Fremde Intelligenzen – Rarität oder Regel? - wissenschaft.de
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Fremde Intelligenzen – Rarität oder Regel?

Lebensfreundliche Planeten gibt es vermutlich viele in der Milchstraße. Doch die Anzahl technischer Zivilisationen in unserer Galaxis ist sehr umstritten.

„Ich möchte wohl alles das Meinige darauf verwetten, daß es wenigstens in irgend einem von den Planeten, die wir sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht bloß Meinung, sondern ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich schon viele Vorteile des Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner anderer Welten gebe.“ Diese kühnen Worte stammen nicht von einem Science-Fiction-Schriftsteller, Hollywood-Regisseur oder Ufo-Sektierer, sondern von dem Philosophen Immanuel Kant und stehen in einem Hauptwerk der abendländischen Kultur, in der 1781 veröffentlichten „Kritik der reinen Vernunft“. Heute sind selbst die kühnsten Wissenschaftler mindestens so kritisch wie vernünftig einzuräumen, dass sich die außerirdischen Bewohner gut versteckt halten – wenn es sie denn gibt. Dabei hat sich die Zahl der Planeten, „die wir sehen“, seit Kants Zeiten vervielfacht. Aber über die Existenz extraterrestrischen Lebens – und vor allem über Intelligenz mit uns womöglich weit überlegenen technischen Fähigkeiten – wird kontroverser denn je diskutiert. Seit die Aufklärung den Himmel entvölkert hat – die Engel der Religionen waren bis dahin die Außerirdischen par excellence – stellen sich viele Forscher die bange Frage: Sind wir allein? Ist dieses riesige Universum womöglich wüst und leer? Tatsächlich haben Skeptiker in letzter Zeit Oberhand gewonnen. Sie argumentieren, die Menschheit sei die einzige oder eine der ganz wenigen technischen Zivilisationen in der Galaxis. „Es gibt nur uns in der Milchstraße, sonst niemanden!“, hat der Astronaut Ulrich Walter in bild der wissenschaft (5/2001, „Da draußen ist keiner“) geschrieben und in seinem gerade wieder aufgelegten Buch über „ Außerirdische Zivilisationen“ ausführlich begründet. „Je mehr Erkenntnisse wir über die Bedingungen für hoch entwickeltes Leben gewinnen, umso geringer wird die Wahrscheinlichkeit dafür, außerirdisches Leben zu finden – bereits unsere eigene Existenz muss uns fast unmöglich erscheinen“, sagt Harald Lesch, Professor für Theoretische Astrophysik an der Universität München. „ Wahrscheinlich wird im Weltall pausenlos irgendwo ‚gewürfelt‘. An vielen Stellen ist die eine oder andere Voraussetzung für Leben gegeben, aber dass alle gleichzeitig erfüllt sind, erscheint doch mehr als fraglich. Alles spricht dafür, dass es zurzeit keine kommunikationsbereiten Zivilisationen in unserer Milchstraße gibt.“ „Unsere einsame Erde“ heißt auch ein jüngst erschienenes, viel beachtetes Buch von Peter D. Ward und Donald Brownlee. „Wir befinden uns auf einem von vielen Planeten. Dennoch sind es nicht so viele wie wir hoffen mögen“, schreiben die beiden Professoren für Geowissenschaften beziehungsweise Astronomie an der University of Washington in Seattle. „Vielleicht sind es auch nicht so viele, dass wir jemals, wie lang die Geschichte unserer Spezies auch immer sein wird, irgendwelches extraterrestrisches, höheres Leben in der Nachbarschaft unserer Sonne finden werden. Diese Geschichte ist von Hollywood so nicht vorgesehen – dass wir vielleicht nichts als Bakterien finden, sogar auf Planeten im Umlauf um andere Sterne.