Himmelsboten im Baikalsee - wissenschaft.de
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Himmelsboten im Baikalsee

Neutrinoforschung in Rußland – Klasse trotz Chaos. Inmitten von Mafia und Mißwirtschaft beweisen russische Physiker mit ihrem Neutrino-Teleskop im Baikalsee, daß es auch im Land der begrenzten Möglichkeiten exzellente Forschung geben kann.

Der Physiker Grigorij Domogatsky will an einem Moskauer Güterbahnhof einen Transport anmelden: Spezialelektronik, die am übernächsten Tag in einem Zug nach Irkutsk gehen soll. Man führt ihn in ein Hinterzimmer, wo der Chef der Mafia sitzt, die diesen Bahnhof kontrolliert. Ohne Schmiergeld, soviel ist klar, läuft hier gar nichts. „Wir suchen nach Teilchen, die von fernen Sternen im Universum zu uns auf die Erde kommen“, erklärt Domogatsky. Seine finanziellen Mittel seien knapp, aber er wolle mit seinen Kollegen eine ganz neue Art von Teleskop bauen. Zu seiner Überraschung fragt ihn der Mafiachef, ob das Ganze etwas mit dem Urknall zu tun habe. „Durchaus“, antwortet Domogatsky. „ Wir wollen Teilchen einfangen, die seit dem Urknall durch den Kosmos fliegen.“ Außerdem interessierten sie sich für Neutrinos, die quer durch die Erde fliegen und sich selbst von Betonwänden nicht aufhalten lassen. Domogatsky erzählt, wie er und seine Kollegen eine Apparatur im Baikalsee versenkt haben. Sie ist 70 Meter hoch und besteht aus vielen großen Glaskugeln. Wie ein riesiger Kronleuchter hängt dieses neue Teleskop in den Tiefen des Sees – und schaut doch weit ins Universum hinaus. Der Mafiachef nickt. „Komm übermorgen wieder. Der Transport geht klar.“ Am übernächsten Tag kommt Domogatsky zurück, und der Mafiachef ist krank. Seine Stellvertreter haben weder Verständnis für den Urknall noch für private Forschungsförderung. Domogatsky muß seine Taschen umdrehen und sein ganzes Geld auf den Tisch legen. Wovon er die nächste Zeit leben soll, weiß er nicht. Aber der Transport geht auf die Reise.

Geschichten wie diese kann Christian Spiering reihenweise erzählen. Er sitzt auf seinem Wohnzimmersofa in Berlin Prenzlauer Berg, hat ein Fotoalbum auf den Knien und strahlt eine jugendliche Begeisterung aus – für Rußland, für seine Kollegen dort und für sein Fachgebiet: Die Teilchenastrophysik, die neue Astronomie des Unsichtbaren. „Der Chemiker Wilhelm Ostwald hat die Physiker in zwei Klassen eingeteilt“, erzählt er. „Die klassischen, die ihre Aufgabe darin sehen, bereits gefundene Naturgesetze nachzuprüfen, und die romantischen Physiker, die alles daran setzen, neue Fenster zu öffnen und das Unsichtbare sichtbar zu machen.“ Keine Frage, zu welcher Sorte Spiering gehört. Mitte der achtziger Jahre reiste der damalige DDR-Wissenschaftler durch Rußland. Im Auftrag des Instituts für Hochenergiephysik in Zeuthen bei Berlin suchte er ein neues wissenschaftliches Betätigungsfeld für sich und seine Kollegen. Denn die wenigen, relativ kleinen Teilchenbeschleuniger, mit denen die Physiker im Osten den Mikrokosmos erforschten, konnten nicht mithalten mit den riesigen Maschinen im Westen.

