigen T-Online. Moderne Online-Dienste bieten ausgefeilte Inhalte, die sich mit PC-Tastatur und Maus leichter erschließen lassen als mit dem Fernseher. Interaktive Angebote am Fernseher nerven mit Klötzchengrafik und hölzerner Bedienung – Videotext läßt grüßen.

„Der Fernseher als Basis für interaktive Multimedia-Dienste war von Anfang an umstritten“, sagt Oliver Kelkar. „Und daß der ,Pizzaexpress` für Videos Akzeptanzprobleme haben würde, hatten auch viele vorhergesagt.“

Trotzdem wollen sich Kelkars Kollegen vom IAO weiter mit der Konzeption von Multimedia-Diensten beschäftigen. Die Chancen stehen nicht schlecht: Wenn es nach Wirtschaftsminister Walter Döring geht, könnte das „Infoland Baden-Württemberg“ doch noch Realität werden – diesmal mit Multimedia-Diensten, die sich an mittelständische Unternehmen oder Schulen richten. Döring: „Jetzt packen wir was Neues an, und das klappt dann.“

Video On Demand Wie bei einem Videorecorder können Filme jederzeit gestartet, unterbrochen und „umgespult“ werden. Die völlig freie Programmgestaltung erfordert eine hohe Übertragungskapazität des Kabels, weil jeder Nutzer individuell bedient wird.

Multimedia Baden-Württemberg Träger des gestoppten Projekts waren das Wirtschaftsministerium von Baden-Württemberg, Alcatel-SEL und die Telekom. Verbreitung und Rückkanal über Glasfaser und Kabelnetz. Kosten: 100 Millionen Mark. Versuchsdauer: 2 Jahre.

Set-Top-Box Die Set-Top-Box am Fernseher wandelt die komprimierten digitalen Bild- und Textinformationen in analoge Signale zurück. Über die Set-Top-Box kann der Nutzer mit einer Fernbedienung Rückmeldungen zum Anbieter senden und zum Beispiel durch einen Warenkatalog blättern oder wie bei einem Videorecorder Filme vor- und zurückspulen.

DVB/Multimedia-Bayern Ab 1997 sollen 4000 Haushalte und Firmen in München und Nürnberg mit Teleshopping, Telespielen, lokalen Informationsdiensten und Zeitungen versorgt werden. Die Verbreitung läuft über das Breitbandkabel der Telekom, der Rückkanal zunächst über die Telefonleitung. Versuchsdauer: 2 Jahre.

Infos im Internet Multimedia-Aktivitäten in Deutschland: http://www.bmwi-info2000.de/index_d.html

Bernd Müller

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