Hormone aus dem Liebespfeil - wissenschaft.de
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Hormone aus dem Liebespfeil

Schnecken schießen bekanntlich bei der Paarung einen Kalziumpfeil in ihre Partnerin. Nun hat ein Wissenschaftler herausgefunden, was dahintersteckt.

Schnecken sind Zwitter. Wenn sie ihren Liebespfeil abschießen, bringen sie eine schleimige Substanz in ihre Partnerin. Joris Koene vom Humboldt-Stipendiat am Institut für Spezielle Zoologie der Universität Münster hat jetzt herausgefunden, daß dieser Schleim wie ein Hormon wirkt und die weiblichen Teile des Geschlechtsorgans so manipuliert, daß möglichst viele Spermien des Pfeilschützen ans Ziel kommen. Daß Schnecken beim Tête-à-tête einen Pfeil aus kristallinem Kalziumkarbonat in die Partnerin stoßen, ist schon lange bekannt. Bislang nahmen die Biologen an, die Empfängerschnecke bekäme so Kalzium, das sie für die Eihüllen ihres Geleges benötigt. Versuche bestätigten das allerdings nicht: Kaum eine der Schnecken, die von einem Pfeil getroffen wurden, baute das Kalzium ab. Außerdem kann die mit einem Pfeil transportierte winzige Menge gerade den Kalzium-Bedarf für eine einzige Eihülle decken. Die von Joris Koene untersuchten Schnecken der Art Helix aspersa, einer nahen Verwandten der Weinbergschnecke, produzierten jedoch pro Gelege im Schnitt 59 Eier. Als Kalziumschub taugen die Liebespfeile also nicht. Koenes Experimente ergaben, daß sie statt dessen wie eine Art Voraustrupp für Spermien wirken. Durchstößt der von Schleim umhüllte Pfeil bei der Paarung Haut und Gewebe des Partners, gerät die Substanz in Kontakt mit der Blutbahn und entfaltet dort ihre Wirkung. Das zwittrige Geschlechtsorgan der Schnecken setzt sich aus zahlreichen Gängen, Taschen und Drüsen für die männliche und die weibliche Funktion zusammen. Der Schleim wirkt nur auf die weiblichen Teile. Zunächst erweitert er deren Öffnung. Gleichzeitig verengt sich unter seinem Einfluß ein Gang, der zu einem kleinen Organ führt, in dem übrige Spermien nach der Befruchtung verdaut werden. Etwas später zieht sich ein weiteres Organ pulsierend zusammen und sorgt dafür, daß das Spermienpaket leichter aufgenommen wird. Schließlich erreichen die Spermien eine Art Vorratskammer. Dort bleiben sie, bis die Schnecke ihr Gelege produziert und die Spermien zur Befruchtung der Eier benötigt. Sinn der umständlichen Prozedur: Schnecken paaren sich mit etlichen Partnern, bevor sie ein Gelege produzieren. Normalerweise befruchtet nur ein Bruchteil der Spermien die Eier, der Rest wird einfach verdaut. Um möglichst viel Nachwuchs zu zeugen, muß eine Schnecke also dafür sorgen, daß ihre Spermien auch ihr Ziel erreichen. Helix aspersa nutzt dazu die hormonelle Wirkung des Schleims.

Margit Enders

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