Helga Rübsamen-Waigmann bewundert und gefürchtet - wissenschaft.de
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Helga Rübsamen-Waigmann bewundert und gefürchtet

Seit 22 Jahren im Kampf gegen Krebs und Aids. Mit Harnäckigkeit und Gespür erforscht die Biochemikerin, wie Viren Krebs und Aids entstehen lassen. Die gleichen Eigenschaften bahnten ihr auch den Weg in die kleine Spitzengruppe der weltweit meist beachteten Forscherinnen aus Deutschland.

Ich werde ein grünes Kleid anhaben.“ Zwei Tage vor dem Besuch des Aids-Benefiz-Konzerts in der Frankfurter Alten Oper wußte sie bereits genau, was sie tragen würde. Prof. Helga Rübsamen-Waigmann scheint vor öffentlichen Auftritten nicht wie andere Frauen stundenlang vor dem Kleiderschrank zu stehen – das als typisch belächelte „Ich habe nichts anzuziehen“ auf den Lippen. Für solche Sperenzchen hat sie einfach keine Zeit. Als Leiterin der Virusforschung am Pharmaforschungszentrum der Bayer AG in Wuppertal, außerplanmäßige Professorin der Universität Frankfurt am Main, Vorstandsmitglied diverser Fachgesellschaften und alleinerziehende Mutter eines Zwölfjährigen kommt sie wohl wirklich nicht dazu, allzu viele Gedanken an ihre Garderobe zu verschwenden.

Offenbar leidet sie darunter nicht. Weder die Garderobe – zugleich elegant wie auffällig – noch die Frau selbst. Zahlreiche durchgearbeitete Nächte, Hektik und Dauerstreß haben in ihrem Gesicht kaum Spuren hinterlassen. Lebendig und fröhlich schauen die blauen Augen der Fünfzigjährigen, die sich gleich auf zwei bedeutenden Forschungsfeldern einen Namen gemacht hat: in der Aids- und der Krebsforschung.

Für eine Professorin ist auch die Frisur ungewöhnlich. Sie paßt allerdings zur Erscheinung von Helga Rübsamen-Waigmann – und zu ihrer auffallend jugendlichen Sprache. Sie bemüht sich keineswegs, Wörter wie „piefig“, „Sturkopf“ oder „Mistdaten“ zu vermeiden. So unterstreichen die blonden Locken das Mädchenhafte, die Neugier und die Aktivität, die die Forscherin ausstrahlt. Ihre Kollegen haben aber gelernt, ihre Durchsetzungskraft und Zielstrebigkeit nicht zu unterschätzen. Schon als sie mit 24 Jahren promovierte, mußte sie von Kommilitonen hören, daß man sie im Mittelalter als Hexe verbrannt hätte. „Ich habe mich aber bewußt nicht zur grauen Maus machen lassen“, betont sie.

Vielleicht wirkt sie gerade deshalb auf manchen so gefährlich: „Beim ‚VorsingenO, den unregelmäßig stattfindenden Besprechungen, haben immer alle gezittert“, erzählt Dr. Hagen von Briesen, der als einer ihrer ersten Doktoranden gemeinsam mit ihr Mitte der 80er Jahre die Aids-Forschung am Georg-Speyer-Haus in Frankfurt am Main aufbaute. Bisweilen bekommt Helga Rübsamen-Waigmann auch einen Wutanfall und „kocht dann über wie Milch“, erzählt Denise Séminara, die zu derselben Zeit ihre Sekretärin war.

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Die Virologin weiß selbst durchaus um ihre Macken: „Ich bin ungeduldig, sehr ungeduldig und manchmal auch stur“, sagt sie. „Es ist sehr schwer, eine Idee, die ich im Kopf habe, aus mir rauszubringen.“ So ist es wohl ein Glück, daß sie meistens gute Ideen hat. „Sie erkennt frühzeitig erfolgversprechende Wege und läßt sich dann nicht davon abbringen“, bestätigt Hagen von Briesen.