“ Diese „Hypothese von der Einsamen Erde“ mag eine schlechte Nachricht für Science-Fiction-Fans sein – obwohl sie gerade hier schon oft durchgespielt wurde –, aber sie ist nicht einfach nur eine missmutige Behauptung. Mit dem Erkenntniszuwachs der Wissenschaften werden die Abschätzungen immer präziser. Grundlage für jede rationale Diskussion ist eine Gleichung, die der amerikanische Radioastronom Frank Drake 1961 formuliert hat, der ein Jahr zuvor erstmals mit einem Radioteleskop in Green Bank, West Virginia, nach Botschaften von anderen Planetensystemen suchte. Er wollte abschätzen, wie groß – oder klein – seine Erfolgsaussichten sind. Die Drake-Formel, die inzwischen sogar auf T-Shirts und Kaffeebechern prangt, lautet: N = S ·Ap · Aö · Al · Ai · At · L. Dabei bedeuten: N = Zahl der Zivilisationen in unserer Milchstraße, mit denen wir in Funkkontakt treten könnten S = Zahl der neu entstehenden Sterne in der Galaxis pro Jahr Ap = Anteil der Sterne mit Planetensystemen Aö = Anteil der Planeten pro System, die Leben tragen können Al = Anteil der tatsächlich belebten unter diesen Planeten Ai = Anteil der Planeten mit intelligenten Lebensformen At = Anteil der Zivilisationen mit technischen Fähigkeiten L = Faktor für deren mittlere Lebensdauer. Die Formel hat einen Flaschenhals-Effekt: Je kleiner irgendein Wert ist – mit Ausnahme von Ap , da auch mehr als ein Planet eines Sterns Leben hervorbringen könnte –, desto ungünstiger fällt das Gesamtergebnis aus. Noch kleiner würde N, wenn man annehmen würde, dass die Zivilisationen tatsächlich Kontakt suchen – und das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Frage nach N ist also gleichbedeutend mit der Frage nach den einzelnen Faktoren der Drake-Formel. Darüber war vor 40 Jahren viel weniger bekannt als heute. Entsprechend stark variierten die Schätzungen: Optimisten rechneten mit rund 100 Millionen Zivilisationen in der Milchstraße, was einem mittleren Abstand zwischen bewohnten Planeten von zehn Lichtjahren entspräche, Pessimisten mit nur einer Hand voll Zivilisationen. Zurückhaltende Abschätzungen gingen von einer Million Zivilisationen mit einer durchschnittlichen Distanz von 300 Lichtjahren aus. S ist inzwischen ziemlich gut bekannt: Es hat den Wert 1. Freilich ist nicht jeder Stern geeignet, um erdähnliches Leben hervorzubringen. Die Hälfte aller Sterne sind Doppel- und Mehrfachsysteme, in denen es kaum stabile Umlaufbahnen für erdähnliche Planeten gibt. Am besten geeignet sind sonnenähnliche Sterne von der Spektralklasse G, weshalb der Astrophysiker Harald Lesch vom „G-Stern-Chauvinismus“ spricht. Auch die Faktoren Ap und Aö sind kein Grund für Pessimismus, lassen Forschungsergebnisse der letzten Jahre vermuten. Denn inzwischen haben Astronomen über 70 Planeten bei 60 anderen Sternen entdeckt – und fast monatlich werden es mehr. Es sind durchweg jupiterähnliche Gasriesen in oft sehr engen Umlaufbahnen. „Etwa fünf Prozent der gegenwärtig nach Planeten abgesuchten Sterne haben enge Jupiter“, sagt Alan Penny vom Rutherford Appleton Laboratory in England. Aber dies ist ein Selektionseffekt der Beobachtungsmethoden. „Für den Nachweis leichterer, sternfernerer Planeten sind unsere Instrumente bislang nicht empfindlich genug. Stellt man sich extrasolare Planeten als Bewohner eines Zoos vor, so konnten wir bislang nur in die Käfige mit den größten Exemplaren schauen.“ Berechnungen haben immerhin gezeigt, dass es selbst bei riesigen Gaswelten erdähnliche Monde auf stabilen Bahnen geben kann, die sich in der Ökosphäre befinden (bild der wissenschaft 5/2000, „Auf der Suche nach der zweiten Erde“). Die Ökosphäre ist die Zone um einen Stern, in der die Umlaufbahn eines Planeten liegen muss, um Oberflächentemperaturen zwischen 0 und 100 Grad Celsius zu gewährleisten – die Bedingung für flüssiges Wasser. Denn das ist für erdähnliches Leben notwendig. In unserem Sonnensystem erstreckt sich der Sonnenabstand der Ökosphäre ungünstigstenfalls von etwa 142 bis 206 Millionen Kilometer, günstigstenfalls von 126 bis 266 Millionen Kilometer. Dieser Bereich ist größer als noch vor einigen Jahren gedacht. Durch einen wärmenden Treibhauseffekt der Atmosphäre kann die Außengrenze bis auf 360 Millionen Kilometer anwachsen. Die Erde ist knapp 150 Millionen Kilometer von der Sonne entfernt, Mars etwa 228 Millionen Kilometer.

