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Allgemein

Gemalter Verfall

In den Bilder des Malers William Utermohlen spiegelt sich sein fortschreitendes Alzheimer-Leiden. Vielleicht wurde auch anderen Künstlern eine neue „Stilperiode“ im Alter durch Krankheit aufgezwungen.

Als Patricia Utermohlen die Tür zum Atelier ihres Ehemannes öffnet, sieht sie sofort, dass etwas nicht in Ordnung ist: Der Maler William Utermohlen sitzt zusammengesunken vor einer leeren Leinwand und starrt apathisch auf die weiße Fläche. An dem Familienporträt, das er seit neun Monaten für eine Freundin malen soll, ist nicht ein Pinselstrich getan. Patricia traut ihren Augen nicht, als sie ihre Blicke durch den Raum wandern lässt – kaum ein fertiges Bild ist zu sehen. Wie kann ein Mensch, der das Malen über alles liebt, Monate damit verbringen, eine leere Leinwand anzustarren? Hatte sich ihr Mann nicht morgens regelmäßig in die Londoner U-Bahn gesetzt, um in sein Atelier zu fahren? Nur um eine Schaffenskrise zu vertuschen? Das war 1994 – und es war nicht nur eine Krise, die William Utermohlen zur Untätigkeit verurteilte. Ein Arzt nannte ihm ein paar Tage später den Grund: Mit 61 Jahren hatte der Morbus Alzheimer vom Gehirn William Utermohlens Besitz ergriffen. „Er merkte damals schon, dass er nicht mehr richtig malen konnte und hatte geradezu Angst, Farbe auf die Leinwand aufzutragen“, vermutet Patricia im Nachhinein. Erst die Klarheit über seinen Zustand brachte den Künstler wieder zum Malen und ließ ihn eine einzigartige Chronik seiner Krankheit schaffen. William Utermohlen ist Maler aus Leidenschaft: Seit seiner frühesten Jugend malte er mit Begeisterung. Nach der Highschool studierte der Amerikaner Kunst in Pennsylvania. Mit dem Geld eines Kunstpreises konnte er sich nach dem Abschluss einen Traum erfüllen: Er reiste quer durch Europa, um in den Kunstmuseen der Alten Welt die Werke der europäischen Meister kennenzulernen. 1962 heiratete er seine Frau Patricia, eine Kunsthistorikerin, und ließ sich in London nieder. In den folgenden Jahren machte sich der Maler vor allem mit seinen Porträts einen Namen. Seine realistisch gemalten Werke werden in den Galerien New Yorks, Paris und Londons mit bis zu 30000 US-Dollar gehandelt. Aber auch seine Wandmalereien und Buchillustrationen sind gefragt. Nebenher unterrichtete er Kunststudenten. Es sind diese Studenten, die Patricia einfallen, wenn sie in ihrer Erinnerung nach Warnzeichen sucht, die sie übersehen haben könnte. In den Monaten vor der schrecklichen Entdeckung riefen immer wieder Kursteilnehmer an, um zu fragen, wo ihr Lehrer bliebe. Bereits vier Jahre vor der Diagnose hatte Bill Schwierigkeiten, den Schlips zu knoten. „Was mich hätte misstrauisch machen müssen“, erzählt die heute 73-Jährige, „ist ein Vorfall auf seiner Reise nach Paris, die er 1993 mit 60 Jahren unternommen hat: Er verlief sich auf dem Weg zum Louvre.“ Und das, obwohl William Utermohlen ständig in das geliebte Paris fuhr und hunderte Male im Louvre war. Orientierungsstörungen sind typisch für die Anfangsphase der Alzheimer-Krankheit. Wahrscheinlich war dies auch der Grund seines Fehlens im Unterricht – er fand seine Studenten nicht mehr. William Utermohlen beschrieb letztes Jahr in einem Fernsehinterview der BBC seine Gefühle in den Anfangsjahren der Krankheit. Nur mühevoll reihte er die Wörter aneinander: „Besorgt – Ich versuchte mir zu sagen, oh nein, es ist nicht da. Aber es war nicht zu leugnen: Es war da.