Glibberige Grazien - wissenschaft.de
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Glibberige Grazien

Quallen – gefährlich schön. 98 Hundertstel ihres Körpers bestehen aus gefärbtem Wasser, der Rest scheinbar aus nesselnden Tentakeln. Manche Arten besitzen auch Augen, aber kein Gehirn. Wie kann ein solches lebendes Gelee auf das reagieren, was es sieht?

Im klaren Wasser des Südchinesischen Ozeans dümpeln ein paar Augen. Erst als Thomas Heeger ganz genau hinsieht, erkennt er den durchscheinenden Körper, der zu diesen Augen gehört: Vor ihm treibt eine Würfelqualle. Aber als Heeger seine Unterwasserkamera vor die Taucherbrille hebt, wendet sich das Tier mit einer eleganten Bewegung ab. Mit ein paar pulsierenden Kontraktionen seines glockenförmigen Schirms schießt es schnell außer Reichweite.

Heeger weiß, daß er Glück hat. Bei seinen Expeditionen durch die tropischen Meere ist der Zoologe den meisten Quallenarten schon begegnet – auch der zu den Würfelquallen zählenden Seewespe, die sich diesmal vor ihm davonmachte. Ihr Körper ist zwar nur so groß wie ein Tennisball, ihre Arme aber können 150 Zentimeter lang werden, gespickt mit Nesselkapseln, deren Gift einen Menschen innerhalb von Sekunden töten kann.

Gleichzeitig gehört die Seewespe zu den erstaunlichsten Arten einer Tiergruppe, die jeden verblüfft, der sich genauer mit diesem lebenden Wackelpudding beschäftigt.

Einen Millimeter im Durchmesser mißt die kleinste Qualle, mehr als zwei Meter die größte. Den Rekord hält eine Feuerqualle mit 2,30 Meter und einem Gewicht von 1000 Kilo. Das ist knapp so viel wie ein A-Klasse-Mercedes: Ein kleines Fischerboot, dem so ein Klumpen ins Netz treibt, hat ein Problem.

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Noch größer wird zuweilen die Portugiesische Galeere, auch Staatsqualle genannt. Sie ist aber kein Einzeltier, sondern eine Kolonie aus vielen Quallen, die unterschiedliche Aufgaben in der Lebensgemeinschaft übernommen haben. Die Fangarme der größten Staatsquallen reichen 50 Meter weit.

Das Erstaunlichste an den Quallen ist, daß sie überhaupt leben. Immerhin besteht ihr Körper zu mehr als 98 Prozent aus Wasser. Ein erwachsener Mensch von 80 Kilogramm enthält zwar auch 48 Liter Wasser – 60 Prozent seines Gewichts -, aber damit stehen ihm immer noch 32 Kilo zur Verfügung für Knochen, Muskeln, Nerven und Organe. Die knapp kiloschwere Seewespe dagegen muß aus gerade 20 Gramm fleischlicher Substanz alle ihre Sinnesorgane, Mund und Magen, Geschlechts- und Fortbewegungsorgane ausbilden. Immerhin: Für stützende Knochen braucht sie im Wasser kein Material aufzuwenden. Dafür besitzt sie ein doppeltes Nervennetz: eines, das die Wahrnehmung ihrer 24 Augen verarbeitet, und ein zweites, das die Bewegung von Muskelzellen rund um den Schirm synchronisiert.

Quallen haben kein Gehirn. Ihre Nervenzellen sind wie ein weitmaschiges Netz miteinander verbunden. Nur am Schirmrand verdichten sie sich in regelmäßigen Abständen zu lockeren Knoten. Jeder Knoten ist völlig selbständig, und dennoch arbeiten die Muskelzellen exakt zusammen. Wenn ein Nervenknoten ausfällt – etwa weil ein Raubfisch ein Stück aus der Qualle herausgebissen hat – übernehmen die übrigen es, die Muskelzellen in seiner Umgebung in den Rhythmus zu integrieren. Selbst wenn nur noch ein Nervenknoten übrig ist, schwimmt die Qualle unvermindert elegant.

Die Vernetzung macht es möglich – und das Prinzip, daß der jeweils aktivste Randknoten die Führung im Nervennetz übernimmt. Um das zu beweisen, haben Biologen in Experimenten einzelne Abschnitte der Qualle willkürlich abgekühlt. Obwohl die Nervenknoten in diesen Zonen träge wurden, blieben die Bewegungen aller Muskelzellen koordiniert, weil immer der gerade wärmste Nervenknoten seine Impulse über das ganze Nervennetz schickte und alle Muskeln im Schirmrand gleichzeitig stimulierte.

Die Qualle ist also kein ziellos in den Wellen driftender Geleebeutel – im Gegenteil:Die Seewespe kann ein Tempo von 30 Metern pro Minute erreichen und schwimmt damit den meisten Badeurlaubern oder Schnorchlern leicht davon. Meist schon, bevor sie gesichtet wurde, denn während die Sonnenstrahlen ihren Körper beinahe ungehindert durchdringen, bildet sich die massige Kontur eines Menschen deutlich in ihren Augen ab.

Diese Augen geben den Biologen noch viele Rätsel auf. Denn dafür, daß die Seewespe kein Gehirn besitzt, sind sie eigentlich viel zu komplex.

