Eine Erinnerung an die Verdienste Rüdiger Nehbergs Genug für drei Leben - wissenschaft.de
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Eine Erinnerung an die Verdienste Rüdiger Nehbergs

Genug für drei Leben

Foto: TARGET-Nehberg

Rüdiger Nehberg ist am Donnerstag mit 84 Jahren verstorben. Einer, der als „Sir Vival“ bekannt wurde und auf dem Sterbebett mit dem Worten zitiert wird: Irgendwie bin ich ein Glückspilz! (…)  Weil ich so viel erlebt habe, dass es für drei Leben ausreichen würde. “ Er war Überlebenskünstler, Abenteurer und Aktivist, ein Kämpfer für die Natur und die Rechte all der Menschen, auf die sonst keiner schaute: Wie das Indianervolk „Yanomami“. Oder die Frauen in Afrika, die unter der grausamen Praxis der Genitalverstümmelung litten. Im Gedenken an diesen Kampf veröffentlichen wir noch einmal ein Interview, das Nehberg natur-Redakteur Jan Berndorff vor zehn Jahren gab, anlässlich des Kinostarts von „Wüstenblume“. Ein bewegendes Dokument, das daran erinnert, dass es sich immer lohnt, sich einzumischen.

Der größte Bürgerkrieg aller Zeiten

natur: Herr Nehberg, ein Überlebenskünstler und Wildnisexperte setzt sich nun für Frauenrechte, gegen die Genitalverstümmelung ein. Wie kam es dazu?

Erstmals gehört habe ich davon vor 30 Jahren, als mir bei einer Wüstendurchquerung in Äthiopien eine Frau begegnete, die man bei einer Beschneidung übelst verstümmelt hatte und die nun mit einem Mann zwangsverheiratet werden sollte, den sie hasste. Sie war geflohen. Ich fand das schon damals schrecklich, aber ich war zu der Zeit mit einem insgesamt 18 Jahre währenden Projekt mit Indianern in Brasilien beschäftigt, mit dem Ziel, sie vor den Übergriffen durch Goldsucher zu schützen. Und ich wagte auch nicht zu glauben, dass man als kleiner Bürger da etwas ändern kann. Doch dann lernte ich durch meine Erfahrung mit den Yanomami, dass sich niemand für zu gering halten sollte, etwas verändern zu können. Und dann, 20 Jahre nachdem ich die Frau damals getroffen hatte, wurde ich daran erinnert: Ich las „Wüstenblume“ von Waris Dirie. Und da war ich so entsetzt, dass ich an einigen Stellen nicht mehr weiterlesen konnte. Ich habe geweint. Jetzt war ich bereit, mich gegen diesen Brauch zu wenden.

Wie sind Sie vorgegangen?

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Am Anfang dachte ich, etablierte Organisationen könnten mich politisch unterstützen. Ich mache die Aktionen und die sorgen für den Widerhall. Doch das war eine komplette Enttäuschung. Alle hielten sie mich für verrückt. Die dümmsten Argumente waren, der Islam sei nicht dialogfähig und Genitalverstümmelung keine Männersache. Also haben ich und meine Frau Annette Weber im Jahr 2000 eine eigene Organisation gegründet: „Target“. Erstmal ging es darum, Beweise zu beschaffen, um damit die Verantwortlichen zu konfrontieren. Wir sind also nach Afrika geflogen und haben mit viel Geduld Fotos und Filme von Verstümmelungen gemacht. Annette und ich ergänzten uns da prima, denn bei diesem Thema ist es natürlich wichtig, Mann und Frau im Team zu haben: Sie kommt nicht an die Gelehrten heran und ich nicht an die Verstümmlerinnen. Unsere Strategie war von Anfang an: Wir machen das mit dem Islam als Partner, wo die Beschneidungen am weitesten verbreitet sind. Und unser Ziel war, den Brauch von allerhöchster Stelle zur Sünde erklären zu lassen. Wir begannen mit einem Sultan des Afar-Volkes in Äthiopien, der uns gestattete, seine 60 Clanführer zusammenzutrommeln. Nachdem die unsere Bilder gesehen hatten, haben sie den Brauch zur Sünde erklärt und das im Stammesgesetz festgeschrieben.

Das heißt, die waren sich vorher gar nicht dessen bewusst, was da passiert?

