Homo erectus – der Seefahrer - wissenschaft.de
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Homo erectus – der Seefahrer

Urmenschen überquerten schon vor 800 000 Jahren das offene Meer. Eine abenteuerliche Floßfahrt legt nahe: Bereits Homo erectus konnte Indonesien und Australien besiedeln. Das paßt zu Steinwerkzeugen, die auf den indonesischen Inseln Flores und Timor gefunden wurden.

Am Morgen des 17. Dezember 1998 ist der entscheidende Augenblick der Expedition gekommen. Noch nie ist die Nale Tasih unter dem aus Palmfasern geflochtenen Segel gefahren. Wie wird sie sich verhalten? Aus Westsüdwest weht eine schwache Brise. Das Bambusfloß reagiert augenblicklich, dreht die Nase in Richtung Australien und setzt sich in Bewegung. „Wir steuerten backbord, wir steuerten steuerbord, und die Nale Tasih gehorchte anstandslos. Innerhalb weniger Minuten wußten wir: Ihr Bauprinzip war ein durchschlagender Erfolg“, so der aus Österreich stammende australische Archäologe und Felskunstforscher Dr. Robert G. Bednarik. Ein halbes Jahrhundert nach Thor Heyerdahls legendärer Kon-Tiki-Expedition haben Bednarik und der Berufsabenteurer Bob Hobman ein hochseetüchtiges Floß gebaut – aus Lagen von Bambusstämmen und Querhölzern, zusammengehalten nur von Pflanzenfasern. Von der Insel Timor aus brechen sie im Dezember 1998 mit diesem Gefährt zu einer waghalsigen Fahrt auf. Fahrzeug und Ausrüstung erfüllen authentische Steinzeit-Bedingungen.

Die Besatzung will beweisen, daß der Mensch bereits vor weit mehr als 60000 Jahren von Indonesien aus per Floß Australien erreichen konnte. Knapp dreieinhalb Tonnen schwer, hat die Nale Tasih einen Tiefgang von nur einem halben Meter und wirkt auf den Wellen des Ozeans wie ein filigranes Spielzeug. Der Name, den ihr Bob Hobman gab, leitet sich von einem indonesischen Sprichwort ab. Er bedeutet etwa: „Viele fahren zur See (um zu fischen), aber nur wenige sind auserkoren.“ Der Name erweist sich als gutes Omen: Die Expedition gelingt. In nur 13 Tagen überquert das fünfköpfige Team die 2500 Meter tiefe Timor-See. In den letzten Tagen ist das Leben der Reisenden in akuter Gefahr: In einem tropischen Sturm reißen die aus Pflanzenfasern geflochtenen Verankerungsseile des sechs Meter hohen, zweibeinigen Mastes. Er droht das Floß samt seiner Besatzung zu zerschmettern. In einem dramatischen Kampf gelingt es den archäologischen Abenteurern, den Mast, der nur noch durch das vom Sturm geblähte Segel aufrecht gehalten wird, mit Lianen wieder festzuzurren und die Insel Melville vor der australischen Nordküste anzusteuern. Die Nale Tasih erreicht nach 900 Kilometern den fünften Kontinent. 1947 hatte der norwegische Ethnologe Thor Heyerdahl mit einem Floß aus Balsaholz bewiesen, daß eine Besiedlung Ozeaniens von Südamerika aus nach seemännischen Kriterien durchaus möglich gewesen wäre. Heute vorliegende biochemische Studien, wonach die Bewohner Polynesiens höchstwahrscheinlich aus Asien stammen, tun seinem Mut und seiner Leistung keinen Abbruch.