An einem ihrer ganz frühen und ganz großen Ziele arbeitet sie noch immer. Schon als 22jährige, als sie gerade drauf und dran war, ihr Studium der Chemie zu beenden, hat sie zu einem ihrer Münsteraner Professoren gesagt: „Ich will wissen, wie aus einer normalen Zelle eine Krebszelle wird.“

Mehrere Jahre lang lernte sie dann in Münster und später an der Cornell-Universität in Ithaca, New York, Grundlagen der Biochemie. Als 27jährige stieg sie an der Universität Gießen richtig in die Krebsforschung ein. Das Rous-Sarkoma-Virus wurde zu ihrem Haustier. Sie untersuchte sein Krebs-Gen – Wissenschaftlerkürzel „src“ – und sein biochemisches Produkt, ein Eiweiß namens „pp60src“. Dieses Virus-Eiweiß hat die Fähigkeit, an andere Eiweiße in der Zelle eines befallenen Körpers eine Phosphatverbindung anzuhängen. Wenn dieses Eiweiß nicht aktiv ist, fand Rübsamen-Waigmann heraus, kann aus einer Zelle keine Krebszelle werden.

Bezahlt machten sich schon damals Helga Rübsamens Hartnäckigkeit und ihr Riecher für das richtige Projekt. Kein Geringerer als der heutige Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums, Prof. Harald zur Hausen, sagte ihr damals, sie müsse „endlich mit diesen RNS-Viren, den Retroviren aufhören“. Schließlich werde Krebs durch Veränderungen der Erbsubstanz DNS ausgelöst, der anderen der beiden molekularen Formen, in denen die genetische Information gespeichert ist. „Für mich war das aber ein Supermodell“, erzählt die Wissenschaftlerin, denn „in ihm ließen sich gesunde und Tumorzellen in idealer Weise vergleichen“. Inzwischen hat auch das von zur Hausen geleitete Krebsforschungszentrum längst Retroviren in seine Forschungen einbezogen.

Ob ihr Riecher sie auch manchmal getäuscht hat? Auf die Frage, was denn in ihrem Leben mal nicht geklappt habe, denkt Helga Rübsamen-Waigmann eine Weile nach. Da wäre wohl die nur sieben Jahre dauernde Ehe zu nennen, die sie mit 35 Jahren einging. Aber beruflich? „Wenig eigentlich“, bilanziert sie selbstbewußt. „Fachlich hat das meiste geklappt, was ich angepackt habe.“ Und von Glück will sie auch nicht viel wissen. „Ich glaube, es ist vor allem harte Arbeit. Denn uns Frauen in der Wissenschaft wird nichts geschenkt.“

Zufälle hat es jedoch zahlreich gegeben in ihrer wissenschaftlichen Karriere. So gelangte sie Mitte der 80er Jahre nur deshalb zur Aids-Forschung, weil sie mit dem Rous-Sarkoma-Virus vertraut war und der gerade entdeckte Aids-Erreger HIV zur gleichen Gruppe, zu den Retroviren, gehört. „Ich wollte an Aids gar nicht arbeiten“, berichtet sie, „denn ich hatte auf dem Tumorgebiet noch genug zu tun.“ Ihr damaliger Chef am Georg-Speyer-Haus, Prof. Hans Dieter Brede, zwang sie jedoch – und nach anfänglichem Zögern wurde auch sie auf das bislang unbekannte Virus neugierig.

„Ich hatte an der Uniklinik Frankfurt Visiten mitgemacht“, berichtet sie. „Die Krankheitsbilder verschiedener Aids-Patienten waren so unterschiedlich, da habe ich mir gedacht, daß es sich um mehr als ein einziges Virus handeln muß.“ 1984 erhielt Rübsamen-Waigmann von ihrer Kollegin Eilke Helm, Professorin an der Universitätsklinik Frankfurt am Main, die ersten Blutproben von sechs HIV-Infizierten.

Um aus den sechs Proben die HI- Viren isolieren zu können, mußte sie jedoch zunächst den Mäusedreck im Keller des damals baufälligen Georg-Speyer-Hauses wegwischen – Überbleibsel aus den Zeiten, als der Keller als Tierstall des Forschungsinstitutes diente. Ohne größere Sicherheitsvorkehrungen machte sie sich daraufhin ans Werk. „Wir waren ja von den bisherigen Retroviren gewöhnt, daß es relativ ungefährlich ist, mit ihnen zu arbeiten“, sagt Helga Rübsamen-Waigmann heute.

Wenig später hielt sie sechs sehr unterschiedliche HIV-Stämme in der Hand – die ersten in Deutschland überhaupt. „Manche Stämme wuchsen so schnell, daß ich beim Blick durch das Mikroskop regelrecht erschrak und Respekt vor dem Virus bekommen habe. Ich war froh, als mein erster HIV-Test negativ ausfiel.“ Sofort verlangte sie daraufhin den Bau von Hochsicherheitslabors.