Nein, man hört sehr oft: „Warum jammern die Weiber immer, ich bin als Mann doch auch beschnitten. Dabei ist das kein Vergleich: Der Mann verliert nur ein Stück Vorhaut, behält aber sein Freudegefühl beim Sex. Die Frau dagegen wird regelrecht zerstört – körperlich wie seelisch. Bei den Afar in Äthiopien ist die brutalste Form aller Genitalverstümmelungen üblich, die Pharaonische Beschneidung. Bei dem Ritual kommen in der Regel die Angehörigen zusammen und setzen sich auf die vier Gliedmaßen der Mädchen, damit sie sich nicht wehren können. Dann werden die Klitoris und alle Schamlippen abgeschnitten und hinterher die Scheide mit Dornen zugetackert. Die Schenkel werden eng zusammengeschnürt, damit die Scheide zusammenwächst. Es bleibt eine Öffnung mit der Größe eines Reiskorns, die offen gehalten wird, indem man einen Strohhalm hineinsteckt. Urinieren dauert von da an eine halbe Stunde, die Regel 14 Tage; das Blut fließt nur noch unter extremen Bauchschmerzen und Massage ab. Die Werkzeuge für die Schnitte sind meist primitivst: Rasierklingen, Glasscherben, Dosendeckel, schartige Messer, oft geführt von alten Frauen, die auch noch schlecht sehen; ohne Betäubung, ohne jede Kenntnis von Anatomie – und ohne Erbarmen. Meist sind die Mädchen zwischen fünf und zehn Jahre alt. Es gibt aber auch Fälle, wo der Eingriff erst kurz vor der Hochzeit vorgenommen wird, bis zu einem Alter von 17 Jahren. Manche Eltern führen die Verstümmelung dagegen zwei Wochen nach der Geburt durch, damit die Kinder sich später nicht mehr daran erinnern. Falls sie überleben, denn laut Schätzung der Vereinten Nationen stirbt etwa ein Drittel der Mädchen an den Folgen dieser Art von Beschneidung.

Welchen Sinn soll die Beschneidung denn haben?

Die Frauen sollen gefügig gemacht, zur Treue gezwungen werden. Die Verstümmelung nimmt ihnen den sexuellen Trieb, sie verlieren das Interesse an Männern. So werden sie zu Gebrauchsgegenständen degradiert. Unbeschnittene gelten als triebhaft, als Prostituierte.

Und das wird mit der Religion begründet?

Die Verstümmelung von Frauen kommt in 35 Ländern vor. Ein Großteil sind muslimische Kulturen, aber auch bei Christen und Andersgläubigen wird beschnitten. Schwerpunkte gibt es in der Sahelzone Afrikas, im Nordirak, Malaysia und Indonesien. Es werden dann zwar oft Koran oder Bibel zur Begründung herangezogen, aber eigentlich sind es eher Stammesrituale – Traditionen, die niemand in Frage stellt. Für mich ist das der größte Bürgerkrieg aller Zeiten – die Gesellschaft gegen die Frauen.

Zurück zu den Afar. Hat dieses Volk den Brauch nun aufgegeben?

Weitestgehend, ja – und das binnen weniger Jahre. Das Wort der Stammesältesten und Geistlichen hat eben Gewicht. Ab und zu hören wir über die Ärztinnen unserer fahrenden Krankenstation, die wir den Afar geschenkt haben, aber doch noch von Beschneidungen. Dann schalten wir sofort die Geistlichen ein, sie berufen eine Dorfversammlung ein und weisen die Verstümmlerinnen öffentlich zurecht.Diese schwören dann laut vor Allah, das nicht mehr zu tun und nur noch als Hebamme zu arbeiten.

Werden sie auch bestraft?

Eigentlich genügt es, dass die Ehre und die Zugehörigkeit zur Gruppe auf dem Spiel steht. Aber vor gut einem Jahr hat man die Genitalverstümmelung auch in eine Art Blutrachegesetz aufgenommen. Wenn jetzt jemand ein Mädchen zerstört, wird das wie ein Mord geahndet: 25 Kamele Strafe für die Verstümmlerin, 25 für die Familie. Das ist der Ruin. Allein diese Drohung wirkt Wunder.

Nimmt Ihnen die Bevölkerung die Einmischung nicht übel?

Im Gegenteil: Die Afar sind uns dankbar, dieses Tabu gebrochen zu haben. Sie haben uns sogar ein kleines Krankenhaus geschenkt haben, das mit EU-Geldern gebaut wurde, mit dem aber so recht niemand etwas anzufangen wusste, weil es weit draußen in der Wüste steht. Wir werden dort nächstes Jahr die Arbeit aufnehmen und auch Mädchen mit verschlossener Scheide operieren. Wenn wir sie nicht öffnen, geschieht dies in der Hochzeitsnacht: Zunächst versucht es der Mann mit dem Penis; wenn das nicht klappt mit dem Dolch. Da gibt es Verletzungen, die im Leben nicht mehr heilen. Davor wollen wir die beschnittenen Mädchen bewahren. Jedenfalls öffnete unser Erfolg und der gute Kontakt zu den Afar als Referenz viele Türen bei anderen Kulturen etwa in Djibouti oder Mauretanien. Der Durchbruch aber war, als es uns gelang, die zehn höchsten Muslime der Welt in der traditionsreichen Azhar-Universität in Kairo, der größten muslimischen Bildungseinrichtung, zu einer Gelehrten-Konferenz zusammenzurufen.

Wie haben Sie die denn überzeugt zu kommen?

