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Himmelsgabe oder Höllenfeuer

EU setzt weiter auf Kernfusion als Energiequelle im 21. Jahrhundert

EU setzt weiter auf Kernfusion als Energiequelle im 21. Jahrhundert

Am Institut für Plasmaphysik (IPP) in Garching, vor den Toren von München, wollen Dr. Otto Gruber und sein Forscherteam die Sonne auf die Erde holen: Das Prinzip des Sonnenfeuers – thermonukleare Fusion – dient als Vorbild für einen Fusionsreaktor. Immerhin produziert der Naturreaktor Sonne permanent eine Energieleistung von 4Ÿ1026 Watt – mehr als alle Kraftwerke auf der Erde zusammen.

Deshalb bleibt die „kontrollierte Kernfusion“ für die Plasmaphysiker in Europa die Energiequelle des 21. Jahrhunderts. Die EU stellt im fünften EU-Forschungsrahmenprogramm erneut 788 Millionen Euro (rund 1,5 Milliarden Mark) für die Fusionsforschung bereit. „Verschwendetes Geld“, moniert die europäische Grünen-Politikerin Undine von Blottnitz und fordert, diese Mittel besser in die Erforschung von Solarthermie und Photovoltaik zu investieren.

Ist die Fusionstechnik Geschenk des Himmels oder Höllenfeuer? Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemühen sich Wissenschaftler in aller Welt darum, die Verschmelzung leichter Kerne wie die der Wasserstoffisotope Deuterium und Tritium in den Griff zu bekommen.

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Auf experimenteller Ebene stellt die thermonukleare Fusion auch nach 50 Jahren Forschungsarbeit eine extreme technologische Herausforderung dar. Fusionsreaktionen von Deuterium oder Tritium laufen in einem stark erhitzten und ionisierten Gas (Plasma) bei Temperaturen zwischen 100 und 200 Millionen Grad ab. Die europäischen Wissenschaftler versuchen, das Plasma mit Hilfe starker Magnetfelder in einer ringförmigen Kammer – dem sogenannten Torus – zu bändigen. In der europäischen Fusionsanlage JET (Joint European Torus) im britischen Abingdon gelang es weltweit erstmals 1991, zwei Sekunden Einschlußzeit mit einer Leistung von 1,7 Megawatt zu halten.

Für Dr. Ulla Engelmann von der Gemeinsamen Forschungsstelle (GFS) im italienischen ISPRA bleibt der Bau eines Versuchsreaktors ein energiepolitisches Forschungsziel. Ob jedoch mit einem ersten Demonstrations-Fusionsreaktor in 10 oder erst in 50 Jahren zu rechnen ist, will kein Wissenschaftler vorhersagen.

EURO-TICKER

Kooperationssuche. Die EU läßt nicht locker: Für den geplanten Internationalen Thermonuklearen Versuchsreaktor (ITER) umwirbt Europa neben Rußland und Japan auch die Vereinigten Staaten. Spätestens bei der Entwicklung eines Demonstrationsreaktors hofft die EU den wissenschaftlichen Brückenschlag über den Atlantik zu schaffen, um amerikanisches Know-how für das Megaprojekt nutzen zu können.

JET-Erfolg. Der 1978 gegründete Joint European Torus (JET) in Abingdon/Großbritannien ist heute die leistungsfähigste Tokamak-Fusionsanlage der Welt. Sie wird im Rahmen des Euratom-Vertrags zu 80 Prozent von der EU finanziert. Zehn Prozent steuern die britische Atomic Energy Authority (AEA) und die JET-Mitgliedstaaten bei. JET kann ein auf 300 Millionen Grad aufgeheiztes Plasma einschließen. Im Vergleich dazu beträgt die Temperatur im Sonneninneren lediglich zwischen 10 und 15 Millionen Grad.

EURO-TALK Rolf Linkohr, Physiker, Europaabgeordneter und Obmann der sozialistischen Fraktion für Energie, Forschung und Technologie, zur Fusionsforschung.

bdw:Ist die Kernfusion für Europa Fiktion oder Vision?

Linkohr: Stromerzeugung durch Kernfusion ist eine reale Vision. „Kontrollierte Kernfusion“ ist als Leitaktion im fünften EU- Forschungsrahmenprogramm beschlossen, und ich hoffe, das neu gewählte Parlament steht zu diesem Beschluß.

bdw:Sind erneuerbare Energien nicht zukunftsträchtiger?

Linkohr: Im fünften Forschungsrahmenprogramm haben wir die Mittel für erneuerbare Energien erheblich ausgeweitet. Doch wir müssen auch in anderen Bereichen wie der Kernfusion unsere wissenschaftlichen Anstrengungen beibehalten.

bdw:Das ITER-Kernfusionsprogramm wurde aber von den USA einseitig gekündigt.

Linkohr: Wir werden ein etwas abgemagertes ITER-II-Programm gemeinsam mit Japan und Rußland weiterführen. Mir ist es wichtig, daß wir die internationale Forschergemeinschaft zusammenhalten. Unser Ziel muß es sein, die Amerikaner wieder ins Boot zu holen.

bdw:Mangelt es nur am Geld?

Linkohr: Nein. Wären die europäischen Wissenschaftler sich so einig, wie die europäischen Bauern es sind, dann hätten wir auch sehr viel mehr Geld für Forschung.

Thomas A. Friedrich

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