Die Pionierarbeiten der Aids-Forschung fanden zwar im Keller statt. „Mit Blutproben von Aids-Patienten wollte uns niemand in der Nähe haben“, erinnert sich Hagen von Briesen. Doch vorher wie nachher konnte sich Helga Rübsamen-Waigmann über mangelnde Nähe zu ihren Kollegen nicht beschweren. Wo auch immer sie gearbeitet hat – in Gießen, Frankfurt oder an der Harvard-Universität in Boston -, unterhält sie bis heute Kontakte oder gemeinsame Projekte.

Und obwohl sie sich bei Bayer nun auch anderen Viruskrankheiten wie Herpes und Hepatitis widmet, hat sie weder die Krebs- noch die Aids-Forschung aus den Augen verloren. Denn „15 bis 20 Prozent der Tumorerkrankungen werden durch Viren mitbedingt“, sagt sie.

Eine ihrer aktuellen Visionen ist es, eine wirksame Gentherapie gegen Aids auf die Beine zu stellen. „Gentherapie bietet sich an, um Aids zu bekämpfen, weil die Krankheit mehrere verschiedene Immunzellen befällt. Alle Immunzellen entstehen jedoch aus gemeinsamen Vorläufern, den blutbildenden Stammzellen“, erläutert sie. Ihr schwebt vor, diese Zellen gentherapeutisch so zu verändern, daß sie gegen das Virus resistent werden. Dazu soll ein Gegenstück zum viralen Erbgut in die Zellen geschafft werden („antisense-RNS“), das die Vermehrung eines eingedrungenen Virus blockiert.

„Aber Aids läßt sich sicher nicht nur durch Gentherapie bekämpfen, sondern auch durch Medikamente. Mit der derzeit angewendeten Dreifachtherapie haben wir die Krankheit allerdings noch lange nicht im Griff“, warnt sie und hofft auf eine wirksame Kombination aus Arzneimitteln und einem zweiten Ansatz wie der Gentherapie.

Nicht nur den Aufgaben und den Wissenschaftlern an ihren früheren Wirkstätten bleibt Helga Rübsamen-Waigmann verbunden. Sie hält auch Kontakt zu technischen Mitarbeitern, zu ihren ehemaligen Sekretärinnen oder – wie in Frankfurt – auch zu manchen der 2000 HIV-Infizierten, die im Georg-Speyer-Haus betreut wurden, als die Virologin dort Direktorin war. Dabei scheinen diese Kontakte durchaus zu dem Bild zu gehören, das die Forscherin von sich selbst entworfen hat, und zu dem ihrer eigenen Einschätzung nach Teamfähigkeit genauso gehört wie das Streben nach einem guten Gefühl und soziales Bewußtsein. „Ich habe meinen Beruf aus dem tiefen Wunsch heraus gewählt, menschliches Leid zu lindern. Als Chefin habe ich mich immer als ‚prima unter paresO verstanden“, sagt sie von sich. Das sind nicht nur Worthülsen. Die ersten Patente, die in den 80er Jahren aus ihrer Forschung entstanden, teilte sie zu gleichen Teilen mit ihren Doktoranden und Diplomanden.

Bei den Patenten beließ sie es nicht. Schon in ihren Frankfurter Jahren hat Helga Rübsamen-Waigmann die in ihrem Labor entwickelten Grundlagen für diagnostische HIV-Tests an zwei Firmen verkauft und war ihrer Zeit damit weit voraus. Heute berichten Wissenschaftler stolz, daß sie innovationsfreudig sind, Kontakte zur Industrie geschlossen haben oder selbst Teilhaber eines Unternehmens sind. Rübsamen-Waigmann hat schon Ende der 80er Jahre eine kleine Firma – eine Ausgründung der deutschen Biotech-Vorzeigefirma Quiagen – an ihrem Forschungsinstitut angesiedelt. „Damals hat man mir noch den Vorwurf gemacht, ich sei zu marktbezogen“, erinnert sie sich.