Der Norweger wurde mit seinen späteren Expeditionen mit der Kon Tiki, mit dem Papyrusboot Ra und dem Schilfboot Tigris nicht nur zum Mythos aller wissenschaftlich motivierten Abenteurer zur See. Heyerdahls bleibendes Verdienst ist es vor allem, die „ experimentelle Archäologie“ begründet zu haben. Seine spektakulären Expeditionen beweisen: Menschen aus unterschiedlichen Kulturen konnten zu allen Zeiten allein mit Hilfe von Wind und Meeresströmungen ferne Inseln und Kontinente erreichen. Auch für Robert Bednarik ist Wissenschaft mehr als Schreibtischarbeit. Deshalb sagt er begeistert zu, als Bob Hobman die Nale Tasih-Expedition plant. Bednariks Hypothese, die hinter diesem Abenteuer steht, ist indes ungleich gewagter. Denn wo Heyerdahls Fahrten künstlerische Zeugnisse zugrunde liegen – beispielsweise Modelle von Papyrusbooten und Steinreliefs in ägyptischen Tempeln –, interessieren sich Bednarik und Hobman für Floßfahrten vor Hunderttausenden von Jahren. Und aus dieser Altsteinzeit fehlen bildliche Zeugnisse oder andere Hinweise auf den Bau hochseetüchtiger Fahrzeuge. Doch seit neuestem existiert immerhin eine Indizienkette, die – neben dem praktischen Nachweis einer steinzeitlichen Floßfahrt – durch datierbare Funde für sich spricht. Ein Glied dieser Indizienkette ist der „Mungo-Mann“ in Australien. Neben anderen Spuren menschlichen Tuns, insbesondere Felsbildern, liefern menschliche Knochenfunde Hinweise auf die Besiedlung des isolierten fünften Kontinents. Das Alter der ersten Kolonisten wurde in den letzten Jahren kontinuierlich immer weiter in die Vergangenheit verlegt. Der wichtigste Beleg ist ein graziles Männerskelett, das bereits 1974 am Lake Mungo im Südosten Australiens entdeckt wurde. Mit dem Radiokohlenstoff-Verfahren ermittelten Forscher damals ein Alter von etwa 30000 Jahren. Doch im Mai 1999 eröffnete der Paläoanthropologe Alan Thorne von der Australian National University in Canberra auf einer Pressekonferenz: Das Skelett ist tatsächlich weitaus älter.

Viel verläßlichere neue Methoden (Uran-Serien- und Elektronenspinresonanz-Datierung) ergaben jetzt für die Knochen übereinstimmend ein Alter von 62000 plus/minus 6000 Jahren. Mit einer weiteren Methode datierten Fachleute das umgebende Sediment vom Fundplatz im Mungo-See auf 61000 plus/minus 2000 Jahre, was gut zusammenpaßt. Der Mungo-Mann aus der abgelegenen Weltregion „ down under“ wird damit zum ältesten Nachweis des Homo sapiens außerhalb von Afrika und Vorderasien. Er läßt keinen Zweifel daran, daß die Ur-Australier schon vor mehr als 60000 Jahren kamen. Doch kein Zweifel besteht auch daran, daß Australien stets durch größere Meeresstraßen vom indonesischen Archipel und erst recht von anderen Kontinenten isoliert war. Australiens einmalige Tierwelt – vom Schnabeltier bis zum Känguruh – macht dies zur Gewißheit. Also bleibt im Fall der Menschen allein die Möglichkeit einer frühen Seefahrt, während der es wenigstens einer Gruppe gelungen sein muß, die offene Timor-See mit Hilfe von Wasserfahrzeugen zu überqueren.

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Aller Wahrscheinlichkeit nach dürften dies Flöße aus dem in Südostasien allgegenwärtigen Bambus gewesen sein. Denn sie waren deutlich leichter zu bauen und zudem seetüchtiger als Einbaum oder Auslegerboot. Aber unabhängig davon, wie die Wasserfahrzeuge aussahen, steht fest: Wer immer Australien besiedelte, mußte seefahrerisches Können bewiesen haben. Bednarik geht jedoch noch einen großen Schritt weiter. Seiner Ansicht nach, die neuerdings auch Kollegen wie Dr. Mike Morwood von der University of New England in Australien teilen, wurde diese Leistung nicht erst vom modernen Homo sapiens erbracht. Vielmehr dürfte bereits der Frühmensch Homo erectus zum Seefahrer getaugt haben. Der in Melbourne lebende Archäologe unterzieht seit Jahren den wissenschaftlichen Mainstream und dessen Bild vom zwar jagdbegabten, aber tumben Halbaffen Homo erectus einer vehementen Kritik: „Die Theorie vom Erwachen der menschlichen Kreativität erst beim modernen Homo sapiens läßt sich nur als eine Geschichtsfälschung ersten Ranges bezeichnen.“ Bisher vertritt die Mehrzahl der Wissenschaftler die „Out of Africa“-Hypothese. Demnach besiedelte der anatomisch moderne Mensch Homo sapiens vor rund 100000 Jahren in einem beispiellosen Siegeszug von Afrika aus die anderen Kontinente, bis er vor rund 30000 Jahren als einzige Menschenform allerorten lebte.