Über Al, die Zahl der tatsächlich belebten Planeten, lässt sich gegenwärtig nur spekulieren. Wir wissen nicht, ob Leben ein einmaliger Zufall „in der teilnahmslosen Unermesslichkeit des Universums“ ist, wie der französische Molekulargenetiker und Nobelpreisträger Jacques Monod argumentiert hat, oder „eine kosmische Zwangsläufigkeit“, wie der belgische Biochemiker, Zellbiologe und Nobelpreisträger Christian De Duve glaubt. Evolutionsbiologische Überlegungen sprechen aber eher gegen die Auffassung, Leben sei ein einmaliger Lotteriegewinn (bild der wissenschaft 1/1998, „Der Streit um die Einmaligkeit“). Nach den neuesten Modellrechnungen dürften in der Milchstraße rund eine halbe Million Planeten mit – zumindest primitivem – erdähnlichem Leben existieren. Das ergab eine Studie von Siegfried Franck und seinen Kollegen am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Sie basiert auf den etablierten Methoden der Erdsystemmodellierung. Ein Computerprogramm, mit dem ursprünglich die irdische Biosphäre simuliert wurde, insbesondere im Hinblick auf die Menge des atmosphärischen Kohlendioxids und das Ausmaß der Fotosynthese, erlaubt es, die Häufigkeit und Größe bewohnbarer Zonen in der Nähe anderer Sterne abzuschätzen. „Etwa ein Prozent aller Sterne sollte mindestens einen erdähnlichen Planeten besitzen“, lautet Francks Schlussfolgerung. „Es gibt also in der Milchstraße etwa 50 Millionen Planeten mit der Voraussetzung für Leben. Von diesen dürften etwa ein Prozent, das heißt rund 500000, auch wirklich eine globale Biosphäre mit zumindest niederem Leben entwickelt haben.“ Die Frage „Ist die Erde ein Gemeinplatz in der Milchstraße?“ im Titel ihres Fachartikels beantworten Franck und seine Mitarbeiter daher mit einem enthusiastischen „Ja!“. Vielleicht können die Astronomen kommender Jahrzehnte einige dieser anderen Erden aufspüren. Mit irdischen Teleskopen ist dies nicht möglich, obwohl Wissenschaftler erwarten, dass die Methoden in den nächsten zehn Jahren empfindlich genug sind, um noch Planeten mit einem Sechstel der Jupitermasse – 50 Erdmassen – nachzuweisen. Doch die gegenwärtig von der ESA und NASA geplanten neuartigen Weltraum-Teleskope verfolgen viel ehrgeizigere Ziele. Für 2008 anvisiert ist der Start von „Eddington“, mit dem eine halbe Million Sterne nach erdähnlichen Begleitern abgesucht werden soll. Zwei bis vier Jahre später wird der Astrometrie-Satellit „Gaia“ nach den Schwerkraft-Effekten von Planeten Ausschau halten. Der „Terrestrial Planet Finder“ und „ Darwin“ sollen außerdem mit einer raffinierten Technik namens Nulling-Interferometrie ab frühestens 2011 und 2015 Bilder von ein paar Dutzend Lichtjahre entfernten erdähnlichen Planeten machen und die Zusammensetzung ihrer Atmosphären mit Spektralanalysen charakterisieren. „Wenn wir Sauerstoff oder Ozon finden“, malt sich Penny aus, „wäre das ein Hinweis auf Fotosynthese und somit Leben.