Haben auch Sie Vorurteile gegen das Internet? - wissenschaft.de
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Haben auch Sie Vorurteile gegen das Internet?

Sieben Thesen zum Internet. Für die einen ist das weltweite Datennetz ein Sündenpfuhl für Schmuddelpornos, die anderen sehen im Internet die Chance für Millionen neue Arbeitsplätze. Unsere bdw-Analyse rückt manches schiefe Bild zurecht.

These 1 Das Internet schafft Millionen neue Arbeitsplätze

1,1 Millionen neue Arbeits-plätze in Deutschland bis zum Jahr 2000 durch Multimedia, das versprach die Unternehmensberatung Arthur D. Little 1994. Das Institut der Deutschen Wirtschaft legte 1995 noch eins drauf: 5 Millionen neue Arbeitsplätze bis zum Jahr 2005. Mitte der Neunziger erinnerten die Arbeitsmarktprognosen für die Informations- und Kommunikationsbranche an Ephraim Kishons Satire „Jüdisches Poker“: Wer sich die höchste Zahlausdenkt, hat gewonnen.

Heute spricht niemand mehr von Millionen neuer Arbeitsplätze. Schon 1996 korrigierte Arthur D. Little seine Prognosen auf 210000 neue Stellen bei gleichzeitiger Sicherung von 1,2 Millionen Arbeitsplätzen, in denen auch Unterhaltungselektronik und Telekommunikation enthalten sind.

Eine Untersuchung im Auftrag des Bundesforschungsministeriums (http://www.BMBF.de ), die auf der CeBit-Home im August vorgestellt wurde, spricht von 260000 bis 280000 neuen Stellen bis 2001. „Vor ein paar Jahren wurden großartige Ver-sprechungen gemacht, heute ist man sehr vorsichtig geworden“, sagt Hans-Georg Wolf von der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg (http://www.afta-bw.de ). Und fügt hinzu: „Die Sicherung von Arbeitsplätzen besitzt inzwischen größere Bedeutung als die Schaffung neuer Stellen.“

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Zahlen und Fakten

1995 betrug der Umsatz der Multimedia-Branche in den sieben führenden Industrie-Staaten (G7-Staaten) 2,3 Billionen Mark (USA: 1,1 Billionen, Deutschland: 196 Milliarden). Auf Online entfielen 45 Milliarden (Deutschland: 3 Milliarden).

2001 wird der Umsatz von Multimedia in den G7-Ländern 3,9 Billionen Mark betragen (USA: 2 Billionen, Deutschland: 303 Milliarden). Auf Online entfallen dann 500 Milliarden Mark (Deutschland: 38 Milliarden).

Das jährliche Wachstum für Multimedia beträgt in den G7-Staaten 10 Prozent (USA: 13 Prozent, Deutschland: 9 Prozent), für Online-Dienste 60 Prozent (Deutschland 70 Prozent). Wolf hat mit seinen Kollegen im November eine Studie vorgestellt, die sich mit dem Beschäftigungspotentialder Multimedia-Branche in Baden-Württemberg befaßt und die sich auf ganz Deutschland verallgemeinern läßt sowie Vergleiche mit anderen Ländern enthält. Die Kernaussagen:

Multimedia ist eine boomende Branche, ihr Anteilan der Gesamtwirtschaft ist aber noch sehr klein. Entsprechendes gilt für die Arbeitsplätze. Die Bedeutung der eigentlichen Kernbranche wie Internet-Agenturen oder CD-ROM-Produzenten ist vergleichsweise gering. Arbeitsplätze werden eher in der Peripherie – bei Banken, Dienstleistern oder CallCentern – geschaffen, wo Multimedia-Produkte zur Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit genutzt, aber nicht selbst erstellt werden. Von Ausnahmen abgesehen, sind Multimedia-Unternehmen kleine Firmen mit wenigen Mitarbeitern. Dabei gibt es weltweit kaum Unterschiede: In Kalifornien zählt eine Internet-Agentur im Schnitt rund zehn Mitarbeiter, in Düsseldorf sind es zwölf.

Eine der Ausnahmen ist die Stuttgarter Firma Brokat (http://www.brokat.de ). Alle namhaften deutschen Banken benutzen mittlerweile deren Software für Internet-Dienstleistungen. Mit Brokat-Programmen können Kunden ihren Kontostand abfragen und Überweisungen tätigen – und das alles bei größtmöglicher Sicherheit gegen Lauschangriffe. 1994 gegründet, beschäftigt Brokat heute 270 Mitarbeiter. „Jeden Monat kommen zehn neue Kollegen hinzu“, schwärmt Pressesprecher Reiner Jung.

Entgegen den Klagen mancher Politiker hält Jung den Standort Deutschland für sehr attraktiv: „Online-Banking oder Mobilfunk sind in Europa vielweiter als in den USA.“ Das hat dazu geführt, daß Jungs Arbeitgeber inzwischen weltweiter Marktführer für Online-Banking-Software ist. Auch andere Unternehmen sollten die Chance nutzen und die bei Standardsoftware dominierenden Amerikaner – allen voran Microsoft – unter Druck setzen, wünscht sich Prof. Hans- Joachim Braczyk, im Vorstand der Baden-Württembergischen Akademie für Technikfolgenabschätzung.

CallCenter für Telefonmarketing, Multimedia- Produzenten für Internet und CD-ROM: Sie sind die Hoffnungsträger beim Schaffen neuer Jobs in der Multimedia-Branche. Die Lösung aller Beschäftigungsprobleme liefern aber auch sie nicht, dazu ist ihr Anteilam Arbeitsmarkt zu gering.