Bednarik favorisiert ein anderes Modell: Danach begann der afrikanische Auszug vor nahezu zwei Millionen Jahren mit dem Homo erectus. Dieser Frühmensch verfügte über ein kräftigeres und größeres Skelett als seine Vorgänger, mit einem Gehirnvolumen von 800 bis 900 Kubikzentimetern bei den älteren und 1100 bis 1200 Kubikzentimetern bei jüngeren Erectus-Schädeln. Zum Vergleich: Der anatomisch moderne Mensch verfügt über durchschnittlich 1450 Kubikzentimeter Schädelvolumen. Aus dem Gehirnvolumen allein lassen sich allerdings keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Intelligenz ziehen. Sicher ist, daß Homo erectus seit etwa 1,5 Millionen Jahren spezifische Steinwerkzeuge – Faustkeile, Schaber, Äxte – anfertigte und den Gebrauch des Feuers beherrschte. Der erfolgreiche Jäger, auch nach Großwild wie Elefanten, ist schon vor rund 1,8 Millionen Jahren bis Südostasien vorgedrungen. Das belegen Funde auf Java. Dort, sagt Bednarik, habe sich Homo erectus – wie gleichzeitig auch an anderen Orten der Welt – zum modernen Homo sapiens gewandelt (siehe Kasten: „Afrikaner“ gegen „Multiregionale“). Spuren dieses Geschehens, so Bednarik, seien auf dem indonesischen Archipel zwischen der heutigen Touristeninsel Bali und dem politischen Unruheherd Timor zu erwarten. Wesentliche Funde aus dieser Region seien aber jahrzehntelang sträflich vernachlässigt worden, vor allem von angloamerikanischen Anthropologen. Denn die Funde hätten nicht ins herrschende Bild der Wissenschaft von der Menschwerdung gepaßt. Der aufsehenerregendste dieser Funde stammt aus dem Jahr 1957. Da entdeckte der holländische Sprachkundler Theodor Verhoeven auf Flores – der mittleren der Kleinen Sunda-Inseln zwischen Java und Timor – urtümliche, eindeutig von Menschenhand geformte Steinwerkzeuge. Sie waren eingebettet in Schichten versteinerter Vulkanasche, sogenannte Tuffe. 1965 fand er solche Steinwerkzeuge auch auf Timor. Verhoeven beschrieb diese Werkzeuge zusammen mit dem Frankfurter Prähistoriker Johannes Maringer in mehreren Fachartikeln und veranschlagte ihr Alter auf 710000 bis 830000 Jahre.

Ein überraschendes Ergebnis – denn paläogeographische Daten zeigen, daß weder Flores noch Timor zu irgendeiner Zeit der jüngeren Erdgeschichte eine Landverbindung mit dem südostasiatischen Festland hatten. Zwar lag der Meeresspiegel während der Eiszeiten, als enorme Mengen Süßwasser in Gletschern und Schnee gebunden waren, tiefer als heute. Doch waren Flores und Timor, genau wie Australien, stets durch Wasserstraßen von den umliegenden Inseln getrennt. Anthropologen und Zoologen nahmen bislang an, daß die Inselkette jenseits von Bali – das selbst lange mit dem javanischen Festland verbunden war – von den festlandsnäheren Inseln abgeschottet war. Die Wissenschaftler sprechen von der „Wallace-Linie“. Sie verläuft zwischen Bali im Westen und Lombok im Osten über einem Tiefseegraben, der auch zu Zeiten niedriger Meeresspiegel immer von Wasser bedeckt war. Deshalb endet hier die Ausbreitung vieler Tierarten aus Richtung Festland: Die Wallace-Linie scheidet die asiatische von der australischen Fauna. Auch die Wanderung des Homo erectus war hier zu Ende, hieß es bislang. Erst Homo sapiens soll in der Lage gewesen sein, seetüchtige Fahrzeuge zu konstruieren und die rund 35 Kilometer breite Wasserstraße nach Lombok zu überwinden. Von dort aus habe der moderne Mensch über die Nachbarinseln Flores und Timor schließlich vor über 60000 Jahren Australien erreicht. Schöne Theorie – nur: sie stimmt nicht. Denn die vermeintliche Ausbreitungsbarriere von Homo erectus entpuppte sich als Sprach- oder Denkbarriere vieler angloamerikanischer Forscher, die Verhoeven ignorierten. Erst seit holländische und australische Forscher jetzt auf die fast 40 Jahre alten Funde von Flores aufmerksam wurden – nicht zuletzt durch Robert Bednarik angeregt – , beginnt sich das Blatt zu wenden.