“ Bei der Abschätzung der drei anderen Faktoren Ai, At und L tappen die Forscher bislang noch völlig im Dunkeln. Erdähnliches intelligentes Leben kann es nur auf der Basis vielzelliger Organismen geben. Deren Entstehung oder Überleben scheint jedoch einer der großen „Flaschenhälse“ der Evolution zu sein. Auf der Erde gibt es primitives einzelliges Leben schon seit über drei Milliarden Jahren – vielleicht sogar seit 3,6 Milliarden Jahren oder noch früher. Insofern scheint die Entstehung von Leben in der Natur nicht allzu schwierig zu sein. Aber die ersten Vielzeller tauchten erst viel, viel später auf – vor vielleicht 700 Millionen Jahren. Und gerade sie sind durch globale Katastrophen – wie Meteoriteneinschläge, Sternexplosionen, Vulkanismus, Klimaänderungen, Schwankungen des Meeresspiegels oder ozeanischer Strömungen – besonders gefährdet. „Die Evolution komplexer Lebensformen benötigt sehr stabile Verhältnisse über sehr lange Zeiträume, was ausgesprochen selten vorkommt“, sagt Peter Ward. Dies ist eines seiner Hauptargumente, warum höhere Lebensformen in der Milchstraße rar seien. Noch schwieriger ist, die Anzahl von Intelligenzen mit technischen Fähigkeiten abzuschätzen und ihre Lebensdauer. Denn wir kennen davon bislang nur ein einziges Beispiel – uns selbst. „Es ist klar, dass viele der Größen nur schemenhaft bekannt sind“, schreiben Ward und Brownlee. Aber: „ Wenn sich ein einziger Faktor in der Gleichung dem Wert null nähert, dann liegt auch das Ergebnis nahe null.“ Hier widerspricht der Mathematiker Amir D. Aczel. Auch für den Statistik-Professor am Bentley College in Waltham, Massachusetts, ist die Frage nach außerirdischen Zivilisationen eine Frage der Statistik. Aber er zieht andere Schlüsse. Seiner Überzeugung nach muss die schon von den französischen Mathematikern Blaise Pascal und Pierre de Fermat im 17. Jahrhundert gefundene Produktregel für die Vereinigung unabhängiger Ereignisse angewendet werden. Unabhängige Ereignisse sind solche, die sich in der Wahrscheinlichkeit ihres Auftretens nicht beeinflussen, zum Beispiel die Ergebnisse beim Werfen von Würfeln oder Münzen. Die Regel lautet: Die Wahrscheinlichkeit P von mindestens einem der Ereignisse A, B, C und so weiter ist gleich 1 minus P von nicht-A mal P von nicht-B mal P von nicht-C und so weiter. Zum Beispiel beträgt die Wahrscheinlichkeit, bei 24 Würfen mit zwei Würfeln mindestens eine Doppel-Sechs zu erhalten 1–(35:36)24=0,491 oder 49,1 Prozent. Diese Regel zeigt, dass auch sehr unwahrscheinliche Ereignisse mit einer Wahrscheinlichkeit von beinahe 1 auftreten, wenn es beliebig viele Ereignisse gibt, also wenn beispielsweise beliebig oft gewürfelt wird.

