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Gegen das Vergessen

Kein Durchbruch in Sicht, aber Grund zur Hoffnung. Ärzte setzen bei der Behandlung von Alzheimer auf eine verbesserte Früherkennung und Medikamente mit weniger Nebenwirkungen.

Bitte wiederholen Sie die Telefonnummer: 766278″, fordert Dr. Barbara Romero, Neuropsychologin an der Psychiatrischen Klinik der TU München, ihre Patientin auf – eine Aufgabe, die diese ohne zu zögern bewältigt. Im Protokoll attestiert ihr Romero zudem einen Intelligenzquotienten von 114 und ein „besonders gut erhaltenes Denk- und Urteilsvermögen“.

Und doch – die Diagnose ist niederschmetternd: Alzheimer-Krankheit im frühen Stadium. Denn in einer Reihe von Tests schneidet die 68jährige Hausfrau unterdurchschnittlich ab: So fallen ihr innerhalb einer Minute nur neun Dinge ein, die man in einem Supermarkt kaufen kann. Und nachdem sie Zeit hatte, sich acht Bilder mit verschiedenen Tieren in ihrem Gedächtnis einzuprägen, kann sie fünf Minuten später nur vier davon aufzählen.

Durchaus typisch sei, so Dr. Romero auf dem 1. Deutschen Alzheimer-Kongreß, daß be-stimmte geistige Funktionen bei Alzheimer-Patienten zunächst ungestört bleiben – Telefonnummern nachsprechen gehört dazu. Auch spricht niemand, der an Alzheimer erkrankt ist, im Telegrammstil – ein Kennzeichen für die Schädigung des Broca-Sprachzentrums durch einen Tumor oder ein Schädel-Hirn-Trauma.

Über 2000 Frauen und Männer haben Romero und ihre Kollegen in den letzten zwölf Jahren während der Gedächtnissprechstunde in der Münchener Klinik untersucht. Auf dem Alzheimer-Kongreß zog der Direktor der Klinik, Prof. Dr. Hans Förstl, das Resümee: „Die Frühdiagnose von Alzheimer durch neuropsychologische Befunde funktioniert“ – und keiner der anwesenden Experten widersprach.

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Allerdings ist „früh“ ein dehnbarer Begriff – schätzt man doch, daß die krankhaften Veränderungen im Gehirn schon 15 Jahre vor dem Endstadium beginnen. Die Untersuchung jedenfalls, die bei der damals 68jährigen zur Diagnose „Alzheimer“ führte, fand im Jahre 1989 statt. „Im weiteren Verlauf bestätigte sich die Diagnose“, sagt Romero. 1995 erkannte die Patientin ihre Familie nicht mehr. Anfang 1997 starb sie – die letzten Monate ihres Lebens konnte sie nicht mehr sprechen und war an den Rollstuhl gefesselt.

„Die Alzheimer-Erkrankung kann erst nach dem Tod des Patienten und anschließender Obduktion sicher festgestellt werden“ – das ist bislang die herrschende Lehrmeinung. Der Münchener Nervenarzt Prof. Dr. Alexander Kurz schränkt ein: „Die Diagnose läßt sich schon in einem frühen Krankheitsstadium mit großer Zuverlässigkeit stellen.“ Und Privatdozent Dr. Lutz Frölich vom Klinikum der Universität Frankfurt am Main spricht von einer 80- bis 95prozentigen Befundsicherheit beim lebenden Patienten.

Mit der optimistischeren Einschätzung diagnostischer Möglichkeiten rückt allerdings ein anderes Problem in den Blickpunkt der Experten: Ist es überhaupt sinnvoll, einen Menschen frühzeitig darüber aufzuklären, daß er an Alzheimer erkrankt ist? Dr. Jens Bruder, Vorsitzender der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, in einem seiner „Alzheimer-Briefe“: „Die Frage ist noch nicht entschieden – zweifellos könnte die Mitteilung über den allmählichen und unaufhaltsamen Verlust der geistigen Kraft tiefe Erschütterungen auslösen.“ Denn die Situation ist aussichtslos: Medikamente, die die Krankheit dauerhaft bremsen oder gar heilen könnten, gibt es nicht.