Spiering und sein Kollege Ralf Wischnewski fanden eine attraktive Alternative: Russische Physiker hatten in Sibirien mit dem Bau eines Unterwasser-Teleskops für Neutrinos begonnen. „Bei dem Experiment war am wenigsten abzusehen, was herauskommt. Da waren also die größten Überraschungen drin.“ Ziel des Experiments im Baikalsee ist es, Neutrinos zu beobachten, die ihren Ursprung in den heißesten Orten des Universums haben, im Zentrum explodierender Sterne zum Beispiel, wo bei ungeheuren Temperaturen und Drücken Atomkerne miteinander verschmelzen. Die Neutrinos werden auch Geisterteilchen genannt: Sie können ungehindert durch Sterne und Galaxien fliegen. Sie sind darum Zeugen von kosmischen Ereignissen, von denen kein Licht und keine Radiowelle zu uns dringt. Die Flüchtigkeit der Neutrinos ist aber gleichzeitig auch ein großes Problem für die Physiker: Sie bekommen die Teilchen nur extrem selten zu fassen. Bislang nutzen sie riesige unterirdische Wassertanks, in denen Meßgeräte nach den Spuren der Teilchen Ausschau halten.

Um aber die Richtung bestimmen zu können, aus der die Neutrinos geflogen kommen, reicht die Größe der Wassertanks nicht aus. 1975 begannen darum amerikanische Physiker in der Nähe von Hawaii ein Teleskop für Neutrinos zu bauen. Sie versenkten Meßgeräte im Pazifik, um nach den Teilchen zu suchen. Doch es gab technische Schwierigkeiten – 1996 wurde das Projekt eingestellt. In Sibirien waren die Voraussetzungen besser. Der Baikal ist mit 1620 Metern der tiefste See der Erde, sein Wasser ist besonders klar und sauber, und er friert jedes Jahr zu, zwischen Februar und Anfang April. Das Eis bietet eine stabile Arbeitsplattform, von der aus die Physiker ihre Sonden an Trossen hinunterlassen können – optimale Bedingungen für die empfindlichen Meßgeräte, sogenannte Photomultiplier, die in druckfesten, medizinballgroßen Glaskugeln verpackt sind und wie in einem großen dreidimensionalen Netz über dem Boden des Sees hängen.

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Die Neutrinos, auf die es die Physiker am Baikalsee abgesehen haben, landen auf der anderen Seite der Erde vor der Küste Chiles, tauchen in die Tiefe, fliegen durch die Erde hindurch und verwandeln sich im Baikalsee in sogenannte Myonen, die dann mit großer Geschwindigkeit in Richtung Wasseroberfläche fliegen, und dabei in den Glaskugeln ihre Spur hinterlassen. Die Myonen sind schneller als das Licht im Wasse, und erzeugen eine Art optischen Überschallknall, den die Photomultiplier als schwachen, bläulichen Lichtblitz sehen. „Die Schwierigkeit ist, daß wir selbst in der Dunkelheit in 1100 Metern Tiefe immer noch sehr viel störendes Licht messen“, erklärt Ole Streicher, der mit Spiering am Forschungszentrum DESY in Zeuthen arbeitet. Es werden eine Million Mal so viele Myonen registriert, die durch Strahlung in der Erdatmosphäre über dem See erzeugt wurden und die nichts mit Neutrinos zu tun haben. Und auch manche Lebewesen auf dem Grund des Sees erzeugen schwache Lichtsignale. Die Physiker versuchen also in dem ständigen Flimmern solche Signale zu entdecken, die auf die Flugbahn eines Myons schließen lassen, das von unten nach oben unterwegs ist. Solch ein Myon fliegt mehr oder weniger diagonal durch das dreidimensionale Kugelnetz des Teleskops. Alle Kugeln, die nah an dieser Flugbahn liegen, registrieren im Moment des Vorbeiflugs sehr helle Lichtblitze.