„Geben Sie einem Ereignis eine hinreichende Möglichkeit zu geschehen, so wird es das irgendwann tatsächlich tun“, sagt Aczel. Dies gelte auch für die Evolution von technischen Zivilisationen. Mag die Wahrscheinlichkeit dafür noch so gering sein, so wird sie insgesamt doch nahe bei 1 liegen, also bei 100 Prozent, weil so viele Sterne existieren – rund 100 Milliarden in der Milchstraße. Und es sind etwa 100 Milliarden Galaxien allein im für uns sichtbaren Universum. „Die Wahrscheinlichkeit für extraterrestrisches Leben hängt nicht von der tatsächlichen Zahl der Sterne im Universum ab, solange die Zahl sehr groß ist. Zwar mag die Wahrscheinlichkeit, dass es auf einem gegebenen Planeten Leben gibt, extrem klein sein, doch die Gesamtwahrscheinlichkeit dafür steigt stetig an, weil es so viele Orte gibt, auf denen wir danach suchen können. Diese Art von Konvergenz bei einer immer größeren Zahl von Versuchen treffen wir stets an, wenn wir die Regel für die Vereinigung von unabhängigen Ereignissen anwenden“, argumentiert Aczel. Neuen kosmologischen Untersuchungen zufolge ist unser Universum vermutlich sogar unendlich groß (bild der wissenschaft 6/2001, „Die flache Welt“). Aczel: „Wenn es unendlich viele Sterne gibt, ist die Wahrscheinlichkeit für außerirdisches Leben identisch gleich eins, und das gilt unabhängig davon, wie gering die Wahrscheinlichkeit für Leben auf irgendeinem Planeten ist, solange die Zahl nicht identisch null ist – und wir wissen, dass sie nicht null ist, da es uns gibt.“ Das Argument lässt sich sogar noch weitertreiben. Unter bestimmten Voraussetzungen muss es in einem unendlichen Universum nicht nur unendlich viele intelligente Zivilisationen geben, sondern sogar exakte Doppelgänger von uns selbst (bild der wissenschaft 9/2001, „Ewiges Leben im Universum?“). Außerdem könnten unzählige andere Universen existieren. Viele haben vielleicht ganz andere Naturgesetze, in denen erdähnliches Leben unmöglich ist, doch in anderen könnte es Daseinsformen geben, die auszumalen unsere Fantasie viel zu begrenzt ist. Insofern ist der Wetteinsatz von Immanuel Kant nicht sehr riskant. Doch es sind zwei verschiedene Fragen: Ob es im Universum andere Intelligenzen gibt – und ob wir mit ihnen Funkkontakt aufnehmen können. Daher haben wir nur eine Möglichkeit, unsere Neugier zu stillen: Wir müssen versuchen, den Himmel nach Botschaften abzuhören. Dazu rät auch Skeptiker Ward: „Wir sollten die Suche fortsetzen.“

