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Fenster zu – es spukt!

Nahezu jeder zweite Brite glaubt an die Existenz von Geistern. Jetzt ergründet ein Psychologie-Professor die irdischen Ursachen gespenstischen Treibens.

In Deutschland stehen Gespenster unter Datenschutz. Walter von Lucadou weiß zwar, wo es hierzulande spukt. Doch nennen will der Leiter der Parapsychologischen Beratungsstelle Freiburg die geistreichen Schlösser und Burgen nicht. Der Doppel-Doktor in Physik und Psychologie befürchtet Unannehmlichkeiten mit Burgbesitzern und Behörden. Geister und mit ihnen die Medien sind ungebetene Gäste – ganz anders als in Großbritannien.

Zwar werden solche körperlosen Mitbewohner seit der Aufklärung mit Argwohn betrachtet, und die moderne Wissenschaft will geköpften Reitern und schwebenden Butlern keinen Platz im Hier und Heute einräumen. Doch regt kaum etwas die menschliche Fantasie mehr an als Grusel und Grauen in finsteren Gemäuern.Das kann eine aufgeklärte Wissenschaft nicht zulassen. Und so wird immer wieder versucht, die irdischen Ursachen des gespenstischen Treibens zu ergründen.

Kürzlich sagte der britische Psychologie-Professor Richard Wiseman von der Universität Hertfordshire den Geistern den Kampf an – bewaffnet mit Lichtsensoren, Temperaturscannern und Magnetfeldmessern. Einer seiner Kampfplätze war der „Hampton Court Palace” südwestlich von London – seit Jahrhunderten als Spukschloss gerühmt. Ursache der royalen Unruhestiftung: Catherine Howard, die fünfte Gemahlin Heinrichs VIII. Des Ehebruchs bezichtigt, landete die 20-Jährige 1542 auf dem Schafott. Bis heute, so wird erzählt, fleht die unerlöste Seele in der „Haunted Gallery” – der Geistergalerie – um Erbarmen.

Auch in den „South Bridge Vaults” im schottischen Edinburgh, gewissermaßen eine Neugründung unter den Spukstätten der Insel, setzte Wiseman seine Geister-Detektoren ein. Die in den Brückenbögen eingebauten Kammern und Gänge sind seit 1996 für Touristen zugänglich. Die treffen darin hin und wieder auf „Mr. Boots”, so erzählen sie – einen unverschämten Bengel, der den Besuchern Obszönitäten ins Ohr flüstert.

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„Alles Humbug”, ist Wiseman überzeugt. Er vermutet hinter verwunschenen Prinzessinnen und frechen Kobolden höchst reale Ursachen. Für seine Spurensuche setzte der Psychologe Touristen als Geisterjäger ein. Sie sollten bei ihrem Rundgang durch die Spukgalerie und die Brückengewölbe „ungeheure Stellen” auf einem Lageplan markieren. Tatsächlich hatte fast jeder Zweite Unheimliches zu berichten. Und, noch beunruhigender: Unabhängig von ihrem gespenstischen Vorwissen deklarierten die Geister-Fahnder vorwiegend dieselben Stellen als spukverdächtig. In bestimmten Ecken der „Haunted Gallery” fühlten einige Besucher eine kalte Hand, die sie im Genick packte. Andere spürten „ seltsame Kräfte”. Manch einer wurde vor lauter Anspannung fast ohnmächtig. In den „South Bridge Vaults” entpuppten sich fünf Gewölbegänge als besonders gruselig: Einige Touristen fühlten sich auf Schritt und Tritt beobachtet. Andere sahen sogar vorbeihuschende Wesen.

Doch Wisemans physikalische Messungen brachten kühle Fakten zutage: Die kalte Hand – ein kalter Lufthauch, verursacht durch versteckte Türen und undichte Fenster. Die flüchtigen Visio-nen – ein Streich schummrigen Lichts: Wenn es draußen dunkel wird, steigt drinnen das Unbehagen. Zittrige Knie und „gefühlte Geisterpräsenz” – minimale Schwankungen elektromagnetischer Felder. Die sind kaum stärker als die Strahlung eines Fernsehers, doch Wiseman verweist auf den kanadischen Hirnforscher Michael Persinger, der seit einigen Jahren die Auswirkung elektromagnetischer Strahlung auf den menschlichen Organismus untersucht. Als Geistermacher dient ihm dabei ein mit Magnetspulen bestückter Motorradhelm, der schwache elektromagnetische Signale ans Gehirn sendet. Dadurch werden, so Persinger, die Temporallappen – die von der Schläfenregion bis zum Ohr reichen – stimuliert. Die Folgen waren bei manchen Probanden Halluzinationen. Einige glaubten zu schweben, andere schwankten zwischen himmlischen Glücksgefühlen und höllischen Gräuelvisionen.

Je nach Art der erzeugten Magnetfelder will Persinger bestimmte Emotionen hervorrufen können: „Wenn die Signale auf die linke Gehirnhälfte wirken, hören die Versuchspersonen Stimmen. Auf der rechten Seite erzeugen sie ein Gefühl, als befände sich jemand Unsichtbares im Raum.”