Das ist die Kunst der neuen Astronomen: Aus riesigen, unübersichtlichen Datenmengen filtern sie Informationen über die Neutrinos heraus. Woher sie kommen, in welche Richtung sie fliegen, wie groß ihre Energie ist und wie viele es sind. Was bisher verborgen war, tritt aus der Tiefe des Baikalsees ans Tageslicht. Die romantischen Physiker öffnen ein neues Fenster ins Universum. Zwei Monate nach dem Besuch im Osten Berlins bei Christian Spiering komme ich, zusammen mit einer Dolmetscherin, am Flughafen in Irkutsk an. Es ist fünf Uhr morgens. Ein Mitvierziger mit kurzen Jeans und etwas schüchternem Blick kommt auf uns zu: Nikolai Budnev, einer der Verantwortlichen des Neutrino-Teleskops, hat es sich nicht nehmen lassen, uns abzuholen. Er führt uns zu seinem roten Lada, Baujahr 1987. Vor fünf Jahren habe er ihn geschenkt bekommen, erzählt er. Von einem deutschen Kollegen aus Zeuthen. Ein lebenswichtiges Geschenk. Jeden morgen kurz vor acht Uhr fährt Budnev mit dem Wagen durch seine Heimatstadt Irkutsk, auf der Suche nach chinesischen Kleiderhändlern, die etwas außerhalb der Stadtmitte übernachtet haben und die nun mit ihrer Ware zum Markt wollen. Meistens zahlen sie einen Dollar für die Fahrt, das ist etwa die Hälfte des regulären Taxitarifs. Diese Nebentätigkeit ermöglicht es Nikolai Budnev, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Umgerechnet nur 30 Mark im Monat bringt dem promovierten Physiker seine Stelle an der Universität in Irkutsk ein. Etwa 100 Mark zahlt ihm das deutsche Forschungsministerium im Rahmen der Kooperation mit den Physikern vom Forschungszentrum DESY.

Budnev nimmt uns mit nach Kultuk, einer kleinen Stadt am südlichen Zipfel des Baikalsees. Nach zweistündiger Fahrt durch eine bewaldete Landschaft führt die Straße nur noch bergab, und dann sehen wir ihn: den Baikalsee. Tiefblau und majestätisch liegt er da, inmitten steiler Berghänge. Der Brunnen des Planeten. 20 Prozent des Trinkwassers der Erde ruhen hier. Für die Menschen hier ist der Baikalsee ein heiliger Ort. Wir gehen zu Fuß zur Station der Baikaleisenbahn. Anfang des Jahrhunderts wurde hier das teuerste Teilstück der transsibirischen Schienenstrecke gebaut: 90 Tunnel und Galerien auf 84 Kilometer. Die Strecke führt direkt am Wasser entlang. Nach dem Bau eines Wasserkraftwerks in Irkutsk wurde ein Teil der Trasse überschwemmt. Seither nimmt die transsibirische Eisenbahn einen anderen Schienenweg, und die Baikaleisenbahn verbindet nur noch wenige Dörfer miteinander.