Qualifizierte Mitarbeiter zu finden ist für die Stuttgarter Shootingstars kein Problem. Brokat gilt als innovativ, ist in der Branche bekannt und hat von Anfang an Pläne zur Personalentwicklung forciert. Viele kleinere Firmen tun sich da schwerer. Sie beklagen, daß jede Menge offene Stellen nicht besetzt werden können, weilder Markt an Fachkräften leergefegt sei. Hans-Georg Wolf warnt, daß das Fehlen von Arbeitskräften sogar zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit führen könnte, weilMarktchancen nicht genutzt würden: „Prognosen über das Potentialfür Arbeitsplätze sagen nicht unbedingt etwas über den Abbau der Arbeitslosigkeit aus.“

Daß Multimedia den Arbeitsplatzabbau in traditionellen Industrien wie Maschinenbau oder Baugewerbe kompensieren kann, glaubt mittlerweile niemand mehr. Ob wenigstens für die Multimedia-Berufe ein positives Saldo herausspringt, ist auch nicht mehr sicher. Denn Multimedia dient in vielen Unternehmen der Rationalisierung oder ersetzt vorhandene Produkte: Unter der Verdrängung klassischer Medien leidet beispielsweise die Druckbranche, und in Banken werden Berater eingespart, weilviele Dienste übers Internet billiger anzubieten sind. Ein Worst-Case-Szenario von Wirtschaftsinformatikern der Universität Würzburg kommt zu dem Ergebnis, daß bei konsequentem Einsatz von Multimedia im deutschen Dienstleistungsgewerbe 6,7 Millionen der 15,3 Millionen Stellen wegfallen könnten.

Nach Hans-Joachim Braczyks Erkenntissen werden neue Arbeitsplätze vor allem in Städten entstehen, die bei jungen Akademikern als besonders attraktiv gelten. Schon heute profitieren München, Köln oder Hamburg vom Multimedia-Boom, während traditionelle Kohle- oder Stahlregionen nicht damit rechnen dürfen, ihre Probleme durch Multimedia zu lösen.

In Deutschlands Multimedia-Stadt Nummer eins, München, rangiert die junge Branche mit 6000 Mitarbeitern auf Platz 11 – gleichauf mit dem Bekleidungsgewerbe und der Rüstungsindustrie.

Andererseits ist Multimedia eine Perspektive für Menschen, die bisher schlechte Chancen auf dem Arbeitsmarkt hatten: Frauen mit Kindern oder Behinderte könnten von der Umgestaltung traditioneller Arbeitsplätze in Telearbeitsplätze profitieren, indem sie künftig zu Hause arbeiten. Nach dem Statusreport Telework 98 der Europäischen Union gab es 1997 in Deutschland 294000 Menschen, die zumindest zeitweise Telearbeit verrichteten. Die Unternehmensberatung Arthur D. Little rechnet damit, daß 2001 etwa die Hälfte der eine Million Multimedia-Arbeitsplätze auf Telearbeit entfallen werden.

bdw-Wertung Multimedia taugt nicht zur Bekämpfung der Massenarbeitslosigkeit, kann aber eine wichtige Rolle bei der Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit spielen. Um diesen Vorteilzu nutzen, muß die Ausbildung von Fachkräften vorangetrieben werden.

These 2 Das Internet ist das Einkaufsparadies von morgen

Einkaufen rund um die Uhr, immer das günstigste Angebot erwischen und nie mehr in endlosen Schlangen stehen: Das Verbraucherparadies sollin den virtuellen Welten des Internet Realität werden. Doch so einfach wie im Laden nebenan kauft es sich online nicht ein. Grundvoraussetzung ist ein vernetzter Computer. „Das ist eines der größten Hindernisse für den elektronischen Handel“, meint Erich Jeske, Sprecher des Versandhauses Quelle. „Wenn ich erst 2000 Mark investieren muß, nur um mein Geld auszugeben, dann sind das nicht gerade ideale Voraussetzungen. Die ganze Zugangstechnik zum Internet muß einfacher und billiger werden.“

Ist der Zugang ins weltweite Netz gemeistert, warten weitere Hürden auf die potentielle Online-Kundschaft. Laut einer Studie im Auftrag des Internetmagazins Firstsurf ( ), in der mehr als 13000 Internet-Nutzer befragt wurden, haben fast 40 Prozent der Surfer Schwierigkeiten, bestimmte Produkte auf den Seiten der Anbieter zu finden.

Daß die Shops im Netz nicht zum Geldausgeben einladen, bestätigt auch eine Untersuchung des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Boston Consulting Group. Nur 1,6 Prozent aller Besucher eines Online-Shops kaufen auch tatsächlich dort ein.

Hat man schließlich den gewünschten Artikelgefunden, muß er nur noch bestellt und bezahlt werden. An diesem Punkt scheint sich beim deutschen Verbraucher jedoch eine unüberwindliche Blockade aufzubauen. Laut der Firstsurf-Studie haben mehr als die Hälfte aller Online-Kunden Bedenken in Sachen Datensicherheit.

„Dabei gibt es bei den schon existierenden Verfahren Secure Electronic Transaction SET (http://www.gzs.de ), E-Cash und Cyber-Cash nicht mehr Grund zur Besorgnis als beim Einkauf im echten Laden“, beruhigt IsabelMünch vom Bundesamt für Sicherheit in den Informationssystemen (http://www.bsi.de ). Jeder Kunde sollte darauf achten, daß der Anbieter die entsprechende Verschlüsselungs-Software be-reitstellt.

Prinzipiellexistieren online alle Zahlungsformen wie bei anderen Bestellformen: Nachnahme, Rechnung, Kontoeinzug oder Kreditkarte. Neu im Internet sind Verschlüsselungsverfahren für Daten und das virtuelle Geld.

Mit dem Computer bestellen Internet-Surfer am liebsten gleich Zubehör. Auf den Plätzen folgen Bücher und Musik-CD (Mehrfachnennungen waren möglich). Gerade CD dürften noch kräftig zulegen, weilneue technische Möglichkeiten es erlauben, elektronische Bücher aus dem Internet zu füttern oder eigene Wunsch-CD zusammenzustellen. Haupthindernis fürs Online-Shopping:Unübersichtliche Angebote und der fehlende einheitliche Standard für das elektronische Geld.

