Frithjof Voss: Ein Mann für alle Fälle - wissenschaft.de
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Frithjof Voss: Ein Mann für alle Fälle

BMW, Greenpeace, Chiles Regierung – der Geographie-Professor scheut keinen Auftraggeber. Mit ungewöhnlichen Methoden setzt sich Frithjof Voss von seiner Zunft ab. Ganz gleich, ob er Heuschreckenschwärme aufspürt oder Sonnenbänke etabliert – wer die Arbeit des 63jährigen bezahlt, für den arbeitet er.

Seit Monaten umkreist Tubsat-A im Dämmerschlaf die Erde. Dabei ist seine Mission nicht erfüllt. Um Heuschreckenplagen zu verhindern, hatte Frithjof Voss den Forschungssatelliten ins All schießen lassen. Das war 1991. Doch keine Regierung im bedrohten Afrika will mit Satellitentechnologie die gefräßigen Tiere bekämpfen. „Ich kann aber nicht wie ein Tourist durchs Land fahren und meine Technik anpreisen“, ärgert sich Voss. „Typisch Afrika: Obwohl die Tests hervorragend geklappt haben, beschäftigt sich dort niemand mit unserem Warnsystem.“ Frithjof Voss ist Geographie-Professor an der Technischen Universität Berlin. In seinem Büro in der Straße des 17. Juni zeugt eine ein mal zwei Meter große Kollage davon, wie klein die Welt für ihn ist: Flugtickets und Gepäckanhänger bilden ein buntes Schnipselbild der Erde. Auf dem Schreibtisch steht ein Globus, eine Weltkarte hängt an der unverputzten Wand, daneben eine Maske aus Indonesien. Bücher hat Voss nicht um sich geschart. Mit „Apple“ und „Microsoft“ sind die Ordner im einzigen Regal beschriftet: Der Professor ist kein Theoretiker, sondern ein Macher, der auf der Bugwelle der Technologie surft. Seine wissenschaftliche Arbeit hat stets damit zu tun, konkrete Probleme zu lösen – nicht nur bei der Jagd auf Heuschrecken. Geographie steht im Ruf, über den Erdkundeunterricht in der Schule nicht hinauszukommen. Dabei sind schon seit Jahrzehnten nicht mehr die längsten Flüsse und höchsten Berge Gegenstand des Faches – so sie es denn jemals waren. Auch die bloße Länderkunde, also das Zusammentragen aller erdenklichen Fakten über eine Region, ist in der Disziplin mittlerweile verpönt. An Problemen orientiert zeigt sich inzwischen auch die Hochschulgeographie – und ist damit dort angekommen, wo Praktiker wie Voss schon seit jeher waren.

Verseuchte Böden und mit Dioxin belastete Mülldeponien, Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg und Grundwasserreserven auf den Philippinen, wuchernde Wasserhyazinthen im Sudan und faulender Reis auf der Philippinen-Insel Luzon – Voss tanzt auf vielen Hochzeiten: „Vulkane, Autos im Stau oder Heuschrecken – solange ich das Werkzeug der Untersuchung beherrsche, ist es doch egal, was ich untersuche.“ Sein Werkzeug ist die Fernerkundung.

Als einer der ersten Geographen, der nicht im Soldbuch der Militärs stand, setzte er auf Satellitentechnologie. Das war 1972. Voss arbeitete damals im Auftrag der indonesischen Regierung auf Borneo. Weil er die natürlichen Ressourcen der Insel kartieren sollte, wurde er vom indonesischen Staat zur NASA geschickt. Dort sollte er lernen, was Satellitenbilder alles verraten können: über den Boden, die Vegetation, das Grundwasser, das Gestein. Bei seiner Dissertation über die „Morphologische Entwicklung der Schleimündung“ war Voss noch bodenständiger: Er vermaß die Landschaft und grub nasse Erde um. Er bohrte metertief in die Scholle und pickelte mit dem Geologenhammer im Gestein. „ Das war 1965 Stand der Möglichkeiten“, sagt Voss. Doch schon damals legte sich der aus Gelting in Schleswig-Holstein stammende mehr als so mancher Kollege ins Zeug: Zusammen mit Kampftauchern der Marine betauchte er für seine Doktorarbeit die Schlei. Inzwischen schaut der auf den Philippinen zum Piloten ausgebildete Wissenschaftler seine Untersuchungsobjekte fast nur noch aus der Luft, oft sogar nur aus dem Weltraum an – etwa die Heuschrecken. Was will der Mann aus 800 Kilometern Höhe gegen die Insekten tun, fragt man sich. „Natürlich betrachten wir nicht die einzelnen Tiere. Wir suchen die Biotope, in denen sie leben.“ Wanderheuschrecken und Wüstenheuschrecken gelten als schlimmste Vielfraße unter den Insekten. Auf bis zu 30 Milliarden Individuen sind Heuschrekkenschwärme schon geschätzt worden. Dicht an dicht bedecken sie mitunter Hunderte von Quadratkilometern. 1989 soll ein Insektenheer von 3000 Quadratkilometer Ausmaß den Himmel über Mali verdunkelt haben – ein Schwarm größer als das Saarland. Die Flugobjekte fressen ländergroße Regionen kahl. An einem einzigen Tag haben Großschwärme schon 20000 Tonnen pflanzlicher Nahrung vertilgt – genug, um 100000 Menschen ein Jahr lang satt zu machen. In Afrika hat Frithjof Voss das verheerende Naturschauspiel miterlebt, wie Heuschrecken in ein Gebiet einfielen, wie der Himmel schwarz wurde. „Da zu helfen ist eine Herausforderung für die Wissenschaft.“ Für den Professor ist die Sache gleichsam ein Duell zwischen Natur und Kultur: „Entweder besiegt die Natur den Menschen, oder der Mensch bezwingt die Natur.“