Der Zug hat Verspätung, ein paar Stunden, sagt man uns. Wir setzen uns ans Ufer, und Nikolai Budnev erzählt uns eine Geschichte vom Anfang des Neutrino-Projekts. Februar 1984, 25 Grad minus. Die Physiker fahren mit mehreren Lastwagen und Jeeps von Irkutsk aus über den See. Um ihre Meßgeräte unter dem Eis wiederzufinden, nutzen sie ein einfaches Triangulationsverfahren: Mit Hilfe von Fixpunkten am Ufer und alten Weihnachtsbäumen, die sie auf dem See postieren, peilen sie den richtigen Punkt an und hacken ein zwei mal zwei Meter großes Loch ins Eis. Sie ziehen eine sechs Tonnen schwere Seilwinde mit einem Lastwagen an den Rand des Loches und beginnen eine Trosse hinunterzulassen, auf den Grund des Sees in 1400 Metern Tiefe. Auf einmal gibt das Eis unter der Seilwinde nach. Erst langsam, dann immer schneller sinkt die Winde ein und rutscht ins Wasser. Die Physiker springen zurück und müssen zusehen, wie die Winde vollständig unter Wasser verschwindet. Auch der Lastwagen, an dem sie festgebunden ist, rutscht ihr hinterher. Kurz vor dem Loch aber bleibt er stehen. „ Wir haben großes Glück gehabt“, sagt Budnev. „Es hat einige Tage gedauert, bis wir die Seilwinde wieder herausziehen und den Laster in Sicherheit bringen konnten.“ Immer wieder mußten die Physiker Lehrgeld zahlen. Bei Gewittern wurden des öfteren alle Meßinstrumente zerstört, denn die kilometerlangen Kabel, die von der Wasseroberfläche zum Teleskop führen, erwiesen sich als gute Blitzableiter. Regelmäßig sorgte der extreme Druck auf dem Grund des Sees dafür, daß Wasser in die Glaskugeln mit den empfindlichen Meßgeräten eindrang. Finanzielle Probleme hatten die Physiker ohnehin ständig. Viele technischen Geräte, die sie sich nicht leisten konnten, mußten sie selbst entwickeln oder nachbauen. Und wenn das nicht möglich war, betrieben sie Tauschhandel: Zedernholz aus Sibirien gegen Elektronik aus den baltischen Ländern. „Das hat uns Zeit gekostet, aber es war doch möglich, so zu arbeiten“, sagt Budnev. Sechs Stunden später kommt die Baikaleisenbahn. Niemand unter den Fahrgästen regt sich auf. Alle sind froh, daß die Bahn überhaupt fährt. Einige Kilometer weiter zeigt Nikolai Budnev aus dem Fenster. Der Präsident der Ostsibirischen Eisenbahn baue hier seine Datscha. Von einem kleinen Gartenhäuschen kann aber keine Rede sein. Hier entsteht ein Luxusanwesen: große Holzhäuser, ein Tennisplatz, ein kleiner Hafen mit Segel- und Tretbooten. Und dann sehen wir auch, warum der Zug Verspätung hatte: Heute wurde frisches Baumaterial geliefert, über den einzig möglichen Weg – die Schiene.

„Kilometer 106″ heißt der Flecken, in dem wir aussteigen. Zu einem richtigen Ortsnamen hat es für die fünf Holzhäuser nicht gereicht. Direkt am Strand stehen ein Dutzend Kräne mit Seilwinden und es scheint, als reckten sie die Hälse, um möglichst weit hinauszuschauen. Budnev führt uns durch einen abenteuerlichen Fuhrpark: alte russische Lastwagen, rostende Traktoren und eine spezielle Eis-Hack-Maschine, die aussieht wie eine Kreuzung aus Pflug und Kreissäge. Daneben parken mehrere Container mit Schlafkojen, aufgebockt auf Kufen. Ein besonders leichtes Raupenfahrzeug, das einem Panzer ähnlich sieht, wartet auf seinen Einsatz. Es kann noch übers Eis fahren, wenn die Decke für die Autos schon zu dünn geworden ist, wenn sich Anfang April vertikale Nadeln im Eis bilden und man mit dem Fuß Löcher hineintreten kann. Die Physiker führen dann rasch ihre letzten Arbeiten zu Ende, bevor sie das Teleskop wieder für ein Jahr versenken. 300 Meter weiter führt ein Bündel Kabel ins klare Wasser. Es ist ein gutes Stück weit im See zu sehen, dann verschwindet es in der Tiefe: die Versorgungs- und Datenleitungen des Teleskops. Die anderen Enden der Kabel laufen in eine rote Holzhütte, die während des Baus der Eisenbahn errichtet wurde. Wir öffnen die Tür und ein vielstimmiges Computerbrummen empfängt uns. In der Hütte ist ein modernes Physiklabor eingerichtet. Die Geräte heizen den kleinen Raum kräftig auf: Überwachungsmonitore, Meßinstrumente, Stromversorgungseinheiten.