Beim virtuellen Geld muß grundsätzlich zwischen zwei Formen unterschieden werden. E-Cash ( http://www.deutsche-bank.de ) sind einmalig „geprägte“ Dateien, die einem herkömmlichen Geldstück entsprechen. Bei Cyber-Cash (http://www.dresdner-bank.de) handelt es sich dagegen um eine digitale Überweisung, die von Konto zu Konto ausgeführt wird, ohne daß beim Kauf tatsächlich Geld zwischen Käufer und Händler ausgetauscht wird.

Beide Formen des virtuellen Geldes sind aber noch nicht besonders beliebt. Lediglich bei 20 deutschen Anbietern kann man E-Cash und nur bei 17 Cyber-Cash loswerden. „E-Cash wird sich dennoch durchsetzen, vor allem wenn es um Preise unterhalb von 50 Mark geht“, meint Robert Jam Voster von der Deutschen Bank.

Das virtuelle Geld bietet nach Vosters Ansicht alle Vorteile des echten Geldes, besonders für Kunden, die anonym bleiben und sich spontan zu einem Kauf entscheiden wollen. Und der Aufwand bei einer Buchung verursacht vergleichsweise geringe Kosten. Voster rechnet allerdings nicht mit einem schnellen Durchbruch der Technologie.

Für die Händler sehen einige Wirtschaftsexperten schwere Zeiten voraus. Sogenannte Shopping Roboter wie der amerikanische Shopfido ( http://www.shopfido.com ) erleichtern die Schnäppchenjagd und suchen weltweit unter allen Anbietern eines Produktes den günstigsten heraus (http://www.spartips.com). Ruinöse Preiskämpfe könnten die Folge sein.

Erich Jeske von Quelle hält mit Blick auf sein eigenes Unternehmen die wirtschaftliche Basis für weltweit operierende Online-Shops noch für zu gering. Die Konkurrenz zwischen den regionalen Anbietern sei schon im traditionellen Handelsehr hart. Deshalb sei mit umfassenden Preissenkungen durch E-Commerce vorerst nicht zu rechnen. Eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 1997 stellte sogar leichte Preiserhöhungen bei bestimmten Produkten fest. Für Bücher, CD und Software müssen die Kunden beim Online-Shopping demnach tiefer in die Tasche greifen als im realen Laden.

Noch sind die goldenen Zeiten des E-Commerce (http://www.electronic-commerce.org ) nicht angebrochen. Die meisten Unternehmen hoffen für die Belohnung ihres Engagements in den Datennetzen auf die Zukunft. Das enorme Wachstum im gesamten E-Commerce stimmen die Unternehmen optimistisch. Nach Schätzungen des Deutschen Multimediaverbandes (http://www.dmmv.de ) erhöhte sich der Gesamtumsatz der deutschen Wirtschaft in diesem Bereich von 360 Millionen Mark in 1997 auf 2,7 Milliarden Mark in 1998.

Insgesamt hat der Handelmit den Endkunden allerdings noch keine große Bedeutung. 20 Millionen Mark Umsatz über das Internet stehen bei Quelle 8 Milliarden Mark Gesamtumsatz in Deutschland gegenüber.

Das European Information Technology Observatory (http://www.eito.com ) schätzt den Umsatz mit Online-Shopping für 1998 in ganz Europa auf etwa 12 Milliarden Mark. Zum Vergleich: Allein in Deutschland bewegt der traditionelle Handeletwa 950 Milliarden Mark.

bdw-Wertung Online-Shopping ist ein großer Zukunftsmarkt – die Frage ist nur, wann diese Zukunft anbrechen wird. Bis dahin müssen die Angebote übersichtlicher und die Zahlungsprozeduren auf einem hohen Sicherheitsstandard vereinheitlicht werden.

These 3 Das Internet leistet der Kriminalität Vorschub

Vom kalten Krieg zum Kinderporno – Medienberichte erwecken den Anschein, das Internet sei vollvon Angeboten Perverser und Krimineller. Doch der Eindruck, im Internet komme es zu einer Explosion solcher Straftaten, täuscht: „Die Online-Kriminalität im Bereich der Kinderpornographie bleibt in etwa konstant“, beteuert Heinz Fiehl, Sachbereichsleiter Online-Fahndung beim Landeskriminalamt München. „In den beiden vergangenen Jahren haben wir jeweils etwa 600 Fälle von Kinderpornographie zur Anzeige gebracht.“ (http://www.learnthenet.com/german/html/10kids.htm)

Das bestätigt Uwe Seidel, Leiter des Projekts Elektronischer Detektiv (http://www.polizei-bw.de/virtuell.htm ) bei der Polizeidirektion in Tübingen: „Die Zuwachsraten, die wir bei der Kriminalität im Internet beobachten, sind nicht außergewöhnlich.“ Sorge bereitet Seideleher, daß die internationale Kooperation nicht immer optimalfunktioniert. In Europa und Nordamerika sei das zwar kein Problem, die Anbieter illegaler Inhalte wichen aber in solche Staaten aus, wo das Risiko einer Verfolgung geringer sei. Seidel: „Haben wir entsprechende Seiten ausfindig gemacht, benachrichtigen wir unsere Kollegen im Ausland. Wenn nach zwei Wochen die gleiche Seite immer noch im Internet zu finden ist, frustriert das natürlich.“

Kinderpornographie stellt laut Bundeskriminalamt den Löwenanteilder Delikte im Internet – und in den Medien, die solche Fälle einschaltquotenwirksam ausschlachten. Andererseits:Die Zahldieser Straftaten ist seit Jahren kaum gestiegen – im Gegensatz zu Delikten wie Rechtsradikalismus oder Datenspionage, die auch in Zukunft stark zunehmen dürften.