Es ist ganz wichtig, ohne westliche Überheblichkeit in Demut aufzutreten, mit Respekt vor der Religion. Ich habe auch mit den Geistlichen gebetet und bin so dann ins Gespräch gekommen. Diplomaten der UN oder deutsche Botschafter scheinen das nicht hinzukriegen. Da ist es von Vorteil, als Einzelkämpfer wie wir unabhängig von einem Staat oder einer Parteigesinnung zu sein. Jedenfalls haben wir so auch den Großsheikh der Azhar und den Religionsminister von Ägypten für uns gewinnen können. Jetzt trat ich an den Großmufti heran, Prof. Ali Gum’a. Der ist in Ägypten für theologisches Recht im Justizministerium zuständig ist, er kann Todesurteile aussprechen oder aufheben, ja sogar Kriege entfachen oder beenden. Über ihm steht nur noch Allah. Ich wusste, dass er prinzipiell gegen Verstümmelung ist, stellte ihm die Idee der Gelehrtenkonferenz vor und fragte ihn, ob er dies unterstützen würde. Als ich ihm dann noch in Aussicht stellte, dass Target die Kosten tragen könne, stimmte er zu, stellte uns den Konferenzsaal der Azhar-Universität zur Verfügung und übernahm sogar die Schirmherrschaft. Und so beschloss auch diese Runde, den Brauch zur Sünde zu erklären.

Wie geht es jetzt weiter?

Wir haben die Resultate der Konferenz nun mit einem Vorwort des Großmuftis in ein goldenes Buch geschrieben, das als Vorlage für die Prediger in den Moscheen dienen soll. Jeder Imam in allen 35 Ländern, wo Genitalverstümmelung Brauch ist, soll eins bekommen, damit er die Botschaft verkünden kann. Vier Millionen Exemplare wollen wir drucken. Wir werden sogar eine goldene DVD herausbringen, weil die Leute Filmaufnahmen von ihren geistlichen Führern noch mehr vertrauen als dem gedruckten Wort.

Wie viele Bücher haben Sie denn schon fertig?

Erst 110000. Für mehr reichte bislang noch das Geld nicht. Wir haben das Buch ganz bewusst edel gestaltet, nicht wie ein Vokabelheft für zehn Cent, das nach dreimal lesen kaputt ist. Das goldene Buch ist etwas, das neben dem Koran bestehen soll, es ist aus Kunstleder gefertigt mit Magnetverschluss, Farbfotos und goldenen Verzierungen. Eins kostet in der Herstellung vier Euro, dazu kommen noch Versand und Zoll sowie Kosten für die feierliche Übergabe. Allein durch Spenden werden wir das nicht aufbringen können. Wir hoffen, Sponsoren zu finden. Vielleicht bekommen wir das Geld sogar aus islamischer Hand. Denn es kommt ja nicht nur den Frauen zugute, sondern auch dem Image des Islam. Man würde sein Bild im Westen nicht mehr durch Terroristen bestimmen lassen, sondern könnte der Welt zeigen, dass man mit der Kraft der Religion auch Gutes bewirken kann.

Haben Sie eigentlich das einstige Supermodel und Autorin von „Wüstenblume“ Waris Dirie selbst kennengelernt?

Ja, nach unseren ersten Erfolg mit den Afar in Äthiopien hat ein Journalist vom Hamburger Abendblatt für uns ein Treffen organisiert. Sie hat uns begeistert gratuliert. Da sie damals noch Sonderbotschafterin der UNO war, hatte ich die Idee, sie könne uns vielleicht helfen, mit unserem Film auch an die Staatspräsidenten Afrikas zu gelangen. Sie nahm den Film mit und wollte das auf jeden Fall machen. Wir hörten dann aber monatelang nichts mehr, auf Nachfrage sagte sie, sie habe noch nichts erreichen können. Nach einem Dreivierteljahr fragte ich auch nicht mehr nach, weil ich dachte, sie hat vielleicht doch nicht die nötigen Beziehungen. Auf einen Tipp hin fanden wir stattdessen unseren Film auf ihrer Homepage wieder: Alle Hinweise auf Target waren herausgeschnitten, im Vorspann hieß es sogar, den Film habe sie unter schwierigen Bedingungen in Zusammenarbeit mit der UNO gedreht, und am Ende tanzt sie halbnackt durchs Bild und macht Reklame für ihre Parfums und Bücher. Ich habe mich übergeben.

Was haben Sie unternommen?

Wir riefen sofort ihren Manager an, der uns arrogant abwies. Wir haben sie verklagt, und sie musste den Film vom Netz nehmen. Für mich ist diese Frau erledigt. Ich kann ihr nur noch zugute halten, dass ich durch sie überhaupt auf dieses Thema gekommen war.

Gibt es noch weitere Pläne?

Ja, viele. Mein absoluter Wunschtraum ist, ein Transparent mit der Botschaft „Genitalverstümmelung ist eine Sünde“ zur Hauptpilgerzeit über den heiligen Platz in Mekka zu spannen. Da kommen vier Millionen Pilger, das würde sich weltweit herumsprechen wie ein Lauffeuer.

Ist das realistisch?

Wir bräuchten gute Fürsprecher, mit denen wir den saudischen König überzeugen können. Ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit ist nicht gleich Null. Wir arbeiten daran.

 

 

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