Freispruch mangels Beweisen: „Mythos Menschenfresser" von Heide Peter-Röcher - wissenschaft.de
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Freispruch mangels Beweisen: „Mythos Menschenfresser“ von Heide Peter-Röcher

Als die ersten Portugiesen nach Kanton kamen, glaubten die Chinesen, die Ausländer würden einheimische Kinder rauben, braten und essen. Im Frankreich des 16. Jahrhunderts behaupteten die Protestanten, daß der Papst sich von ihren Glaubensbrüdern ernähre.

Kannibalen sind eben immer die anderen – die Fremden und vor allem die Feinde. Der „Mythos Menschenfresser“ zieht sich durch die Jahrtausende, wie die Archäologin Heidi Peter-Röcher in ihrem Büchlein mit vielen schaurigen Beispielen belegt. Die frühen Christen schlachteten im Zuge wilder Orgien kleine Kinder, verbreiteten ihre Verfolger. Und sämtliche Urvölker galten ohnehin als Kannibalen.

Doch wer hat sie wirklich beim Menschen-Schmaus gesehen, fragt die Autorin, die über Kannibalismus promoviert hat, bei ihrer spannenden Spurensuche. Die meisten Berichte stammen von verfeindeten Nachbarstämmen, Konquistadoren mit Rechtfertigungsbedarf für eigene Grausamkeiten und Reisenden, die eine Affenhand im Kochtopf kaum von einer menschlichen Hand unterscheiden konnten.

Trotzdem sahen auch Wissenschaftler bis vor kurzem in fernen Ländern wie in grauer Vorzeit überall Kannibalen am Kauen. Nur wenn die Eßgewohnheiten der eigenen prähistorischen Vorfahren zur Debatte standen, beschlichen die Archäologen gelegentlich Zweifel. Dann fiel ihnen ein, daß sich die vermeintlichen Beweise für Kannibalismus an alten Menschenknochen auch anders deuten lassen, etwa als Bißspuren von Tieren.

Heidi Peter-Röcher belegt in ihrem detektivischen Buch überzeugend, daß die Indizien bei weitem nicht ausreichen, um irgendein Volk der Menschenfresserei zu überführen. Beiläufig und versteckt räumt sie allerdings ein: Eindeutige Spuren hätten Kannibalen auch kaum hinterlassen – falls sie doch irgendwo und irgendwann gelebt haben.

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Heidi Peter-Röcher MYTHOS Menschenfresser Ein Blick in die Kochtöpfe der Kannibalen Beck’sche Reihe München 1998 180 S., DM 19,80

Jochen Paulus / Heide Peter-Röcher

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