Die Hinweise der Internet-Nutzer – vor allem beim Thema Kinderpornographie – seien für die Polizei hilfreich (http://www.heise.de/ct/Netz_gegen_Kinderporno/default.shtml ). Seidelwarnt jedoch davor, sich gezielt auf die Suche zu machen: „Man kommt schnellin Erklärungsnot, warum man solche Seiten aufsucht und entsprechendes Materialspeichert, denn das ist verboten.“

Weitere Delikte im Internet sind Rauschgiftkriminalität, Extremismus oder Betrug. Als Beispielnennt Seidelden FallNetGuru, der Ende 1998 für Aufsehen sorgte. Ein 18jähriger Schüler aus Sachsen-Anhalt hatte sich die Daten von 23000 nicht geschützten Kreditkarten über das Internet besorgt und war damit auf Online-Einkaufstour gegangen. Die Polizei konnte seine Spur zurückverfolgen und nahm den Betrüger fest.

Laut Dirk Büchner, stellvertretender Pressesprecher des Bundeskriminalamts (http://www.bka.de ), darf das Internet nicht als Brutstätte für Kriminelle verteufelt werden: „Ingesamt spielt sich im Internet nicht mehr Kriminalität ab als in anderen Lebensbereichen.“ Der Staat reagiere angemessen auf die Gefahren. Die Ende 1998 gegründete Fahndungsgruppe mit 20 Ermittlern beim BKA sei dafür ein Beleg.

Einer besonderen Form der Online-Kriminalität ist Christoph Fischer mit seiner Firma BFK EDV Consulting in Karlsruhe (http://www.bfk.de ) auf der Spur. Er entlarvt Personen, die sich unerlaubt Zugang zu Computernetzen und den darin gespeicherten Daten verschaffen (http://www.antionline.com/archives/pages). Fischer erwartet, daß sich das Problem in Zukunft verschärfen wird. Schon jetzt sei die Dunkelziffer unglaublich hoch, da betroffene Firmen kein Interesse hätten, solche Fälle an die Öffentlichkeit zu bringen.

Nicht immer geht es so glimpflich ab wie bei einem Kernkraftwerkbetreiber, auf dessen Internetseite sich Computerhacker tummelten und das Bild einer Atombombenexplosion einschmuggelten – mit dem Text: „Unsere Atomkraftwerke sind so sicher wie unsere Homepage.“ Bei Industriespionage sei die Bandbreite der Schadenssummen riesig: „Von einigen tausend Mark bis in die Milliarden.

Enormer Schaden entsteht auch durch Raubkopien von Computerprogrammen, die über das Internet vertrieben werden. Nach einer Untersuchung des Interessenverbandes der Programmhersteller „Business Software Alliance“ beträgt der illegale Handelmit solchen Plagiaten auf herkömmlichen Wegen etwa 890 Millionen Mark. Der Schaden durch die Softwarepiraterie im Internet wird auf das Doppelte geschätzt.

Um Straftäter ganz anderen Kalibers kümmern sich die Experten das Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV; http://www.verfassungsschutz.de ). Sie verfolgen Extremisten, die nach den Erkenntnissen der Ermittler die neuen Medien verstärkt zur Koordination nutzen. „Das fängt bei den Homepages mit rechtsradikalem Gedankengut an und geht bis zu Anleitungen zum Bombenbau“, erklärt Dr. Hans-Gert Lange, Pressesprecher beim BfV. Der Zuwachs sei beachtlich. 1997 habe man 80 rechtsextreme Angebote im Internet beobachtet, 1998 seien es bereits um die 200 gewesen.

Uwe Seidelsieht die Ermittlungsbehörden gegen die Kriminalität im Netz dennoch gut gerüstet. Teilweise ließen sich Erfolge gerade durch das Internet erzielen. So habe man einen Rauschgifthändler dingfest machen können, der ein Geschäft online angebahnt hatte. Für Seidelgibt es keinen Zweifeldaran, daß die Vorteile des Internet für die Gesellschaft überwiegen.

bdw-Wertung Kriminelle Machenschaften gibt es im Internet nicht mehr oder weniger als anderswo. Eine rasante Zunahme ist allerdings bei online-spezifischen Straftaten wie Softwarepiraterie oder Datenspionage zu erwarten.

These 4 Das Internet ist ein Medium für Privilegierte und spaltet die Gesellschaft

Wenn es eine Rangliste der Wörter des Jahrzehnts gäbe, dann wären „Globalisierung“ und „Internet“ ganz oben mit dabei. Das gängige Denkschema lautet: Durch das Internet wird die Welt zum globalen Dorf, in dem jeder mit jedem kommunizieren kann.

Die Statistiken sprechen eine andere Sprache. Die InternationalTelecommunication Union (http://www.itu.int ) weist darauf hin, daß nur ein gutes Drittelder Haushalte weltweit überhaupt ein Telefon hat. Darüber hinaus wird für rund die Hälfte der Weltbevölkerung auch in Zukunft diese Basistechnik nicht bezahlbar sein. Noch krasser fällt der Unterschied bei den neuen Medien aus: In Finnland benutzen mehr Menschen das Internet als auf dem ganzen afrikanischen Kontinent. Zusammen mit Südamerika bringt es Afrika gerade einmalauf 1,8 Prozent der Internet-Haushalte. Asien liegt ebenfalls weit im Hintertreffen, aber dort scheint die technische Entwicklung an Fahrt zu gewinnen.

Die kostspielige Infrastruktur ist aber nicht die einzige Hürde auf dem Weg in die Informationsgesellschaft. Das Marketingmagazin „Emarketer“ ( http://www.emarketer.com ) schätzt, daß 70 bis 80 Prozent der Internet-Seiten in englischer Sprache verfaßt sind. Auf den Plätzen folgen Deutsch, Japanisch, Französisch und Spanisch. Für die meisten Menschen bleibt das Internet also schon aus sprachlichen Gründen ein Buch mit sieben Siegeln.

