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Hurriter: Schrift und Sprache

In der westsyrischen Grabungsstätte Qatna tauchten Keilschriftbriefe auf, die zum Teil in Hurritisch abgefasst sind.

Sie ergänzen das lückenhafte Vokabular der unbekannten Sprache. Die Sprachwissenschaftler warten auf Nachrichten aus dem Erdreich. Die Archäologen aber haben Schwierigkeiten mit dem Nachschub an Schriftzeugnissen aus dem Hurriter-Land. Und wenn sie Keilschrifttafeln finden, sind die in Akkadisch abgefasst, der Diplomatensprache des Alten Orients. Die Philologen hätten gern mehr und ausführlichere hurritische Texte, am besten gleich mit Übersetzung, denn die hurritische Sprache hat keine Verwandten und ist seit Jahrtausenden ausgestorben. Die vor allem in der Nazizeit propagierte Nähe des Hurritischen und der Hurriter zu indoeuropäischen Ariern ist als nicht zutreffend zu den wissenschaftlichen Akten gelegt worden. Wegen der wenigen und meist nur kurzen oder beschädigten Schriftfunde können die Sprachforscher auch die vorhandenen Texte gar nicht, mit Mühe oder nur sehr spekulativ entziffern. „Es gibt“, sagt der Nestor der deutschen Hurriter-Forschung, Prof. Gernot Wilhelm, „ganze Textpassagen, die uns immer noch völlig unverständlich sind.“ Im Vokabular gibt es ebenfalls noch große Lücken. „Wenn ich eine ganz grobe Schätzung gebe“, meint Wilhelm, „sind inzwischen 1000 Wörter gedeutet – von etwa 2000, die wir kennen.“ Ilse Wegener, Sprachforscherin am Altorientalischen Seminar der Freien Universität Berlin und Herausgeberin einer hurritischen Grammatik, will gar nur 500 inhaltlich gedeutete Wörter zulassen. Immerhin kann sie hurritische Literatur nachweisen, etwa eine Reihe von moralisierenden Fabeln. Den aktuellsten Fund hurritisch geschriebener Texte lieferte die Grabung von Prof. Peter Pfälzner in Qatna im letzten Jahr. Einige Briefe waren in einem altorientalischen „Denglisch“ geschrieben: Akkadische Wörter wechselten regellos mit hurritischen ab. „Etwa so, als würden wir sagen: Ich habe im Computer die Bilder gescannt“, erläutert der Tübinger Archäologe. Einige hurritische Wörter der Keilschriftbriefe tauchen in Qatna zum ersten Mal auf. Dr. Thomas Richter, Sprachforscher an der Universität Frankfurt und Bearbeiter der Qatna-Texte, muss viel – aber wissenschaftlich gebremste – Fantasie aufbringen, wenn er sie deuten will. Immerhin kann er inzwischen den Besitz einer Hofdame in Qatna auflisten: unter anderem einen fahrbaren Ofen aus Kupfer, 200 Messer aus Lapislazuli und 200 Messer aus Gold. Die Übersetzung einer anderen Textsequenz ist Richter sicher leichter gefallen. Über den dramatischen Zusammenbruch des hurritischen Großreiches berichtet lapidar eine Schlagzeile: „…und Mitanni ist zerfallen.“

Michael Zick

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