Vor einem Computer mit Internetanschluß sitzt Roman Vassiliev. Er ist 23 Jahre alt und studiert in Moskau Physik. Für drei Wochen ist er eingeteilt zur Überwachung des Teleskops. Morgens, vor dem Frühstück, geht er Routinen zur Fehlerkontrolle durch, liest Daten aus und kopiert sie auf Magnetband. Er genießt diese einsame Arbeit. „Mir gefällt es nicht in der Stadt, in den dunklen Labors“, meint er. „Der Baikal ist ein wunderbarer See, und es ist schön, hier die Natur studieren zu können.“ Im Jahr 1993 präsentierten die Physiker vom Baikalsee auf einer internationalen Fachtagung in Italien den Beweis, daß die neue Astronomie möglich ist: Mit ihrem Teleskop, das damals aus 36 Meßkugeln bestand, hatten sie erste Myonen vermessen. Der italienische Tagungsleiter erkundigte sich bei Christian Spiering, ob er etwas dagegen habe, wenn er in seiner Abschlußrede insbesondere den Russen noch einmal zu ihrem Erfolg gratulierte. „Ich muß ja nicht noch einmal erwähnen, daß die Deutschen das alles bezahlt haben“, meinte der Italiener. Darüber ärgert sich Spiering auch Jahre danach noch. Ein romantischer Physiker will natürlich nicht nur als Geldgeber dastehen. „Wir haben uns am Baikalsee mit denselben Schwierigkeiten herumgeplagt wie die Russen. Wir sind gemeinsam durch dick und dünn gegangen.“ 1996 steht der Erfolg des Baikalexperiments endgültig fest. Das Teleskop besteht inzwischen aus 96 Meßkugeln und registriert die ersten zwölf Neutrinos. Im Winter 1998 erweitern die Physiker das Teleskop auf 200 Kugeln, die in sieben Perlenketten nebeneinander hängen. Seither registrieren sie jeden zweiten Tag ein Neutrino, das auf der anderen Seite der Erde durch kosmische Strahlung entstanden ist. Der nächste große Schritt steht aber noch aus: Der Nachweis von Neutrinos aus dem Universum. Die Sonne ist bereits untergegangen, als Budnev uns zu einer langen Reihe silberner Blechhütten am Strand führt. Er öffnet eine der Türen: Zwei Doppelbetten rechts und links, ein Kanonenofen, eine Schüssel und ein Tisch.

„Mein Haus“, lacht er und kocht uns einen Tee. „Wir träumen davon, bald das erste Neutrino aus dem Universum einzufangen“, erzählt Budnev. „Die technischen Voraussetzungen dafür haben wir endlich geschaffen.“ Sollte in der nächsten Zeit in relativ geringer Entfernung von der Erde ein Stern explodieren, so würden die 200 Meßkugeln einen plötzlichen Teilchenschauer von dort registrieren. Budnev wünscht sich ein Ereignis wie zuletzt 1987, als in der Großen Magellanschen Wolke, unserer Nachbargalaxie, eine helle Supernova zu sehen war. Damals registrierten vier Physikergruppen auf der ganzen Welt bereits einige Neutrinos in Experimenten, die sie tief unter der Erde in Bergwerken aufgebaut hatten. Die Neutrinos sind bei einem solchen Ereignis schneller als das Licht: Sie fliegen geradlinig aus dem Inneren des Sterns heraus, ohne aufgehalten zu werden, während das Licht durch die extrem verdichtete Materie des Sterns erst lange hin- und herreflektiert wird, bevor es seine Reise durchs Universum antritt. Käme es demnächst wieder zu einem Supernova-Ereignis, wären die Physiker am Baikalsee die ersten, die einen Neutrinoschauer registrieren würden und sagen könnten, woher er kommt. Erst einige Stunden später wäre die Sternenexplosion in den herkömmlichen Fernrohren zu sehen. Budnev hofft außerdem, daß ihm im Baikalsee besonders exotische Teilchen ins Netz gehen werden, deren Existenz bislang nur vermutet wird. Zum Beispiel die besonders flüchtigen WIMPs („weakly interacting massive particles“), auf die nur die Schwerkraft eine starke Wirkung hat. Kommt ein Strom solcher WIMPs an der Erde vorbeigeflogen, so müßten sich einige von ihnen auf eine Spiralbahn begeben und sich schließlich im Zentrum der Erde ansammeln. Begegnen sich dabei zwei WIMPs, so vernichten sie sich gegenseitig. Es entstehen Neutrinos, die senkrecht aus dem Erdmittelpunkt herausschießen. Außerdem interessiert sich Budnev für „magnetische Monopole“. Obwohl man bekanntlich einen Magneten nicht so auseinanderschneiden kann, daß Nord- und Südpol getrennt werden, haben die Physiker die Hoffnung nicht aufgegeben, solch einen Monopol in Form eines winzigen Teilchens zu finden. Laut den Berechnungen der Kosmologen müßten die Monopole kurz nach dem Urknall geboren worden sein. Wie viele von ihnen allerdings die ersten Sekunden des sich schlagartig explodierenden Universums überlebt haben, ist ungeklärt. Würde ein solcher Monopol auf seiner Reise vom Anfang der Welt eines Tages im Baikalsee vorbeifliegen, so würde er dort einige Wasserstoffatomkerne des Seewassers zum Zerfall anregen. Dieses Ereignis würde sich in Form von besonders starken Lichtblitzen in den Meßkugeln bemerkbar machen. Bisher haben die Wissenschaftler am Baikalsee aber nichts dergleichen gesehen.