Die UNO hat dieses Problem erkannt und willgegensteuern. An der Universität der Vereinten Nationen in Tokio wurde begonnen, eine Universalsprache für das Internet zu entwickeln (unl.ias.unu.edu). „Jede Landessprache sollmit einem einfachen Programm in diese UniversalNetworking Language (UNL) übersetzt und dann in jede beliebige Sprache zurücktransformiert werden“, erklärt Jörg Schütz von der Universität des Saarlandes. Er leitet die Projektgruppe, die das Übersetzungsprogramm für die deutsche Sprache entwikkelt.

Der Graben, der die Menschen mit Zugang zum Internet von den Habenichtsen trennt, verläuft nicht nur zwischen Kontinenten oder Ländern: Auch in Staaten, die Vorreiter der neuen Technologie sind, gibt es große Unterschiede. Eine Untersuchung der US-Regierung mit dem Titel“Falling through the Net“ belegt: Zwar haben knapp 20 Prozent der Amerikaner Zugang zum Internet, dieser Anteilvariiert aber stark je nach gesellschaftlicher Schicht.

Während nur zwei Prozent der Menschen mit einem Jahreseinkommen von weniger als 10000 Dollar teilnehmen, tummelt sich über die Hälfte der besserverdienenden Amerikaner (über 75000 Dollar Haushaltseinkommen) im Netz. Benachteiligt sind junge Familien, Alleinerziehende und ethnische Minderheiten. Obwohlauch diese Menschen durchschnittlich mehr Computer besitzen und öfter im Internet sind als noch vor drei Jahren, hat sich der Abstand zu den anderen Gruppen weiter vergrößert (http://www.ntia.doc.gov/ntiahome/net2 ).

Jung, männlich, gebildet – so sieht der typische Internet- Nutzer aus. Auch andere demographische Merkmale sprechen für eine Zweiklassengesellschaft:So besitzen mehr betuchte Haushalte einen Internet-Zugang als Familien mit niedrigem Einkommen. Am unteren Ende der Skala: alleinerziehende Frauen und ethnische Minderheiten.

Auch in Deutschland gilt die Faustregel: Der typische Online-Nutzer ist männlich, jung, hochgebildet und berufstätig. Damit nicht ganze Bevölkerungsgruppen den Zug in die Zukunft verpassen, hat das Bundesforschungsministerium vor knapp drei Jahren die Initiative „Schulen ans Netz“ angestoßen. Ehrgeiziges Ziel: Bis zum Jahr 2001 sollen alle der rund 44000 allgemeinbildenden Schulen ans Internet angeschlossen sein (http://www.san-ev.de ).

Bis jetzt spiegeln die 9000 teilnehmenden Schulen aber das Bildungsgefälle der Internet-Gemeinde wider: „30 Prozent der Projektanträge wurden bisher von Gymnasien gestellt – damit sind diese überrepräsentiert“, erklärt Prof. Renate Schulz-Zander von der Universität Dortmund, die das Projekt wissenschaftlich begleitet.

Ihre Untersuchung sollklären, ob es gelingt, alle Schülergruppen in die Arbeit mit dem Internet einzubeziehen. Offizielle Ergebnisse willSchulz-Zander in diesem Som-mer vorlegen.

Daß es vielen Internet- Abstinenzlerinnen einfach nur an Gelegenheit mangelt, weiß Barbara Schwarze zu berichten. Sie ist eine der Koordinatorinnen der Initiative „Frauen ans Netz“ (a href=“lovelace.fh-bielefeld.de“>lovelace.fh-bielefeld.de), die Ende des vergangenen Jahres in vier deutschen Groß-städten stattgefunden hat. Interessierte Frauen konnten direkt in den Telekom-Läden der Innenstädte ihrer Neugier freien Lauf lassen. Nach einer kurzen Einführung – dem kleinen Surfschein – erkundeten sie auf eigene Faust die digitale Welt. Das Angebot schlug ein wie eine Bombe, 1500 Frauen nahmen teil. „Das war der Brüller“, staunt Schwarze immer noch. „Die haben uns glatt die Bude eingerannt.“

bdw-Wertung

Allen Beschwörungen zum Trotz ist das Internet weltweit ein Medium für eine exklusive Minderheit. Auch in den Industrieländern sind überwiegend die Wohlhabenden und Gebildeten online. Auch wenn der Internet-Zugang in der Zukunft so selbstverständlich sein wird wie heute Telefon und Fernsehen – soziale Unterschiede bleiben bestehen.

These 5 Das Internet beeinflußt politische Entscheidungen

Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes.“ Mit diesen blumigen Worten beginnt die „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“. Autor ist der Amerikaner John Perry Barlow, selbsternannter Kämpfer für Bürgerrechte im Internet ( http://www.eff.org/~barlow/Declaration-Final.html ).

Die Erklärung krönte 1996 eine Welle empörter Proteste der Internet-Gemeinde gegen ein Gesetz der US-Regierung, das die Inhalte des Internet regeln sollte. Der „Communication Decency Act“ scheiterte schließlich vor dem höchsten amerikanischen Gericht. Trotzdem entfernt sich das Internet immer mehr von den basisdemokratischen Träumen seiner Gründerväter.

Einen Einschnitt markiert dabei der „Starr-Report“, der im vergangenen Herbst zuerst im Internet veröffentlicht wurde (thomas.loc.gov/icreport). Auf den Untersuchungsbericht zur Sex-Affäre des amerikanischen Präsidenten BillClinton wurde stündlich dreimillionenmalzugegriffen, auf eine Kopie beim CNN-Online-Dienst gar 350000mal- pro Minute.

Mit der Veröffentlichung der „Sex-Protokolle“, die US- Präsident BillClinton belasten sollten, schoß der amerikanische Kongreß ein Eigentor. Als der Starr-Report am 11. September im Internet veröffentlicht wurde, schnellten die Zugriffszahlen im Internet in die Höhe, doch die Zustimmung der US-Bürger zur Arbeit des Kongresses fielins Bodenlose.