Der genaue Reaktionsablauf ist nach wie vor unklar. Und dass elektromagnetische Felder in einem Raum ebenso folgenreich sind wie die Stimulation der Temporallappen, muss noch bewiesen werden. Dennoch steht für die Geisterjäger fest: Die Strahlung ist der Auslöser für Schwindelanfälle und Spuk.

Ein Gespenst im Forschungslabor führte Vic Tandy von der Coventry University auf eine andere Geisterspur: Infraschall. Diese tiefen – unter anderem durch Wind und Meeresbrandung erzeugten – Töne sind für das menschliche Gehör nicht wahrnehmbar. Dennoch kann man sie spüren, wenn sie recht intensiv sind. Sie führen zu Angstattacken, Zittern und Atemnot. NASA-Wissenschaftler errechneten für das menschliche Auge eine Eigenresonanzfrequenz von 18 Hertz. Bei der entsprechenden Wellenlänge beginnt der Augapfel zu vibrieren und löst verschwommene Visionen aus. Unscheinbare Objekte im Augenwinkel breiten sich über die Netzhaut aus und entwickeln sich zu monströsen Erscheinungen. Vic Tandy entlarvte einen scheinbar auf dem Schreibtisch sitzenden grauen Geist als Laborprodukt: Ein Ventilator hatte eine stehende Infraschallwelle erzeugt. Als die Luftschleuder abgeschaltet wurde, war der Spuk vorbei.

Neben dem physikalischen Gruselmix spielen bei der Geisterschau auch Erwartungshaltung und Sensibilität eine große Rolle. Selten verirrt sich ein Gespenst in einen nüchternen Konferenzraum oder sterilen Operationssaal – oder in ein Labor wie das von Vic Tandy. In einem einsamen Verließ hingegen macht allein schon die Vorstellung vergangener Gräueltaten schaudern. „ Viele Leute sind wundersüchtig”, sagt der Freiburger Geisterforscher Lucadou. „Das gehört zur Natur des Menschen.”

Die Lust am Unbehagen macht sich der Glasgower Informatikexperte Jonathan Sykes zunutze. Er simuliert die „South Bridge Vaults” im Computer und untersucht, ob Licht und Luft auch in einer virtuellen Welt ihre gespenstische Wirkung entfalten. Videospiele mit Gruseleffekt sind sein Ziel. Erste Tests beim virtuellen Rundgang mit der 3D-Brille stimmen den Universitätsdozenten zuversichtlich: Allein schon Form und Größe der binären Gewölbegänge beeinflussen die Wahrnehmung – hohe und breite Räume beflügeln die Fantasie. Ähnlich wie Wisemans Touristen fühlten sich die Besucher der Computerkammern von Geistern umringt. Einige glaubten, gespenstische Stimmen zu hören. Andere fröstelten, weil ein kalter Lufthauch ihren Nacken umstrich.

Das Verblüffende: Der Gang durch die virtuellen Gemäuer ist noch haarsträubender als der Besuch der realen Geistergruft: In der Glasgower Gegenwelt bekamen etwa 60 Prozent der Probanden eine Gänsehaut, in den echten Brückengewölben waren es nur etwas mehr als 40 Prozent. „Das Gehirn vergisst sehr schnell, dass es in einer virtuellen Welt ist, und reagiert deshalb auch auf 3D-Animationen”, kommentiert Parapsychologe von Lucadou.

Die Briten haben ein besonderes Faible für unsichtbare Pianisten und eingemauerte Schwiegermütter. Fast jeder Zweite glaubt an die Existenz von Geistern: In Großbritannien tummeln sich – rein statistisch – etwa zwei Gespenster pro Quadratkilometer. Hierzulande kann sich nur jeder zehnte Bürger für die spukende Zunft erwärmen. Diese Skepsis sei, so Lucadous bemerkenswerte Einsicht, auf die beiden Weltkriege zurückzuführen: „Gruselgeschichten wurden von irdischen Alltagsproblemen verdrängt, Geisterlegenden gerieten in Vergessenheit.” Erst die in den siebziger Jahren aufkommende Esoterikwelle machte die Gespenster wieder salonfähig. „Heute kann man über Geister sprechen, ohne gleich als Spinner abgestempelt zu werden”, sagt der Freiburger Parapsychologe.

Lucadou selbst hat sich auf die Jagd nach Poltergeistern spezialisiert. Eine Zeit lang lebte er mit einem solchen Unruhestifter sogar unter einem Dach – in einer Wohnung, deren Einrichtung im Laufe mehrerer Wochen von herumfliegenden Steinen demoliert wurde. Die Polizei machte die Kinder der Familie für die Zerstörung verantwortlich. Aber: Trotz strenger Kontrollen konnte der Unhold nie auf frischer Tat ertappt werden. „Mit den Geistern ist es wie mit dem Aspirin”, sagt Lucadou. „Man wusste lange nicht, wie es genau funktioniert, aber es hat immer gewirkt.”

Bettina Gartner

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