Kein Ereignis ist auch ein Ereignis, sagen sich die Physiker. Sie haben einen Sport daraus entwickelt, sogenannte obere Grenzen anzugeben: Sie rechnen vor, wie groß die Zahl der Monopole im Universum maximal sein kann, ohne daß sie von ihren Meßgeräten registriert werden. Je tiefer diese Grenze liegt, desto besser war das Experiment. Das Teleskop im Baikalsee hat in dieser Beziehung einige Rekorde aufgestellt. Man hat hier quasi von allen Experimenten am genauesten gemessen – und doch nichts gefunden. Ein unromantischer Physiker würde sich damit zufriedengeben – nicht so Christian Spiering. „Man will nicht 20 Jahre Nullresultate diskutieren und dann abtreten. Ich hoffe darauf, eines Tages etwas Neues zu sehen.“

Sein eigentliches Ziel sind darum die Neutrinos aus dem fernen Universum. Die Astronomen kennen bereits einige Quellen, aus denen die Teilchen sprudeln sollten: Aktive Galaxien zum Beispiel. Sie haben ein Schwarzes Loch in ihrer Mitte, das einen Strahl aus Protonen und Elektronen herausschleudert. Die Astronomen sprechen von einem „kosmischen Teilchenbeschleuniger“, denn die Partikel haben Energien, von denen die Physiker in ihren Labors auf der Erde nur träumen können. Die Elektronen und Protonen werden von den Magnetfeldern im Universum abgelenkt, so daß man im nachhinein nicht mehr feststellen kann, woher sie ursprünglich gekommen sind. Treffen aber solche Protonen auf eine Staubwolke, so entstehen Neutrinos. Im Gegensatz zu Licht, das hier aufgehalten würde, fliegen diese Teilchen einfach geradeaus weiter. Würden sie im Baikalsee landen, könnte man zurückverfolgen, aus welcher Ecke des Sternenhimmels sie kommen. Doch das Teleskop im Baikalsee ist noch zu klein, um diese besonders hochenergetischen Teilchen sehen zu können. „Dafür bräuchten wir eine Anlage mit hundertmal größerem Volumen“, sagt Budnev. Christian Spiering bemüht sich derzeit, diese Vision in die Tat umzusetzen. „Ich habe versucht, eine internationale Kollaboration für den Baikalsee aufzubauen, aber niemand war bereit, in Rußland zu investieren.“ Die politische Unsicherheit, die infrastrukturellen Probleme – alles spricht gegen Sibirien als Standort. Spiering mußte sich umorientieren, und inzwischen steht fest: Die nächste Teleskop-Generation wird gemeinsam mit Schweden und Amerikanern an einem anderen kalten Ort der Erde gebaut: am Südpol.