Hans Kleinsteuber, Politikprofessor und Internet-Forscher an der Universität Hamburg, sieht in dem Massenansturm den Beginn einer neuen Ära politischer Kommunikation. „Zum ersten Malhat das Internet bewiesen, daß es blitzschnellInformationen für die Weltöffentlichkeit bereitstellen kann.“

Der Soziologe Dr. Rainer Rilling vom Bund demokratischer Wissenschaftler hält den Starr-Report hingegen für „politische Pornographie“ und das Interesse daran für Voyeurismus. Untersuchungen hätten ergeben, daß sich die meisten Internet-Nutzer nicht für politische Seiten interessieren. Eine Studie an der Universität Frankfurt am Main (http://www.informatik.uni-frankfurt.de/~berker/proto.html ), die das Surfverhalten der Studierenden untersucht, spricht eine deutliche Sprache: Über ein Drittelder WWW-Nutzung fällt unter die Kategorie „Sex“, und fast ein Vierteldreht sich um computer- und internetbezogene Informationen. Erst an dritter Stelle landen die „alten“ Medien mit gut zehn Prozent. Der Spiegel, Focus und die anderen Meinungsführer auf dem Medienmarkt sind auch im Internet die populärsten Quellen für politische Informa-tionen. Die sogenannten News-groups, virtuelle Schwarze Bretter, die einst als Paradebeispielfür eine neue globale Diskussionskultur galten, lan-den unter ferner liefen.

Für die politisch Aktiven ist das Internet allerdings eine große Erleichterung, wie Lucian Haas, Pressesprecher des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (http://www.bund.net ), betont. Bürgerinitiativen und Umweltverbände können sich kurzfristig per e-mailüber Aktionen verständigen oder Hintergrundinformationen weiterleiten. Die Wächter des Menschenrechts von amnesty international(http://www.amnesty.org ) werden häufig elektronisch über Folterungen und Übergriffe informiert.

Wie sehr die Mächtigen der Welt den ungehinderten Informationsfluß durch die elektronischen Kanäle fürchten, zeigt das BeispielChina. Vor drei Jahren blockierte die Regierung in Peking erstmals rund 100 Internet-Seiten mit regimekritischen und anderen politischen Inhalten. Außerdem müssen sich alle der schätzungsweise eine Million User beim Büro für öffentliche Sicherheit anmelden und sich überwachen lassen. Die Weitergabe von e-mail-Adressen ins Ausland bestraft die Regierung, wie Ende des vergangenen Jahres geschehen, mit Gefängnis.

Ein ganz anderer Trend ist in den Vereinigten Staaten zu beobachten: Dort plant das Verteidigungsministerium, in einem Pilotprojekt zur Präsidentschaftswahlim Jahr 2000 die Abstimmung per Internet. Rund 350 der sechs Millionen Armeeangehörigen und Bundesangestellten im Ausland sollen an diesem Test teilnehmen. Viele von ihnen konnten in der Vergangenheit nicht wählen, weildie Briefwahlunterlagen sie nicht rechtzeitig erreichten. In Deutschland sieht man eine Wahlper Internet skeptisch. Dieter Bierau, Gruppenleiter Wahlen beim Statistischen Bundesamt, hält vor allem die Sicherheit für kritisch. Er glaubt nicht, daß es möglich ist, eine Wahlper Internet so auszuführen, daß Wahlberechtigte sich zweifelsfrei ausweisen können und eine doppelte Stimmabgabe völlig auszuschließen ist.

Ein paar zaghafte Schritte zur technikunterstützten Wahlgibt es allerdings schon. In Köln wurden bei der Bundestagswahlzehn elektronische Wahlmaschinen „außer Konkurrenz“ getestet und sollen zur Europawahlim Juni eingesetzt werden.

Die gesammelten Daten dürfen aber nicht per Datenleitung übermittelt werden. „Die Wahlen wären sonst anfechtbar“, erklärt Bierau. „Bei der letzten Wahlgab es sogar Beschwerden, daß wir – gesetzeskonform – Bleistifte statt Kugelschreiber verwendet haben.“

bdw-Wertung Die Clinton-Affäre hat gezeigt, wie schnellpolitisch brisante Informationen verbreitet werden können. Dennoch ist das Internet nicht die Ursache, sondern höchstens Hilfsmittelsolcher Entwicklungen. Welchen politischen Einfluß das Internet wirklich haben kann, ist nicht abzusehen.

These 6 Das Internet macht einsam und süchtig

Kaum hat sich das Internet in den Industrienationen als neues Medium etabliert, treten die Skeptiker auf den Plan. Süchtig mache das Internet, einsam und depressiv. Von den vielen Projekten und Untersuchungen über die Gefahren des Internet sind die über Internet-Sucht wohldie zahlreichsten.

Nach Einschätzung der Psychologin Prof. Kimberley Young von der Universität Pittsburgh ist jemand internetsüchtig, wenn er ständig an sein nächstes oder voriges Internet-Surfing denkt, vielZeit und Geld für seine Internet-Besuche ausgibt und schon häufiger vergeblich versucht hat, seine Internet- Nutzung einzuschränken (net addiction.com).

Schwieriger ist die Frage nach der Zahlder Internet-Süchtigen. Da die Umfragen meist im Internet selbst vorgenommen werden, sind Vielnutzer überrepräsentiert. „Das ist etwa so, als wolle man Alkoholiker in einer Kneipe nach ihren Alkoholproblemen fragen“, sagt Prof. Matthias Rauterberg, Arbeitspsychologe an der ETH Zürich (http://www.ifap.bepr.ethz.ch/~rauter/rauterberg.html ). Die Untersuchungen würden erstens nicht die „cleanen“ Ex-Internet-Junkies erreichen, zweitens würden Internet-Süchtige versuchen, das Ausmaß ihrer Sucht zu verbergen.