“ Es war da und die Ärzte versuchten es aufzuhalten. Aber die Pillen, die sie dem Maler verschrieben, konnten das Fortschreiten der Symptome nur bremsen, stoppen konnten sie es nicht. Dafür verwandelten die Therapie und das Bewusstsein, Alzheimer zu haben, den Frührentner wieder in einen aktiven Künstler. Seit Beginn der Behandlung, mit 62 Jahren, griff Bill erneut zum Pinsel. Er begann, vor allem Selbstporträts zu malen – gröber strukturiert und mit breiteren Strichen als in seinen bisherigen Werken. „Er versuchte, in den Bildern seine Ängste und Sorgen zu verarbeiten. Ich halte sie für eine analytische Beschreibung seiner Seele“, meint Patricia Utermohlen aus ihrer Perspektive als Kunsthistorikerin und Ehefrau. Der Neuropsychologe Prof. Josef Kessler, Bereichsleiter der Neuropsychologie am Max-Planck-Institut für neurologische Forschung in Köln, erkennt in den Bildern mehr: „Sie dokumentieren das Fortschreiten der Krankheit. Im Grunde genommen stellen sie ein bildgebendes Verfahren dar, das das Absterben der Nervenzellen beschreibt – wie die Kernspintomografie auch.“ Mit jedem Jahr sind die Gemälde deutlicher von der Krankheit gezeichnet. „Beim Selbstporträt, das er mit 62 Jahren malte, kann man erkennen, dass die Details – Mund, Auge, Nase – langsam aus ihrer Position gleiten“, sagt der Kölner Neuropsychologe. „Noch deutlicher wird das an dem verzogenen Mund und den verschobenen Augen im nächsten Bild, das er mit 63 Jahren gemalt hat. Man sieht, dass William Utermohlen die Einzelheiten nicht mehr in die richtige räumliche Anordnung bringt. Der Hals ist nicht aus der gleichen Perspektive wie der Kopf dargestellt.“ Der Verlust des Raumempfindens, die viseokonstruktive Störung, kennt der Wissenschaftler als typisches Symptom bei vielen Alzheimer-Patienten. Es äußert sich nicht nur in deren Zeichnungen, auch der Alltag der Patienten wird dadurch erschwert: Sie greifen daneben, wenn sie einen Gegenstand aufheben wollen oder haben Angst die Treppe herunterzugehen, weil ihnen die Tiefenwahrnehmung fehlt. „Typisch sind in den Bildern von Alzheimer-Kranken auch die verzerrten Proportionen, in diesem Fall besonders das große Ohr und die überhöhte Stirn“, sagt Kessler. Utermohlen waren mit 62 Jahren Krankheit und Gedächtnisschwäche kaum anzumerken. Er konnte erfolgreich fehlende Wörter und Erinnerungen durch ausschweifende Umschreibungen ersetzen. Die bis dahin vorhandenen Symptome weiteten sich aber aus: War es zu Anfang vor allem das komplizierte Londoner Underground-System, in dem er sich nicht mehr zurecht fand, verirrte er sich inzwischen schon auf dem Heimweg vom nahe gelegenen Lebensmittelgeschäft. Das Lesen stellte er ein. „Bill verstand gut, was mit ihm passierte“, erzählt Patricia Utermohlen, „und das bedrückte und ängstigte ihn sehr. Deshalb sind in den Bildern aus dieser Zeit die Augen voller Trauer und Schmerz. Ich glaube auch, dass das große Ohr und die überhöhte Stirn im zweiten Bild von ihm gewollt waren. Bill hatte damals Angst, sein Gehör zu verlieren. Inzwischen zeichnet er immer wieder dieselben leeren Umrisse eines Kopfes, wie im letzten Bild. Ich glaube, sie zeigen seine verzweifelte Suche nach sich selbst. Die Suche eines Menschen, den sein Gehirn immer weiter im Stich lässt.