Lebensfreundliche Planeten

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Blühende Landschaften im All erfordern zahlreiche astronomische und physikalisch-chemische Bedingungen: Sonnenähnliche Einzelsterne der zweiten oder dritten Generation – bloß in ihrer Umgebung gibt es genügend gesteinsbildende schwere Elemente. Nur sie haben eine Lebensdauer von mehreren Milliarden Jahren, um der Evolution des Lebens hinreichend Zeit zu lassen. Und nur sie brennen gleichmäßig genug, um nicht durch plötzliche Strahlungsausbrüche (Superflares) das aufkeimende Leben rasch wieder zu versengen. Sterne mit doppelter Sonnenmasse werden dagegen nur eine Milliarde Jahre alt, und zu leichte Sterne sind zu leuchtschwach, um ausreichend Energie zu liefern. Ausreichende Distanz vom Galaktischen Zentrum mit seinem gefährlichen Schwarzen Loch sowie einer so hohen Sterndichte, dass nahe Sterne mittelfristig die Planetenbahnen stören würden. Ausreichender Abstand von Sternentstehungsgebieten, um nicht vernichtenden Strahlenschauern durch benachbarte Sternexplosionen (Supernovae, Gammastrahlen-Ausbrüche) ausgeliefert zu sein. Eine ungefähr kreisförmige Umlaufbahn und eine Rotationsperiode, die kurz genug ist, um eine relativ konstante und rundum gleichmäßige Bestrahlung zu gewährleisten. Eine nicht zu starke Neigung der Rotationsachse, damit es keine großen Jahreszeiten-Unterschiede gibt. Eine Planetenmasse, die groß genug ist, um eine Atmosphäre zu halten, aber nicht zu groß, weil sonst zu viel Kohlendioxid zu einem gravierenden Treibhauseffekt führt. Kohlenstoff als Baustein für das Leben und für einen moderaten Treibhauseffekt via Kohlendioxid. Er darf aber nicht ausufern, wie auf der Venus mit Temperaturen von über 400 Grad. Ein planetares Magnetfeld zum Schutz vor dem kosmischen Teilchen-Bombardement (Sternwind, kosmische Strahlung). Eine passende Planeten-Atmosphäre (Zusammensetzung, Luftdruck, Ozon-Schutzschicht vor der Ultraviolett-Strahlung). Plattentektonik für die Bildung von Landmassen und ein geochemischer Karbonat-Silikat-Zyklus als langfristiger Thermostat. Dadurch konnte die allmähliche Zunahme der Sonnenstrahlung – über zehn Prozent in den letzten drei Milliarden Jahren – auf der Erde kompensiert werden. Voraussetzung für eine Plattentektonik sind radioaktive Nuklide im Erdkern, die für genügend Hitze und somit innere Dynamik sorgen. Nicht zu wenige, aber auch nicht zu viele Ozeane. Ein großer Mond in der richtigen Umlaufbahn für eine stabile Neigung der Rotationsachse des Planeten. Sonst schwankt diese im Lauf der Hunderte von Jahrmillionen stark, was zu drastischen Klimawechseln führen kann. Stabile Planetenumlaufbahnen – Großplaneten dürfen kein orbitales Chaos verursachen. Ein Gasriese wie Jupiter als Wachposten, der die meisten Kometen aufsammelt oder so ablenkt, dass der lebensfreundliche Planet vor verheerenden Einschlägen möglichst verschont bleibt. Vielleicht einige wenige große Meteoriteneinschläge im Lauf von Jahrhundertmillionen als „Evolutionsbeschleuniger“.