In Rauterbergs Untersuchung bezeichnen sich elf Prozent der Internet-Nutzer als süchtig. Andere Untersuchungen haben sehr vielhöhere Werte ermittelt. In der Befragung der Psychologin Helen Petrie von der britischen Universität Hertfordshire hielten sich fast die Hälfte aller Internet-Benutzer für „Sklaven“ des Online-Systems.

Das Internet ist wie Schokolade:In Maßen genossen macht es zufrieden und glücklich. Aber die Cyber-Welt mit ihrer Scheinrealität kann auch süchtig machen: Rund zehn Prozent der Surfer sehnen sich nach dem Internet, wenn sie gerade nicht online sind. Solchen einsamen Online-Junkies bietet das Netz reale Chancen:Virtuelle Beziehungen münden häufig in reale Freundschaften.

Andere Forscher bestreiten, daß es das Krankheitsbild der Internet-Sucht überhaupt gibt. Im MentalHealth Net (http://www.cmhc.com ) wird das Angebot an Artikeln über Online-Sucht mit den Worten eingeleitet: „Nehmen Sie das, was Sie finden werden, mit einer gesunden Portion Skepsis.“ Der Psychologe Dr. John Grohol, der die Webseite des MentalHealth Net verwaltet, bezweifelt zwar nicht, daß manche Menschen enorm vielZeit im Internet verbringen, von einer speziellen Internet-Sucht willer jedoch nichts wissen. Seiner Meinung nach handelt es sich vielmehr um eine Flucht aus der Alltagswelt, die auch auf andere Weise stattfinden kann, zum Beispieldurch ständiges Fern-sehen.

Kritiker der Sucht-Theorie weisen gern darauf hin, daß die Warnung vor einem Realitätsverlust bei exzessiver Nutzung eines Mediums schon sehr alt ist und sich immer wieder selbst überholt hat. Man denke nur an Don Quichote, der durch die unmäßige Lektüre von Ritter- und Liebesromanen den Bezug zur Wirklichkeit verlor. Wie froh wären heute Eltern und Pädagogen, wenn ihre Kinder es auf den Bücherkonsum eines Don Quichote brächten.

Am stärksten suchterzeugend sollen MUDs (Multi User Dungeons) sein – fiktive Szenen, in die sich jeder Mitspieler mit einer beliebigen Identität einschalten kann. Man kann als Elfe, Vampir, Kobold oder als Eichhörnchen auftreten, Frauen können sich als Männer ausgeben, Männer als Frauen, Dicke als Dünne, Kleine als Große. Manche sitzen bis zu 50 Stunden in der Woche vor dem Monitor und tummeln sich im MUD. Ein erstes böses Erwachen gibt es, wenn die Telefonrechnung ins Haus flattert.

Doch auch hier sehen manche Psychologen Positives. Dr. Nicola Döring, Psychologin an der Universität Heidelberg und Expertin für sozialpsychologische Aspekte des Internet, meint, die Selbst-darstellung in MUDs oder ähnlichen Kommunikationsszenarien werde „in neuer Weise reflexionspflichtig“. Im Klartext: Man muß sich mit seiner Identität auf ganz neue Weise auseinandersetzen und die Reaktionen des Gegenübers, des Mitspielers im MUD, einkalkulieren. Außerdem könnten sich die Mitspieler durchaus eines Tages im realen Leben gegenüberstehen, weilsie sich im MUD nähergekommen sind und sich nun live kennenlernen möchten – eine Möglichkeit, die von Fans gern hervorgehoben wird (paeps.psi.uni-heidelberg.de/doering).

Andrea Baker, Soziologin an der Universität Ohio, hat 18 Paare zwischen 16 und 57 Jahren befragt, die sich zwischen 1993 und 1997 erstmals online und später realbegegneten. Ihren Forschungen zufolge führt der Online-Chat – die Plauderei im Internet – oft zu länger dauernden Freundschaften und Liebesbeziehungen. „Ich habe den Eindruck, daß die Grundlage dieser Beziehungen besser und tiefer ist als bei vielen Begegnungen im realen Leben“, sagt Baker.

Eine großangelegte Studie über Internet und Einsamkeit, die von Psychologen der Carnegie Mellon Universität in Pittsburgh unter der Leitung von Prof. Robert Kraut stattfand, bestätigt sovielBeziehungsinnigkeit nicht ( http://www.apa.org/journals/amp/amp5391017.html ). Ihre Ergebnisse deuten eher auf ein Internet-Paradoxon hin: eine soziale Kommunikationstechnologie, die soziale Aktivität eher reduziert als fördert.

Kraut vermutet, daß sich mit zunehmender Internet-Nutzung die Art der Beziehungen ändert: Die Beziehungen im Netz wandeln sich von starken zu lockeren Bindungen und die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben nimmt ab.

Doch auch Kraut und seine Kollegen sehen das Internet immer noch als weit kommunikativer an als das Fernsehen – in gewisser Weise sei es dem Telefon ähnlich. Diese kommunikative Seite des Internet sei bisher allerdings in geringerem Maße ausgebaut worden als die informative Komponente.

bdw-Wertung Millionen Sozialkrüppeldurchs Internet – das ist unwahrscheinlich. Denn im Gegensatz zum Fernsehen bietet das Netz mit seiner Interaktivität viele neue Kommunikationsmöglichkeiten. Soziale Kontakte sehen zwar anders aus, sind aber nicht unbedingt schlechter.

These7 Das Internet wird in Zukunft von einem Monopolkontrolliert

Weilnur wenige Anbieter mit dem Internet Geld verdienen, müssen sie Kooperationen eingehen. Das Rezept lautet: Man nehme das Informationsangebot eines renommierten Medienunternehmens, koppele es mit einer beliebten Suchmaschine zu einer „Portal-Site“ und biete das Ganze in einer Vermarktungsgemeinschaft der Werbeindustrie an. Die Grafik zeigt die erfolgreichsten deutschen Internet-Angebote. Am Quality Channelist neben bild der wissenschaft auch der Spiegelbeteiligt.