Andere Quallenarten begnügen sich mit einfachen Sinneszellen, die im Rand ihres schirmförmigen Körpers sitzen. Die vereinigen oft zwei Funktionen: Sie sind lichtempfindlich, und sie registrieren die Schwerkraft. Dazu dienen Statolithen: Kalkkörnchen, die je nach Lage der Qualle im Wasser auf andere Sinneszellen drücken und dem Tier signalisieren, ob es etwa bei turbulenterem Wellengang gerade kopfüber schwimmt.

Viel mehr als hell (oben) und dunkel (unten) unterscheiden auch die einfachsten Augen nicht. Bei höherentwickelten Arten sind die lichtempfindlichen Zellen grubenförmig vertieft. Sie können die Richtung genauer ausmachen, aus der ein Licht kommt. Würfelquallen – wie die Seewespe – haben sogar Linsenaugen entwickelt. Bei ihnen bedeckt eine durchsichtige Hornhaut eine lichtverstärkende Linse in einem Glaskörper. Dieses Auge unterscheidet sich prinzipiell kaum von dem des Menschen. Hinter dem Glaskörper fängt eine Netzhaut die gebündelten Lichtstrahlen auf. Die Netzhaut ist verstellbar und kann vermutlich sogar Objekte in unterschiedlicher Entfernung scharf sehen.

Die Augen sind in vier Gruppen rund um die Mundöffnung verteilt. Jede Gruppe besteht aus zwei Linsenaugen und vier einfacheren Zellen zur Lichtwahrnehmung. Weil die Augen meist nach innen gerichtet sind, dachten die Biologen lange, die Qualle würde damit nur ihre Beute begutachten, die sie mit den Nesseltentakel eingefangen und getötet hat: Krebse und Meeresschnecken, manchmal auch kleine Fische. Erst vor kurzem haben sie die haarfeinen, durchscheinenden Muskelstränge entdeckt, mit denen die Seewespe ihre Augen in alle Richtungen drehen kann.

Wie diese Augen die Umgebung abbilden, ist noch unklar. Doch daß sie erstaunlich empfindlich sind, haben neue Experimente gezeigt. Thomas Heeger berichtet darüber in dem kürzlich erschienen Bildband „Quallen – Gefährliche Schönheiten“ (siehe Seite 99): Seewespen nahmen ein über der Wasseroberfläche brennendes Zündholz aus 150 Zentimeter Entfernung wahr, andere Quallen schwammen gezielt auf eine mäßig glimmende Unterwasserlampe zu.

Dabei vermieden sie es sorgsam, sich gegenseitig zu berühren, und sie schafften es sogar, ihre meterlangen Tentakel nicht zu verwickeln. Eine schwierige Koordinierungsaufgabe, die kaum vorstellbar ist ohne ein steuerndes Zentralgehirn, das die Wahrnehmung in dreidimensionale Bilder umsetzt und die Muskeln entsprechend dirigiert. Die Biologen müssen also einige Ansichten darüber, wie das Gehirn arbeitet, überdenken.

Der verblüffenden Sinnesleistung und der Wendigkeit dieser Quallen haben es wohl viele ahnungslose Schwimmer zu verdanken, daß sie von einem hautnahen Kontakt mit dem Nesselgift verschont blieben.

Andererseits machen sie es Fotografen schwer, sich einer Qualle von der Seite bis auf gute Schußweite zu nähern, wie Heeger bei diesem Tauchgang wieder erlebt hat. Aber er wird sich für die verpaßte Gelegenheit bald rächen. Seine philippinischen Freunde haben ihn für den Abend eingeladen: Es gibt im Wok frittierte Quallen mit Knoblauch.

Erste Hilfe, wenn es brennt

Alle Quallen nesseln, bei vielen Arten ist der Kontakt jedoch nur lästig bis unangenehm. Das Jucken und Brennen hört nach ein paar Stunden oder Tagen auf, ohne bleibende Schäden oder Narben zu hinterlassen. Besonders in den tropischen Meeren aber gibt es viele äußerst giftige Arten. Die Berührung der handballgroßen Qualle Chironex fleckeri (oben) etwa verursacht unmittelbar extreme Schmerzen und Atemnot, das Gift lähmt die Muskeln und läßt das Herz stocken. Binnen Minuten kann es einen Menschen töten.

Aber auch der Zusammenstoß mit harmloseren Exemplaren kann für empfindliche Menschen gefährlich werden. Wenn kein Arzt in der Nähe ist, haben sich folgende Maßnahmen als Erste Hilfe bewährt:

Ruhe bewahren, still liegen. Auf die genesselten Stellen Sand streuen, in den Tropen – sofern greifbar – Kokosmilch oder das Fruchtfleisch einer Papaya auf die Wunde geben. Auch Urin inaktiviert Nesselzellen an festhaftenden Tentakelresten. Auf keinen Fall die Wunden mit See- oder Frischwasser spülen. Seewasser hält die Nesselzellen am Leben, und Süßwasser läßt sie platzen, was noch mehr Gift freisetzt. Mit einem scharfen Gegenstand Tentakelreste abschaben. Ein Arzt sollte die Behandlung gleich am Strand fortsetzen, indem er eine Essiglösung oder Isopropylalkohol auf die genesselten Hautpartien gießt, den Schock bekämpft, indem er Kalzium zur Stärkung des Herzens spritzt und Antihistaminika gegen allergische Reaktionen sowie Morphium gegen die Schmerzen. Der Verunglückte sollte möglichst schnell im Krankenhaus weiterbehandelt werden.

Thomas Heeger

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