“ 1996 konnte Utermohlen den sozialen Schein nicht mehr länger wahren. Immer wieder fehlen dem 63-Jährigen die Wörter. Auch seine zeichnerischen Probleme wurden deutlicher. Die Details der Gesichter verschwinden, die perspektivische Sicht löst sich auf, die Gesichtszüge sind kaum noch zu erkennen. Während Utermohlen gerade den Hintergründen seiner Porträts früher viel Aufmerksamkeit geschenkt hatte, waren diese inzwischen nur noch einfarbig. Gerade das vierte Selbstporträt zeigt anschaulich, dass sich der Morbus Alzheimer über beide Hirnhälften gleichermaßen ausbreitet, meint Prof. Kessler: „Menschen mit einer Schädigung der linken Gehirnhälfte neigen dazu, ihre Bilder zu vereinfachen und Einzelheiten auszulassen, wie wir es hier erkennen können. Schäden an der rechten Hälfte führen dagegen eher zu einer Störung der räumlichen Darstellung, wie sie die früheren Bilder bereits gezeigt haben.“ Der Künstler begann außerdem abstrakt zu malen, eine radikale Änderung seines bisherigen Stils. Ein Wasserfarbenbild, das er mit 65 Jahren malte, ist kaum noch als Porträt zu erkennen. In ihm existieren weder Raum noch Perspektive. William Utermohlen, inzwischen 68, hat den Pinsel endgültig aus der Hand gelegt. Wenn er manchmal zum Bleistift greift, zeichnet er nur noch leere Kreise oder Symbole auf das Papier. Bilder, die ohne Einzelheiten und Perspektive sind, wie das letzte seiner Selbstporträt-Reihe. Eine Zeichnung, in der Prof. Kessler „einen gescheiterten Versuch“ des Künstlers sieht, „ sich darzustellen“. Trotzdem stellt der Maler weiter aus. Und gerade die Bilder, die bereits von seiner Krankheit gezeichnet sind, erwiesen sich in den Ausstellungen 1997 in Paris und 2000 in London als Publikumsmagneten. Warum präsentiert dieser Mann sich und seine gezeichneten Bilder der Öffentlichkeit? Warum entblößt er sich in verschiedenen britischen Radio- und Fernsehsendungen, in denen er um beinahe jedes Wort ringt? „Ich möchte – helfen“, beantwortete Utermohlen die Frage stockend in der BBC. Seine Frau sprang ihm zur Seite: „Wir haben uns von Anfang an entschlossen, offen mit dieser Krankheit umzugehen“, erklärt sie, „denn sie ist nichts, dessen man sich schämen müsste. Sie hat Rita Hayworth und Ronald Reagan befallen, es kann jedem passieren. Vielleicht wecken Williams Bilder ein Stück mehr Aufmerksamkeit für diese immer noch unverstandene Krankheit.“ Im Frühjahr dieses Jahres werden die Bilder erneut in der Pariser Galerie Beckel Odille Boïcos zu sehen sein. Für eine Ausstellung in Deutschland oder New York sucht Patricia Utermohlen noch eine Galerie. Im Zentrum der Aufmerksamkeit wird wieder der demente Künstler William Utermohlen stehen, der seine Trauer, Angst und Schwäche entblößt. Es ist ein hoher Preis, den er zahlt – den Nutzen werden andere haben.

Kompakt

Rund 600000 Menschen leiden in Deutschland wie William Utermohlen an der Alzheimer-Erkrankung. Die Patienten verlieren zunehmend ihr Gedächtnis, ihre Orientierungsfähigkeit, sowie ihre Kenntnis über Zeit, Personen und Sprache. Im Gehirn sterben sowohl weiße wie graue Hirnsubstanz ab, an vielen Stellen treten „ Amyloid-Plaques“ auf. Die grundlegenden Ursachen sind noch unbekannt. Zur Zeit ist keine Heilung, nur eine Verlangsamung der Krankheit möglich.

Michael Brendler

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