Kann ein einzelnes Unternehmen das Internet unter seine Kontrolle bringen, oder ist das weltweite Datennetz im Gegenteildas erste Medium, das allen Firmen gleiche Marktchancen gibt? Der Kampf um die Vorherrschaft im Internet und um die Kontrolle der Inhalte ist in den letzten Monaten härter geworden. Unter Beschuß stand Microsoft (http://www.microsoft.com), der größte Software- Produzent der Welt. Die Firma eines der reichsten Männer der Welt, BillGates, hatte mit unlauteren Mitteln versucht, Konkurrenten aus dem Feld zu schlagen. Über das Windows-Monopolbei PC- Betriebssystemen wollte die Gates-Company durch Koppelgeschäfte auch die Internet-Software Explorer gegen den ehemaligen Marktführer Netscape (http://www.netscape.com) durchsetzen.

Die Microsoft-Macht brökkelt auch an anderen Fronten:

Ein US-Gericht entschied, daß Microsoft die vom Computerhersteller Sun (http://www.sun.com ) etablierte Internet-Programmiersprache Java ohne Änderungen benutzen muß. Microsoft hatte versucht, Java mit Erweiterungen zu verwässern, die nur zur eigenen Software kompatibelsind. Im November wurde ein internes Microsoft-Papier bekannt, wonach Linux – ein von Computerfreaks kostenlos übers Internet vertriebenes Unix-Betriebssystem – eine ernste Bedrohung für Windows sei. Im vergangenen Jahr scheiterte endgültig der Versuch, mit dem Microsoft-Network eine Art Gegen-Internet zu etablieren. Derzeit läuft gegen Microsoft ein Gerichtsverfahren, das die Integration von Windows mit Anwendungsprogrammen wie den Internet-Explorer untersagen soll. Wenn die Staatsanwälte Erfolg haben, dürfte Microsofts Macht zerschlagen werden. Doch im Hintergrund formiert sich ein weiteres Monopol, das noch mächtiger werden könnte und das der Klage gegen Microsoft den Wind aus den Segeln nehmen dürfte. America Online (http://www.aol.de ), der größte Online-Dienst der Welt, hat sich durch Firmenübernahmen und Kooperationen schrittweise zur Internet-Weltmacht aufgeschwungen. Nach der Übernahme des Rivalen Compuserve ( http://www.compuserve.com ) hat AOlim November für rund 4,2 Milliarden Dollar auch die Firma Netscape gekauft. Damit besitzt AOlnicht nur den größten Stamm an Online-Abonnenten, sondern auch Zugriff auf die Internet-Zugangssoftware des Microsoft-Rivalen und dessen sogenannte Server-Software zum Aufbau von Firmennetzen und Internet-Dienstleistungen.

Ein weiterer Kooperationspartner von AOlist Sun, das seine Computer mit Netscape-Software vertreibt. Das Unternehmen gilt weltweit als Vorreiter für elektronische Bezahlungssysteme im Internet und willkünftig billige Internet-PC auf Basis der Java-Sprache entwickeln.

Dazu kommt: In Deutschland kooperiert AOlmit Bertelsmann ( http://www.bertelsmann.de ), einem der größten Medienunternehmen der Welt. Bertelsmann seinerseits beteiligt sich zur Zeit in der Medienbranche an allem, was sich im Internet vermarkten läßt: Der Medienkonzern aus Gütersloh hat 50 Prozent der Internet-Filiale von Barnes & Nobles (http://www.BOL.de ) gekauft, der größten Buchhandelskette der Welt. Zusammen willman zur Nummer eins im Internet-Buchhandelaufsteigen. Das Joint Venture sei ein „aggressiver erster Schritt in das Electronic Commerce-Zeitalter“, heißt es in einer Bertelsmann-Erklärung. Bertelsmann kooperiert mit der kalifornischen Firma NuvoMedia (http://www.nuvomedia.com ), die kürzlich ein elektronisches Buch vorgestellt hat, das seine Texte aus dem Internet bezieht (bild der wissenschaft 11/1998, „Vier B’s und ein bißchen mehr“).

Die Strategie von AOL-Chef Steve Case ist klar: Statt eigene Software-Produkte in den Markt zu drücken, wie es Microsoft versucht, willCase direkt die Internet-Surfer erreichen. Mit strategisch wichtigen Portal-Sites – Internet-Seiten, die Millionen Nutzern als Plattform für Surf-Ausflüge dienen – willCase das Publikum auf die kommerziellen Seiten von AOlund seiner Kooperationspartner schleusen. Damit dürfte die AOL-Aktie auch weiterhin saftige Gewinne versprechen: Seit 1992 ist ihr Wert um 15000 Prozent gestiegen.

Egalwer gewinnt – „Big Bill“ oder „Citizen Case“ – das Internet läuft Gefahr, in die Fänge einer übermächtigen Krake zu geraten. Das ist angesichts des weltweiten Konzentrationsprozesses nichts Besonderes. Doch diesmalgeht es nicht um Luxuslimousinen oder Bankdienstleistungen, sondern um das wichtigste Gut des nächsten Jahrtausends: Informationen.

bdw-Wertung Die Konzentrationswelle in der Weltwirtschaft wird auch das Internet erfassen. Am Ende werden nur einige wenige Firmenkonglomerate übrigbleiben, die Inhalte kontrollieren und den Löwenanteizder Umsätze bestreiten. Es liegt an den Nutzern, durch ihr Verhalten das Internet so pluralistisch wie möglich zu halten.

Sebastian Jutzi / Doris Marszk / Bernd Müller / Daniel Münter

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