AMANDA („Antarctic Myon and Neutrino Detector Array“) heißt das neueste Teilchenteleskop der Zeuthener Physiker. An der Scott-Amundsen-Antarktisstation bohren sie 2000 Meter tiefe Löcher ins ewige Eis. Als Bohrer dient ein Schlauch, aus dem 80 Grad heißes Wasser schießt. Beim Herausziehen des Schlauches plazieren die Physiker ihre Meßkugeln und lassen sie festfrieren. Inzwischen haben sie 424 Kugeln im Südpoleis untergebracht. 1997 registrierten sie das erste Dutzend Neutrinos, das vom Nordpol durch die Erde gekommen ist, mittlerweile haben sie etwa 100 gesehen. AMANDA ist also gleich weit wie das Teleskop am Baikalsee. Und die Arbeiten am Südpol gehen schnell voran. In den nächsten fünf Jahren soll aus AMANDA das Projekt ICECUBE hervorgehen: Ein Eiswürfel, gespickt mit Meßkugeln. Kantenlänge: ein Kilometer. Kosten: 50 Millionen Dollar.

„Am Baikalsee hätte man das wesentlich billiger haben können“, meint Budnev. Er mokiert sich ein wenig über die Amerikaner, die „ überall die Führung übernehmen müssen“ und deswegen nicht nach Rußland hätten kommen wollen. „Sie hätten sicher den Baikal der Antarktis vorgezogen, wenn der See nur in den USA gelegen hätte.“ Man sieht es ihm an: Nicolai Budnev ist enttäuscht. Er wird vielleicht nur Zaungast sein, bei einer Entwicklung, die er selbst durch seine Vorarbeit am Baikalsee erst möglich gemacht hat. Doch die neue Astronomie wird nicht auf einen Ort beschränkt bleiben. Spiering jettet um die Welt und betreibt romantische Physik im großen Stil: In der nächsten Zeit wird AMANDA den Nordhimmel beobachten, und das Baikalexperiment wird im Südhimmel nach den ersten Neutrinos aus dem Weltall suchen. Weitere Teleskope sind in Arbeit: In drei Jahren werden französische Physiker eines im Mittelmeer in Betrieb nehmen, das dann ebenfalls in den Südhimmel schaut. Ob die Physiker am Baikalsee dann noch Unterstützung aus dem Westen erhalten werden, ist fraglich. „Die Russen können sich in Zukunft an der Datenauswertung von AMANDA beteiligen. Oder vielleicht an dem neuen Projekt im Mittelmeer mitarbeiten“, schlägt Spiering vor. Für Budnev kann das allein keine Lösung sein. Ihm geht es um eine andere Art von romantischer Physik. „Unser Experiment wird weitergehen“, sagt er. „Hier im Baikal.“

Jan Lublinski

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Be|sen|gins|ter  〈m. 3; unz.; Bot.〉 1 Angehöriger einer Gattung der Schmetterlingsblütler: Sarothamnus 2 〈i. e. S.〉 die in Mitteleuropa heimische, zur Herstellung von Besen u. Körben verwendete Art: Sarothamnus scoparius ... mehr

Mül|ler  〈m. 3〉 1 Handwerker der Müllerei nach dreijähriger Lehrzeit, Gesellenprüfung u. Besuch einer Fachschule 2 〈früher〉 Besitzer einer Mühle ... mehr

Sol|mi|sa|ti|on  〈f. 20; unz.; Mus.〉 1 System von Silben, mit denen die Töne der diaton. Tonleiter bezeichnet werden 2 Verfahren, mit diesen Tonsilben die Tonvorstellung zu bilden u. zu festigen, angebl. Anfang des 11. Jh. von Guido von Arezzo entwickelt ... mehr

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