Doch viele Mediziner halten das Bemühen um einen möglichst frühen und sicheren Befund gerade deshalb für wichtig: Es besteht dann die Hoffnung, dafür sorgen zu können, daß sich die Krankheit nicht verschlimmert. Auch künftige Medikamente, da sind sich die Experten weitgehend einig, werden Prozesse, die bei Alzheimer im Gehirn ablaufen, nicht rückgängig machen. Doch je früher die Krankheit erkannt wird, um so mehr der geistigen Leistungsfähigkeit könnte erhalten bleiben.

Schon heute gibt es Medikamente, die den Krankheitsverlauf hinauszögern, sogenannte Nootropica. „Deren klinische Wirksamkeit ist bewiesen“, sagt Prof. Dr. Konrad Maurer, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität Frankfurt. Und weiter: „Es wäre unethisch, Alzheimer-Patienten nicht mit diesen Medikamenten zu behandeln.“ Unter der Bezeichnung Nootropica – auch Antidementiva genannt – fassen die Mediziner verschiedenartige Arzneistoffe zusammen, deren Wirkmechanismus sehr unterschiedlich sein kann, und der manchmal nicht einmal bekannt ist.

Am besten dokumentiert sind die Behandlungserfolge mit Acetylcholinesterase-Hemmern. Bei Alzheimer-Patienten ist die Konzentration von Acetylcholin – einem Nerven-Botenstoff – im Gehirn gegenüber Gesunden deutlich erniedrigt. Dessen Abbau soll durch die Acetylcholin-esterase-Hemmer verlangsamt werden. Eindrucksvoll ist das Ergebnis einer amerikanischen Studie: Drei Jahre lang wurde eine Gruppe von Alzheimer-Patienten mit Tacrin behandelt. Während dieses Zeitraums mußten 40 Prozent dieser Patienten in ein Pflegeheim überwiesen werden. Bei einer Vergleichsgruppe, die das Medikament nicht erhielt, waren es dagegen 80 Prozent. Privatdozent Dr. Ralf Ihl von der Psychiatrischen Klinik der Universität Düsseldorf: „Der Krankheitsverlauf läßt sich mit Acetylcholinesterase-Hemmern bis zu zwei Jahre verzögern.“

Der Nachteil der Acetylcholinesterase-Hemmer bisher: Sie waren schwer zu dosieren und schädigten häufig die Leber der Patienten. Seit zwei Monaten ist der Arzneistoff Donepezil unter dem Namen Aricept auf dem Markt. Seine Wirkung ist zwar nicht wesentlich besser als die der bisher erhältlichen Substanzen, aber seine Nebenwirkungen sind geringer.

Nach Meinung vieler Fachleute sollte die möglichst frühe Erkennung der Krankheit aber nicht nur aus medizinischen Gründen angestrebt werden: Häufig kann die Lebensqualität des Patienten und seiner Angehörigen verbessert werden, wenn der Grund für das veränderte Verhalten bekannt ist.

Dann können etwa die Angehörigen besser damit umgehen, daß der Alzheimer-Kranke nicht nur vieles vergißt, sondern auch rasch wechselnd depressiv, wütend oder wahnhaft gestimmt ist. Oder die Wohnung und der Tagesablauf des Kranken können so eingerichtet werden, daß ihm die Orientierung leichter fällt – entsprechende Maßnahmen gehören zur nicht-medikamentösen Behandlung. „In diesem Bereich hat es in letzter Zeit viele Fortschritte gegeben“, sagt Dr. Jens Bruder.

Die Zahl der an Alzheimer Erkrankten wird aber weiter wachsen – die Folge davon, daß die Menschen in Deutschland und anderen Industrienationen immer älter werden. Denn Alter ist der wichtigste Risikofaktor: Nach weltweit übereinstimmenden Untersuchungen sind unter den 65- bis 70jährigen 2 bis 3 Prozent, unter den über 85jährigen 25 Prozent demenzkrank. Doch Dr. Ralf Ihl, der zweite Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, betont, das die Ärzte der Krankheit nicht hilflos gegenüberstehen: „Bei vielen Krankheiten wäre man froh, wenn man das Leben der Patienten mit Arzneimitteln soweit verlängern könnte wie bei Alzheimer-Patienten.“

Und er macht Hoffnung für die Zukunft: Weltweit werden bereits viele Substanzen intensiv untersucht, unter denen sehr wahrscheinlich wirksame Medikamente sind.

Frank Frick

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