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Grips im Aufwind

Intelligenztests verheißen, daß die Menschheit immer schlauer wird – Experten suchen nach Erklärungen.

Nun ist auch für Deutschland ein rätselhaftes Phänomen dokumentiert: Die Punkte, die Menschen beim Lösen von Intelligenztests erzielen, steigen kontinuierlich an. Ute Pfüller und Claudia Zehran-Hartung vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg unterzogen eine repräsentative Gruppe von Kindern und Erwachsenen dem „sprachfreien Intelligenztest CFT 20“.

Ergebnis: Im statistischen Mittel besaßen die Versuchspersonen einen Intelligenzquotienten von 111 – und das, obwohl der Test 1977 auf einen Durchschnittswert von 100 IQ-Punkten geeicht worden war. Ist also in breiten Kreisen der Bevölkerung der Teil des Verstandes, der mit dem Test erfaßt wird, leistungsfähiger geworden?

Schon vor ein paar Jahren machte der australische Sozialwissenschaftler James Flynn auf einen solchen weltweiten Trend aufmerksam. Er war anderen Forschern entgangen, weil die Tests immer wieder neu kalibriert werden, so daß jeweils 50 Prozent der Menschen unter und über die 100er Marge fallen. Hätte man es bei den Normen von damals belassen, wäre der durchschnittliche IQ in 21 Industrienationen um 5 bis 7 Punkte pro Jahrzehnt gewachsen. Folge: Wer vor 100 Jahren zu den 10 Prozent der Klügsten gehörte, fände sich heute unter den 5 Prozent der Dümmsten wieder.

Um die Ursache des mysteriösen Flynn-Effektes ist inzwischen ein Expertenstreit entbrannt. Manche glauben, daß die Menschen nicht klüger, sondern einfach nur fitter im Lösen von standardisierten Testaufgaben geworden sind, weil diese in unserer Kultur allgegenwärtig sind.

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Doch ein solcher Trainingseffekt hätte sich längst abgenutzt, meint der US-Psychologe Ulric Neisser. Der IQ-Anstieg geht aber immer weiter. Zudem würde sich Übung am stärksten auf solche Leistungen auswirken, die auf gelerntem Wissen beruhen, während der Flynn- Effekt in erster Linie beim abstrakten, räumlichen und schluß-folgernden Denken zum Tragen kommt.

Der Trainingseffekt fällt auch deshalb als Erklärung aus, weil selbst großangelegte staatliche Intelligenz-Förderprogramme, wie sie in den USA vor allem in den sechziger und siebziger Jahren auspropiert wurden, nur minimalen Nutzen bringen.

Erbfaktoren können ebenfalls keine maßgebliche Rolle spielen: Es ist undenkbar, daß die genetische Ausstattung der Bevölkerung sich in so kurzer Zeit gravierend verändert hat. Experten diskutieren allerdings, ob die Ursache nicht eine stärkere Durchmischung der Gene sein könnte – schließlich wählen Menschen ihren Liebespartner immer häufiger über große Entfernungen hinweg. Auch andere ausgefallene Erklärungen hat die Fachwelt zu bieten. Vielleicht hängt der kollektive IQ-Anstieg mit dem Verschwinden von Bleiwasserleitungen zusammen? Blei soll sich schließlich verdummend auswirken. Oder steigt in der Bevölkerung der Spiegel des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, das angeblich das räumliche Denken stimuliert?

Psychologe Neisser tippt auf einen anderen Grund: Kinder seien heute durch Fotos, TV, Video und Computer schon ganz früh ans Entschlüsseln bildlicher Aufgaben gewohnt. Womöglich spiegelt sich in den Intelligenztests also nur der gesellschaftliche Trend vom Wort zum Bild.

Ein Indiz dafür: Als Pfüller und Zehran-Hartung den Rechtschreibtest von 1977 wiederholten, hagelte es Rechtschreibfehler. Die Schlauköpfe von heute hatten schlechtere orthographische Kenntnisse als die „Dummen“ von damals.

Rolf Degen

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