Astrobiologie im Fokus

Es ist schwierig, nach etwas zu suchen, von dessen Beschaffenheit man nur vage Vorstellungen hat: außerirdische Lebensformen. Trotzdem existiert bereits ein Forschungszweig namens Astro-, Exo- oder Kosmobiologie, der sich mit den Möglichkeiten des Nachweises extraterrestrischen Lebens, aber auch mit Fragen der Entstehung, Entwicklung und Bedingungen des Lebens allgemein befasst. Der Name Astrobiologie wurde 1953 durch den Titel eines in Moskau erschienenen Buches von Gabriel Tikhov geprägt und hatte lange die anrüchige Aura des Unseriösen, obwohl die Fragestellungen und Methoden denselben wissenschaftlichen Standards gehorchen müssen und wollen, wie andere Forschungszweige auch. Und tatsächlich ist die Astrobiologie auf gutem Weg, ein respektables Wissenschaftsgebiet zu werden. 1979 veranstaltete die größte Organisation der Berufsastronomen, die International Astronomical Union (IAU), in Montreal eine ganztägige Sitzung mit dem Titel „Strategy for the Search for Life in the Universe“. 1982 gründete sie auf ihrer Generalversammlung in Patras, Griechenland, die Kommission 51 „ Search for Extraterrestrial Life“, die mittlerweile den Namen „ Bioastronomy“ trägt, und bereits zahlreiche internationale wissenschaftliche Konferenzen mit mehreren hundert Teilnehmern veranstaltete. Die nächste findet im Juli auf Hamilton Island beim Great Barrier Riff östlich von Australien statt. Den „ Ritterschlag“ erhielt die Astrobiologie 1996, als ihr Daniel Goldin, der kürzlich ausgeschiedene Chef der amerikanischen Weltraumbehörde NASA, eine zentrale Stellung in seinen Forschungsrichtlinien einräumte. Weil Geld jedoch knapp ist, wurden 1998 einfach bestehende Forschungseinrichtungen zusammengeschlossen. Hauptquartier ist das Ames Research Center der NASA im kalifornischen Mountain View. Es koordiniert alle Aktivitäten. 14 US-amerikanische Organisationen und Universitätsinstitute hat die NASA seither als Mitglieder ausgewählt. Weitere werden im Jahr 2003 hinzustoßen. Außerdem gibt es internationale Kooperationen – bislang mit Forschungseinrichtungen in Madrid, Cambridge und Sydney. Die Themen sind sehr breit gefächert: Sie reichen von der irdischen Biologie und der Möglichkeit, künstliches Leben im Labor zu erzeugen, über die Suche nach erdähnlichen Planeten und Lebensformen bei anderen Sternen bis hin zu den gesellschaftlichen Folgen einer möglichen Entdeckung extraterrestrischer Intelligenzen und deren Auswirkungen auf Philosophie und Religion. Die Feldforschung bleibt vorläufig auf die Erde und auf Experimente an Bord der Internationalen Raumstation beschränkt. An der University of Washington in Seattle können inzwischen sogar Doktortitel in Astrobiologie erworben werden. Auch in Europa wurde die Bedeutung – oder Werbewirksamkeit – der Astrobiologie jetzt erkannt. Gemeinsam veranstalteten die Europäische Südsternwarte ESO, die Europäische Raumfahrtagentur ESA, das Europäische Kernforschungszentrum CERN, das Europäische Molekularbiologie Laboratorium EMBL und andere Institutionen letzten November eine besonders an Schüler gerichtete Aktion „Leben im Universum“. Lesen Amir D. Aczel PROBABILITY 1. WARUM ES INTELLIGENTES LEBEN IM ALL GEBEN MUSS Rowohlt 2001, € 10,17 Ian Crawford Ist da draussen wer? Spektrum der Wissenschaft 2000, Nr. 11, S. 32–38 Paul Davies SIND WIR ALLEIN IM UNIVERSUM? Heyne 2000, € 7,95 Frank Drake, Dava Sobel SIGNALE VON ANDEREN WELTEN Herbig 1997 (vergriffen) Siegfried Franck u.a. Planetary habitability: Is Earth commonplace in the Milky Way? Naturwissenschaften 2001, Bd. 88, S. 416–426 Gerda Horneck, Christa Baumstark-Kahn ASTROBIOLOGY Springer 2001, € 54,65 Hinrich Rahmann, Karl A. Kirsch (Hrsg.) MENSCH – LEBEN – SCHWERKRAFT – KOSMOS Verlag G. Heimbach 2001, € 15,– Ulrich Walter AUSSERIRDISCHE UND ASTRONAUTEN Spektrum Akademischer Verlag 2001, € 20,41 Peter D. Ward, Donald Brownlee UNSERE EINSAME ERDE Springer 2001, € 25,51 Ben Zuckerman, Michael H. Hart (Hrsg.): EXTRATERRESTRIALS, WHERE ARE THEY? Cambridge University Press 1995, € 30,23 INTERNET Astrobiologie http://www.astrobiology.com/ www.lifeinuniverse.org sci2.esa.int/specialevents/lifeinuniverse/

Astrobiologie-Institut (NASA) astrobiology.arc.nasa.gov/ nai.arc.nasa.gov/ Origins-Programm der NASA origins.jpl.nasa.gov Planeten bei anderen Sternen www.obspm.fr/planets Suche nach außerirdischen Intelligenzen www.seti-inst.edu www.setileague.org/history. nasa.gov/seti.html www.skypub.com/news/special/seti_toc.html http://www.planetary.org/html/UPDATES/seti/index.html SETI@home www.setiathome.ssl.berkeley.edu Außerirdische in der Fantasie www.Perry-Rhodan.net www.startrek.com/ www.starwars.com/

Rüdiger Vaas

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Ma|ri|o|net|ten|the|a|ter  〈n. 13〉 Theater, in dem mit Marionetten Puppenspiele aufgeführt werden

Wa|chol|der|brannt|wein  〈m. 1u〉 aus Wacholderbeeren hergestellter Trinkbranntwein; Sy Wacholder ( ... mehr

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