Ihre Offenheit gegenüber der Industrie spiegelt die geringen Berührungsängste wider, die die Wissenschaftlerin zumindest im beruflichen Leben hat. Privat ist sie dagegen „nicht gerade der Draufgängertyp“ und wartet auf Parties eher ab, bevor sie selbst mit jemandem das Gespräch anfängt. „Ich bin im Grunde ein sehr konservativer Mensch“, sagt sie. Im Job aber gibt es wenig, was sie sich nicht zutraut – aus Forscherdrang und aus Spaß am Modernen.

So berühren sich auch in ihrer Wohnung alt und neu: Um einen modernen Glastisch gruppieren sich antike Stühle, neumodische Kissen liegen auf Sofas aus längst vergangener Zeit. „Meine Liebe zur Geschichte hat sicher dazu beigetragen, daß ich 1987 den Job als Direktorin des damals völlig heruntergekommenen Georg-Speyer-Hauses angenommen habe“, vermutet sie.

Regelmäßig habe es dort Wasserrohrbrüche gegeben, und der Jahresetat war schon im März verbraucht. „Es hat mich fasziniert, daß das Georg-Speyer-Haus die älteste noch existierende jüdische wissenschaftliche Stiftung ist, die vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurde, und die Geburtsstätte der Chemotherapie.“ Der Nobelpreisträger Paul Ehrlich entdeckte dort das Syphilismittel Salvarsan. „Es lag mir sehr viel daran, diesen historischen Wissenschaftsort in Frankfurt nicht nur zu erhalten, sondern ihm auch wieder zu internationaler Bedeutung zu verhelfen.“

Was sie denn mit dem Riesengebäude wolle, fragten damals die Stadtväter, die das Haus bereits als Archiv verplant hatten. Heute geben Zahlen eine deutliche Antwort: Als Helga Rübsamen-Waigmann im Jahre 1994 zu Bayer nach Wuppertal wechselte, hatte sie das Georg-Speyer-Haus zu einer ebenso ansehnlichen wie angesehenen Einrichtung gemacht. Begonnen hat sie in einer Bruchbude mit 3 Mitarbeitern und einem Jahresetat von 20000 Mark. Als sie ging, waren es 90 Leute und 8 Millionen Mark.

„Dann hat es mich aber gereizt, in die Pharmaforschung zu wechseln. Ich wollte sehen, wie Laborergebnisse umgesetzt werden, um Kranken zu helfen.“ Dies sei aber keine Abkehr vom akademischen Leben gewesen. „Ich bin heute wie damals überzeugt, daß die Zusammenarbeit mit Forschern an den Universitäten aus der Industrie heraus unabdingbar ist – und umgekehrt, wenn akademische Forschung nicht zur Träumerei im Elfenbeinturm werden soll.“

Ihre Erfolge wären nicht möglich gewesen ohne Mitarbeiter, die bereit waren und sind, Visionen mitzutragen. „Ich führe durch Überzeugung“, sagt die Virusforscherin. Das scheint ihr zu gelingen: „Dadurch, daß sie selbst soviel leistet, hat mir diese Frau sehr imponiert. Darum habe ich mitgezogen“, erinnert sich ihre ehemalige Sekretärin Denise Séminara. „Manche Wissenschaftler haben sogar Bett und Wecker gebracht, um im Institut zu schlafen. Frau Rübsamen war selbst so motiviert und begeistert, daß man entweder mitmachen wollte – oder eben ging.“

Die Grenzen zwischen Druck und Überzeugung im Führungsstil der Chefin scheinen jedoch zu fließen: „Manchmal hat sie die Leute getrieben wie Schafe: weiter, weiter – machen, machen!“, sagt Denise Séminara. „Und sie hatte ein unglaubliches Gespür dafür, wenn ihre Mitarbeiter auf dem Flur schwätzten. Dann fragte sie nach Ergebnissen – und erwartete die Antwort sofort.“ Trotz dieses Drucks bemüht sich die Professorin, ihren Mitarbeitern Freiraum zu lassen. „Nur wenn’s schiefläuft, dann hänge ich mich notfalls ganz intensiv rein“, sagt sie. Dann könne es auch heute noch vorkommen, daß sie einen Versuch im Labor selbst überprüft.

Welche ihrer Arbeiten sind ihr selbst denn in der Rückschau die wichtigsten? „Das weiß ich jetzt noch gar nicht“, sagt sie. „Ich habe das Gefühl, ich bin noch lange nicht fertig.“

Christina Berndt / Helga Rübsamen-Waigmann

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