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Allgemein

Hoffnung und Horror

„Die Zukunft des Klonens. „“Dolly““ hat für Schlagzeilen gesorgt wie kaum ein anderes wissenschaftliches Experiment. Da ließen Bücher zum Thema nicht lange auf sich warten.“

Wir schreiben das Jahr 2350. Die Mitglieder des Untersuchungsausschusses kommen in aller Stille zusammen, um dem Präsidenten ihr Ergebnis vorzustellen. Was sie zu berichten haben, ist erschreckend und unfaßbar: Seit fast 400 Jahren betreiben die Menschen nun Reproduktionsgenetik – sie sind seit langem in der Lage, Embryonen nicht nur genetisch zu untersuchen, sondern ihnen auch Extra-Chromosomen einzupflanzen, die sie vor Krankheiten schützen oder sie begabter machen. Diese Maßnahmen sind teuer, nicht jeder kann sie sich leisten. Als Folge sind zwei Gruppen von Menschen entstanden: die GenReichen mit den Extra-Genen und die Naturbelassenen. Beide Gruppen haben sich zu gesellschaftlichen Klassen entwickelt, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben – aber die eigentliche Katastrophe, so der Ausschuß, ist, daß beide Klassen keine Nachkommen mehr zusammen zeugen können. Mit technischer Hilfe ist eine neue Menschenart entstanden.

Der Autor dieses Horrorszenarios ist kein militanter Gegner der modernen Reproduktionsmedizin und Gentherapie. Ganz im Gegenteil. Lee Silver ist Molekularbiologe an der Universität von Princeton und Gutachter am US-amerikanischen Kongreß. In seinem Buch Das geklonte Paradies beschreibt er spannend und verständlich, was heute in der Fortpflanzungsmedizin möglich ist, und wie sich dieser Forschungszweig weiter entwickeln könnte. Nach seiner Ansicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis der erste Mensch kloniert wird. Auch Veränderungen im Erbgut von Embryonen werden bald möglich sein, glaubt Silver. Die Menschen könnten ihrem Nachwuchs dann zusätzliche genetische Eigenschaften mitgeben, zum Beispiel lebenslangen Schutz gegen HIV-Infektionen. Im Augenblick sind gentechnische Veränderungen nur an Tieren möglich, da die meisten Eingriffe tödlich für den Embryo sind.

Im Gegensatz zu Aldous Huxleys „Schöner neuer Welt“ glaubt Silver nicht, daß es Regierungen sein werden, die Klonierung oder Manipulationen an Menschen betreiben werden, sondern Privatleute. Er ist überzeugt: Wer es sich leisten kann, wird seinem Nachwuchs genetischen Vorteil verschaffen, auch wenn diese Technologien in vielen Staaten verboten sind. Silvers Kernthese: Was technisch machbar ist, wird auch durchgeführt, ob es ethisch vertretbar ist oder nicht. Der amerikanische Molekularbiologe befürchtet, daß die neuen Technologien zu noch mehr sozialer Ungerechtigkeit führen werden.

Einen interessanten Kontrapunkt zu Silvers Buch würde Designer-Babys der US-amerikanischen Wissenschaftsjournalistin Gina Maranto bieten – wenn das erste Viertel ihres Werkes nicht völlig wirr und zusammenhanglos wäre. Wer sich jedoch durch den Anfang gequält hat oder ihn besser überschlägt, bekommt guten Geschichtsunterricht. Marantos Kernthese: Dollys Erzeugung und die Überlegungen, Menschen zu klonen sind nur technische Veränderungen in dem alten Bemühen der Menschheit, die Qualität ihres eigenen Nachwuchses und die des Gen-Pools der Menschheit zu verbessern.

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Schon in frühen Jahrhunderten beteten Schwangere zu Göttern und Heiligen für gesunde Kinder oder töteten „mißratenen“ Nachwuchs. Im 19. Jahrhundert begannen Überlegungen, wie man die Qualität der Menschheit systematisch verbessern könnte – die „Eugenik“ entstand. Der Comte de Gobineau erfand die „arische Rasse“ und ihre angebliche Überlegenheit. Anfang des 20. Jahrhunderts waren Rassismus und „Rassenhygiene“ nicht nur in Deutschland weitverbreitet. In den USA wurden Gesetze gegen die Einwanderung von dunkelhäutigen Menschen erlassen und kranke Menschen zwangssterilisiert. Für die Autorin gehören staatliche Eugenik-Maßnahmen in dieselbe geistige Ecke wie die privaten Versuche, den eigenen Nachwuchs genetisch zu beeinflussen: von der Samenspende bis zur neuen und umstrittenen Prä-Implantations-Diagnostik, mit der Ärzte schon beim Embryo feststellen können, ob er einen Gendefekt in sich trägt.

In Marantos Buch spürt man eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Reproduktionsmedizin und Versuche, den menschlichen Gen-Pool zu verändern. Leider ist es nicht gerade brillant geschrieben.

Wenig brisant ist dagegen Das geklonte Leben von Gina Kolata. Im Gegensatz zum Untertitel „Ein Jahrhundertexperiment verändert die Zukunft des Menschen“ berichtet die Reporterin der New York Times wenig über die Konsequenzen, die das Klonieren für die Menschheit haben wird. Sie nutzt Dollys Geburt, um über die Geschichte und den Stand der Embryonen- und Fortpflanzungsforschung zu berichten. Breiten Raum widmet sie dem Medienereignis, das der ersten geglückten Klonierung folgte. Erstaunlich naiv und selbstverliebt erzählt sie von ihrer eigenen Rolle, als sie für die New York Times darüber berichtete.

Im Gegensatz zu Silver und Maranto enthält sich Kolata jeglicher eigener Meinung und gibt nur die Kommentare von Wissenschaftlern wieder. Damit ist „Das geklonte Leben“ zwar das ausgewogenste Buch, allerdings oft langatmig und nicht sehr anschaulich.

KLONEN

Gina Kolata Das geklonte Leben Diana Verlag 1997, DM 44,-

Gina Maranto Designer-Babys Klett-Cotta 1998, DM 48,-

Lee M. Silver Das geklonte Paradies Droemer Knaur 1998 DM 46,90

Thomas Willke

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Al|tist  〈m. 16〉 Knabe od. Jugendlicher mit Altstimme; Sy Alt ( … mehr

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