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Frage 6: Warum nimmt die Gesamtzahl

Frage 6: Warum nimmt die Gesamtzahl der Versuchstiere weltweit wieder zu?

In den Jahren 1991 bis 1997 konnte die Zahl der Tierversuche in Deutschland von 2,5 auf 1,5 Millionen gesenkt werden – ein Rückgang um 40 Prozent. Seit 1998 aber nehmen die Tierversuche tendenziell wieder zu, und das weltweit. Der Hintergrund: Durch die Erkenntnisse der Genomforschung kennen die Forscher inzwischen viele Gene, die Krankheiten auslösen oder verhindern. Und die moderne Gentechnik macht es möglich, diese Gene auszuschalten (Knock-out), zu verändern oder sie von einem Lebewesen in ein anderes zu übertragen. Auf diese Weise können Wissenschaftler regelrecht Tiermodelle von Krankheiten konstruieren, um an ihnen deren Entwicklung und Gegenmaßnahmen zu erforschen.

„Transgene oder Knock-out-Tiere eröffnen erstmals die Möglichkeit, die Funktion einzelner Gene innerhalb des komplexen Zusammenspiels eines Organismus zu erfassen“, sagt Paul Herrling, Forschungsleiter des Pharmakonzerns Novartis International. „ Deshalb sind diese Tiermodelle so gut auf den Menschen übertragbar.“ Genetisch veränderte Mäuse sind aufwendig zu konstruieren und kosten zum Teil mehr als 200 Dollar je Einzeltier, doch sie gelten als beinahe ideale Modelle zur Simulation genetisch bedingter Krankheiten.

Obwohl bis jetzt noch kein einziges neues Medikament auf der Grundlage solcher Studien bis zur Marktreife gebracht wurde, hat sich das Arbeiten mit transgenen Mäusen in der Pharmaforschung als so hilfreich erwiesen, dass hier – anders als in der Toxikologie – nicht mehr davon die Rede ist, in Zukunft Tierversuche möglicherweise total zu ersetzen. Dasselbe gilt für die Grundlagenforschung.

So sind in den letzten Jahren viele Erkenntnisse über Krebs, Alzheimer, Querschnittslähmung und Stoffwechselstörungen sowie über die Funktion von Genen an transgenen Tieren gewonnen worden. Gentechnisch veränderte Zellkulturen liefern zwar auch Erkenntnisse, aber mit ihnen ist es bislang nicht möglich, die im Körper oder im Zentralnervensystem ablaufenden komplexen Wechselwirkungen zu imitieren.

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Neuen Auftrieb erhält der Einsatz von Versuchstieren auch durch die Umwelt- und Verbraucherschutzpolitik der EU. Nach dem neuen EU-Chemikalienrecht, der REACh-Verordnung (Registration, Evaluation and Authorisation of Chemicals) müssten rund 30 000 „ Altstoffe“, die bereits vor dem Inkrafttreten der europäischen Chemikalienrichtlinie im September 1981 auf dem Markt waren, nach einheitlichen Verfahren im Hinblick auf Gesundheits- und Umweltrisiken bewertet werden. Diese Stoffprüfungen erfordern nach den bislang gültigen Vorschriften eine Vielzahl von Experimenten an lebenden Tieren, vor allem an Mäusen und Ratten. Wissenschaftler des deutschen Bundesinstituts für Risikobewertung schätzen den Bedarf für REACh auf nicht weniger als 45 Millionen Versuchstiere in den ersten 15 Jahren nach Verabschiedung der Richtlinie. Davon würden 80 Prozent in der Reproduktionstoxikologie benötigt. Allerdings könne diese Zahl auf 7,5 Millionen gedrückt werden, wenn vorhandene Testdaten benutzt und verstärkt neue Teststrategien, Computersimulationen sowie tierversuchsfreie Labormethoden eingesetzt würden. In den Augen von Tierfreunden ist das trotzdem eine erschreckende Perspektive.

Möglicherweise wird aber das Gesetzesvorhaben der EU noch so weit verändert, dass tierversuchsfreie Testverfahren bei der Risikobewertung von Chemikalien nicht nur eine ergänzende, sondern die zentrale Rolle spielen werden. Allerdings sind viele dafür nötige Tests noch nicht offiziell anerkennt – darunter die embryonalen Stammzelltests zur Entdeckung embryoschädigender Eigenschaften.

Die Aktivitäten der EU-Kommission haben inzwischen zu einer heimlichen Allianz von Industrie und Tierschützern geführt. Denn auch in der Industrie sind Tierexperimente unbeliebt: Sie sind teuer, zeitaufwendig und bergen stets die Gefahr der öffentlichen Brandmarkung. Alternativmethoden an Zellen, Molekülen und im Computer sind – wenn sie erst einmal etabliert sind – einfacher und schneller durchzuführen. Zum Teil lassen sie sich sogar automatisieren. Vielleicht bewirkt das neue Chemikalienrecht der EU somit unabsichtlich den Abbau von Tierversuchen. ■

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