Schnell wurde ihm klar: Über Satelliten könnte man dem Kahlfraß beikommen. Deshalb suchte er in Satellitenbildern nach Biotopen, in denen sich die Tiere wohl fühlen. Im Winter 1994/95 kam der Praxistest für Heuschrecken und Satelliten. Bei der Analyse von Landsat-Aufnahmen fand Voss große Brutregionen der Wüstenheuschrecken im Tokar-Delta im Sudan. Nun wartete er darauf, bis die Wetterlage in dieser Region so beschaffen war, daß sich die Tiere vermehrten. Auch diese Daten kamen per Satellit in das Berliner Institut. Dann schlug Voss Alarm. Und in der Tat fanden Experten im Sudan postwendend Myriaden von Heuschrecken, die sich gerade zu Schwärmen zusammenrotteten. Alarmiert wurden die Teams am Boden über den Kommunikationssatelliten Tubsat-A. Voss übermittelte den Vernichtungstrupps exakte Landkarten nach Afrika. Und die machten die biblischen Plagegeister mit Chemikalien fertig, ehe die ihren Heißhunger zu stillen begannen. In Madagaskar, Mauretanien, Mali und Sudan hat Voss den Heuschrecken nachgestellt. Vom marokkanischen König Hassan II. erhielt er 1997 eine Silbermedaille. Im Jahr zuvor hatte er den „Rolex Preis für Unternehmungsgeist“ für seinen Heuschreckenwarndienst verliehen bekommen. Voss ist stolz darauf. Dennoch hat sich keine Regierung oder internationale Organisationen der Technik angenommen. Warum, das ist für Voss ein Rätsel. Daß Satellitentechnologie zu entlegen sein könnte für die Bekämpfung von Heuschrecken, glaubt Voss nicht: „Welche Alternative haben wir denn sonst?“

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Schon als Student hatte sich Frithjof Voss „am Idealbild des deutschen Professors“ orientiert. Fast jedes Jahr wechselte er die Universität: Kiel, Hamburg, Bonn, Oxford. „Ich wollte die besten Professoren hören“, begründet er heute seine Rastlosigkeit. „Ich wollte auch immer weg aus Deutschland.“ Gleich nach der Promotion ging Voss nach Angola, Nigeria und Südafrika, um für die Krupp AG Kupferlagerstätten zu erkunden. Für seine Habilitationsschrift untersuchte er dann in Südostasien Vulkane auf Anomalien hin, erforschte, wo in tropischen Karstgebieten Quellen sprudeln, und dokumentierte, was an Thailands Küsten passiert, wenn Mangrovenwälder wegen Garnelenfarmen gerodet werden. Der Professor wollte der Bevölkerung und den Politikern lehren, wie sie ihre Probleme lösen könnten – selbstverständlich mit Hilfe der Fernerkundung. Inzwischen hat er in über 60 Ländern gearbeitet, und Asien ist seine zweite Heimat geworden. „Ich bin es gewohnt, irgendwo das einzige Bleichgesicht zu sein.“ Mit der heutigen Studentengeneration in Deutschland kann er dagegen nur wenig anfangen: „Die Uni hat sich geöffnet. Jetzt sind alle da, aber Ziele einer Universität sind mit Masse nicht zu erreichen. Nur eine kleine Gruppe von Studenten ist noch begabt.“ Der Professor ist ein konservativer Mensch: Er hält am überkommenen Bild des Hochschullehrers fest. Er schätzt die Ordinariats-Universität. Er glaubt nicht an eine multikulturelle Gesellschaft. Und doch lehnt er sich gegen Strukturen und Traditionen auf, die vielen weniger Konservativen lieb geworden sind: „Bevor ich an die Universität zurückkam, habe ich freiberuflich gearbeitet und wurde nach Leistung bezahlt“, schildert Voss sein Un-behagen im bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb. Gleichwohl hat er, als er 1981 nach Berlin wechselte, von den üppigen Subventionen profitiert, die der damaligen Frontstadt gezahlt wurden. „Man mußte nur rufen: Ich brauche Geld. Ich brauche eine Sekretärin. Und schon waren Mittel oder Stelle bewilligt.“ Seit dem Fall der Mauer sind die goldenen Zeiten im ehemaligen West-Berlin vorbei. „ Der Abwärtstrend geht weiter“, weiß Voss.