Im März 1998 berichtete Mike Morwood im renommierten britischen Fachblatt Nature über Neudatierungen, nach denen die Steinwerkzeuge auf der indonesischen Insel Flores tatsächlich rund 800000 Jahre alt sind: Die ignorierte Datierung des Sprachkundlers Verhoeven von 1957 war korrekt. Demnach hatte bereits der Frühmensch Homo erectus Flores erreicht – denn Homo sapiens existierte vor 800000 Jahren noch nicht. Und: Die Einwanderung der Frühmenschen kann nur über das offene Meer stattgefunden haben. Um von der nächstgelegenen Insel Sumbawa aus nach Flores zu kommen, mußten mindestens 19 Kilometer hohe See überwunden werden – Schwimmen scheidet aus. Also müssen bereits die Vorläufer des Homo sapiens über seetüchtige Fahrzeuge verfügt haben. Jetzt ist nicht einmal mehr auszuschließen, daß Homo erectus bis Australien kam. Doch egal, ob der fünfte Kontinent erst später kolonisiert wurde, und egal, ob der Frühmensch dabei Bambusflöße nach Art der Nale Tasih baute: Die entscheidend neue Erkenntnis ist, daß bereits Homo erectus – und nicht erst der spätere Homo sapiens – über erhebliche technische und kulturelle Fertigkeiten verfügte. Die Erectus-Menschen, davon sind Forscher wie Robert Bednarik überzeugt, müssen für ihren Floßbau planerische und technische Fertigkeiten besessen und wahrscheinlich über eine Lautsprache, verfügt haben. All dies spricht für eine geistige Kapazität weit über dem Niveau, das Homo erectus bislang zugestanden wurde – und macht ihn zum archaischen Kolonisten der ersten Stunde.

Und dies auch in Europa. Dr. Antje Justus und Dr. Olaf Jöris vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz stellten im September 1999 neue Funde aus Dmanisi in der Kaukasus-Republik Georgien vor: Auf 1,75 Millionen Jahre datierte Schädel des frühen Homo erectus – die ältesten menschlichen Überreste auf europäischem Boden (siehe bild der wissenschaft 2/2000, „Neue Funde alter Schädel“). Java und Bali waren damals über Landbrücken vom Festland aus zugänglich. Hier hielt sich Homo erectus bedeutend länger als seine Artgenossen in anderen Teilen der Welt, wo sie seit etwa 250000 Jahren nicht mehr nachzuweisen sind: Die Erectus-Fossilien von Ngandong auf Java wurden kürzlich auf ein Alter von weniger als 40000 Jahren datiert. Zumindest auf Java hat der Frühmensch demnach auch nach der Ankunft des Homo sapiens noch gelebt.

Doch von der gewohnten Vorstellung, daß erst Homo sapiens Wasserbarrieren zu überwinden lernte und Homo erectus ein Auslaufmodell der Evolution war, mag sich eine Reihe von Wissenschaftlern nicht trennen. So sagt etwa der australische Anthropologe Dr. Colin Groves von der Universität Canberra: „Mit Spekulationen über die Navigationsleistungen des Homo erectus wäre ich vorsichtig. Die Tektonik der vulkanischen Inseln in Indonesien ist derart instabil, daß es doch Landbrücken nach Flores gegeben haben könnte.“ Damit bemüht Groves einmal mehr das Argument traditioneller Biogeographen, die – wie man in der Forscherszene witzelt – im Erklärungsnotstand mittlerweile derart viele Landbrücken über fast sämtliche Wasserstraßen konstruiert haben, daß für Meere eigentlich kein Platz mehr ist. Nur wenige Landbrücken sind tatsächlich durch geologische oder zoologische Befunde gesichert.

Dr. Friedemann Schrenk, Paläobiologe an der Universität Frankfurt (siehe Portrait auf Seite 70), hat ein anderes Problem mit Bednariks Thesen. Für ihn stellt gerade die vermutete Koexistenz der beiden Hominiden-Arten Erectus und Sapiens auf Java ein Argument gegen die multiregionale Hypothese dar: „Wenn Homo erectus noch vor 27000 Jahren gelebt hat, kann in Asien aus ihm nicht der moderne Mensch entstanden sein.“ Den gibt es schließlich schon viel länger. Auch der Hamburger Paläoanthropologe Prof. Günter Bräuer bezweifelt aufgrund seiner Untersuchungen, daß Frühmenschen sich in Asien kontinuierlich zum modernen Menschen entwickelt hätten. Mag Homo erectus auch ein früher Seefahrer gewesen sein – alle Indizien, meint Bräuer, sprächen jedoch dafür, „daß regionale Entwicklungen vom Erectus bis zum Sapiens in Australasien weniger wahrscheinlich sind als die Ablösung der Frühmenschen durch moderne Menschen, die woanders in der Welt entstanden sind“. Was den streitenden Forschern jeglicher Richtung fehlt, ist der Nachweis fossiler Knochenreste des Homo erectus auf Flores oder Timor. Und selbst wenn welche ans Tageslicht kämen: Man wird immer nur spekulieren können, was den Frühmenschen zu solchen Fahrten ins Ungewisse motivierte. Waren es gewaltsame Auseinandersetzungen oder Nahrungsmangel? Und noch etwas: Die hohen Vulkane der Sunda-Inseln dürften für die ersten Kolonisten stets als Wegmarken zur See erkennbar gewesen sein. Doch das ferne Australien war zweifellos hinter dem Horizont verborgen. Wie die Pioniere diese Terra incognita dennoch fanden, bleibt weiterhin ein Rätsel.

