Gaumenschmerz und Magenfreude - wissenschaft.de
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Gaumenschmerz und Magenfreude

Fragwürdige Vitaminzusätze, tödliche Bakterien und Hintergründe der Lebensmittelüberwachung: die neuen Bücher über modernes Essen.

Wollen Sie wissen, was es mit Probiotischem Joghurt, ACE-Drinks und „angereicherten“ Lebensmitteln auf sich hat? Der Chemiker und Öko-Test-Redakteur Marcus Brian hat sich in seinem Buch Essen auf Rezept die sogenannten Functional Foods vorgenommen: industriell gefertigte Lebensmittel, die versprechen, gesünder als natürliche Nahrung zu sein. Brian untersucht, ob die Werbeaussagen wissenschaftlichen Untersuchungen standhalten. Sein Fazit ist ernüchternd: Für die behaupteten Wirkungen fehlt meist jeglicher Beweis, viele „ Anreicherungen“ sind ohne jegliche ernährungswissenschaftliche Sachkompetenz zusammengemixt. Die Hersteller von probiotischen Joghurts haben zwar nachgewiesen, daß ihre Spezialjoghurts gesund sind, aber keine Firma konnte bisher zeigen, daß sie gesünder sind als traditionelle Joghurts. Und ACE-Drinks sollen den Körper angeblich durch die antioxidative Wirkung der Vitamine A, C und E schützen. Nur: Johannisbeernektar, Tee oder Rotwein haben eine viel höhere antioxidative Kraft. Genüßlich nimmt Brian auch Werbeaussagen über andere Vitaminkombinationen und angebliche Wundermittel auseinander: Energydrinks, Powerbars oder Omega-3-Brote.

Während Brians Buch dem kritischen Verbraucher hilft, Unsinniges und Gefährliches von seinem Teller fernzuhalten, vergeht dem Leser bei Hans-Ulrich Grimms Buch Aus Teufels Topf der Appetit. Grimms Thema sind die „neuen Risiken beim Essen“ durch Globalisierung, Technisierung und Konzentration auf immer weniger große Nahrungsmittelproduzenten.

Der frühere Spiegel-Redakteur berichtet von Kühen, in deren Gedärm sich neue gefährliche Coli-Bakterien entwickeln, weil die Tiere kein Gras mehr fressen dürfen, von Antibiotika, die als Masthilfen verfüttert werden und dadurch die für Menschen lebensrettenden Medikamente langfristig unbrauchbar machen. Transportwege über ganze Kontinente erhöhen obendrein das Risiko, daß sich Erreger auf diesen Reisen vermehren und die Lebensmittel verderben. Da Nahrung zunehmend in wenigen, großen Produktionsstätten hergestellt wird, besteht außerdem die Gefahr, daß mit einer verdorbenen Produktion landesweit Menschen krank werden oder sterben, wie Grimm an Beispielen aus Japan und den USA zeigt. Grimm nimmt sich die gesamte moderne Ernährungsproduktion vor: Die Schweine, die mit Aromen im Futter dazu gebracht werden, Industrieabfälle zu fressen. Die Phosphorsäure in Cola, die in hoher Dosierung schon bei Kindern zu Osteoporose führen kann. Die Zitronensäure in Margarine, die zu Karies führen kann. Die „Zuckerbomben“ in Limonaden und Riegeln, die zu gefährlichem Insulinanstieg im Blut führen können.

Es verlangt schon eine Portion Masochismus, Grimms Buch durchzulesen. Seine oft seitenlangen Aufzählungen von Horrormeldungen sind zudem ermüdend, ohne neue Erkenntnisse zu liefern. Manchmal schweift er auch ab und erzählt Nebensächliches. Obwohl Grimms Buch sehr faktenreich ist, hilft es dem Leser nicht, sich in der modernen Lebensmittelproduktion zurechtzufinden, denn Grimm liefert keine Einordnungen. Er erklärt nicht: Was sind bedrohliche Trends? Was sind lediglich erschreckende Pannen, die bei millionenfach hergestellten Produkten immer auftreten? Bei Grimm ist alles gleich schrecklich – und früher war sowieso alles besser.

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Dem letzten Satz würde Johannes Friedrich Diehl vehement widersprechen. Der frühere Leiter der Bundesforschungsanstalt für Ernährung läßt sein Buch Chemie in Lebensmitteln vor 4000 Jahren beginnen. „Du sollst das Fett deines Nachbarn nicht vergiften!“, steht bereits auf einer hethitischen Tontafel. Trotz aller staatlichen Bemühungen und Vorschriften wurden Lebensmittel in den letzten Jahrtausenden oft mit giftigen Substanzen gestreckt oder verdorbene Ware mit Chemikalien verkaufsfertig gemacht. Erst die moderne Chemie und Analytik gab den Lebensmittelkontrolleuren die Möglichkeit, diese Panschereien nachzuweisen.

Diehl will mit seinem Buch Hintergrundwissen liefern, damit Fachleute, Laien und Journalisten echte oder vermeintliche Lebensmittelskandale beurteilen können. Er erklärt, wie Giftigkeiten gemessen werden, welche Rückstände, Verunreinigungen und Zusätze es gibt und welche chemischen Stoffe bei der Zubereitung von Lebensmitteln entstehen oder schon natürlicherweise in Gemüse oder Fleisch vorkommen. Sein Fazit: Es gibt zwar immer wieder skandalöse Panschereien, aber generell ist die Nahrung in Deutschland sicher. Gefahren sieht er eher in übertriebener Ablehnung von Zusätzen: bei Mayonnaisesalaten ist die Bedrohung durch Bakterien größer als eine durch Konservierungsstoffe.

Ein richtiger Schmöker ist Catharina Lohmanns Buch Machen Bananen glücklich? In über 50 Kurzkapiteln erzählt die Ernährungswissenschaftlerin und Journalistin Wissenswertes über verdorbene Eier, die E-Nummern und die Vitamine unter der Apfelschale. Dabei klärt sie auch manche populären Irrtümer auf: Ist Mineralwasser reiner als Leitungswasser? Oder: Darf man Pilzgerichte nicht wieder aufwärmen? Letzteres darf man, wenn man sie zwischendurch gut kühlt – so viel sei hier schon verraten. Marcus Brian ESSEN AUF REZEPT S. Hirzel, 2000 DM 38,–

Hans-Ulrich Grimm AUS TEUFELS TOPF Klett-Cotta, 1999 DM 39,80

Johannes Friedrich Diehl CHEMIE IN LEBENSMITTELN Wiley-VCH, 2000 DM 78,–

Catharina Lohmann MACHEN BANANEN GLÜCKLICH? C.H. Beck, 1999 DM 12,90

Thomas Willke

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Bio|zö|no|se  〈f. 19〉 Lebensgemeinschaft verschiedener Tier– u. Pflanzenarten, die ähnl. Umweltbedingungen verlangen [<grch. bios ... mehr

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