Wenn das Geld nicht zur Wissenschaft kommt, muß die Wissenschaft eben zum Geld kommen. Nach diesem Motto sucht der 63jährige Lehrstuhlinhaber – „alleinstehend, kinderlos“ – alternative Finanzquellen, jenseits staatlicher Haushalte. „Ich will unabhängig werden von der Kassenlage der TU.“ Wer seine Leistung bezahlen kann, für den arbeitet er. So einfach sei das. BMW braucht Technologie für ein Verkehrsleitsystem – für Voss kein Problem. Greenpeace sucht nach einer Ausrüstung, um Umweltsünden aus der Luft aufdecken zu können – für Voss kein Problem. Die Niederlande suchen nach einer Software, um die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke von Amsterdam nach Brüssel darzustellen – Voss kümmert sich drum. Wildgänse zählen in Brandenburg, Wellen simulieren in Hamburg, Hochwasserwarnung am Yangtse – Voss ist mit von der Partie. „Gerade hat eine Delegation aus Chile gefragt, ob ich ihre südlichste Provinz analysieren kann. Klar, kann ich“, sagte Voss und freut sich über einen neuen Auftrag.

Angst vor den Grenzen seines Fachs hat Frithjof Voss nicht: Der Geographie-Professor ist mittlerweile sogar Experte für Sonnenbänke. 1996 hat er zum ersten Mal das „Emissionsspektrum von Leuchtstoffröhren für Sonnenbänke“ untersucht. Der Folgeauftrag hieß dann: „Inventur von Wärmeanomalien mit Thermalinfrarotkameras am Beispiel einer Sonnenbank“. Seither hat er mehrfach Aufträge für den Solarienhersteller erledigt: Schöner bräunen mit Professor Voss. „Ich habe ja schon vor 30 Jahren die Wärmestrahlung von Vulkanen untersucht. Was aus der Ferne geht, geht auch aus der Nähe“, meint der Professor – und wundert sich, warum eine Sonnenbank nicht zum Aufgabenspektrum eines Geographen gehören sollte. Daß Kollegen ihn als Sonderling schmähen könnten, „tangiert mich nicht“, versichert Voss. Es klingt glaubwürdig, wie er das sagt: mit ruhiger aber fester Stimme, das „r“ hanseatisch gerollt. „Wir dürfen nicht immer die Grenzen unseres Fachs sehen wollen“, erläutert Voss sein Credo. Ist das jetzt Geographie? Für den Wissenschaftler eine müßige Frage. „Kann ich das? Das sollten wir uns fragen. Und – bei dem, was wir Geographen alles beherrschen – oft sagen: Das kann ich.“ Trotz seiner vielen Aufträge hat Voss für deutsche Geographen selten eine Stelle zu vergeben. „Wie sollte ich die auch bezahlen?“ Seine Auftraggeber erwarten, daß er seine Arbeit gründlich, aber auch günstig erledigt. Braucht Voss dazu Hilfe, schaut er sich gleich weltweit um: „Indische Kartographen können eine Karte genausogut digitalisieren wie deutsche – nur kosten sie weniger.“ Für seine Studenten und Studentinnen sieht Voss gute Chancen lediglich in der Hochtechnologie. „Aber statt sich am Computer fortzubilden, reißen die lieber im Kino Karten ab oder verkaufen Blumen, um Geld zu verdienen“, sagt er und schüttelt verständnislos seinen Kopf.

Halten Studenten inzwischen so manchem Professor vor, nichts von der Welt der Computer zu verstehen, hält Voss die meisten deutschen Geographiestudenten für Technikmuffel. Deshalb hat er eine Fortbildungsakademie aus der Taufe gehoben. Er bietet dort neben geographischem Spezialtraining Kurse für „Word“ oder „Excel“ an. „Aber es kommen fast nur Berufstätige, die bemerkt haben, daß sie ohne Computerwissen kaum noch Chancen am Arbeitsmarkt haben. „

Wie auch immer: Die Kurse spülen Geld in die Kasse. Seit einigen Wochen hat Voss die 130000 Mark wieder drin, die er für seine Computerausstattung investiert hat. „Wir sind jetzt freie Leute“, freut sich Voss, weil er mit seinen Mitarbeitern Gewinn erwirtschaftet. Der TU zahlt er sogar Miete. „Ich will aber nichts damit verdienen. Das Geld verschenke ich an begabte Geographen“, verspricht Voss. „Und ich stecke es in Forschungsprojekte.“ Wander- und Wüstenheuschrecken verliert Voss derweil nicht aus den Augen. In China hat er soeben versucht, die Insekten mit Hochleistungsmikrophonen zu belauschen und mit Digitalkameras zu filmen. „Chinesische Insektenforscher erkennen die Spezies an den Geräuschen. Die Experten können in Überwachungsräumen sitzen und über Lautsprecher und Bildschirme beobachten, ob sich irgendwo Heuschrecken sammeln“, erklärt der Berliner – und outet sich damit zum wiederholten Mal als erklärter Feind der zirpenden Insekten.

Mathias Rittgerott / Frithjoff Voss

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