„Afrikaner“ gegen „Multiregionale“

Eva war Afrikanerin. Fossilien und Molekulargenetik deuten seit langem auf einen afrikanischen Ursprung des Menschen hin. Nicht nur die Vorfahren der Linie Homo sind dort entstanden. Bislang nehmen die meisten Forscher mit der „Out of Africa“ -Hypothese auch an, daß unsere direkten Ahnen aus Afrika kamen und vor rund 100000 Jahren von dort auswanderten – als jüngste Wanderwelle nach der vorangegangenen des Homo erectus. Im Zuge der „ersten Globalisierung“ hätten sie frühere, archaische Menschenformen – wie in Europa den Neandertaler und in Asien den Homo erectus – verdrängt, assimiliert oder vernichtet. Doch um den Ursprung des Menschen gibt es unter Fachleuten nach wie vor heftige Diskussionen. Nachdem es Ende der achtziger Jahre vor allem molekulargenetische Arbeiten waren, die die Afrika-Hypothese stützten, bringen jetzt detaillierte biochemische Studien immer wieder Zweifel an der alleinigen Entstehung des Homo sapiens auf dem Schwarzen Kontinent. Andere Forscher haben bereits vor Jahrzehnten ein „multiregionales Modell“ vorgeschlagen. Danach hätte Homo erectus nicht nur bereits vor rund zwei Millionen Jahren Afrika verlassen, sondern aus ihm wäre auch gleichzeitig und parallel an verschiedenen Orten der Erde der Homo sapiens entstanden: Kleine Gruppen hätten sich während ihrer Wanderungen immer wieder miteinander vermischt, und ein ständiger genetischer Austausch habe stattgefunden.

Die multiregionale Hypothese geht von einer Vielzahl eigenständiger Entwicklungen beim Homo erectus aus, die unter anderem die heutigen regionalen Unterschiede menschlicher Rassen erklären könnten. Vertreter dieser These halten die derzeitige Fixierung der Paläoanthropologie auf Afrika als vermeintlich einziges Zentrum der evolutionären und kulturellen Entwicklung für falsch. Sie sind überzeugt, daß technischer und kultureller Fortschritt nicht nur durch einen globalen Eroberungsfeldzug von einem einzigen Zentrum aus möglich ist. Kontakte zwischen unterschiedlichen menschlichen Kulturen in der Vorzeit müßten demnach nicht zwangsläufig bedeutet haben, daß eine von ihnen alle anderen dominierte, assimilierte und über kurz oder lang auslöschte, wie es dem Homo sapiens unterstellt wird.

Amerika: Wer kam zuerst?

Vor rund 13000 Jahren wanderten Menschen nach Nordamerika: Weil die Eiszeit den Meeresspiegel sinken ließ, konnten Sibirier damals über eine Landbrücke die Beringstraße überqueren. Doch ob sie tatsächlich die ersten Amerikaner waren, ist heiß umstritten. Nicht nur eine Küstenwanderung wird diskutiert. Brasilianische Forscher um Walter Neves und Ventura Santos sagen: Schon vor mindestens 15000 Jahren sind Siedler aus Ozeanien nach Südamerika gelangt – mit hochseetüchtigen Booten. Dennis Stanford von der Smithsonian Institution legt noch eins drauf: Weil die in Nordamerika gefundenen Steinwerkzeuge den spanischen und südfranzösischen sehr ähneln, hält er es für denkbar, daß europäische Altsteinzeitler vor 18000 Jahren entlang der atlantischen Packeisgrenze in die Neue Welt schipperten.

Matthias Glaubrecht

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